Gin Tonic in aller Munde: Die Schnapsidee
Tonic-Produzenten Timo Thurner (l.) und Florian Breimesser
Foto: Thorsten Jochim für HandelsblattDüsseldorf. Axel Schweinhardt steuert seinen grauen Landrover, Baujahr 1958, mühsam über den ruppigen Feldweg. Er ruft begeistert: „Schauen Sie nur: Holunder, Schlehen, Akazienblüten, Hagebutte, Malvenblüte, Thymian!“ Die Hand des 48-jährigen Winzers kommt kaum zur Ruhe. Immer weitere Pflanzen entdeckt er am Wegesrand. „Brombeer, Lavendel – das kommt alles in unseren Gin“, brüllt er, um den Motorenlärm zu übertönen. „Dazu Zitronen- und Orangenblüte, roter und schwarzer Wacholder, Koriander. Insgesamt 27 verschiedene Kräuter!“
Der Mann ist in seinem Element. Es geht durch die Weinberge, hinauf und hinab zu seiner kleinen Destille, in der er seinem neuen Hobby frönt: Schweinhardt macht jetzt in Wacholderschnaps.
Eigentlich ist er ja Winzer, betreibt in fünfter Generation das Weingut seiner Familie an der Nahe in Rheinland-Pfalz. 30 Hektar Rebstöcke nennt er sein Eigen, denen er pro Jahr um die 150.000 Flaschen abringt, vor allem Riesling. Dazu gibt es eine kleine Pension mit acht Fremdenzimmern, einen umgebauten Kuhstall aus dem Jahr 1827 für kleine Feiern – und eben die Destille im historischen Weingut.
Bislang haben sie auf der alten Anlage nur das Übliche gebrannt: Trester, Weinhefeschnaps, Birne – Winzeralltag. 300 Liter reinen Alkohol darf die Familie jährlich herstellen, so sieht es ihr altes Brennrecht vor. Warum also nicht ein bisschen experimentieren, mit Gin zum Beispiel? Das dachte sich Schweinhardt: „Jede Generation hat ihre Herausforderungen. Mein Vater hat einfach Wein gemacht, ich muss das Gut nun in die Zukunft führen.“ Und seine Zukunft ist Gin.
Bars widmen sich dem Klassiker
Tatsächlich: Es läuft ganz gut. Schweinhardts eintausend Flaschen aus der 2014er-Produktion waren binnen Wochen ausverkauft. Dieses Jahr will er deshalb gleich mal verdoppeln. Wer will schon Obstler oder Korn, wenn er Gin mit dem Aroma der heimischen Feldwiesen haben kann? „Es ist ein regelrechter Boom“, deklamiert Schweinhardt durch das Motorengeblubber. „Überall im Land sprießen ja jetzt Gin-Destillen wie die Pilze aus dem Boden.“
Tatsächlich: Gin schickt sich an, die Spirituose des Sommers zu werden. Allerorten widmen sich Bars dem Klassiker, bei dem fast alles erlaubt ist. Gin kann aus jedem beliebigen landwirtschaftlichen Produkt gewonnen werden, aus Schweinhardts Weinhefe ebenso wie aus Kartoffeln, Getreide oder Zuckerrüben. Nur Wacholder muss er beinhalten und mindestens 37,5 Prozent Volumenalkohol haben, das ist Vorschrift. Alles andere ist Sache der Brennmeister – und die experimentieren kräftig.
Die „G’n’T-Bar“ in Berlin-Mitte eröffnete einst eigens, um den Gin-Tonic-Durst der Hauptstädter zu wecken. Angelegt war das Projekt auf ein Jahr. Nun sind sie an der Friedrichstraße im 30. Monat – und schenken immer noch abendlich über 100 Sorten Gin aus. In Düsseldorf lädt man zur Gurkenernte – für viele eine obligatorische Gin-Tonic-Zutat – in den Medienhafen. Hunderte Fans pilgern an den oberbayerischen Schliersee zur „Gin Chilla“-Verkostung. In London kutschieren Minibusse die Touristen des Nachts durch die einschlägigen Destillen; faule Genießer können mit einem neuen Gin-Finder im Netz eine geeignete Ausgabestelle in der Nähe suchen. Der in der Karibik beheimatete Bacardi-Konzern, der den bekannten „Bombay Sapphire“ herstellt, befeuert den Boom mit einer neuen Destille, natürlich stilecht in England. Und Spirituosen-Weltriese Diageo finanziert derweil Gin-Tonic-Bars in den Metropolen Europas: Bauwerke für einen Longdrink.
Der Absatz steigt
Mother’s Ruin, wie Gin in England auch genannt wird – weil er im London des 18. Jahrhunderts die billigste Art des Trinkens war und deshalb oft letzter Trost der Armen und Säufer – ist wieder da. Zuletzt stieg der Absatz am deutschen Spirituosenmarkt kontinuierlich an. Betrug er 2013 noch nur gut ein Prozent, könnte er laut Branchenkennern in diesem Jahr rekordverdächtige fünf Prozent erreichen. Ob „The Duke“ aus München, „Ferdinands Saar Dry“, der Berliner „Adler-Gin“ oder „Monkey 47“ aus dem Schwarzwald – so viel Gin wie momentan war selten. Noch dazu von Produzenten aus Deutschland.
Die Geschichten der Destillateure sind dabei oft so exotisch wie die von Schweinhardt, dem Winzer von der Nahe. Sein Landrover rumpelt einen Weinhang empor, hinauf zu einer Terrasse vor einem alten Weinberghäuschen. Der Winzer stellt den Motor ab. Der Blick geht über die Pfalz bis zum 65 Kilometer entfernten Donnersberg. Hier nimmt Schweinhardt mit seiner Frau Ute, 41, nach getaner Arbeit gerne einen Drink – natürlich einen Gin Tonic: „unser Sundowner“.
Angefangen hat alles vor als zwei Jahren. Schweinhardt war wie jedes Jahr mit ein paar Freunden zum Jagen im schottischen Hochland. Sie hatten sich ein Cottage gemietet samt Köchin: Jane. „Eine ausgesprochene Gin-Expertin. Die hat uns an den langen Abenden auf den Geschmack gebracht“, sagt Schweinhardt. Zurück an der Nahe, begann er zu experimentieren.
Wacholderschnaps-Philosophen
27 verschiedene Kräuter und Aromen füllt er für seinen Gin in die Destillationsblase. Pro Brennvorgang verbraucht er um die zehn Kilo dieser sogenannten Botanicals. Aber von vorne: Zunächst wird die Weinhefe drei Stunden lang erhitzt und gibt dabei ihre alkoholischen Dämpfe frei. Diese kondensieren, werden aufgefangen, mit rotem und schwarzen Wacholder versetzt und über Nacht eingemeischt. Am nächsten Tag kommt dann Brand Nummer zwei: Wieder wird alles in den Kupferkessel gegeben und erhitzt, wieder entsteigt Alkohol dem Gebräu, der schließlich zum dritten Brennvorgang erneut hineingegeben wird. Diesmal allerdings wird die sogenannte Kolonne mit den Kräutern gefüllt. Wie durch einen Schornstein streicht der Alkoholdampf an ihnen vorbei, nimmt ihre ätherischen Öle mit und tropft schließlich als 80-prozentiges Destillat heraus, das dann auf 53 Prozent verdünnt wird.
Derlei Wissen zählt inzwischen fest zum Repertoire jedes halbwegs begeisterten Hipsters. Wer heute etwas auf sich und seinen Geschmack hält, muss über Wacholderschnaps philosophieren können – über die richtige Kräutermischung und die Frage der Fasslagerung. Vor allem aber über das passende Tonic zum Gin, über den sogenannten Filler, der dem Getränk erst seinen wahren Charakter verleiht und zu dem Longdrink gehört wie der Kater zum Saufgelage.
München, Schlachthofviertel. Ein kahler Raum hinter einer Glasfront. Links ein gut gefüllter Kühlschrank mit einem kleinen Tisch, Aschenbecher, Laptop. Rechts stapelweise Kisten: Mineralwasser, Tonic, Dry Tonic, Ginger Ale, Ginger Bier, Cola. Kleine braune Flaschen mit farbigen Etiketten. „Aqua Monaco“, steht darauf. Schlicht, reduziert – exklusive Barware.
Marketing und Design entscheiden über Erfolg und Misserfolg.
Foto: Nicole Bouillon für HandelsblattTimo Thurner und Florian Breimesser haben es sich auf den Kisten bequem gemacht. Die Start-up-Atmosphäre ist gewollt, auch wenn sie nun schon seit zwei Jahren Wasser und Limonaden produzieren. Angefangen hatte alles mit einem Flachs auf einer Party. Thurner, Breimesser und Robert Graenitz, der dritte Gründer, philosophierten über Mineralwasser. Warum eigentlich, fragten sie sich, kommen die Marken immer aus fremden Gebieten: aus Österreich, der Schweiz und Italien, wo es doch in der Bierstadt München hervorragende Quellen geben müsste für den „ältesten Softdrink der Welt“, wie der Mineralwasserkonzern Perrier einmal warb? „Wir wollten diese Lücke füllen. Etwas Lokales machen, das wirklich nach etwas aussieht“, sagt Thurner. Also gestalteten sie eigene Etiketten, nannten sich „Aqua Monaco“ für München und klapperten die großen Brauereien ab. Keiner wollte etwas davon hören – bis sie schließlich die Privatbrauerei Schweiger fanden.
Besonders ihre beiden Tonic-Sorten gehen gut. Der Gin-Boom hat auch „Aqua Monaco“ auf die Beine geholfen. Wie viele Flaschen sie tatsächlich verkaufen, bleibt zwar ihr Geheimnis. Aber: „Unser Absatz hat sich bisher jedes Jahr verdoppelt. Wir können uns inzwischen Gehälter auszahlen und versuchen auch, unsere Angestellten gut zu entlohnen“, sagt Thurner. Zehn Mitarbeiter leben von dem Start-up. In ein paar Hundert Restaurants und Bars seien sie gelistet, dazu bei den einschlägigen Großhändlern.
So versucht es auch die Konkurrenz von Thomas Henry. Die Berliner Jungs sind gerade schwer angesagt in der Szene. Aber auch die Chininbrause „Fever Tree“ aus London ist begehrt, ein Luxus-Tonic, dessen Gesamtumsatz vergangenes Jahr um die Hälfte auf 50 Millionen Euro stieg – und sich in Deutschland gar verdoppelte. Man verwendet „28-Drinks“ aus Luxemburg oder „1724 Tonic Water“, dessen Grundsubstanz in 1724 Metern Höhe in den Anden gewonnen wird. Die Auswahl ist so vielfältig wie das Gin-Sortiment. Gemein haben die neuen Brauer ein schlichtes, aber wohldurchdachtes Design und eine exklusive Verkaufsstrategie. Niemand, der 40 Euro für eine Flasche Schnaps zahlt, will sie schließlich anschließend mit Schweppes-Massenware strecken.
Warum also nicht gleich das Komplettpaket: Gin und Tonic, abgestimmt aufeinander, genießbar ohne große Vorkenntnisse. So dachte sich das ein IT-Unternehmer aus der Eifel.
Marketing und Design
Eigentlich ist die Techniropa Holding nur Kennern ein Begriff: als letzter Fernseherhersteller Deutschlands der unter dem Namen Technisat produziert. Doch Chef Peter Lepper und seine 2500 Mitarbeiter können noch mehr in ihrem kleinen Städtchen Daun. Die Holding betreibt hier eine Wohnanlage mit Ein- und Mehrfamilienhäusern, eigenem Mikrokraftwerk sowie einen Bauernhof mit 300 Hektar Ackerland.
Ein Teil der Kartoffelernte wird gleich an einen Chipshersteller verkauft, etwa 80 Tonnen aber behält der Chef seit neuestem für sich – und brennt daraus Schnaps. Gin natürlich, schließlich peilt Lepper zehn Prozent Gewinn an, mit allem was er tut. Deshalb setzt er auch beim Gin alles aufs Image. Gewidmet ist das Label laut Eigenwerbung dem Entdecker der Kartoffel – Friedrich dem Großen – und seiner Leidenschaft: dem Windspiel. „Marketing und Design spielen eine große Rolle“, sagt Vertriebschef Denis Lönnendonker.
Deshalb durfte es zu ihrem Gin auch nicht irgendeine Bitterlimonade sein. Mit leisem Klirren rauschen an diesem Frühlingstag 37.000 kleine bläuliche Flaschen durch die Luft in der Produktionshalle von Dauner Sprudel. Es riecht leicht süßlich. Überall zischt und pfeift es, während das chininhaltige Gebräu von Automaten in die Glasflaschen gepumpt wird. Seit 1900 füllt der kleine Mineralbrunnen das Wasser der Vulkaneifel in Flaschen ab. 2014 aber rutschte die Firma in die Insolvenz. Da kam die Auftragsabfüllung für Windspiel gerade recht: Lönnendonker und seine Truppe hatten je eine Flasche Dauner Mineralwasser und Windspiel-Gin zu einem Aromahersteller geschickt und darum gebeten, doch bitte den passenden Tonic-Geschmack zu liefern. Nun kommt der Sirup direkt zu Dauner Sprudel, wird mit Quellwasser und Kohlensäure vermengt, Etikett drauf – fertig ist das Windspiel-Tonic.
Gin statt Wein
Mehr als 100.000 Flaschen des Gebräus produziert der etwas angestaubte Mineralbrunnen nun im Jahr für die Gin-Destille. Etwa drei Mal so viel, wie man dort an Schnaps produziert: 35.000 Flaschen sind für 2015 geplant. Gerade tourt Lönnendonker wieder durch die Republik und bezirzt Barkeeper. Seine Strategie: Ehrlichkeit. „Bei uns können die Leute jeder Zeit auf den Acker fahren. Das ist uns wichtig.“
Tatsächlich verbinden viele kleine Gin-Hersteller geschickt das Bedürfnis der Konsumenten nach Nachhaltigkeit, Bodenständigkeit und klassischer Eleganz. Natürlich geht es um Geschmack, doch ebenso wichtig sind den Kunden Herkunftsort, Logo- und Flaschendesign. Und bitte: kein Großkonzern. Familiär und abwechslungsreich soll es zugehen. Beinahe jede Woche kommt derzeit ein neues Getränk auf den Markt, die Varianten scheinen unbegrenzt.
Manch einer wähnt deshalb schon den Gin-Boom vor dem Aus – wenn jeder Weinbauer nun in Gin produziert, ist es um das Besondere schnell geschehen.
Axel Schweinhardt an der Nahe ist da zuversichtlicher – jedenfalls für seinen eigenen Schnaps. Mit einem Rumpeln stellt er den Jeep vor dem historischen Weingut ab, geht durch ein kleines Tor und steht vor seinem kupfernen Brennkessel. „Momentan produzieren wir am Limit“, sagt er. „Aber 2017 wird das Brennrecht liberalisiert.“ Vielleicht, denkt er, könnte er dann seine Lizenz erweitern. Schließlich laufen gerade Gespräche mit einem Händler, der seinen Gin in die USA exportieren will, dem größten Gin-Markt der Welt. Auch Auftragsproduktionen für Unternehmer sind gebucht. Und dann hat Schweinhardt auch noch seine ganz eigene Idee: „Ich würde gerne mal einen Gin mit Küchenkräutern machen. Rosmarin zum Beispiel stelle ich mir sehr schön als Gin vor.“ Warum nicht: Statt Wein gibt es dann vielleicht bald Gin Tonic zum Essen.