Online-Trachtenhändler Almliebe: „Wer ganz weit voraus ist, trägt einen Dreiteiler“
„Man muss sich als Frau also nicht mehr "outen", ob Single oder vergeben.“
Foto: AlmliebeMünchen. Der Dresscode auf der Wiesn steht seit einigen Jahren fest: Egal ob alt oder Jung, Zugezogener oder Einheimischer – Dirndl und Lederhose sind Pflicht. Der Trachtenboom ebbt nicht ab, und so herrscht beim Online-Trachtenhändler Almliebe zur Eröffnung des Oktoberfests Hochkonjunktur. Das Start-up hat jüngst in München auch sein erstes Geschäft eröffnet. Almliebe-Gründerin Sonja Ragaller weiß, was man in diesem Jahr auf dem Oktoberfest angesagt ist.
Frau Ragaller, was trägt man heuer auf der Wiesn?
Es gibt auch innerhalb der Tradition Trends. Dieses Jahr sind hochgeschlossene Dirndl oder Halbarm-Dirndl angesagt. Wer ganz weit voraus ist, trägt einen Dreiteiler: Mieder, Rock, Schürze.
Als Mode-Journalisten vermisste sie in Frankfurt die Berge – und entdeckte nach ihrer Rückkehr nach Bayern die Trachtenmode wieder.
Foto: AlmliebeUnd wo sitzt die Schleife? Damit können die Trägerinnen ja andeuten, ob sie frei oder vergeben sind.
Gottseidank hat sich das leidige Schleifen-Thema durch den Einsatz von einer dekorativen Schließe vorne an der Schürze erledigt. Man muss sich als Frau also nicht mehr „outen“, ob Single oder vergeben. Blumenschmuck im Haar bitte nur bei unter 25-Jährigen und echt oder hochwertig.
Und die Männer?
Die Männer tragen Lederhosen, die Stickereien nicht mehr so dominant, sondern eher Ton in Ton. Dazu ein schlichtes, schmales Hemd, am Besten weiß. Kein Karo mehr bitte. Dazu schmale Hosenträger, nicht das passende Lederhosengeschirr. Und entweder ein schickes Gilet oder einen lässigen Strickjanker mit oder ohne Kapuze. Am Schönsten finden wir lange Kniestrümpfe und schöne Haferlschuhe.
Die Lederhose kurz oder lang?
Kurz. Wobei irgendwann demnächst der Trend auch wieder zur Kniebund gehen wird. Ich finde es jetzt schon wieder lässig. Das wird aber noch dauern.
Was lassen sich die Münchener und Besucher so ein Wiesn-Outfit kosten?
Ganz unterschiedlich. Die Besucher natürlich meist weniger, weil sie nicht so viele Gelegenheiten und Anlässe haben wie die Münchner. Hier heiraten viele in Tracht, Familienfeiern und Firmenfeste haben den Dresscode Tracht. Es lohnt sich einfach, sich was hochwertiges, Besonderes zu kaufen. Beim Dirndl sollte man zwischen 200 und 500 Euro einplanen, je nach Material. Das einfache Waschdirndl gibt es auch schon für 149 Euro. Eine sauberne Lederhose - allerdings nicht aus Hirschleder - kostet ab 250 Euro aufwärts. Viele sind mittlerweile sehr informiert. Und kommen ganz gezielt. Wichtig ist auch die passende Jacke bzw. der Janker, der zwischen 200 und 350 Euro kostet.
„Stil erkennt man aber natürlich auch an der Tracht.“
Foto: Almliebe
In Ständen um die Wiesn werden auch grelle Billig-Outfits verkauft. Graust's Ihnen da manchmal?
Ich sehe das ganz entspannt. Die Wiesn ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und im „normalen“ Leben sind ja auch nicht alle gut gekleidet. Stil erkennt man aber natürlich auch an der Tracht.
Wie groß war der Andrang bei Ihnen in den vergangenen Tagen und Wochen?
Wir haben die Filiale in München erst im März eröffnet und sind überwältigt von der Resonanz. Die Jungen suchen nach Tradition, aber in modernem Gewand. So versteht sich auch Almliebe.
Wie erklären Sie sich den anhaltenden Trachtentrend?
Es ist unserer Meinung nach die Sehnsucht nach Halt, nach Heimat, nach Zugehörigkeit. Wertigkeit und Handwerkskunst wird wieder mehr honoriert als Gegenentwurf zum schnellen, billigen Trend. So kann man sich den anhaltenden Trend erklären und es ist kein Ende in Sicht.
Ist es also mehr als nur ein Hype?
Auf jeden Fall. Es ist ein echter Langzeittrend, der jetzt erst richtig angekommen ist und zu unterscheiden ist von den faschingsmäßigen Kostümen der Touristen, die die Wiesn oftmal mit Karneval verwechseln. Hier geht es um Tradition und um Nachhaltigkeit verbunden mit einem Lebensgefühl, das sich um Natur und den alpinen Lebensstil dreht. Um die Almliebe halt.
Frau Ragaller, vielen Dank für das Gespräch!