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Online-Trachtenhändler Almliebe„Wer ganz weit voraus ist, trägt einen Dreiteiler“

Das Oktoberfest in München ist eröffnet. Die Wiesn sind auch immer eine Trachtenschau: Dirndl, Lederhosen, Hosenträger. Die Chefin des Online-Händlers Almliebe erklärt, was Trend ist – und warum der Boom nicht nachlässt.Axel Höpner 19.09.2015 - 18:03 Uhr Artikel anhören

„Man muss sich als Frau also nicht mehr "outen", ob Single oder vergeben.“

Foto: Almliebe

München. Der Dresscode auf der Wiesn steht seit einigen Jahren fest: Egal ob alt oder Jung, Zugezogener oder Einheimischer – Dirndl und Lederhose sind Pflicht. Der Trachtenboom ebbt nicht ab, und so herrscht beim Online-Trachtenhändler Almliebe zur Eröffnung des Oktoberfests Hochkonjunktur. Das Start-up hat jüngst in München auch sein erstes Geschäft eröffnet. Almliebe-Gründerin Sonja Ragaller weiß, was man in diesem Jahr auf dem Oktoberfest angesagt ist.

Frau Ragaller, was trägt man heuer auf der Wiesn?
Es gibt auch innerhalb der Tradition Trends. Dieses Jahr sind hochgeschlossene Dirndl oder Halbarm-Dirndl angesagt. Wer ganz weit voraus ist, trägt einen Dreiteiler: Mieder, Rock, Schürze.

Als Mode-Journalisten vermisste sie in Frankfurt die Berge – und entdeckte nach ihrer Rückkehr nach Bayern die Trachtenmode wieder.

Foto: Almliebe

Und wo sitzt die Schleife? Damit können die Trägerinnen ja andeuten, ob sie frei oder vergeben sind.
Gottseidank hat sich das leidige Schleifen-Thema durch den Einsatz von einer dekorativen Schließe vorne an der Schürze erledigt. Man muss sich als Frau also nicht mehr „outen“, ob Single oder vergeben. Blumenschmuck im Haar bitte nur bei unter 25-Jährigen und echt oder hochwertig.

Und die Männer?
Die Männer tragen Lederhosen, die Stickereien nicht mehr so dominant, sondern eher Ton in Ton. Dazu ein schlichtes, schmales Hemd, am Besten weiß. Kein Karo mehr bitte. Dazu schmale Hosenträger, nicht das passende Lederhosengeschirr. Und entweder ein schickes Gilet oder einen lässigen Strickjanker mit oder ohne Kapuze. Am Schönsten finden wir lange Kniestrümpfe und schöne Haferlschuhe.

Die Lederhose kurz oder lang?
Kurz. Wobei irgendwann demnächst der Trend auch wieder zur Kniebund gehen wird. Ich finde es jetzt schon wieder lässig. Das wird aber noch dauern.

Oktoberfest: Die „Wiesn“ und ihre Tücken
Die Massen strömen, das Bier auch: Oktoberfest. Aus aller Welt reisen Menschen nach München, um das größte Volksfest der Welt zu erleben. Am nächsten Samstag (20. September) startet die Wiesn mit dem Anzapfen des ersten Bierfasses und Böllerschüssen.
Es geht nicht um mehrere und schon gar nicht um grüne Wiesen. Sondern um eine einzige: die Theresienwiese. Von saftigem Gras ist maximal an den Rändern etwas zu sehen - das 34,5 Hektar große Festareal ist kiesig und von Teerstraßen durchzogen. Sie bekommen zum Fest Namen: Wirtsbudenstraße, Schaustellerstraße und Matthias-Pschorr-Straße - andere Straßen sind einfach nummeriert, etwa Straße 3 Ost.
Im Jahr 1810 feierten Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen ihre Hochzeit als großes Volksfest. Es sollte vier Jahre nach der Proklamation des Königreichs das Gemeinschaftsgefühl fördern und die Ausrichtung auf die Residenzstadt München sowie die Wittelsbacher unterstreichen. Ein Höhepunkt war ein Pferderennen auf der damals tatsächlich noch grünen Wiese.
Das ist eine mehr als 60 Jahre alte Geschichte. Sie begann mit Oberbürgermeister Thomas Wimmer 1950. Angeblich fuhr er auf dem Wagen der Wirte-Familie Schottenhamel mit - und der Wirt ließ ihn spontan anzapfen. Es gibt eine andere Version, nach der das Anzapfen sehr wohl geplant war - setzte Wimmer doch damit ein Zeichen für Volksnähe und Neuanfang.
Seitdem ist die Eröffnung des Festes Privileg des Stadtoberhauptes. Die Zahl der Schläge ist durchaus relevant für dessen Ansehen - ein speziell münchnerischer Maßstab für Potenz und Können. Brauchte Wimmer beim ersten Mal 19 Schläge, so perfektionierte Christian Ude das Anzapfen und schaffte es als erster OB mit nur zwei Schlägen. Dafür übte er mit seinem Trainer, dem Brauer Helmut Huber.
Erst mal: Die Maß. Mit kurzem a. Sie umfasst selbst schlecht eingeschenkt wenigstens 0,9 Liter. Das ist eine ganze Menge, denn das Wiesn-Bier hat zwischen 5,8 und 6,4 Prozent Alkohol, normales Bier nur etwa 5 Prozent. Das Bier wird von sechs Brauereien speziell für die Wiesn gebraut. Beim ersten Oktoberfest kostete das Bier übrigens drei Kreuzer und drei Pfennige. Inzwischen liegt der Preis bei bis zu 10,10 Euro.
Am Besten: Unter der Woche tagsüber. Da geht eigentlich immer etwas. Ansonsten: Einladen lassen. Denn selbst Monate vorher ist es praktisch aussichtslos, einen der begehrten Tische zu reservieren. Die Stammgäste haben bei den Wirten meist Vorrang - und damit sind die Reservierungen auch schon ausgeschöpft. Es gibt komplexe Regeln, nach denen stets Teile des Zeltes unreserviert bleiben müssen.
Manche Gäste stecken der Bedienung ein paar Scheine zu, damit sie Plätze frei räumt. Wird sie vom Wirt dabei erwischt, fliegt sie raus - die Gäste unter Umständen gleich mit. Wer einmal im Zelt ist, sollte es nicht leichtfertig verlassen - und dabei gar Klamotten liegen lassen, um den Platz zu reservieren. Die Zelte werden regelmäßig wegen Überfüllung geschlossen. Und dann gibt es keinen Weg zurück.
Da sind die Münchner locker. Für sie gilt: Leben und leben lassen. Wer glaubt, mit den rund um die Wiesn erhältlichen Dirndl und Lederhosen trage er richtig Tracht, der liegt daneben. Eine echte Lederhose sollte aus Hirschleder sein. Mit dem traditionellen Zubehör vom Gamsbart zum Charivari - eine Art Bauchschmuck aus Silber für den Herrn - sind vierstellige Beträge weg. Für ein echtes Trachtendirndl auch.
Billige Klamotten outen den Träger leicht als „Zuagroasten“ (Zugereisten). Das gern verkaufte karierte Hemd etwa passt zum Bergsteigen oder Holzhacken - aber nicht zur Lederhose. Zu der gehört ein weißes Leinenhemd. Unter Einheimischen verpönt: zu kurze Dirndl - also alles, was oberhalb des Knies endet. No go: Frau in Lederhose. T-Shirts mit „Leistungstrinker“ müssen auch nicht unbedingt sein.
Tatsächlich: Trägt sie die Schleife der Schürze links, ist sie frei - es darf also ein Versuch gewagt werden. Ist die Schürzenschleife rechts gebunden, bedeutet das: Verheiratet oder jedenfalls in festen Händen. Schleife in der Mitte: Jungfrau. Schleife hinten: Verwitwet, Kellnerin - oder keine Einheimische, so bindet man eben auch die gemeine Küchenschürze.
Weil so viele Damen das Dirndl ohne Gebrauchsanweisung gerade erst an der Bude auf dem Weg zur Wiesn gekauft haben, geraten die Schleifenregeln durcheinander - und stiften so genau das Unheil und die Verwirrung, die sie ursprünglich verhindern sollten.

Was lassen sich die Münchener und Besucher so ein Wiesn-Outfit kosten?
Ganz unterschiedlich. Die Besucher natürlich meist weniger, weil sie nicht so viele Gelegenheiten und Anlässe haben wie die Münchner. Hier heiraten viele in Tracht, Familienfeiern und Firmenfeste haben den Dresscode Tracht. Es lohnt sich einfach, sich was hochwertiges, Besonderes zu kaufen. Beim Dirndl sollte man zwischen 200 und 500 Euro einplanen, je nach Material. Das einfache Waschdirndl gibt es auch schon für 149 Euro. Eine sauberne Lederhose - allerdings nicht aus Hirschleder - kostet ab 250 Euro aufwärts. Viele sind mittlerweile sehr informiert. Und kommen ganz gezielt. Wichtig ist auch die passende Jacke bzw. der Janker, der zwischen 200 und 350 Euro kostet.

„Stil erkennt man aber natürlich auch an der Tracht.“

Foto: Almliebe

In Ständen um die Wiesn werden auch grelle Billig-Outfits verkauft. Graust's Ihnen da manchmal?
Ich sehe das ganz entspannt. Die Wiesn ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und im „normalen“ Leben sind ja auch nicht alle gut gekleidet. Stil erkennt man aber natürlich auch an der Tracht.

Wie groß war der Andrang bei Ihnen in den vergangenen Tagen und Wochen?
Wir haben die Filiale in München erst im März eröffnet und sind überwältigt von der Resonanz. Die Jungen suchen nach Tradition, aber in modernem Gewand. So versteht sich auch Almliebe.

Wie erklären Sie sich den anhaltenden Trachtentrend?
Es ist unserer Meinung nach die Sehnsucht nach Halt, nach Heimat, nach Zugehörigkeit. Wertigkeit und Handwerkskunst wird wieder mehr honoriert als Gegenentwurf zum schnellen, billigen Trend. So kann man sich den anhaltenden Trend erklären und es ist kein Ende in Sicht.

Ist es also mehr als nur ein Hype?
Auf jeden Fall. Es ist ein echter Langzeittrend, der jetzt erst richtig angekommen ist und zu unterscheiden ist von den faschingsmäßigen Kostümen der Touristen, die die Wiesn oftmal mit Karneval verwechseln. Hier geht es um Tradition und um Nachhaltigkeit verbunden mit einem Lebensgefühl, das sich um Natur und den alpinen Lebensstil dreht. Um die Almliebe halt.
Frau Ragaller, vielen Dank für das Gespräch!

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