Gleichberechtigung in Herkunftsländern: „Frauen sind in Afghanistan nur ein halber Mann“
Sharmila Hashimi lebt mit ihrem Sohn in Berlin und wartet auf ihren Ehemann, der noch in Afghanistan ist.
Quelle: Handelsblatt
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Warum bist du nach Deutschland gekommen? Vor was bist du geflohen? Diese Fragen habe ich seit meiner Ankunft hier vor zweieinhalb Jahren oft gehört. Fragen, auf die ich nicht antworten konnte, weil es so schwierig ist, jemandem die Gründe zu erklären, der nicht erlebt hat, was ich erlebt habe. Jetzt aber möchte ich darüber sprechen.
Neben den Schwierigkeiten, die ich als Journalistin in Afghanistan hatte, habe ich auch die Probleme erlebt, die alle Frauen dort haben. In Afghanistan kann eine Frau Mutter sein, Kollegin, Lebenspartnerin, Studentin, und dennoch ist sie vor allem „nur“ eine Frau. Naqesull-aghle: Ihr Intellekt funktioniert nicht perfekt, heißt es. So ist immer ein Mann an ihrer Seite nötig. Die Frau ist die Farm, der Boden, den der Mann bewirtschaften kann.
In Afghanistan muss eine Frau auf ihre Kinder aufpassen, die Bedürfnisse ihres Mannes erkennen. Sie muss eine gute Köchin sein, Putzfrau für eine Familie von acht bis zehn Leuten, Kleiderwäscherin und manchmal auch den Lebensunterhalt verdienen. Sie hat viele Rollen und viel Verantwortung. Ihr Lohn aber ist nur ihr Leben und ein wenig Ruhe– vor Bestrafung, vor Beschimpfung.
Sie darf keine Fehler machen, nichts vergessen. Wenn dem Mann etwas nicht passt, hat er das Recht, die Frau zu schlagen. Es ist ein ungeheurer psychologischer Druck, immer alles perfekt machen zu müssen. Die Zahl der Selbstmorde von Frauen ist in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen.
Ein Leben für gleiche Rechte
Die Naturgesetze haben den Frauen nicht die gleiche physische Kraft gegeben wie den Männern. Aber in Afghanistan meint man, dass die Frauen deshalb Dinge nicht gleich gut können. Gefühle schwächten ihre Entscheidungsfähigkeit, Frauen seien dumm, unlogisch, heißt es. Deshalb dürfen sie wichtige Entscheidungen in der Gesellschaft, in der Familie oder im Beruf nicht mittreffen. In solch einer männlichen Gesellschaft sind die „guten Frauen“ die, die immer akzeptieren, was die Männer entscheiden. Die akzeptieren, wenn ihnen ständig vorgegeben wird, wie sie sich verhalten sollen.
Afghanistan ist ein islamisches Land. Im Islam heißt es, alle Menschen seien gleich, niemand besser als andere. Aber gleichzeitig heißt es im Islam, dass wir Frauen eine kleine Farm für die Männer seien, der Boden, den die Männer bearbeiten dürfen. So stehen Frauen immer auf dem zweiten Platz hinter den Männern. Afghanistan ist ein Land der Männer – eines der wenigen Länder der Welt, in dem Männer mit Frauen so diktatorisch umgehen können. Nur sehr wenige afghanische Männer sind sich des Problems bewusst und wollen etwas ändern. Die Ursachen aber liegen kulturell so tief, dass ein Wandel durch wenige nicht möglich ist.
Ich war eine von vielen Frauen, die versucht haben, ihren Platz zu finden, ihr Recht zu bekommen. Deswegen haben wir studiert, gearbeitet, gestritten, um gleichberechtigt mit den Männern zu sein. Aber das ist nicht so einfach. Für die afghanischen Männer bleibt eine Frau eine Frau – und ein Ding. Ich habe gesehen, das kann ich nicht ändern. Am Ende ist es einfacher zu akzeptieren, dass die Frauen in Afghanistan nur ein halber Mann sind. Wenn du wie eine Sklavin alles akzeptierst, kannst du ein normales Leben haben. Wenn nicht, hast du nur zwei sehr schmerzhafte Wege: sterben oder fliehen. Das ist meine Geschichte – und die Geschichte vieler Frauen, denen es so erging wie mir.
Wir versuchen, unsere natürlichen Rechte und unseren natürlichen Platz im Leben zu bekommen, die wir so lange nicht gehabt haben. Deswegen flüchten wir und akzeptieren die große Einsamkeit und Entfremdung in einem weit entfernten Land. Akzeptieren, dass wir in den Augen der Menschen hier erst einmal nur Flüchtlinge sind.
Europa hat Gesetze, die Frauen schützen
Jetzt bin ich in Europa, in Deutschland. Ich wohne in einem Land, in dem im Jahr 1988 Rita Süssmuth Präsidentin des Bundestags wurde. In einem Land, in dem heute die mächtigste Frau, Angela Merkel, Bundeskanzlerin ist. In dem 80 Prozent der Frauen, die arbeiten möchten, arbeiten und die gleichen Rechte haben wie die Männer. In einem Land, in dem 90 Prozent der Frauen finanziell unabhängig von ihren Männern sind und deshalb frei entscheiden und handeln können.
Jahrhunderte feministischen Engagements auf dem europäischen Kontinent haben Gesetze hervorgebracht, die die Frauen schützen und gleichstellen. Sie zeigen der Welt, dass Gleichberechtigung nicht nur den Frauen Vorteile bringt, sondern der ganzen Gesellschaft und Wirtschaft eines Landes. Deutschland nutzt die Kraft der Frauen.
Ich muss meinen Platz finden, in dieser Gesellschaft. Ich muss verstehen, dass das Leben, was ich in Afghanistan hatte, nicht mein richtiges Leben war. In Deutschland gibt es kein besonderes Leben für Frauen, sondern nur eines für alle Menschen. Und für dieses neue Leben muss ich von vorne anfangen – beruflich, materiell, kulturell. Ich muss denken, dass ich heute erst geboren wurde. Das ist nicht einfach. 26 Jahre habe ich verloren.
Jeden Tag, an dem ich jetzt aufstehe, muss ich neue Dinge lernen – vor allem die deutsche Sprache. Sie ist mein erster Schritt, auf den die anderen folgen können: Die deutschen Verhaltensweisen besser verstehen zum Beispiel. Ich muss stark sein. Denn neben den Rechten, die ich in Deutschland erhalte, bekomme ich auch viel Verantwortung. Ich erziehe meinen Sohn alleine, ich musste eine Wohnung suchen, muss mit Behörden sprechen, versuche, einen Job zu finden.
Fuß fassen als Journalistin
Mein zweites großes Ziel ist es, mich möglichst gut in die deutsche Gesellschaft einzufinden.
Es war mein Glück, dass mir Reporter ohne Grenzen ein Heim als Journalistin gegeben hat. Ich habe Kontakte zu Medien bekommen, an Konferenzen teilgenommen und Menschen kennen gelernt. Durch den Kontakt mit den Deutschen habe ich viel gelernt. Große Dinge wie Respekt anderen gegenüber. Wie man andere Nationalitäten, Religionen oder Meinungen akzeptiert. Das ist in meinem Land, in Afghanistan, kaum möglich. Deshalb denke ich im Moment nur an mein neues Leben hier und was ich schaffen kann.
Ich hoffe, dass mein Sohn und ich ein friedliches Leben in Deutschland haben dürfen – und dass die Deutschen eines Tages nicht mehr einen Flüchtling in mir sehen, der gekommen ist, um zu essen und zu trinken, sondern eine Frau, die menschlich leben will, die arbeiten will, die einfach mitmachen will.
Aufgezeichnet von Nicole Bastian