Abbvie verbündet sich mit Boehringer: Vereint gegen die Schuppenflechte
Das deutsche Pharmaunternehmen hat ein neues Mittel entwickelt – und der US-Konzern Abbvie vertreibt es weltweit.
Foto: dpaFrankfurt. Das Molekül trägt die nichtssagende Bezeichnung BI 655066 und spielte bis 2015 noch eine unscheinbare Rolle in der Forschungs-Pipeline des Pharmaherstellers Boehringer Ingelheim. Doch spätestens als das Familienunternehmen im vergangenen Herbst überraschend starke Testresultate in einer Studie gegen Schuppenflechte präsentierte, wurden Fachwelt und Konkurrenten hellhörig.
Ein halbes Jahr später offenbart sich nun auch das kommerzielle Potenzial hinter BI 655066: Umgerechnet 540 Millionen Euro (rund 595 Millionen Dollar) legt der US-Konzern Abbvie auf den Tisch, um im Rahmen einer Allianz mit Boehringer Zugriff auf den Wirkstoff und eine weitere Substanz aus der Immunologieforschung des Ingelheimer Konzerns zu erhalten.
Abbvie erhält die globalen Vertriebsrechte für die Substanz und übernimmt die weiteren Entwicklungskosten. Der US-Konzern stärkt damit seine Position im Bereich der sogenannten Autoimmunkrankheiten. Boehringer hat Anspruch auf weitere Meilensteinzahlungen und eine Gewinnbeteiligung. Das finanzielle Gesamtvolumen der Allianz dürfte sich damit auf mehr als eine Milliarde Euro summieren.
Der Ingelheimer Konzern will den Deal indessen keineswegs als Rückzug aus dem Arbeitsgebiet verstanden wissen. „Wir wollen uns nicht aus dem Bereich Autoimmunkrankheiten verabschieden“, betont Therapiebereichsleiter Jan Poth. Boehringer habe weitere Substanzen in der Pipeline, die man allein entwickeln werde.
Der Abbvie-Deal zielt nach den Worten Poths in erster Linie vielmehr darauf, dass womöglich beträchtliche Potenzial der Substanz auf dem Markt voll auszuschöpfen. Der Wirkstoff zeigte in der Studie deutlich bessere Resultate als das derzeit führende Produkt gegen Schuppenflechte, das Mittel Stelara von Johnson & Johnson, das zuletzt rund 2,5 Milliarden Dollar Umsatz erzielte. Sollten sich die guten Daten in einem größeren, zulassungsrelevanten Test bestätigen, winken für das Boehringer-Produkt sehr hohe Umsätze.
„Wir sind zuversichtlich, hier das beste Produkt der Klasse zu erhalten, und gehen davon aus, dass es in einigen Jahren zum Marktführer im Bereich Schuppenflechte werden kann“, so Abbvie-Chefstratege Henry Gosebruch.
Autoimmunkrankheiten treten auf, wenn ein überaktives Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift, etwa Hautzellen (bei Schuppenflechte), Nervenzellen (bei Multipler Sklerose), die Darmwände (bei Morbus Crohn) oder Gelenkgewebe (bei Rheuma). Für die Pharmabranche hat sich das Arbeitsgebiet seit Mitte der 90er-Jahre zu einer Goldgrube entwickelt. Mit Substanzen, die eine überschießende Immunaktivität dämpfen, erzielen die Firmen inzwischen mehr als 50 Milliarden Dollar Jahresumsatz.
Und der US-Konzern Abbvie ist in dem Bereich heute bereits der führende Anbieter, dank seines extrem erfolgreichen Rheumamittels Humira. Abbvie operiert daher mit einer global starken Vertriebsmannschaft, während Boehringer bisher nicht in dem Feld vertreten ist.
Zudem hat Abbvie in der Vergangenheit bereits extrem gute Erfahrungen mit Akquisitionen in Deutschland gemacht. Der Bestseller Humira, das mit 14 Milliarden Dollar umsatzstärkste Medikament der Welt, stammt ursprünglich aus der Forschung des BASF-Konzerns, dessen Pharmasparte Abbvie 2001 übernommen hatte. Ähnlich wie seinerzeit BASF fühlte sich jetzt auch Boehringer im Vertrieb nicht stark genug aufgestellt, um die Möglichkeiten mit dem neuen Produkt voll zu nutzen.
Gemessen am reinen Pharmaumsatz ist Astellas die Nummer zwei der japanischen Pharmaindustrie. Der Schwerpunkt liegt auf Transplantationsmedizin, Onkologie und Antiinfektiva. Die Japaner kamen im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 11,1 Milliarden Dollar.
Foto: dpaDas Labor von Boehringer Ingelheim: Der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern ist fest in Familienhand. Die Schwerpunkte liegen auf Mittel gegen Atemwegserkrankungen wie etwa das Lungenmittel Spiriva. Ein weiteres bekanntes Mittel ist Pradaxa, das zur Thrombose-Prävention eingesetzt wird. Geschätzter Umsatz 2015: 12,6 Milliarden Dollar.
Foto: apTakeda ist der größte japanische Pharmahersteller und bietet Mittel in verschiedenen Therapiegebieten. Die Japaner haben sich 2014 durch die Fusion mit Nycomed deutlich vergrößert und kamen voriges Jahr auf einen Pharmaumsatz von 13,8 Milliarden Dollar.
Foto: ReutersAllergan hieß früher einmal Actavis und ist unter anderem Hersteller von Botox. 2015 machte das Unternehmen einen Umsatz von 15,1 Milliarden Dollar.
Foto: APDer größte deutsche Pharmakonzern hat sich im Gegensatz zu dem Jahr 2015 um ganze zehn Platze verbessern können. Der Umsatz 2017: 43,1 Milliarden Dollar. Top-Produkte sind beispielsweise der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea.
Foto: dpaDie Produktion von Langzeitinsulin der Firma Novo Nordisk: Der dänische Arzneihersteller ist einer der weltweit führenden Anbieter von Mitteln gegen Diabetes. Er kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 16,1 Milliarden Dollar.
Foto: ReutersDer New Yorker Konzern hat seinen Schwerpunkt bei Mitteln gegen HIV und in der Immunologie, aber auch in der Onkologie. Der Pharmaumsatz lag 2015 bei 16,6 Milliarden Dollar.
Foto: apDer US-Konzern wurde 1876 vom Offizier und Chemiker Eli Lilly gegründet. Bekanntestes Mittel sind das Antidepressivum Cymbalta und das Potenzmittel Cialis. 2015 lag der Pharma-Umsatz bei 16,8 Milliarden Dollar.
Foto: ReutersDie Israelis sind die Nummer eins der globalen Generikahersteller, also der Produzenten von Nachahmermitteln erfolgreicher Arzneien, deren Patentschutz ausgelaufen ist. Sie kamen im vergangenen Jahr auf 19,7 Milliarden Dollar Umsatz.
Foto: dpaDer US-Biotechkonzern wurde vor allem durch sein Mittel Epogen bekannt, das gegen Blutarmut eingesetzt wird und als Dopingmittel im Sport traurige Berühmtheit erlangt hat. Umsatz 2015: 21,7 Milliarden Dollar
Foto: apDas Unternehmen wurde im Jahr 2013 vom US-Konzern Abbott abgespalten und will sich mit Großübernahmen stärken. Die Amerikaner kamen 2015 auf einen Pharmaumsatz von 22,9 Milliarden Dollar.
Foto: apVerpackung von Tabletten in einem schwedischen Werk von Astra Zeneca: Eines der bekannten Produkte von Astra Zeneca ist der Cholesterinsenker Crestor. Der Umsatz lag 2015 bei 24,7 Milliarden Dollar.
Foto: dpaDie Briten sind stark im Impfgeschäft und haben Mittel gegen Depressionen und Atemwegserkrankungen im Portfolio. Der Konzern – dessen Sitz in London ist – kam 2017 auf einen Umsatz von etwa 40 Milliarden Dollar.
Foto: dpaDer US-Konzern stellt Medikamente und Medizintechnik her. Bekannter sind aber seine Pflegeprodukte wie die Kindercreme Bebe und OB-Tampons. Der Umsatz lag 2017 bei stolzen 72,5 Milliarden Dollar.
Foto: Picture AllianceDer US-Biotechkonzern beschäftigt etwa 8.000 Mitarbeiter und hat seinen Sitz in Kalifornien. Bekannt wurde es vor allem durch seine „1000-Dollar-Pille“ Sovaldi, ein wirksames, aber sehr teures Mittel gegen Hepatitis C. Umsatz 2017: 28,5 Milliarden Dollar.
(Quelle: Unternehmensangaben; Financial Times; Thomson Reuters)
Foto: dapdDie Franzosen haben eine starke Basis in Deutschland und kommen auf einen Pharmaumsatz von 43,3 Milliarden Dollar. Die wichtigsten Medikamente sind das Diabetesmittel Lantus und das Herz-Kreislaufmittel Plavix. Bekannter dürfte das Schlafmittel Stilnox sein.
Foto: ReutersEbenfalls auf dem achten Platz finden sich die Amerikaner ein, die stark im Impfgeschäft und in der Frauengesundheit sind. Zusätzlich vermarkten sie auch Medikamente für Tiere. Pharmaumsatz 2017: 40 Milliarden Dollar.
Foto: apNoch etwas mehr Umsatz konnte Roche generieren. Dieser lag bei 53,9 Milliarden Dollar. Der Abstand zu dem Unternehmen an der Spitze ist allerdings beträchtlich. In der Öffentlichkeit ist der Konzern aus der Schweiz durch das Grippemittel Tamiflu bekannt.
Foto: ReutersDie Schweizer sind seit dem Jahr 2014 von dem ersten Platz auf den vierten Platz abgerutscht. Rund 49,2 Milliarden Dollar konnten sie im Jahr 2017 umsetzen. Novartis ist stark bei Krebsmitteln. Bekannte Marken sind das Schmerzmittel Voltaren und das Leukämiemittel Glivec.
Foto: apDer Konzern hat es durch das Potenzmittel Viagra zu Weltruhm gebracht. Es macht aber nur noch einen kleinen Teil des Umsatzes von 52,4 Milliarden Dollar aus, welcher für einen Platz auf dem Treppchen reicht.
Foto: apDer Ingelheimer Konzern – mit rund 13 Milliarden Dollar Jahresumsatz Nummer zwei in Deutschland nach Bayer und weltweit auf Position 19 in der Pharmabranche – hätte erst einen eigenen Außendienst für die neue Indikation aufbauen müssen und wollte diese Herausforderung offenbar vermeiden.
Der Deal dürfte dem Familienunternehmen darüber hinaus aber auch eine willkommene Möglichkeit bieten, seine Forschungsrisiken etwas breiter zu streuen und seine Liquiditätsposition zu verstärken. Denn Boehringer bereitet gerade seine bisher größte Akquisition vor, die Übernahme der Tiergesundheitssparte von Sanofi für rund 11,4 Milliarden Euro. Den Löwenanteil davon will das Unternehmen zwar durch die Abgabe der eigenen Consumer-Health-Sparte (rezeptfreie Arzneien) an Sanofi bestreiten. Darüber hinaus sind aber auch noch voraussichtlich 4,7 Milliarden Euro in bar fällig.
Zwar ist Boehringer mit einer Netto-Liquidität von zuletzt mehr als sieben Milliarden Euro im Prinzip gut gerüstet für eine solche Transaktion. Drei bis vier Milliarden Euro Cash gelten in Ingelheim jedoch als unabdingbare Sicherheitsreserve.