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ARD und ZDF im Visier der AfDParteien warnen vor „Staatspropagandasender“ à la AfD

Die AfD sagt ARD und ZDF den Kampf an. Die Anstalten will sie privatisieren und zwei neue Staatssender schaffen. Verbände und Parteien sind entsetzt. Die FDP hingegen kann sich mit den Plänen sogar teilweise anfreunden.Dietmar Neuerer 18.03.2016 - 13:32 Uhr Artikel anhören

Die Vorsitzende der AfD, Frauke Petry (r.) und ihre Stellvertreterin Beatrix von Storch: Mit radikalen Gedankenspielen gegen ARD und ZDF.

Foto: dpa

Berlin. In der AfD geht offenbar die Angst um, Wähler zu verlieren. „Glauben Sie bitte nicht alles, was sie irgendwo lesen. Warten Sie, bis das Parteiprogramm vorliegt und lassen Sie uns dann darüber diskutieren“, schreibt die Partei auf ihrer Facebook-Seite. Was die Alarmstimmung ausgelöst hat, ist ein Entwurf des AfD-Grundsatzprogramms, den das Recherchenetzwerk Correctiv vor einigen Tagen veröffentlicht hat.

In dem mehr als 70 Seiten langen Papier finden sich die Grundpositionen der AfD wie der Kampf gegen Migration und die Euro-Rettungspolitik wieder. Aber auch andere Themen wie Umwelt, Ehe, Außenpolitik, Steuern hat die Programmkommission zusammengetragen. Seit die Gedankenspiele der Partei zu den einzelnen Punkten öffentlich geworden sind, kursieren auch diverse Interpretationen dazu. Der Tenor der Einschätzungen ist überwiegend negativ und entlarvt die AfD als eine rückwärtsgewandte Partei, die viele Reformen der vergangenen Jahre zurückdrehen will.

Gegen solche Urteile verwahrt sich die AfD mit dem Hinweis, dass das Grundsatzprogramm erst Ende April auf einem Parteitag verabschiedet werde. Andererseits listet der Entwurf aber auch politische Ziele auf, die längst schon in den Forderungskatalog der Parteiführung eingeflossen sind, etwa der Kampf gegen die „Lügenpresse“. Für die Partei gehören dazu auch die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF.

Die Gesichter der AfD
Gauland gilt als gewiefter Taktiker und mächtigster Mann der AfD. Als Vorsitzender der Bundestagsfraktion hält er bereits viele Fäden in der Hand. Gauland ist dem rechtsnationalen Flügel verbunden. Flügel-Gründer Höcke ist aus seiner Sicht ein „Nationalromantiker“. Für das ehemalige CDU-Mitglied Gauland ist die AfD die dritte Karriere. Als junger Politiker war er die rechte Hand des CDU-Politikers und früheren hessischen Ministerpräsidenten Walter Wallmann. Später wurde Gauland in Potsdam Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“.
Meuthen arbeitete vor seinem Einstieg in die Politik als Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl. Im Juli 2015 wurde er auf einem stürmischen Parteitag in Essen als Repräsentant des wirtschaftsliberalen Flügels zum Co-Vorsitzenden der AfD neben Frauke Petry gewählt. 2016 zog er als AfD-Spitzenkandidat in den Landtag von Baden-Württemberg ein. Später näherte sich Meuthen dem rechtsnationalen Flügel um den Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke an. Anfang November kündigte er seinen Wechsel von Stuttgart ins Europäische Parlament an.
Pazderski ist Landes- und Fraktionschef der Berliner AfD. Dem Bundesvorstand gehörte er bisher als Beisitzer an. Schrille Töne sind dem ehemaligen Oberst im Generalstab der Bundeswehr genauso ein Graus wie politische Korrektheit. In einer Rede im Berliner Abgeordnetenhaus erzählte er, wie sein polnischer Vater als Jugendlicher für die Deutschen Zwangsarbeit leisten musste. In dem Vorstoß für einen Parteiausschluss von Höcke sah er eine „große Chance für die AfD, im bürgerlichen konservativ-liberalen Lager Fuß zu fassen“.
Glaser war früher CDU-Mitglied und Stadtkämmerer in Frankfurt am Main. Der AfD-Spitze gehörte der Bundestagsabgeordnete aus Hessen schon bisher als Stellvertreter an. In der Partei ist Glaser durch seine Arbeit als Leiter der Programmkommission gut vernetzt. Die damalige Parteivorsitzende Frauke Petry schlug ihn 2016 als Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten vor. Bei der Wahl durch die Bundesversammlung erhielt der chancenlose Glaser mindestens sieben Stimmen aus anderen Parteien. Im Oktober kandidierte er für das Amt des Bundestagsvizepräsidenten und fiel dreimal durch. Die anderen Parteien begründeten ihre Ablehnung mit Äußerungen Glasers zur Religionsfreiheit und zum Islam.
Gottschalk ist Mitglied im größten AfD-Landesverband Nordrhein-Westfalen. Der Bundestagsabgeordnete galt als Verbündeter von Frauke Petry. Nach ihrem Rückzug twitterte er: „Frauke Petry will also nicht unserer Fraktion angehören. Das ist schade!“ Mittlerweile er auf die Gauland-Linie eingeschwenkt. Beim Parteitag in Hannover wurde er vor dem Kongresszentrum von Demonstranten an der Hand verletzt. Daraufhin sprach er vor den Delegierten von „Linksfaschisten“. Deren Gesichter seien „stumpf und empathielos“, rief Gottschalk den laut klatschenden und johlenden AfDlern zu. „Die hätten auch (...) ein KZ führen können.“

AfD-Vize Beatrix von Storch führt schon länger einen Privatkrieg gegen die Finanzierung der TV-Anstalten und boykottiert die GEZ, also den Rundfunkbeitrag. Auch Alexander Gauland, ebenfalls Parteivize, ist ein Gegner des „GEZ-Zwangs“ und vertrat schon die Auffassung, dass die öffentlich-rechtliche Sender „sehr gut nur mit Werbeeinnahmen und ohne Gebühren leben können“. Und der Unmut der beiden Parteifunktionäre dürfte noch größer werden, nachdem das Bundesverwaltungsgericht heute entschieden hat, dass der Rundfunkbeitrag verfassungsgemäß ist.

Im AfD-Programmentwurf findet sich die logische Fortsetzung dessen, was von Storch und Gauland wollen. Zusätzlich zur Forderung nach Abschaffung von ARD und ZDF bringt die Partei die Schaffung zweier steuerfinanzierter Rundfunksender ins Spiel. Parteien und Verbände reagieren entsprechend empört und warnen schon vor einem „Staatspropagandasender“ à la AfD.

Der Nazi-Jargon der AfD
Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Peter Schlobinski, betont zwar, dass man nicht die gesamte (Alternative für Deutschland) AfD über einen Kamm scheren dürfe. „Doch einzelne Mitglieder pflegen eine auffällige Nazi-Rhetorik. Der Rhythmus, das sprachliche Diktum, die Emotionalisierung - es gibt einiges, was stark an die NSDAP-Sprache angelehnt ist.“ Und der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke sei ja schon „fanatisch in seiner Sprache“. Es folgen einige Beispiele.Quelle: „Stern“, eigene Recherche.
„3000 Jahre Europa! 1000 Jahre Deutschland!“
„Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!“
„Das Boot ist übervoll und wird kentern.“
In einem Vortrag stellte Höcke das Bevölkerungswachstum Afrikas in einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, was weithin als biologischer Rassismus bewertet wurde. Er sprach von einem „Bevölkerungsüberschuss Afrikas“ und erklärte, der „lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp“ treffe in Europa auf den „selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“. Dann schlussfolgerte er: „Solange wir bereit sind, diesen Bevölkerungsüberschuss aufzunehmen, wird sich am Reproduktionsverhalten der Afrikaner nichts ändern.“
In ihrem auf Facebook verbreiteten Weihnachtsgruß vom 24.12.2015 sprach die AfD Sachsen-Anhalt unter anderem davon, in der Weihnachzeit über die „Verantwortung für die Volksgemeinschaft und nächste Generation“ nachzudenken. Der verwendete Begriff „Volksgemeinschaft“ löste daraufhin eine Diskussion aus. Denn, so der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn von der Universität Göttingen bei „tagesschau.de“, der Begriff der Volksgemeinschaft sei historisch „eindeutig durch den Nationalsozialismus belegt“. Der Begriff sei in einer Demokratie unhaltbar, so der Professor, selbst wenn man sich auf den Standpunkt historischer Naivität zurückziehen würde. Die Idee einer Volksgemeinschaft sei generell nicht mit den Vorstellungen von Demokratie vereinbar.
„Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen.“
„Das Boot ist voll. Auch um der Flüchtlinge willen muss Deutschland jetzt die Notbremse ziehen.“
„Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“
„Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht - denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“

Konkret heißt es im Entwurf für das AfD-Grundsatzprogramm: „Die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten werden privatisiert.“ Von 2018 an sollten sie sich selbst finanzieren. Der Beitragsservice (GEZ) werde ersatzlos abgeschafft. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll dann durch zwei steuerfinanzierte und damit zu 100 Prozent vom Staat abhängige TV- und Radiosender ersetzt werden. Die Partei schreibt dazu in ihrem Programmentwurf: „Die staatliche Informationsversorgung wird durch einen steuerfinanzierten Rundfunk mit zwei Rundfunksendern und zwei Fernsehsendern geleistet.“

Kurios dabei ist, dass die AfD den öffentlichen-rechtlichen Sendern gerne vorwirft, zur „Systempresse“ zu gehören und von den etablierten Parteien gesteuert zu werden. Andererseits laufen die im Programmentwurf skizzierten Bestrebungen der Rechtspopulisten für eine neue Rundfunklandschaft darauf hinaus, den Einfluss der Politik auf das Fernsehen und die Nachrichten zu stärken, statt ihn zu schwächen.

Scharfe Kritik an den Plänen kommt von SPD, Grünen und Linken. Die FDP kann sich sogar teilweise damit anfreunden.

Der Vorsitzende des Bundestagsausschuss für Kultur und Medien, Siegmund Ehrmann (SPD), betonte, dass Meinungs- und Pressefreiheit „wesentliche Bedingungen demokratisch verfasster Gemeinwesen“ seien. „Daher ist gerade die Staatsferne Garant für unabhängigen Journalismus“, sagte Ehrmann dem Handelsblatt. Das strebt die AfD aber offenbar nicht an. Ehrmann verweist auf den Streit zwischen der AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry und der Redaktion des „Morgenmagazins“ („Moma“) im ZDF.

Petry hatte ihre mehrmalige Absage an das „Moma“ damit begründet, dass die Moderatorin Dunja Hayali „zunehmend mehr als politische Aktivistin denn als professionell arbeitende Journalistin“ auftrete, unter anderem wegen ihres Engagements für die Vereine „Gesicht zeigen!“ und „Respekt! Kein Platz für Rassismus“. Die AfD-Chefin empfahl dem ZDF daher für das „Morgenmagazin“ „dringend frischen Wind“.

Ehrmann sagte dazu, Petrys Verhalten zeige eine Grundhaltung der AfD. „Wenn man wie die AfD und Frau Petry der Meinung ist, dass unsere öffentlich-rechtlichen Sender gesteuert seien, bei der erst besten Gelegenheit aber selbst mit Vorschlägen kommt, auf diese Einfluss zu nehmen, ist das entlarvend“, sagte der SPD-Politiker. Öffentlich-rechtliche Medien sicherten aber „ein breites Spektrum an Informationen und kommentierender Bewertung und sind unerlässlich“.

Die AfD und das Geld
... kann teuer sein. Die Plakate der Alternative für Deutschland (AfD) sind viel zu sehen in den Bundesländern, wo am 13. März gewählt wird: in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.
Manche fragen sich, woher eine noch recht junge Partei so viel Geld nimmt. Gerüchte über angebliche Finanzhilfen aus Russland machen die Runde. AfD-Pressesprecher Christian Lüth winkt ab. Er sagt, Spenden aus Russland habe die AfD nicht erhalten.
Von den knapp sechs Millionen Euro, die der Partei im vergangenen Jahr zur Verfügung gestanden hätten, seien gut 30 Prozent Mitgliedsbeiträge gewesen.
Etwa 40 Prozent stammten danach aus der staatlichen Parteienfinanzierung.
Knapp 30 Prozent seien Spenden gewesen.
Ein Spendenaufruf am 7. Dezember 2015 habe der AfD hohe Einnahmen beschert, sagt Lüth. Seither seien rund vier Millionen Euro auf die Parteikonten geflossen. Eine Einzelspende über 50.000 Euro habe es nicht gegeben.
Wie die AfD die Flüchtlingskrise lösen will
Die AfD fordert die sofortige Schließung aller nationalen Grenzen, an denen eine unkontrollierte wilde „Zuwanderung“ stattfindet. Außerdem verlangt die Partei die Wiedereinführung von Grenzkontrollen. Einreisewillige Asylantragssteller aus sicheren Dritt- oder Herkunftsstaaten sollten zudem zurückgewiesen werden. „Die Grenzen sind zu sichern“, heißt es in einem Forderungskatalog der Partei von Anfang September 2015. Gleichzeitig sei die Visumpflicht für die Länder des Westbalkans  (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Montenegro, Serbien) wieder einzuführen.Quelle: AfD (Kampagne gegen das "Asylchaos"); weitere Asyl-Forderungen in Pressekonferenz vom 9.10.2015
Alle sich rechtswidrig im Bundesgebiet aufhaltenden Personen sollten aus Sicht der Partei zur „unverzüglichen freiwilligen Ausreise“ aufgefordert werden. Nach einer hierzu „angemessenen Frist“ sollten sie „keinerlei öffentliche Unterstützung mehr“ erhalten. Danach seien sie in ihre Heimatländer oder international zu organisierende Aufnahmelager zu überführen, heißt es in dem Papier
Die AfD hat insbesondere alle rechtskräftig abgelehnten Asylbewerber im Blick, die unverzüglich außer Landes gebracht werden sollen. „Soweit sie nicht freiwillig ausreisen oder ihre Identität verschleiern, sind Unterstützungsleistungen ausschließlich als Naturalleistungen zu gewähren“. Gegebenenfalls seien materielle Anreize außerhalb der Transportkosten anzubieten, die eine freiwillige Ausreise attraktiv machten.
Die AfD fordert, alle in Deutschland anhängigen Asylverfahren von Personen aus einem EU-Staat oder einem sicheren Drittstaat „schnellstmöglich“ zu beenden.
Zur Regelung von Masseneinwanderung ist aus AfD-Sicht das Asylrecht im Grundgesetz  „weder gedacht noch geeignet“. Das Recht, in Deutschland Asyl zu beantragen, solle daher aufgehoben werden. Stattdessen müssten Asylanträge in deutschen Botschaften oder in EU- oder Uno-Einrichtungen gestellt werden. Sollte das nicht möglich sein, müssten die Botschaften in einem Nachbarland aufgesucht werden.
Für eine „unvorhersehbare Situation“, wie sie sich derzeit in Europa darstelle, sei die derzeit bestehende Rechtslage nicht geschaffen worden, meint die AfD. Die heutige Rechtslage in Deutschland und Europa müsse daher so verändert werden, „dass sie den historischen Leitgedanken gerecht wird“. Die AfD bezieht sich dabei auf das Aufenthaltsgesetz von 2004. Danach solle der Zuzug von Ausländern „unter Berücksichtigung der Aufnahme- und Integrationsfähigkeit sowie der wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Interessen“ Deutschlands gesteuert und begrenzt werden. Die AfD will per Gesetzesänderung erreichen, „dass es in Zukunft nicht mehr für jeden Menschen weltweit möglich ist, sich auf das „deutsche Asylrecht“ zu berufen“. „Der deutsche Sonderweg“, heißt es, „muss zugunsten internationaler Standards verändert werden.“
AfD-Chefin Frauke Petry will eine drastische Beschleunigung der Asylverfahren. „Letztlich werden dem deutschen Rechtssystem vielfach falsche Tatsachen vorlegt“, sagt sie. Asylbewerber ohne einen Nachweis der Nationalität sollen deshalb in einem Schnellverfahren abgelehnt werden. Über Asylanträge von Flüchtlingen aus sicheren Dritt- und Herkunftsstaaten solle ebenso innerhalb von 48 Stunden entschieden werden. Damit könne man sicherstellen, „dass die nationalen Interessen geschützt und die Ordnung aufrechterhalten bleibt“.
Die Liste der sicheren Herkunftsstaaten soll nach Ansicht der AfD um alle diejenigen Staaten erweitert werden, die die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet haben. Nicht dazu zählen Staaten, die sich „schwerster Menschenrechtsverletzungen“ schuldig gemacht hätten. Alternativ schlägt die Partei vor, dass als sicherer Herkunftsstaat jeder Staat mit einer Anerkennungsquote von unter 2 Prozent zu gelten habe.
Die deutschen Asylbewerberleistungen seien für die Menschen aus dem Westbalkan „fast so, als ob sie hier Arbeit hätten“, sagt AfD-Vize Alexander Gauland. Bargeld sei Anreiz für weitere Flüchtlinge, nach Deutschland zu kommen. Leistungen für Asylbewerber sollen daher ausschließlich als Sachleistungen gewährt werden; Bargeld dürfe es erst nach Anerkennung des Asylantrages geben.
Mit Blick auf EU-Staaten, die ungehindert Asylsuchende nach Deutschland reisen lassen, verlangt AfD-Chefin Petry, die Zahlungen an die Staatengemeinschaft zu kürzen. „Alle asylrechtsbedingten Kosten sind von den Ländern zu erstatten, aus denen die Immigranten eingereist sind“, heißt es in einem Thesenpapier der Partei.

Gesine Lötzsch, Vorsitzende des Haushaltsauschusses im Bundestag und Mitglied im ZDF-Fernsehrat, sprach von „grauenhaften“ AfD-Vorschlägen. „Sicherlich wird dann ein AfD-Propagandaminister die Sender zentral steuern“, sagte die Linksfraktionsabgeordnete dem Handelsblatt. Sie unterstrich zugleich, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine demokratische Errungenschaft sei, die auch weiterhin demokratisch kontrolliert werden müsse. „Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk angreift, der greift auch die Demokratie an.“

Dem pflichtet die medienpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Tabea Rößner, bei. „Der Programmentwurf zeigt, dass sich die AfD wieder einmal jenseits des Grundgesetzes bewegt“, sagte Rößner dem Handelsblatt. Vollständig staatsabhängige Rundfunksender seien das „komplette Gegenteil“ dessen, was das Bundesverfassungsgericht vorgegeben habe. „Aber die Diskussion scheint an der AfD vorbeigegangen zu sein.“ Auch Rößner erinnerte daran, dass der staatsfern organisierte öffentlich-rechtliche Rundfunk eine direkte Konsequenz aus den Lehren der Vergangenheit sei. „Wir Grüne“, so Rößner, „wollen einen freien und unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und keine Staatspropagandasender.“

Wenig überrascht auf die AfD-Pläne reagierte der Deutsche Journalisten-Verband (DJV). „Dass die AfD ein gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit hat, haben wir durch ihre Nähe zur Pegida-Bewegung schon lange geahnt. Mit ihren Vorstellungen zum Rundfunk untermauert sie diesen Eindruck“, sagte Verbandssprecher Henrik Zörner dem Handelsblatt. Niemand in Deutschland, so Zörner weiter, wolle einen Staatsrundfunk, sondern unabhängige und kritisch berichtende Fernseh- und Radiosender. „ARD und ZDF müssen staatsfern bleiben, alles andere wäre nahe an Propaganda“, warnte er.

Auch den Deutschen Kulturrat wundert es nicht, dass eine Partei wie die AfD, „die die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit schleifen will, sich auch am Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk vergreifen will“. „Jedem, der mit der AfD sympathisiert muss klar sein, dass es sich bei dieser Partei nicht um eine Organisation besorgter Bürger, sondern um ein Sammelbecken von Demokratiefeinden handelt, die unserer Grundrechte, zu denen gehört eben auch die Presse- und Kunstfreiheit, abschaffen wollen“, sagte Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann dem Handelsblatt. „Doch auch das muss klar sein“, fügte Zimmermann hinzu „sie werden damit keinen Erfolg haben.“

Gleichwohl ist auch die FDP der Ansicht, dass die Rundfunklandschaft auf den Prüfstand gestellt werden muss. Ralf Witzel, Fraktionsvize der Liberalen im Düsseldorfer Landtag und Mitglied im WDR-Rundfunkrat, will jedoch eine deutliche Verschlankung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erreichen und nicht dessen vollständige Abschaffung. „Öffentliche Sender müssen sich auf ihre Kernaufgabe wie insbesondere den Bildungsauftrag konzentrieren“, sagte Witzel dem Handelsblatt. Die Expansion der letzten Jahre sei vor diesem Hintergrund „kostspielig und falsch“ gewesen.

Aus Witzels Sicht haben die Rundfunkanstalten einen „besonderen Programmauftrag“ zu erfüllen und müssten daher „vor allem wertvolle Angebote unterbreiten, die im Quotenkampf sonst nicht bestehen“. Die Grundversorgung sollten nach seiner Vorstellung die regional und in den Ländern verankerten Sender übernehmen. „Das ZDF als zweites öffentlich-rechtliches Parallelangebot kann dann privatisiert werden“, sagte der FDP-Politiker und schließt sich damit der Forderung der AfD an.

Ein ausschließlich aus öffentlichen Haushaltsmitteln finanzierter Staatssender, wie das die Rechtspopulisten anstreben, kommt für Witzel jedoch nicht in Frage, „da er zu stark in die Abhängigkeit von politischen Mehrheiten gerät“.

Allerdings hat die AfD einen prominenten Gegner von ARD und ZDF auf ihrer Seite: Justus Haucap, Professor für VWL und bis 2012 Vorsitzender der Monopolkommission. In einem Gutachten, das im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, kommt er zu dem Schluss, dass man gebührenfinanziertes Fernsehen und Radio abschaffen sollte.

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Haucap und seine Mitautoren schlagen vor, ARD und ZDF weitgehend zu privatisieren und mit den Erlösen der Privatisierung einen Stiftungsfonds zu gründen, der „gesellschaftlich bedeutsame Programminhalte“ finanziert. Für deren Auswahl ist eine unabhängige Kommission zuständig, „die aus Repräsentanten der Zivilgesellschaft bestehen soll und nicht von aktiven Politikern dominiert werden darf“. Deren Anteil sei auf 25 Prozent zu begrenzen, die Programmförderung sei in einem Wettbewerbsverfahren mit Ausschreibung zu gestalten.

Gleichwohl ist auch den Gutachtern bewusst, dass ihr Vorschlag darauf hinausliefe, dass ARD und ZDF plötzlich den Wettbewerb mit anderen Sendern ohne ihren 7,5-Milliarden-Euro-Beitragsvorsprung aufnehmen müssten. Das wird niemand wirklich anstreben wollen. Die Experten um den Ökonomen Haucap beharren daher auch nicht darauf, dass ihr Konzept das einzig wahre und richtige ist. Sie verstehen ihre Ausarbeitung vielmehr als Denkanstoß. Die AfD dagegen meint es ernst.

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