Betonpumpenbauer Putzmeister: Hochbetrieb auf der virtuellen Baustelle
Bis zu 600 Meter können die Maschinen das Material in die Höhe pumpen.
Foto: PRAichtal. Die Idee klingt einfach: Wenn es für einen Handwerker zu mühselig ist, eine Spezialmaschine kreuz und quer durch die Republik zu karren, um seine Aufträge abzuarbeiten – warum steht die Maschine nicht gebrauchsfertig vor Ort und der Handwerker bezahlt nur für die Zeit ihres Einsatzes? In Zeiten digitaler Plattformen ist das keine Herausforderung mehr. Für den Weltmarktführer von Betonpumpen Putzmeister ist schon die Idee dazu eine kleine Revolution.
„Das wirft das klassische Geschäftsmodell über den Haufen“, sagt Clemens Fauvel, Projektmanager der Digitalberatung Etventure. Entwickeln, Produzieren, Verkaufen – das galt bisher. Doch bei Unternehmen mit mehr als 3.100 Mitarbeitern ist das bislang Undenkbare inzwischen ausdrücklich erwünscht. „Die Digitalisierung geht an der Baumaschinenbranche nicht vorbei,“ sagt Putzmeister-Chef Gerald Karch. „Wir müssen das thematisieren und aktiv vorantreiben.“
Vor einem Jahr hat der Betonpumpenbauer zusammen mit Etventure eine „Innovation Factory“ am Firmensitz in Aichtal unweit von Stuttgart gegründet, ein geschützter Raum für sechs Mitarbeiter von beiden Firmen, in denen solche Ideen sprießen sollen. Denkverbote gibt es nicht, betont Karch. „Es geht darum, etablierte Unternehmensprozesse auch mal beiseite zu lassen und eine andere Dynamik an den Tag zu legen.“
Dass er Etventure als Partner gefunden hat, überrascht nicht. Entsprechende Projekte hat die Digitalberatung auch mit anderen Unternehmen initiiert: Der Stahlhändler Klöckner gehört dazu, der Mischkonzern Franz Haniel oder Wüstenrot & Württembergische Versicherungen. Überall geht es darum, branchenübergreifend digitale Geschäftsansätze zu entwickeln und zu testen. Auch Karch hat erkannt, dass ein Wandel nicht so leicht aus der eigenen Firma heraus zu stemmen ist. „Wir brauchen jemanden, der das kann“, sagt er. „Allein schaffen wird das nicht.“
Der Vorstandschef führt Putzmeister seit 2003, im vergangenen Jahr startete er sein Digitalisierungsprojekt.
Foto: PR/Sebastian BergerAus dieser Kooperation ist „Pumpnow“ entstanden. Dabei handelt es sich um eine Online-Plattform zur flexiblen Vermietung von Estrichpumpen. Viele kleine Handwerksbetriebe scheuen den Investitionsaufwand von gut 35.000 Euro, sich eine solche Spezialmaschine auf den Hof zu stellen und sie dann von Auftragsort zu Auftragsort mitzuschleppen. Über die digitale Plattform können sie eine solche Maschine für den benötigten Zeitraum mieten, sie wird ihnen rechtzeitig auf die Baustelle gestellt, Logistik, Reinigung und Wartung übernehmen Vertriebspartner, mit denen Putzmeister ohnehin zusammenarbeitet. In NRW und im Norden Hessens wird das Modell derzeit getestet, die Resonanz der Kunden ist vielversprechend.
In einem weiteren Schritt soll die digitale Plattform deutschlandweit ausgebaut werden, danach in Zentraleuropa – überall dort, wo Estrich beim Hausbau verwendet wird. Rund zehn Prozent seiner Umsätze von zuletzt rund 755 Millionen Euro macht der Mittelständler mit diesen Spezialmaschinen. Dass Putzmeister irgendwann mal weniger davon verkaufen und mehr vermieten könnte, nimmt Firmenchef Karch gern in Kauf. „Wir machen es lieber selbst, als dass es irgendwann andere tun“, sagt er. „Der entscheidende Faktor ist die Schnelligkeit.“
Die weitverbreitete Furcht gerade von deutschen Mittelständlern, von innovativen Start-ups irgendwo auf der Welt aus dem Markt gedrängt zu werden, ist spürbar, setzt aber gleichzeitig eine neue Dynamik in Gang. „Wir haben extra keine Marktanalyse gemacht, sondern sind direkt auf die Kunden zugegangen und haben gefragt: Was ist dein Problem?“, sagt Karch.
Die Befragung brachte Erstaunliches zutage: Einige Kunden ärgern sich über bestimmte Funktionen der Maschinen, für viele sind aber ganz andere, übergeordnete Themen wichtiger: die absinkende Qualifikation ihrer Mitarbeiter, dass sie sich nicht mehr um Technik und Service kümmern wollen. „Die Idee zu Pumpnow hat sich aus solchen Befragungen ergeben“, sagt Karch. „Und wir haben uns gefragt, was es für Geschäftsmodelle gibt, die den Kunden das Geschäft erleichtern, die aber erst durch die Digitalisierung möglich sind.“ Rund 120 solcher größeren und kleineren Ärgernisse haben die Kundeninterviews ergeben. „Pain Points“, Schmerzpunkte, nennt Etventure-Projektleiter Fauvel sie.
Für Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer von Etventure, ist das schon fast ein Déjà-vu. Gerade im industriellen Mittelstand stehe immer noch die Ingenieurskunst an erster Stelle, ob der Kunde was damit anfangen kann, stellt sich erst viel später heraus – manchmal auch zu spät. „Es geht bei so einem Projekt immer auch um einen Mentalitätswandel in den Unternehmen – weg von der technologiegetriebenen Ingenieurdenke und hin zum nutzerzentrierten Ansatz“, sagt er.
Aus den „Pain Points“ sind bei Putzmeister rund 60 konkrete Ideen für neue Geschäftsmöglichkeiten entstanden, die nun Stück für Stück abgearbeitet werden. Derzeit überlegen beide Partner, aus der „Innovation Factory“ in einem zweiten Schritt eine eigenständig operierende Digitaleinheit zu gründen, die sich auch räumlich losgelöst um die Umsetzung neuer Ideen kümmern soll. „Es hat Vorteile, wenn man weiter weg ist“, sagt Fauvel von Etventure, „es ergeben sich wie bei den Arbeitszeiten größere Freiheiten und man kommt besser aus den eingefahrenen Strukturen heraus.“
Putzmeister ist weltweit bekannt für seine Betonpumpen, die das Material bis zu 600 Meter für den Bau von Wolkenkratzern hochpumpen können. Diese überzeugten vor vier Jahren auch den chinesischen Sany-Konzern, der das Unternehmen komplett vom Gründer Karl Schlecht übernahm, verbunden mit der Maßgabe, ein deutscher Mittelständler zu bleiben.
Für das Unternehmen soll es weitere Schritte ins digitale Zeitalter geben. Die Baubranche wandelt sich ebenfalls, wenn auch verhältnismäßig spät im Vergleich zum Beispiel zur Autoindustrie. So produzieren Betonpumpen und Estrichmischer der Firma zwar schon reichlich Daten, sie werden aber derzeit nur spärlich genutzt und miteinander verknüpft. Dabei ist das Potenzial auf einer Baustelle gigantisch: Viele Maschinen, viele Gewerke tummeln sich dort, deren Einsatz koordiniert und überwacht werden muss – eigentlich ideal für eine digitale Vernetzung. Doch Neuerungen setzen sich nur langsam durch. „Der Kunde muss auch bereit sein, dafür zu zahlen“, sagt Karch.
Er möchte Putzmeister schon jetzt fit machen für die neuen Herausforderungen. Dazu zählen auch Themen wie die vorausschauende Wartung, wenn die Maschinen sich melden, wann sie den nächsten Service brauchen. Wie weit der Mittelständler dabei gehen will, ob er auch eine eigene Plattform fürs Baustellen-Management entwickeln will – der Firmenchef lässt das bewusst offen. Wichtiger sind ihm kleine Schritte wie eine ordentliche Dokumentation über die Qualität des Betons oder den direkten Zugriff der Baustellenleitung auf die Maschinendaten.
Putzmeister könnte damit auch den Vorreiter spielen für den chinesischen Mutterkonzern, der ebenfalls Betonpumpen und Spezialmaschinen für den Bau produziert, sich aber auf sein Heimatland konzentriert und den Weltmarkt seiner deutschen Tochter überlässt. Die kann seit der Übernahme vor vier Jahren weiter sehr eigenständig entscheiden – auch beim Thema Digitalisierung. „Wir stimmen uns natürlich von Fall zu Fall ab“, sagt Karch. „Aber hier sind wir das Start-up, das sich außerhalb der Konzernstruktur bewegen soll.“