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Modedesigner Brunello CucinelliDer deutsche Italiener

Er zitiert Epikur und Kant, ist ebenso Geschäftsmann wie Philanthrop: Der Modemacher Brunello Cucinelli ist einer der ungewöhnlichsten und erfolgreichsten Unternehmer Italiens. Sein Geheimnis? Lieber was Richtiges kaufen.Regina Krieger 07.01.2017 - 11:00 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Auf keinen Fall Bling-Bling.

Foto: Wolfgang Stahr/laif

Solomeo. Prächtig restauriert ist das kleine mittelalterliche Dorf Solomeo auf dem Hügel bei Perugia. In den alten Gebäuden hat eine Boutique für die komplette Kollektion ebenso ihren Sitz wie die Klassenräume der Meisterschule für Schneider. Ein Kilometer weiter im Tal liegt das u-förmige Hauptquartier des Unternehmens. In lichtdurchfluteten Hallen mit bodenhohen Fenstern wird entworfen und produziert. Das Büro des Chefs ist ganz in Weiß gehalten, mit Büchern, Bildern, einer alten Reisekiste mit Fußbällen, alles sorgfältig arrangiert. Am Eingang eine Büste des Kaisers Hadrian.

Der Chef, das ist Brunello Cucinelli, 63, Gründer, Inhaber, CEO und Namensgeber des Kaschmirlabels aus Umbrien, der seit mehr als 30 Jahren Luxusmode im obersten Segment verkauft. Er will alles proper und schön haben in seiner Welt. Den „Deutschen“ nennen sie ihn hier, weil er auf Präzision, Pünktlichkeit und Arbeitsethik Wert legt.

Angefangen hat der Sohn eines Bauern als Selfmade-Mann mit dem Verkauf von Pullovern in Deutschland. Seit vier Jahren ist sein Unternehmen mit knapp 40 Prozent des Kapitals an der Börse und verzeichnet kontinuierlich Zuwächse, während andere Luxuslabels kämpfen. 2015 setzte er 414 Millionen Euro um. 2016 legte der Umsatz in den ersten neun Monaten bereits um 9,7 Prozent zu. Sein Ruf in der Modemetropole Mailand, beim Spitzenverband Altagamma und bei den Investoren ist ohne Schatten.

Würde des Profits

„Es läuft sehr gut“, sagt er, „das echte ‚made in Italy‘ heißt für mich Exklusivität und Qualität. Das Produkt muss handgefertigt sein, wiedererkennbar und auch nicht leicht zu finden.“ Das entscheide den Top-Luxus von Industrieprodukten „im Wettlauf um den billigsten Preis“. Seine Kaschmirpullover und Anzüge kosten oft über 1000 Euro. „Ja, wir sind teuer“, sagt er, „aber ich will gut arbeiten, und alle hier sollen einen guten Profit haben, von den Arbeitern bis zu den Investoren.“

Für die Zukunft des Familienunternehmens plant Cucinelli bereits. „Ich habe zwei Töchter, aber ich glaube, dass man im Leben nichts erbt. Man erbt den Besitz, aber nicht das Talent“, erklärt er, einen Stift in der Hand und ein Blatt Papier vor sich. Wer wisse schon, wer eines Tages an diesem Schreibtisch sitzen werde. Endlich kann er über Philosophie sprechen, die ihm am Herzen liegt, gespickt mit Zitaten von Epikur, Plutarch, Kant und Voltaire: „Ich bin der Wächter, der Hüter, und ich arbeite für die Würde des Profits. Ich pflege das Unternehmen und arbeite mit Respekt für die Schöpfung“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Sein System ist erstaunlich schlüssig und modern. Zwei Themen treiben den Modemacher um: Die Wegwerfgesellschaft und die Arbeitszeit. Die Zeit des Konsumdenkens sei vorbei, sagt er. Der Privatkonsum werde nicht mehr steigen, „denn die Menschen schmeißen nicht mehr weg, sondern wollen wissen, woher das Essen und die Kleidung kommen.“ Vielleicht habe das in Italien begonnen, weil die Krise mehr zu spüren gewesen sei.

Weniger arbeiten, weniger netzwerken

Und hier kommt sein Mode-Unternehmen ins Spiel. Lieber etwas Richtiges kaufen, von dem man 30 Jahre etwas hat, meint er. Und auch lieber wenig, aber gut essen. In der Cucinelli-Kantine gibt es nur regionale Produkte, von Obst und Gemüse über das eigene Olivenöl. Für seine letzte Kollektion warb er in ganzseitigen Zeitungsanzeigen nicht mit Models, sondern einer Seite aus einem mittelalterlichen Kodex.

Cucinellis zweites Thema ist die Arbeitszeit: „Wir arbeiten zu viel und sind zu viel vernetzt.“ Man müsse doch Zeit haben für sich, für die Familie, die Hobbys. In Solomeo hat er das als Chef umgesetzt: Gearbeitet wird von 8 bis 13 Uhr, dann ist Mittagspause bis 14.30 Uhr, „das Mittagessen ist kulturell wichtig für uns Italiener“, und um 17.30 Uhr ist Feierabend, für alle, auch für ihn. Dann spielt er Fußball mit seinen Freunden. Gestempelt wird nicht.

Inspiration für die Kollektionen holt er sich bei den 1500 Mitarbeitern. „Meine Mannschaft hat ein Durchschnittsalter von 37 Jahren“, sagt er. „Ich schaue, was sie tragen, was ihnen gefällt, wie sie leben.“ Um Business und Philanthropie zu trennen, hat er eine Stiftung gegründet, zusammen mit seiner Frau Federica. Er finanziert damit Restaurierungen wie die des vom Erdbeben zerstörten Klosters von San Benedetto in Norcia. Den Benediktinern dort ist er schon lange verbunden.

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Kommunikation wichtiger als Verkauf

Cucinelli, stets smart und casual gekleidet mit Jeans und Jackett, ist Humanist und Philanthrop, aber immer auch Geschäftsmann. Im Januar startet er den E-Commerce, doch natürlich im Cucinelli-Stil. Es ginge ihm mehr um die Kommunikation als um den Verkauf, erklärt er. „Wir wollen im Netz zeigen, wie wir arbeiten, als würdest du zu uns ins Dorf kommen. Ich will ein humanistischer Kunsthandwerker des Netzes sein.“

Und Deutschland? Seine Kundinnen kennt er gut: „Die sind chic und mögen den italienischen Stil, ihnen gefällt Mode ohne Logo, schöne Stoffe, zurückhaltende Farben.“ Kein Bling-Bling? „Nein, auf keinen Fall.“

„Ich bin reich, ja, aber ich führe ein normales Leben“, sagt er von sich. Und erzählt von seinem Bentley, den er vor acht Jahren gekauft hat. „Ich freue mich an ihm, poliere ihn und will ihn meinen Enkeln geben, wenn die groß sind. Ich will als Bewahrer eines kleinen Teils der Menschheit erinnert werden, das ist mir wichtig.“

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