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Angst der Mitte vor dem AbsturzWarum so viele Deutsche die Zukunft fürchten

Rund die Hälfte der Deutschen blickt sorgenvoll in die Zukunft – obwohl es den meisten materiell gutgeht. Doch die Ängste um Job, Altersvorsorge und persönliche Sicherheit sind groß. Es hat sich herumgesprochen: Die Mitte ist kein sicherer Ort mehr.Anna Gauto, Martin Greive, Christian Rickens, Frank Specht und Simone Wermelskirchen und Hans Eschbach, Donata Riedel, Peter Thelen 17.02.2017 - 09:13 Uhr Artikel anhören

Foto: Getty Images

Düsseldorf, Berlin. Die Fahrt führt vorbei an grauen Betonklötzen, die aussehen, als habe ein missgelaunter Riese sie achtlos in die Hügellandschaft des Thüringer Waldes geworfen. In vielen der Plattenbauten lebt seit Jahren kein Mensch mehr. Wo früher Kindergärten, ein Drogeriemarkt, eine Sparkasse, eine Rewe, ein Klamottenladen standen, hat der eisige Januarwind ein paar Schneehügel aufgeschichtet.

Der 34-jährige Robert Kress sitzt am Steuer und lenkt den Wagen durch das Viertel, in dem er aufgewachsen ist. „Jetzt!“, ruft Kress. Sein rechter Arm malt einen Bogen in die Luft, als würde er eine Angelrute auswerfen. Er zeigt auf eine Fläche Nichts. „Hier stand er, der Menschenfresser.“ Er fährt weiter und zählt die Sekunden. Erst nach einer halben Minute sagt er: „Hier hörte das Ding auf, gigantisch, oder?“

Menschenfresser, so nennt Kress einen dieser überdimensionierten Wohnblöcke, mit denen Suhl zu Boomzeiten Unterkünfte für seine anschwellende Bevölkerung schuf. Die Fahrzeug- und Waffenindustrie hatte bis in die 1980er-Jahre viele Arbeiter in die Stadt gezogen. Mit der Wende gingen die Hersteller pleite. Ihr Ende leitete den Exodus aus Suhl ein, der bis heute andauert. 1995 lebten noch rund 50.000 Menschen in Suhl, 2015 waren es nur noch rund 36.000. Laut Prognosen sinkt die Einwohnerzahl weiter. Vor allem junge Leute haben Suhl verlassen. Nirgendwo sonst in Deutschland ist die Bevölkerung seit 1995 so stark gealtert. Der Menschenfresser ist längst abgerissen.

Bei der letzten Landtagswahl in Thüringen entfielen im Wahlkreis Suhl/Schmalkalden-Meiningen IV exakt 50 Prozent der Stimmen auf Linkspartei, AfD und NPD. Auf Parteien also, die dem bundesrepublikanischen System aus Marktwirtschaft und liberaler Demokratie in mehr oder weniger ausgeprägter Fundamentalopposition gegenüberstehen. Knapp die Hälfte der Stimmberechtigten blieb gleich zu Hause. Und da sich unter ihnen sicher nicht lauter Anhänger von Ludwig Erhards Lehren verbergen, lässt sich konstatieren: Eine Mehrheit der Menschen in Suhl lehnt die herrschenden Verhältnisse in der Bundesrepublik ab.

Längst nicht alle Ängste sind rational. Rechte Parteien wissen von der Stimmung zu profitieren.

Foto: dpa

Es sind Orte wie Suhl, in denen die Bundesrepublik Deutschland plötzlich ganz nah dran zu sein scheint an jenen Staaten, in denen die Unzufriedenheit der Mittelschicht bereits das politische System erschüttert. Da sind die Niederlande, wo die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders bei den Parlamentswahlen am 15. März zur stärksten Kraft aufsteigen könnte. Da ist Frankreich, wo es Emmanuel Macron oder François Fillon im zweiten Wahlgang am 7. Mai irgendwie gelingen muss, den Durchmarsch der Front-National-Kandidatin Marine Le Pen in den Präsidentenpalast zu verhindern. Da ist Großbritannien, wo eine Mehrheit aus tendenziell älteren, weniger gebildeten und einkommensschwächeren Bürgern dem Londoner Establishment beim Brexit-Referendum einen Denkzettel verpasste und für den EU-Austritt stimmte.

Und da sind natürlich die USA. Dass dort ein Donald Trump im Weißen Haus sitzt, zeigt der ganzen Welt, wie weit die Macht der zornigen Masse reichen kann. Die US-Autorin Tamara Draut hat sich frühzeitig mit dieser Macht beschäftigt. In ihrem Buch „Sleeping Giant“ beschreibt sie bis ins soziodemografische Detail den allmählichen Abstieg der USA-Arbeiterklasse – bei ihr definiert als jene zwei Drittel aller Amerikaner, die keinen Bachelor-Abschluss vorweisen können. Das mittlere Einkommen der US-Arbeiterklasse ist preisbereinigt zwischen 1980 und 2012 um 1,30 Dollar auf nur noch 15,61 Dollar pro Stunde gesunken. Ein Fünftel der Amerikaner, insgesamt 46 Millionen, bezieht Lebensmittelmarken. Selbst Schalterkräfte in Banken, die selbstverständlich im Anzug zur Arbeit kommen, brauchen bei einem mittleren Einkommen von zwölf Dollar pro Stunde oft diese „food stamps“, um über die Runden zu kommen. Gerade in großen Unternehmen werden Arbeiter oft bewusst unter der Grenze von 40 Stunden pro Woche gehalten, ab der sie sich wenigstens für rudimentäre Sozialleistungen wie Krankenversicherung, ein paar Tage Lohnfortzahlung im Krankheitsfall qualifizieren.

So ist es in den USA. Auch in Großbritannien, wo Ober- und Unterschicht schon traditionell weit auseinanderklaffen, hat sich die Polarisierung noch einmal verschärft. Frankreich wiederum kämpft mit schwachem Wachstum, hoher Jugendarbeitslosigkeit und einem Sozialstaat, der es immer weniger schafft, das urfranzösische Versprechen von Gleichheit und Brüderlichkeit einzulösen.

Nahezu überall dort, wo die Mittelschicht solche Abstiegserfahrung machen musste, bebt wenig später das politische System. Wenn der schlafende Gigant erwacht, können sich etablierte Politiker warm anziehen. Dann gewinnen Populisten von links und – häufiger noch – von rechts die Wahlen. Dann wirken die Grundkonstanten der westlichen Gemeinschaft plötzlich erstaunlich fragil. Nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft, Europäische Integration, offene Grenzen für Güter und Menschen: All dies wird von den Trumps und Le Pens infrage gestellt.

Und in Deutschland? Droht uns auch in der Bundesrepublik ein Aufstand der Mitte?

Fest steht: Nicht nur in Problemregionen wie Suhl, sondern im ganzen Land gärt die Unzufriedenheit. Laut Zahlen des Umfrageinstituts Allensbach sieht ein Drittel der Deutschen unser Land auf dem Weg in eine große Krise. Nur 46 Prozent der Deutschen schauen der Zukunft hoffnungsvoll entgegen. „Angesichts unserer wirtschaftlichen Entwicklung wäre ein Optimismuspegel in der Bevölkerung von etwa 60 Prozent normal“, sagt Allensbach-Chefin Renate Köcher. Und fast die Hälfte der Deutschen freut sich laut Umfragen über die Wahlerfolge der AfD bei Regionalwahlen, weil sie einen Denkzettel für die etablierten Parteien bedeuten.

Auch die plötzliche Begeisterung, die dem SPD-Überraschungskandidaten Martin Schulz entgegenschlägt, lässt einen grübeln: Welches Maß an Unzufriedenheit muss sich da in der Bevölkerung aufgestaut haben, dass da nur einer kommen und vage von mehr Gerechtigkeit sprechen muss, um plötzlich laut Infratest-Umfrage bei 50 Prozent der Deutschen als der bessere Bundeskanzler zu gelten?

Mit den USA gemeinsam haben wir die Hoffnung auf den politischen Messias und die kollektiven Abstiegsängste. Zwar haben in Deutschland mehr Menschen Arbeit als je zuvor. Doch häufig sind diese Jobs befristet oder man braucht zwei davon, um über die Runden zu kommen. Niedrige Zinsen und sinkende gesetzliche Renten schüren das Gefahr von Armut im Alter. Dazu kommt die Angst vor neuen Flüchtlingswellen, vor Kriminalität und einem Kontrollverlust des Staates. Kurz, es gibt viele Gründe, sich in Deutschlands Mitte nicht mehr geborgen zu fühlen.

Klar ist allerdings auch: Was Tamara Draut für die USA so eindringlich beschreibt, den materiellen Abstieg einer ganzen Gesellschaftschicht, das gibt es in Deutschland nur in Ansätzen, ganz am unteren Ende der Lohnskala. Auch den Suhler Menschenfresser-Experten Robert Kress muss man sich als zufriedenen Menschen vorstellen. Vor Jahren schon hat der Fahrzeuglackierer seiner Heimatstadt auf Youtube ein gut geklicktes Liebeslied gewidmet („Hier gibt’s weltweit den einzigen McDonald’s, der wegen Kundenmangel schloss“) und nennt lauter gute Gründe zu bleiben: die Ruhe, die Natur, die bezahlbaren Mieten, außerdem habe er eine gute Stelle. „Wer vernünftig arbeitet, hat hier einen sicheren Job, es kommt ja nichts Gescheites nach.“

Suhl-Nord mag verfallen und verlassen wirken. Doch für jene, die noch dort sind, gibt es genug Arbeit: Die Erwerbslosenquote beim Arbeitsamtsbezirk Suhl beträgt gerade mal 5,4 Prozent.

Viel Arbeit für wenig Lohn

Doch zu welchem Preis? In den neuen Bundesländern arbeiten inzwischen rund 41 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnsektor, bundesweit sind es 21 Prozent. Nach OECD-Definition gilt ein Lohn als Niedriglohn, wenn er weniger als zwei Drittel des mittleren Bruttolohns beträgt. Diese Grenze lag 2014 bei zehn Euro in der Stunde oder 1.993 Euro im Monat.

In den Jahren 2000 bis 2010 stagnierten oder sanken die Reallöhne. Erst in den zurückliegenden Jahren ging es, auch dank der niedrigen Inflation, wieder aufwärts. 2015 legte der Reallohnindex um 2,4 Prozent zu, 2016 um 1,8 Prozent. Allerdings profitieren nicht alle Beschäftigten gleichermaßen. Auf lange Sicht seien die inflationsbereinigten Verdienste von Geringqualifizierten gesunken, und die von Fachkräften stagnierten, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Deutliche Zuwächse habe es nur bei Akademikern gegeben.

Kaum noch verändert hat sich zuletzt der Verdienstabstand zwischen Gering- und Besserverdienern, also der Abstand zwischen den oberen und den unteren zehn Prozent der Einkommensskala. Hier war es in der Vergangenheit zu einer deutlichen Spreizung gekommen. Die Besserverdiener setzen sich zwar weiter von der Mitte der Lohnskala ab, aber zumindest fallen die Geringverdiener nicht mehr so stark zurück wie in den Vorjahren.

Stark gestiegen ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Beschäftigten, die mehr als eine Tätigkeit ausüben – von zwei Prozent aller Erwerbstätigen im Jahr 1991 auf zuletzt fünf Prozent. Trotz der Einführung des Mindestlohns ist auch die Zahl der sogenannten „Aufstocker“, die neben ihrem Arbeitslohn noch Hartz IV beziehen, kaum gesunken. Gab es 2009 im Jahresdurchschnitt 1,32 Millionen erwerbstätige Leistungsbezieher, waren es 2015 noch 1,24 Millionen. Allerdings sind nur drei Prozent der „Aufstocker“ Alleinstehende mit Vollzeitjob. Die übrigen arbeiten entweder nur Teilzeit, oder das Einkommen muss auch für den Partner und gegebenenfalls Kinder reichen. Um keinen Anspruch mehr auf ergänzende Hartz-IV-Leistungen zu haben, muss beispielsweise in Berlin ein verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern bei einer 38-Stunden-Woche brutto schon mehr als 15 Euro verdienen. Das ist für ungelernte Kräfte kaum zu schaffen.

Der Anteil der nur befristet Beschäftigten schwankt seit Jahren zwischen knapp acht und gut neun Prozent, 2015 lag er mit 7,8 Prozent wieder leicht über dem Niveau des Vorjahrs. Der drohende Absturz bei Jobverlust schürt Ängste, die sich bis in die Mittelschicht hineinfressen. Wurde einst bis zu 32 Monate lang Arbeitslosengeld bezahlt, das sich am früheren Einkommen orientierte, ist damit seit den Hartz-Reformen im Regelfall nach einem Jahr Schluss. Danach gibt es nur noch das Arbeitslosengeld II (Hartz IV), für einen Alleinstehenden sind das derzeit 409 Euro im Monat.

Sozialer Aufstieg ist in Deutschland schwer.

Foto: dpa

Zur Wahrheit gehört aber auch: Der deutsche Sozialstaat tut noch immer deutlich mehr als die meisten anderen Staaten, um die Einkommensunterschiede abzumildern. Die Bruttoeinkommen wie auch die Vermögen sind in Deutschland relativ ungleich verteilt. Viele verdienen in Deutschland wenig und wenige viel. Ein gängiger Gradmesser für die Ungleichheit ist der Gini-Koeffizient. Forscher des Luxembourg Income Study Center haben die Ungleichheit der Markteinkommen der unter 60-Jährigen international vergleichen. In Deutschland liegt der Gini-Koeffizient bei 0,42. Nur in wenigen Industriestaaten klafft die Schere weiter auseinander.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man auf die Nettoeinkommen schaut. Nachdem der Staat mit Steuern und Abgaben umverteilt hat, sinkt die Ungleichheit deutlich. Der Gini-Koeffizient beträgt nur noch 0,3. Deutschland ist plötzlich egalitärer als der Durchschnitt innerhalb des Industriestaaten-Klubs OECD von 0,32.

Auch die häufig beklagte Altersarmut ist akut kein Massenphänomen in Deutschland. Dieses Schicksal trifft insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund. Während das Armutsrisiko bei Älteren ohne Migrationshintergrund mit elf Prozent unter dem Durchschnitt liegt, beträgt es bei Deutschen mit Migrationshintergrund 29,4 Prozent, bei Migranten ohne deutschen Pass sogar 40,2 Prozent. Ähnliches gilt für Selbstständige ohne eigene Angestellte.

In den kommenden Jahrzehnten aber, wenn die arbeitende Mitte der Gesellschaft in Ruhestand geht, wird es auch für Normalverdiener schwerer, der Altersarmut zu entkommen. Der gesetzliche Rentensatz sinkt. Niedrigzinsen gepaart mit anziehender Inflation machen hohe Sparraten erforderlich, um genug Geld fürs Alter zurückzulegen.

Unmögliche Zustände.

Foto: Imago

So richtig ungerecht geht es in Deutschland bei den Aufstiegschanen zu. In kaum einem Land hängt Bildung so stark von der Herkunft ab wie in Deutschland. Der „Chancenspiegel“ der Bertelsmann Stiftung etwa stellt fest, dass heute zwar weniger Jugendliche die Schule ohne Abschluss verließen und der Anteil der Jugendlichen, die Fachhochschul- oder Hochschulreife erlangen, gestiegen ist. „Der Bildungserfolg jedoch ist nach wie vor stark von der sozialen Herkunft abhängig“, so Nicole Hollenbach-Biele von der Stiftung. Neuntklässler aus höheren Sozialschichten hätten in Mathematik bis zu zwei Jahre Vorsprung vor ihren Klassenkameraden aus bildungsferneren Familien.

Sozialer Aufstieg ist in Deutschland schwierig. Doch es gibt auch keinen sozialen Abstieg auf breiter Front. Von amerikanischen oder auch nur britischen Verhältnissen ist die Bundesrepublik weit entfernt. Das spiegelt sich auch darin, dass 75 Prozent der Deutschen mit ihrer eigenen Lebensqualität zufrieden sind.

Ein Land im Niedergang?

All die Zukunftsangst, die in Umfragen zum Ausdruck kommt, bezieht sich also nicht nur auf das eigene Schicksal, sondern auf die Gesellschaft insgesamt: Ein überraschend großer Anteil der Deutschen wähnt das Land im Niedergang.

Das hat viel mit Orten wie dem Kölner Hauptbahnhof zu tun. In der Silvesternacht 2015 wurden dort Urängste wach: Ein ausländischer Mob machte Jagd auf Frauen, grapschte, vergewaltigte, klaute, und die Staatsmacht versagte. „Die Silvesternacht von Köln hat deshalb so einen durchschlagenden Effekt gehabt, weil die Menschen plötzlich das Gefühl hatten: Wir sind nicht mehr Herr im eigenen Haus“, analysiert Allensbach-Chefin Köcher. Ein Jahr später, in der Silvesternacht 2016, hatte die Polizei die Lage im Griff. Doch es sind nicht nur solche Ausnahmenächte, an denen der Kölner Hauptbahnhof Durchschnittsbürgern das Gefühl vermittelt: Da ist etwas ins Rutschen geraten in der Republik. Es reicht ein ganz normaler Abend dort.

Nach 20 Uhr, wenn die Pendler durch sind, verschieben sich die Akzente: Wo vorher der Trubel vieler Reisender und Pendler herrschte, fallen jetzt die vielen Obdachlosen auf, die im Bahnhof Unterschlupf suchen. Viele von ihnen hocken auf den Bänken, apathisch, zusammengesunken, schlafen vielleicht. Andere führen lautstarke Unterhaltungen, zuweilen kippt es ins Schreien. Die wenigen Passanten halten Abstand.

„In der kalten Jahreszeit dürfen sich Obdachlose im Quergang zwischen den beiden Hauptpassagen am Ausgang zum Breslauer Platz aufhalten“, sagt ein Mann mit der Aufschrift „Bahn Sicherheit“ auf dem Anorak. Dann muss er sich schon wieder um einen stämmigen Obdachlosen kümmern, der in abgerissenen Satzfetzen mit osteuropäischem Akzent unflätig schimpft und heute schon mehrfach aus dem Bahnhof gewiesen wurde. Der Sicherheitsmann und eine stämmige Kollegin drängen ihn langsam zur Tür – ohne Berührung, auf einige Meter Abstand, sie rücken langsam vor, er zieht sich rückwärts Schritt für Schritt zurück.

Ein schlanker Mann mittleren Alters hat die Szene beobachtet. Er sagt, er sei Zugführer und werde fast täglich Zeuge der unmöglichen Zustände im Bahnhof. Er will anonym bleiben, aber es sprudelt geradezu aus ihm heraus, was er immer wieder mit ansehen muss: Arme, die jeden Abend kommen und offenbar ihr Essen im Müll zusammensuchen.

Während diese Menschen harmlos seien, seien andere, auch unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol, sehr aggressiv. Seine Erfahrung ist, dass die zahlreichen Übergriffe gar nicht mehr gemeldet werden, weil zu viele vorkommen. Ja, sagt ein anderer Sicherheitsmann der Bahn, es seien deshalb viele Kollegen im Bahnhof unterwegs. Oft werde Sicherheit aber nur vorgetäuscht – die Bahn habe viele „Fußkranke“ eingestellt, um den optischen Eindruck starker Präsenz zu vermitteln.

So wie in Köln geht es nachts in vielen Großstadtbahnhöfen zu. Viele der Beleidigungen, Nötigungen und kleinen Diebstähle, die sich dort und anderswo abspielen, bleiben unterhalb der Schwelle dessen, was Einzug in die Kriminalitätsstatistik findet. Und so mehren sich allmählich die Orte, an denn man sich zumindest nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr unbeschwert bewegen mag. Im Westen Deutschlands hat diese gestiegene Sorge, ob begründet oder nicht, viel mit den Übergriffen von Flüchtlingen zu tun. Doch umgekehrt sind für ausländisch aussehende Menschen weite Teile Ostdeutschlands zur Risikozone geworden. Bis hin zum Neonazi-Dorf Jamel in Mecklenburg, wo nicht mehr in Frieden leben kann, wer nicht rechts ist.

Immer mehr Deutsche mögen sich nicht mehr auf die Polizei verlassen, um sich vor solchen Übergriffen zu schützen. Einige von ihnen haben sich in einer Übungshalle in Köln Ehrenfeld versammelt. An der niedrigen Decke hängen schwarze Boxsäcke. Die Gesichter der Kursteilnehmer changieren in glänzenden Rottönen, die meisten Shirts sind längst verschwitzt.

Trainer Kevin Herrmann, offenes Lächeln, schmale Taille, breite Brust: „Aus der Schockstarre raus, tu irgendetwas, nicht zu handeln ist keine Alternative, es gibt keine zweite Chance.“ Seine Redegeschwindigkeit, macht den simulierten Ernst der Lage klar. In wenigen Sekunden liegt sein „Opfer“ auf dem Boden. „Als Nächstes könnten Tritte gegen den Kopf folgen. Leider ist das längst kein Tabu mehr“, sagt Herrmann. Hauptberuflich arbeitet er als Rettungsassistent. Nebenbei schult er besorgte Bürger in der israelischen Selbstverteidigungstechnik Krav Maga. Nach der Silvesternacht 2015 verdoppelte sich die Zahl der Teilnehmer, der Frauenanteil stieg von fünf auf 35 Prozent.

„Von Respektlosigkeit und gewalttätigen Attacken sind wir inzwischen auch betroffen“, berichtet der 24-jährige Feuerwehrmann Patrick, der sich bei Trainer Herrmann im Krav Maga ausbilden lässt. „Die Verrohung in der Gesellschaft nimmt deutlich zu“, urteilt auch ein 34-jähriger Polizist. „Und das über alle sozialen Schichten hinweg.“ Er überlegt lange, bevor er solche Sätze vorsichtig formuliert, will nicht missverstanden werden und rechte Klischees bedienen. Doch Zahlen belegen seine Einschätzung: Gab es im Jahr 2013 rund 59.000 Attacken auf Polizisten, waren es zwei Jahre darauf schon 64.400.

Diffuses Unbehagen

Der gemessen an der wirtschaftlichen Lage düstere Blick der Deutschen in die Zukunft hat viel mit der Angst vor Gewalt und Werteverfall zu tun, aber nicht nur. Bis weit in die Mittelschicht ist mittlerweile das diffuse Gefühl verbreitet, dass in Deutschland der Deal einfach nicht mehr stimmt. Inzwischen reicht das 1,8-Fache des deutschen Durchschnittsverdiensts, um den Spitzensteuersatz zu erreichen. Mit rund 53.000 Euro brutto Jahresgehalt droht zwar kein Absturz, doch ein Haus lässt sich mit diesem „Spitzenverdienst“ in vielen Ballungsräumen nicht mehr problemlos finanzieren.

„Auf dem Land hingegen fühlen sich viele Menschen von der Politik verlassen“, berichtet Wolfram Axthelm vom Bundesverband Windenergie, der häufig Bürgerversammlungen zu neuen Windparkprojekten besucht: „Da wächst der Frust, weil sich schon ewig keine Landtagsabgeordneter mehr sehen ließ, vom Bundestagsabgeordneten ganz zu schweigen.“

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Vieles, was die Bürger einst ganz selbstverständlich vom Staat erwartet haben, wird ihnen heute mit Verweis auf leere Kassen verwehrt. Umso größer dann das Unverständnis, wenn die ehemalige SPD-Politikerin Christine Hohmann-Dennhardt für einige Monate Tätigkeit im Volkswagen-Vorstand eine Abfindung von über zwölf Millionen Euro erhält. Angst und Ärger der Deutschen speisen sich aus vielen Quellen. Längst nicht alle Sorgen sind rational. Doch es war auch nicht Rationalität, die einen Donald Trump an die Macht gebracht hat. Noch ist Deutschland hinrechend weit von amerikanischen Verhältnissen entfernt. Noch ist Zeit zum Gegensteuern.

Ob Robert Kress der Stadt Suhl erhalten bleibt, ist übrigens noch offen. Er möchte hier gerne mit seiner Freundin Luisa eine Familie gründen. Außer, Luisa setzt sich durch. Sie würde gern ins Ausland gehen, am liebsten nach Dänemark oder Portugal. Hans

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