Digitalcampus der Commerzbank: Schrecklich schöne neue Bankenwelt
Der Umbau fordert die Mitarbeiter.
Foto: PressefotoFrankfurt. Thomas Müller, Thomas Müller, Thomas Müller: Wer Timo Fritz auf dem Commerzbank-Digitalcampus besucht, wähnt sich zunächst im FC-Bayern-Fanklub. Doch weit gefehlt: Dass die Commerzbanker den Flur mit Porträts des Fußballstars geschmückt haben, hat andere Gründe.
„Wir wollen, dass Unternehmen online schnell und einfach ihr Konto bei uns eröffnen können“, sagt Fritz, der die Kontoeröffnung für Firmenkunden digitalisiert. Und weil sich das mit einem lebensnahen Beispiel besser ausprobieren lässt, spielen Fritz und seine Kollegen die Anmeldung für die fiktive „Thomas-Müller-GmbH“ wieder und wieder durch – bis es klappt. Thomas Müller, Kontogott.
900 Menschen arbeiten im „Theo 106“ im Frankfurter Westen daran, die altbackene Commerzbank in einen digitalen Finanzkonzern zu verwandeln. „Wir werden die Bank einfacher, schneller und effizienter machen“ lautet das Credo von Vorstandschef Martin Zielke. Für Tausende Mitarbeiter heißt das, dass sie in Zukunft nicht mehr gebraucht werden. Andere bekommen eine neue Rolle.
Der Umbau betrifft die ganze Bank. Aber beim Firmenkundengeschäft, das mit seinen 6.600 Mitarbeitern eine wichtige Ertragssäule der Bank darstellt, ist er besonders schwierig. Viele Privatkunden sind längst daran gewöhnt, Kontostände im Netz zu überprüfen oder online Überweisungen aufzugeben. „Im Privatkundengeschäft haben Banken schneller auf die Digitalisierung reagiert“, sagt Commerzbank-Bereichsvorstand Jan-Philipp Gillmann. „Die Abläufe und Produkte im Firmenkundengeschäft sind dagegen oft komplexer.“
Deshalb ist Stephan Hüttmann umringt von Post-it-Zetteln. Die digitale Revolution beginnt auf Papier. „Wir wollen keine endlosen Anforderungskataloge formulieren, sondern zu schnellen Ergebnissen kommen“, sagt Hüttmann. Sein Team arbeitet an der digitalen Kreditvergabe für Firmenkunden. Wer ein Darlehen braucht, gibt auf der Onlinestrecke verschiedene Daten zu seiner Firma an, wie zum Beispiel Informationen zu Umsatz- und Ertragslage. Dann errechnet die Software auf der Basis von 15 000 Musterfällen die Konditionen.
Das Ziel: Über Kredite bis zu einer Million Euro soll binnen 24 Stunden entschieden werden. Schon im ersten Halbjahr 2018 soll das Angebot an den Start gehen. Bestimmen künftig Computer, wer Geld bekommt und wer nicht? „Die Entscheidung wird vorerst immer der Kundenberater treffen“, sagt Hüttmann. Was nicht ausschließt, dass eines Tages doch die Maschine entscheidet.
Hüttmann sieht die Digitalisierung als Chance. Berater sollen mehr Zeit bekommen, um sich um ihre Kunden zu kümmern. Doch die schöne neue Welt hat auch ihre Schattenseite: Bis 2020 sollen 9 600 Jobs wegfallen. Der Betriebsrat warnt: Es reiche nicht, einige Mitarbeiter im Campus begeistert an der digitalen Ausrichtung der Bank arbeiten zu lassen – während die Betroffenen darauf warten, „dass im schlimmsten Fall der Arbeitsplatz durch diese Digitalisierungsprojekte bald weg ist“.
Botschafter für die Filialen
Auch die Commerzbank-Manager wissen, dass sie ihre Mannschaft überzeugen müssen. „Die Herausforderung bei der Digitalisierung ist oft nicht nur die Technik, sondern die Kolleginnen und Kollegen dabei mitzunehmen“, sagt Gerald Ertl, der das digitale Firmenkundenprogramm leitet. Dazu schickt die Bank Botschafter in die Fläche, die Mitarbeitern vor Ort erklären, woran auf dem Campus gerade gearbeitet wird. Umgekehrt sind Ertl und seine Kollegen auf das Feedback aus der Filiale angewiesen: Was wird von Kunden nachgefragt, was ist Spielerei? „Wir sitzen hier nicht im digitalen Elfenbeinturm und erfinden schicke Apps, sondern denken immer an den Endkunden, den wir in unsere Überlegungen bereits in einem sehr frühen Stadium einbeziehen.“
Equinet-Analyst Philipp Häßler sieht die Bemühungen der Bank in Sachen Digitalisierung positiv: „Ich glaube, dass die Commerzbank die Herausforderung erkannt hat. Ob die Anstrengungen am Ende erfolgreich sein werden, muss die Zeit zeigen.“ Allerdings genüge es nicht, eine schöne Webseite zu bauen. „Wenn die Bank wirklich Geld sparen will, muss der komplette Prozess digital ablaufen.“
Dass das gar nicht so einfach ist, bekommen Commerzbanker Timo Fritz und seine Kollegen häufig zu spüren. Wenn es nach Fritz ginge, könnten Firmenkunden ihr Konto an einem Tag am Computer eröffnen. Aber es gibt eine analoge, gesetzliche Hürde: „Die Vollmachtsurkunde mit der Unterschrift des Kunden brauchen wir auf Papier. Das ist Vorschrift.“ Es gibt Dinge, die kann selbst ein Fußballgott wie Thomas Müller nicht ändern.