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Gira-Chef Dirk GiersiepenUmschalten im Kopf

Gira ist mit Schaltern und Steckdosen groß geworden. Jetzt attackieren die US-Giganten Google und Apple das klassische Geschäft des Mittelständlers mit Smarthome. Doch der Chef heißt die Angreifer sogar willkommen.Katrin Terpitz 18.12.2017 - 19:31 Uhr Artikel anhören

Führt den 112 Jahre alten Schalterhersteller in vierter Generation – ohne jemals einen Verlust gemacht zu haben.

Foto: Ja

Radevormwald. Wenn Dirk Giersiepen zu Hause das Licht anmacht, tippt er kurz auf sein Smartphone. Schon schaltet sich eine programmierte Lichtszene ein – etwa Festbeleuchtung für Gäste oder Schummerlicht zum Fernsehen. „Auch Musik passend zur Stimmung könnte ich automatisch abspielen lassen“, erzählt der Chef des Schalterherstellers Gira aus Radevormwald. „Bald geht das auch per Sprachsteuerung.“ Bisher lässt er sich von Alexa, der digitalen Assistentin von Amazon Echo, am liebsten Witze erzählen.

Von Licht über Jalousien und Türöffner bis zur Temperatur lässt sich fast alles im Smarthome zu Hause oder von unterwegs digital steuern. „Theoretisch könnte der Salzstreuer melden, bevor er leer ist. Aber nicht jeder technische Firlefanz ist auch sinnvoll“, meint Giersiepen, der die Firma mit 1.700 Mitarbeitern in vierter Generation leitet. Angefangen hat Gira vor 112 Jahren mit Schaltern und Steckdosen. Inzwischen konkurriert das Familienunternehmen mit Digitalkonzernen wie Google oder Apple um die Vorherrschaft im vernetzten intelligenten Zuhause. Smarthome macht schon ein Viertel vom Gira-Geschäft aus.

Den US-Rivalen ist Giersiepen sogar dankbar: „Sie haben ein unglaubliches Tempo beim Smarthome vorgelegt, sonst hätte es zehn Jahre länger gedauert.“ Wie Gira mit den Tech-Giganten mithalten will? „Für uns können Geschäftsfelder sehr groß sein, die für Apple oder Google sehr klein sind. Trotzdem hinterfragen wir ständig: Können wir das Feld beherrschen – oder liegt das in zwei Jahren komplett bei Google oder Apple?“

Nicht das Internet, sondern Strom war die umwälzende Innovation, als die Brüder Gustav und Richard Giersiepen 1905 eine „Fabrik von Apparaten für die elektrische Beleuchtung“ in Wuppertal gründeten. Eher aus Verlegenheit. Richard Giersiepen konnte nach einem Radunfall seinen Beruf als Bäcker nicht mehr ausüben. Stattdessen tüftelte er an einem Lichtschalter. Einen Tumbler-Schalter ließ er patentieren, was ihm sein Bruder Gustav, Dirk Giersiepens Urgroßvater, finanzierte. Heute hat Gira (GIersiepen RAdevormwald) gut 7.000 Artikel im Sortiment. Die Elbphilharmonie oder der Berliner Hauptbahnhof sind mit Gira ausgestattet.

Fast alles ist „made in Germany“

Abgesehen von Steckdosen für China ist alles von Gira „made in Germany“. Nur knapp 30 Prozent des Umsatzes macht Gira im Ausland, hauptsächlich in Österreich und den Niederlanden sowie mit Luxushotels oder -büros in Europa und Asien. Der Grund: Die elektrischen Standards unterscheiden sich von Land zu Land stark. „Das Handicap hat umgekehrt den Vorteil, dass es in unseren Kernmärkten kaum ausländische Wettbewerber gibt“, sagt Giersiepen.

Von den heimischen Wettbewerbern, die meist im Bergischen und im Sauerland sitzen, ist nur noch Jung aus Schalksmühle unabhängig. Mit dem Familienunternehmen betreibt Gira seit 1970 ein Joint Venture für Elektronikprodukte wie Dimmer. „Wettbewerber Busch-Jaeger ist wohl ein bisschen größer als wir“, meint Giersiepen. Die Lüdenscheider gehören zu ABB. (Merten gehört zum französischen Schneider-Electric-Konzern, und Berker wurde an die Hager Gruppe verkauft.)

Der Umsatz der Gira Gruppe stieg 2017 um drei Prozent auf rund 335 Millionen Euro. Derzeit wird groß gebaut in Radevormwald, ein neues Werk mit Fertigung, Logistik und Entwicklung für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. „Wir haben nie Verluste gemacht und sind stetig gewachsen“, betont der 57-Jährige. Daran änderte auch der erste Rückruf in der Geschichte nichts. Eine Million Kinderschutz-Steckdosen wurden 2016 vorsorglich zurückgerufen. „Das brachte uns mehr Respekt als Markenschaden ein“, erzählt Giersiepen erleichtert.

Dennoch ist der Unternehmer nicht nur glücklich über die krisenfreie Firmenhistorie. „Dadurch ist das Bewusstsein, sich ständig verändern zu müssen, naturgemäß nicht so groß.“ Manche im Unternehmen fühlten sich auf einer „Insel der Unantastbaren“. Da fehle es dann an der wichtigen Wachsamkeit und unternehmerischen Unruhe. Die findet der Chef woanders. Etwa im Oldenburger Softwarehaus ISE, an dem ‧Gira 2011 die Mehrheit übernahm. „Die IT-Branche hat ein viel schnelleres Veränderungstempo“, schwärmt er. Fast 100 Softwareentwickler für Smarthome arbeiten je zur Hälfte für Gira und den freien Markt. „So werden sie nicht betriebsblind und bleiben fit im Wettbewerb.“

In Köln werden Gira-Mitarbeiter in einem Inkubator für die Digitalisierung fit gemacht – bewusst abseits der Zentrale. „Start-up-Spirit muss zunächst im geschützten Raum wachsen.“ Die Führung in der Entwicklung hat er mit Software- und ‧Digitalexperten neu besetzt. „Sonst können wir nicht mit dem Tempo von Google oder Apple mithalten. Wir müssen hellwach bleiben.“ Daneben unterstützt Gira einen Accelerator für Smarthome-Gründer, der im Frühjahr in Dortmund startet.

„Gira ist bei der Digitalisierung ein Vorreiter“, bestätigt Marko Röhrig von der IG Metall Remscheid. Das Unternehmen habe sich vom Schalterhersteller ständig weiterentwickelt und neue Arbeitsplätze geschaffen. Wer bei Gira arbeite, befinde sich auf der „Insel der Glückseligen“. Dirk Giersiepen sei als Unternehmer vorausschauend, sozial engagiert und habe ein Ohr für die Belegschaft.

Walter Mennekes, Chef des gleichnamigen Steckerspezialisten, sieht im Unternehmer Dirk Giersiepen den klassischen Vorwärtsverteidiger. Zäh und erfolgreich verteidige er den zentralen Wert des traditionellen Familienunternehmens: Qualität. Die Zukunft greife er an unter der Maxime Innovation.

Werbung vor der „Tagesschau“

Betriebswirt Giersiepen hat in Köln studiert. Seitdem ist er ein „treuer und leidensfähiger“ Fan des FC. Am Wochenende stehen er und seine Frau mit Schal im Stadion. „Sie ist noch fußballverrückter als ich.“ Zwei Jahre arbeitete Giersiepen beim Haushaltsgerätebauer Krups in Solingen. „Das war für mich lehrreicher Anschauungsunterricht, wie sich ein Familienunternehmen mit bärenstarker Marke durch Streit der Gesellschafter selbst zugrunde richtet.“ Krups wurde an Moulinex verkauft.

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Gira mit seinen rund 20 Gesellschaftern soll das nicht passieren. „Wir beziehen auch die fünfte Generation früh mit ein, bilden sie weiter.“ Wer und ob jemand aus der Familie einmal die Führung übernimmt, ist offen. Eine Leitlinie gibt es: „Gewinne lassen wir stehen, damit wir nicht erpressbar werden – weder von Kunden noch von Lieferanten.“

Deshalb schaltet Gira seit einigen Jahren Werbung vor der „Tagesschau“, obwohl die Firma eigentlich den Elektrogroßhandel beliefert. Der aber konzentriere sich immer stärker. Markenbekanntheit bei Millionen Endkunden werde deshalb immer wichtiger. Im TV-Spot wird ein junges Liebespaar von Kindern gestalkt, die Jalousien vom Garten aus per Tablet hochfahren. Das ertappte Pärchen rächt sich, indem es mit einem Klick den Rasensprenger anstellt und die Kids durchnässt. Giersiepen: „Smarthome ist heute eben kinderleicht.“

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