Digitalmacht China: Von der Werkbank der Welt zur Tech-Elite
Chinesische Technologiefirmen fordern das Silicon Valley heraus.
Foto: HandelsblattWährend die globale Wirtschaftselite nach Davos pilgert, lässt Jack Ma seine Unterhändler ausschwärmen. Im Stillen bereitet der Gründer des chinesischen Handelsgiganten Alibaba eine Revolution des globalen Handels vor. Mit einem Team von engen Mitarbeitern bereist er seit Monaten die Hauptstädte dieser Welt, um für sein Prestigeprojekt zu werben.
Electronic World Trade Platform, kurz eWTP, ist der etwas sperrige Name für eine neue Form des grenzüberschreitenden Handels. Der Name steht für einen disruptiven Ansatz in den weltweiten Handelsströmen. Ma will eine globale Onlinehandelsplattform schaffen, inklusive Warenlieferung innerhalb weniger Tage. Am Ende soll jeder Händler mit jedem Kunden weltweit Geschäfte machen können – das geht weit über die Möglichkeiten etwa von Amazon hinaus. Sein Versprechen: Von dem Modell sollen vor allem Firmen profitieren, die es sich nicht leisten können, globale Warenströme effizient zu organisieren. „Wir wollen kleinen und mittelständischen Firmen helfen“, sagt der Alibaba-Chairman.
eWTP ist eine dieser Ideen, die auf globalen Wirtschaftsforen noch vor wenigen Jahren belächelt worden wären. China galt als die Werkbank der Welt. Niemand hätte revolutionäre Ideen aus der Volksrepublik ernst genommen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute sind es Firmen wie Alibaba, der Kommunikationskonzern Tencent und der Suchmaschinenbetreiber Baidu, die führende Technologien entwickeln und durchsetzen. Das einstige Entwicklungsland China wird zur Brutstätte für globale Spitzenfirmen. Der Aufstieg von Tencent und Alibaba in den Club der Tech-Firmen mit einem Börsenwert von mehr als 500 Milliarden US-Dollar ist nur der jüngste Schritt in dieser Entwicklung.
„Die wertvollsten Unternehmen der Welt haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind Internetkonzerne und verfügen inzwischen über eine Markt- und Datenmacht, die die wenigsten vor ein paar Jahren für möglich gehalten hätten“, sagt Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries über die Angreifer aus China und ihre Rivalen in den USA.
2017 war das Jahr der Aufsteiger aus China. Jack Ma konnte Quartal für Quartal die Erwartungen von Analysten übertreffen. Seine Onlinemarktplätze florieren. Gleichzeitig lässt er das Geschäft mit dem mobilen Bezahlen weit über die chinesischen Grenzen hinweg ausdehnen. Mittlerweile ist das Bezahlsystem Alipay auch in Deutschland in der Fläche angekommen. Nicht mehr nur an Flughäfen, sondern bereits an der Kasse von Rossmann lässt sich mit der App von Jack Ma bezahlen. Die Umsätze des Konzerns dürften im vergangenen Jahr um mehr als 50 Prozent gestiegen sein, kündigte die Firma an.
An der Wall Street wird Jack Ma dafür gefeiert. Im vergangenen Jahr belohnten ihn die Anleger mit einem Kursanstieg um 96 Prozent. Damit lag er weit vor den auch üppigen Wertsteigerungen der US-amerikanischen Technologiefirmen.
Doch ein Unternehmer vermochte selbst Jack Ma zu toppen: sein chinesischer Rivale Pony Ma. Auch wenn beide den gleichen Familiennamen tragen, sind sie nicht verwandt, sondern erbitterte Konkurrenten. Pony Ma führt das Technologieunternehmen Tencent, das mit Onlinespielen und Kurzmitteilungsdiensten wie dem WhatsApp-Pendant WeChat ein Imperium aufgebaut hat. Die Plattform verbindet fast eine Milliarde Menschen. Und damit kann Pony Ma nach Belieben seine Kunden auf neue Dienstleistungen lenken, die seine Unternehmen bereitstellen.
Die wichtigste Funktion in dem Produktkosmos ist das mobile Bezahlen. WeChat Pay ist dem Konkurrenten von Jack Ma auf den Fersen. In Deutschland lässt sich mit dem Dienst bereits in vielen Geschäften bezahlen. Und dabei könnte der globale Erfolg erst am Anfang stehen. Die Börse ist jedenfalls vom Siegeszug von Tencent überzeugt. 2017 verschafften die Anleger Pony Ma großen Aufwind. Der Börsenwert von Tencent kletterte um 114 Prozent.
Der Grund für den Erfolg liegt zu einem großen Teil bei den innovativen Ideen, die chinesische Entwickler hervorbringen. Schon drei Jahre vor Whats‧App führte WeChat Audio- und Videoanrufe ein. Das mobile Bezahlen per Alipay und WeChat Pay setzt Maßstäbe selbst im Vergleich zu Apple Pay. „China ist in vielen Zukunftstechnologien führend, zum Beispiel bei 5G-Telekommunikation, Onlinehandel und auch künstliche Intelligenz“, sagt Jost Wübbeke, Programmleiter Wirtschaft am Berliner Chinaforschungsinstitut Merics.
Der Grund für den Erfolg liegt auch bei der chinesischen Regierung. Peking hatte bereits in den frühen 2000er-Jahren den Netzausbau in China massiv vorangetrieben. Nur so wurde aus dem einstigen Entwicklungsland in kürzester Zeit die größte Onlinenation der Welt. Und die mehr als 700 Millionen Internetnutzer bilden die Basis für das schnelle Wachstum von Tencent und Alibaba.
Gleichzeitig schottete Peking seinen Markt ab. Tencent und Alibaba konnten florieren, weil es internationale Konkurrenten in China schwer haben. Facebook, Twitter und viele andere Websites sind gesperrt. Google zog sich nach Jahren zurück, weil sich die Geschäftsführung in den USA nicht länger der Zensur von Peking beugen wollte. Und Jack Ma konnte die Macht des Großinvestors Yahoo in seiner Firma weit zurückdrängen, weil ein neues Gesetz die Beteiligungsmöglichkeiten ausländischer Investoren an chinesischen Technologiefirmen einschränkt.
Massives Investitionsprogramm
Huang Meng, Chef des chinesischen Datenunternehmens Syntun, räumt ein, dass die Firmen natürlich von der staatlichen Unterstützung profitiert haben. Vielen internationalen Konzernen fiel es schwer, im chinesischen Markt Fuß zu fassen – zum Teil, weil sie sich nicht an lokale Präferenzen angepasst hatten, zum Teil, weil ihnen bestimmte Sektoren versperrt waren.
In der deutschen Bundesregierung wird das Wachstum der chinesischen Tech-Riesen zunehmend mit Sorge betrachtet. Außenminister Sigmar Gabriel warnte vor Kurzem in seiner Rede bei der Digitalkonferenz DLD in München vor einer Übermacht Chinas und rief Europa dazu auf, eine Vision von Europa als globalem Champion digitaler Innovation zu entwickeln. „Wir befinden uns an einem Wendepunkt, einer prägenden Phase für die Welt von morgen“, sagte Gabriel.
China hat unter Staatspräsident Xi Jinping mit einem massiven Investmentprogramm in die neuesten Technologien begonnen. „Die staatlich kontrollierten Unternehmen gedeihen hinter einer schützenden Chinesischen Mauer, während der 1,3 Milliarden Menschen große Markt einen fruchtbaren Boden für alle möglichen Big-Data-Unternehmen bietet“, sagte Gabriel. China hat angekündigt, bis 2025 zehn globale Tech-Marktführer zu schaffen. „Das ist quasi um die Ecke“, warnte er. Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte in ihrer Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos davor, dass Europa sich auf die Zukunft ausrichten müsse – und dazu gehöre vor allem der Ausbau des digitalen Binnenmarktes.
Bisher spielt Deutschland auf dem Markt der globalen Technologiefirmen nur eine untergeordnete Rolle. Unter den weltgrößten Konzernen der Branche ist kein einziges europäisches Unternehmen. Auch in Zukunft dürfte sich das aus heutiger Sicht absehbar nicht ändern. Nur ein Bruchteil der sogenannten Einhörner unter den neu gegründeten Unternehmen, also jene, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden, stammt aus Europa.
Die große Sorge in der deutschen Wirtschaft und Politik ist auch, wie die chinesischen Unternehmen, die immer mehr auf den europäischen Markt vordringen, mit Daten umgehen. Den Einstieg von Alipay in Deutschland sieht Hubert Lienhard, Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, durchaus kritisch: „Damit haben chinesische Unternehmen ja zwangsläufig eine ungeheure Datenmenge über deutsche Firmen und die Situation in Deutschland“, sagte er am Donnerstag in Berlin. „Die Welt ist heute so vernetzt, dass es keine Garantien gibt, wo genau die Daten sind. Daran müssen wir arbeiten.“ Das sieht Wirtschaftsministerin Zypries genauso: „Wir müssen mit einem modernen Kartellrecht Wettbewerb sichern, die Rechte der Verbraucherinnen und Verbraucher schützen und dafür sorgen, dass Internetkonzerne angemessene Steuern zahlen.“
Auch auf Ebene der EU steht das Thema auf der Tagesordnung. „Die Konkurrenz ist hart, auf anderen Kontinenten werden Milliarden investiert in künstliche Intelligenz oder auf anderen Gebieten wie der Quantentechnologie“, sagte Andrus Ansip, für Digitalpolitik zuständiger Vize-Präsident der EU-Kommission.
Er plädiert dafür, im EU-Haushalt künftig mehr Geld für die Forschungsförderung bereitzustellen, und drängt die EU-Staaten, den Weg für einen digitalen Binnenmarkt freizugeben. So will die Kommission die Vergabe der Mobilfunkfrequenzen eng koordinieren und die Gültigkeit der Lizenzen verlängern, um Investoren für den flächendeckenden Ausbau des schnellen Internets zu gewinnen.
Etliche Staaten wehren sich dagegen, sie befürchten weniger Einnahmen bei der Lizenzversteigerung. Angesichts einer drohenden Investitionslücke von gut 150 Milliarden Euro, sagt Ansip, sei aber eines klar: „Wir müssen unsere Regeln ändern.“ „Aus irgendeinem Grund denken manche Länder, beim Netzausbau brauchen die Investoren keine Planungssicherheit.“
Deutschland komme eine besondere Bedeutung bei der Schaffung des digitalen Binnenmarktes zu: „Deutschland ist das einflussreichste Land, wenn es bereit zu Entscheidungen ist, nehmen die anderen das ernst.“ Doch während Europa um eine gemeinsame Position ringt, schafft China Tatsachen. Geht das so weiter, ist das Wettrennen schon entschieden.