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Kult-KofferherstellerWie der Luxuskonzern LVMH Rimowa umkrempelt

Der Luxuskonzern LVMH zieht bei Rimowa seine radikale neue Vertriebsstrategie durch. Nach dem ersten Schock suchen nun viele Händler Alternativen.Georg Weishaupt 26.05.2018 - 20:40 Uhr Artikel anhören

Der Klassiker wird von Reisenden in aller Welt geschätzt.

Foto: CC / Jian Wei Huang

Köln. Schnell greift sich Rex die zwei gebogenen Metallleisten und befördert sie mit einer Drehbewegung zu einer Apparatur. Dann fährt aus dem Kopf des orangefarbenen Ungetüms ein dünner Arm, der die silbernen Leisten zusammenschweißt. Roboter Rex gehört zu den zahlreichen Automatisierungsmaschinen, die Rimowa in Köln bei der Produktion der berühmten Rillenkoffer aus Aluminium einsetzt.

Die Roboter in der Vorfertigung sollen die Prozesssicherheit in der Produktion der Rimowa-Koffer steigern, wie das Unternehmen versichert. Bei der Endmontage dagegen, erzeugen Arbeiter in blauen T-Shirts mit dem Aufdruck „Germany since 1898“ mit ihren Hämmern einen Höllenlärm. Dort ist noch vieles Handarbeit, unterbrochen durch Qualitätskontrollen.

Historie Rimowa
Paul Morszeck startet eine Koffermanufaktur, die Koffer- und Lederfabrik in Köln-Müngersdorf. Er fertigte sie vor allem aus Holz und warb schon auf einem Plakat mit der Leichtigkeit der Bauweise. Die berühmten Rillenkoffer aus Aluminium, die zum internationalen Markenzeichen des Unternehmens aus Köln geworden sind, waren anfangs kein Thema für die Koffermanufaktur aus der Domstadt.
Sein Sohn Richard Morszeck produziert den ersten Überseekoffer aus Leichtmetall. Er lässt sich den Namen Rimowa als Ableitung von Richard Morszeck Warenzeichen patentieren.
Das Kölner Unternehmen fertigt seine ersten Aluminiumkoffer mit der berühmten Rillenoptik. Er wirbt mit dem Slogan: „Luftkoffer federleicht und stabil“. Er lässt sich vom Rumpf des ersten Metallflugzeugs, der Junkers F13, inspirieren.
Dieter Morszeck, Sohn von Richard Morszeck, startet im Unternehmen. Er bringt vier Jahre später die ersten wasserdichten Leichtmetallkoffer auf den Markt. Mit denen reisen in den folgenden Jahren vor allem Fernseh- und Filmcrews gerne durch die Welt.
Er produziert die ersten Koffer aus Polycarbonat und ein Jahr später Reisegepäck mit kugelgelagerten Rollen.
Der Umsatz steigt im Geschäftsjahr 2016 laut Bundesanzeiger von 350 auf 438 Millionen Euro. Der wichtigste Markt ist Deutschland mit einem Umsatz von 141 Millionen Euro. Danach folgen Asien mit 139 sowie das europäische Ausland mit 98 und Amerika mit 60 Millionen Euro. Das betriebliche Ergebnis – Rohgewinn abzüglich Personalaufwand, Abschreibungen und sonstigen betrieblichen Aufwendungen – sank vor allem wegen deutlich gestiegener Personalkosten und Abschreibungen um 62 Prozent auf knapp 15 Millionen Euro. Rimowa beschäftigte knapp 2 000 Mitarbeiter, davon 1 331 in der Produktion in seinen drei Werken in Köln (Alukoffer), Tschechien (Polycarbonat-Koffer) und Kanada (Alu- und Polycarbonat-Koffer für den nordamerikanischen Markt). Im Stammwerk in Köln-Ossendorf produziert Rimowa etwa 5 000 Alukoffer pro Woche, kann aber seine Kapazität auf 15 000 Koffer hochfahren.
Der französische Luxuskonzern LVMH übernimmt 80 Prozent der Anteile an Rimowa. Alexandre Arnault, der Sohn des LVMH-Eigentümers, und Dieter Morszeck, der Enkel des Unternehmensgründers, führen das Unternehmen gemeinsam. Morszeck will so, da es keine Nachfolge aus seiner Familie gibt, die Zukunft des Unternehmens sichern. Er nennt in einer offiziellen Stellungnahme zum Verkauf an den französischen Luxuskonzern „die attraktiven Entwicklungsmöglichkeiten und unsere gemeinsamen Werte“ als Grund für den Deal.

Denn viele Händler machen bis zu 45 Prozent ihres Umsatzes mit der Kultmarke. Doch nach der Schockstarre und wütenden Protesten suchen viele jetzt Alternativen. Konkurrenten von Rimowa sehen eine günstige Gelegenheit, die Lücke zu füllen.

„Für uns ist der Strategiewechsel von Rimowa eine große Chance, unsere Beziehungen zu den Händlern in Deutschland zu vertiefen“, sagt Samsonite-Chef Arne Borrey im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er habe mit den Marken Samsonite und Tumi „starke Alternativen zu Rimowa“, wirbt der Chef des weltgrößten Kofferherstellers um frustrierte Händler der Kölner.

Denn viele der heutigen 550 Rimowa-Händler in Deutschland werden künftig nicht mehr die Luxuskoffer verkaufen dürfen. Nach der Generalkündigung für alle am 14. März konnten sich die Händler zwar bis zum 15. Mai neu bewerben. Doch die neuen Hürden sind hoch. So müssen sie künftig pro Laden einen Mindesteinkaufswert von 200.000 Euro pro Jahr schaffen – das entspricht mehr als 550 verkauften Koffern.

„Diesen Mindesteinkaufswert pro Laden wird höchstens ein Fünftel der Händler erreichen“, urteilt Joachim Stoll, Vizepräsident des Lederwarenverbandes. Das heißt: Rund 400 Einzelhändlern in Deutschland bricht ein wichtiger Teil ihres Geschäfts spätestens Ende September weg, wenn der Vertrag mit Rimowa endet.

Seit 1989 ist er Vorstandschefs des Luxusgüterkonzerns LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton: Bernard Arnault. Auf den Chefsessel gelangte der Milliardär, indem er die Mehrheitsanteile an LVMH erwarb und sich kurzerhand selbst als Präsident einsetzte – gegen den Willen der Vuitton- und Hennessy-Familienmitglieder.

Foto: dpa

Erst zwei Jahre zuvor war der Konzern 1987 durch eine Fusion der Unternehmen Louis Vuitton und Moët Hennessy entstanden. Moët Hennessy wiederum entstand selbst erst 1971 aus einem Zusammenschluss des Champagnerherstellers und Marktführers Moët & Chandon (seit 1743) und ...

Foto: dpa

... dem ebenfalls französischen Cognac-Brenner Hennessy, gegründet 1765.

Foto: AP

Neben weiteren Champagnermarken gehört auch der berühmte Dom Pérignon zu Moët & Chandon. Seine Bekanntheit verdankt die Marke unter anderem durch wiederholte Auftritte in James-Bond-Filmen.

Foto: AP

Auch Weine gehören selbstverständlich zum exklusiven LVMH-Portfolio. Das Weingut Château d’Yquem im Bordeaux ist dabei gleichzeitig die älteste Marke des Konzerns, seine Geschichte reicht bis ins Jahr 1593 zurück. Auch der laut Kritikern beste Sauvignon Blanc der Welt, der „Cloudy Bay“ aus Neuseeland, ist mittlerweile ein LVMH-Produkt.

Foto: Creative Commons CC BY-SA 2.0

Rum, Wodka, chinesischer Schnaps: Das LVMH-Spirituosenangebot ist breit aufgestellt. Auf dem Whiskeymarkt sind die Franzosen seit 2004 mit der schottischen Single-Malt Marke Glenmorangie und dem zu Glenmorangie gehörenden Ardbeg vertreten.

Foto: Handelsblatt

Aufgrund der guten Zahlen will LVMH die Dividende um 25 Prozent auf fünf Euro pro Aktie anheben.

Foto: Reuters

...den Kölner Kofferhersteller Rimowa. Der mehrfach ausgezeichnete Hersteller aus dem Hochpreis-Segment stellt unter anderem regelmäßig Sonderserien für die Lufthansa oder Porsche her.

Foto: dpa

Und dann wäre da noch Dior – und eine Reihe komplizierter Besitzverhältnisse. So gehört die Modemarke Dior nicht zu LVMH, sondern zur Aktiengesellschaft Christian Dior. Diese wiederum hält allerdings die Mehrheitsanteile an LVMH. Und die Christian Dior S.A. gehört wiederum wem? Genau: LVMH-Chef Bernard Arnault. Wem das noch nicht kompliziert genug ist: Die Parfümsparte Parfums Christian Dior S.A. gehört nicht zur Christian Dior S.A., sondern zu, natürlich: LVMH.

Foto: AFP

Im umsatzwichtigen Segment der Parfüms und Kosmetika sind neben Dior zahlreiche weitere bekannte Marken vertreten. So gehört dem Konzern beispielsweise der seit 1828 bestehende französische Kosmetikkonzern Guerlain. Hersteller wie Givenchy, Kenzo oder Bulgari zählen auch in anderen Segmenten zum LVMH-Portfolio.

Foto: dpa

Bulgari ist weniger als Kosmetikmarke, sondern vielmehr als drittgrößter Schmuckhersteller der Welt bekannt. Auch als Uhrenhersteller ist der italienische Luxusgüterhersteller, seit 2011 zu hundert Prozent im Besitz von LVMH, aktiv.

Foto: dpa

Auch der 150 Jahre alte, mehrere Patente von Weltrang haltende Schweizer Uhrenhersteller TAG Heuer gehört zum französischen Luxuskonzern. TAG Heuer ist für zahlreiche prominente „Botschafter“ wie Leonard DiCaprio oder Cristiano Ronaldo bekannt. Weitere prominente Uhrenhersteller im Besitz der Franzosen sind Dior Watches, Zenith und Hublot.

Foto: AFP

Sogar ganze Kaufhäuser besitzt LVMH. So befindet sich das älteste Warenhaus der Welt, das 1838 in Paris eröffnete Le Bon Marché, im Besitz des Konzerns. Heute ist es, natürlich, ein Luxuskaufhaus – beziehungsweise ein „High-End Departement Store“.

Foto: Creative Commons CC BY-SA 2.0

Direkt gegenüber des Le Bon Marché besitzt LVMH mit dem La Grande Épicerie de Paris außerdem das größte Feinkostgeschäft in Paris. Das Haus verfügt über einen Weinkeller, acht Restaurants und bietet über 5000 Produkte aus aller Welt an. Zu LVMH gehört auch die Duty-Free-Luxusshops in aller Welt unterhaltende DFS Group, die Kosmetikkette Sephora und die Starboard Cruise Services – ein Betreiber von Luxusgeschäften auf Kreuzfahrtschiffen.

Foto: Reuters

LVMH besitzt außerdem unter anderem einen Freizeitpark, einen Yachtenbauer, einen Radiosender – und die größte Finanzzeitung Frankreichs. Die „Les Echos“ wurde 2007 der britischen Mediengruppe Pearson für 240 Millionen Euro abgekauft.

Foto: AFP

Der radikale Bruch des traditionsreichen Familienunternehmens aus Köln mit den angestammten Partnern im Handel hängt mit der neuen Eigentümerstruktur zusammen. So hat der französische Luxuskonzern LVMH Anfang vergangenen Jahres 80 Prozent von Rimowa übernommen.

Der LVMH-Großaktionär Bernard Arnault will Rimowa auf dasselbe anspruchsvolle Niveau heben wie seine anderen Luxusmarken, zu denen Louis Vuitton, Fendi und Dior zählen. Dazu gehört auch eine exklusive Vertriebsstrategie.

Wie ernst Arnault das Rimowa-Projekt nimmt, zeigt die Tatsache, dass er seinen Sohn Alexandre nach Köln geschickt hat, um das Unternehmen gemeinsam mit dem bisherigen Alleininhaber Dieter Morszeck zu führen.

Der heute 65-jährige Kölner Unternehmer und Luftfahrtenthusiast stieg als Nachfolger vor mehr als vierzig Jahren in das 1898 gegründete Familienunternehmen ein. Er machte aus dem mittelständischen Kofferhersteller eine internationale Lifestylemarke. So wurde aus dem Bedarfsartikel für die Reise ein Lifestyleobjekt.

Er nutzte den Bekanntheitsgrad des Rillenkoffers, die sich aus dem Namen des Gründersohnes Richard Morszeck (RIchard MOrszeck WArenzeichen) ableitet, der 1937 den ersten Koffer aus Leichtmetall auf den Markt brachte. Er baute auf das Image der Marke, die bereits 1950 den ersten Aluminium-Koffer mit Rillen verkaufte.

Neues Führungsduo in Köln.

Foto: Getty Images

Auch Dieter Morszeck entwickelte zahlreiche Innovationen: vom ersten wasserdichten Leichtmetallkoffer, der bei Fotografen und Fernsehcrews zum Standard wurde, bis zum Electronic-Tag. Mit dem elektronischen Kofferanhänger können Reisende mit dem Smartphone von zu Hause aus einchecken.

Und er hatte den Mut, mit der Marke nach China zu gehen. „Ihm ist es gelungen, bei der Expansion nach Asien mit Rimowa dort gleich als Luxusmarke zu starten“, sagt Stoll vom Lederwarenverband.

Anders als in Deutschland: Dort hat sich die Marke erst über viele Jahrzehnte zum Luxusprodukt entwickelt. Viele mittelständische Händler wie Offermann in Köln oder Brecklinghaus in Essen haben dazu beigetragen, dass die Marke zu einer festen Größe in der Reisebranche wurde.

Umso größer ist der Unmut im Fachhandel, dass Rimowa die Kriterien für seine Händler, die die Marke groß gemacht haben, drastisch nach oben schraubt. Sie müssen nicht nur den hohen Mindestumsatz erreichen, sondern auch noch zwei Topmarken führen, zu denen Gucci oder Prada gehören. Außerdem müssen sie das Shop-in-shop-System von Rimowa kaufen und dafür mindestens 20 Quadratmeter Platz im Laden freiräumen.

Viele Händler werden an diesen Hürden des französischen Luxuskonzerns scheitern. „Das ist bitter für den Fachhandel“, sagt ein Händler, der nicht genannt werden möchte. Für viele sei das ein brutaler Einschnitt, weil manche einen Großteil ihres Umsatzes mit Rimowa erzielen.

Sie müssen die Lücke mit anderen hochwertigen Marken besetzen. „Wir führen derzeit Gespräche mit dem einen oder anderen alternativen Lieferanten“, verrät Siegfried Despineux, Geschäftsführer von Assima in Neuss, einem großen Einkaufsverband für Lederwaren.

Luxusmarkt

Kündigungswelle – Kofferhersteller Rimowa schockt die Händler

Darüber freut sich Samsonite-Chef Arne Borrey. „Ich kenne viele Familienunternehmer im Lederwarenhandel persönlich“, erzählt er. „Ich sage denen, habt keine Angst, wir können Euch viel bieten von der Unterstützung beim Marketing über Schulungen bis zu Shop-in-Shop-Konzepten.“

Denn der Markt wächst weiter. Die Ausgaben der Deutschen für Reisen sind im vergangenen Jahr um knapp neun Prozent nach Angaben der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen FUR auf gut 73 Milliarden Euro gestiegen.

Davon wollen auch Branchenfremde profitieren. So verkauft etwa auch Peek & Cloppenburg (P&C) aus Düsseldorf seit vergangenem Jahr Koffer von Tommy Hilfiger, Samsonite und Brics in Frankfurt, Berlin und Düsseldorf.

Die neuen Rimowa-Eigentümer müssen sich also schon etwas einfallen lassen, um sich vom Markt abzuheben. Bisher sei die Marke vor allem „für den nicht erfreulichen Teil einer Reise“ bekannt, wie den Transport von Zuhause zum Hotel, sagte Alexandre Arnault auf einer Luxuskonferenz.

Die Marke müsse in Zukunft zusätzlich andere, erfreuliche Accessoires rund um das Thema Reise anbieten. Bald sollen Koffer in neuem Design mit dem neuen reduzierten Rimowa-Logo auf den Markt kommen. Mehr ist noch nicht bekannt.

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Von der neuen Strategie werden aber künftig nur noch Händler profitieren, die die neuen, strengen Vertriebsbedingungen erfüllen. Doch selbst diejenigen, denen das leicht fallen sollte, wollen sich nicht öffentlich äußern.

Unternehmen wie Breuninger mit großen Häusern in Stuttgart und Düsseldorf dürften damit keine Probleme haben, denn sie führen bereits erfolgreich Luxusmarken mit selektivem Vertrieb wie Hermès und Bottega Veneta. Aber kleinere Händler müssen noch zittern oder sich schon mal anderweitig umschauen. Denn wer künftig Rimowa verkaufen darf, wird sich voraussichtlich erst in ein paar Monaten klären.

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