Arbeitsmarkt: Praktikum – und dann? So behalten Berufseinsteiger den Fuß in der Tür
Düsseldorf. Nein, so richtig hip ist Microsoft noch immer nicht. Bill Gates’ Nickelbrille und angestaubte Windows-Kacheln bestimmen immer noch das allgemeine Bild. Auch Christian Diemers bricht nicht in Jubel aus: Der Microsoft-Browser Edge zum Beispiel sei nicht gerade das, wovon man als Web-Entwickler träume, lässt er durchblicken.
Dabei tritt Diemers als Botschafter von Microsoft auf. Oder wie es in der Firmensprache heißt: Er ist Microsoft Student Partner. Diemers veranstaltet in seiner Uni Workshops, Studententreffen und Hackathons, in denen die Teilnehmer über Softwarelösungen grübeln. Vor einigen Monaten hat er eine Cloud-Konferenz auf die Beine gestellt, 120 Interessierte kamen. Das macht der 23-Jährige alles freiwillig.
Microsoft unterstützt seine Projekte zwar, aber bezahlt Diemers nicht – einen Vertrag hat er auch nicht. Der Student investiert dafür seine Freizeit abends und am Wochenende. In einem Semester kann der Zeitaufwand schon mal 100 Stunden betragen. „Man muss Bock darauf haben, sich in der Freizeit mit diesen Themen zu beschäftigen“, sagt Diemers, der an der TU München Games Engineering im siebten Semester studiert.
Und dann gebe es da noch die absoluten Highlights. Jedes Jahr werden einige Student Partner zur großen Entwickler-Konferenz von Microsoft nach Seattle eingeladen. „Letztes Jahr hatte ich das Glück, hinfliegen zu dürfen.“ Diemers geht kritisch mit den Microsoft-Produkten ins Gericht, aber er ist dennoch ein Werbeträger, ein Multiplikator, der die Programme, Plattformen und Services der Amerikaner in die Studentenschaft trägt, sie bekannter macht.
Microsoft hat Deutschland in vier Teile aufgesplittet: Nord, Süd, West und Ost, in jedem steht den Student Partners ein direkter Ansprechpartner zur Verfügung. So ähnlich verfährt der Software-Konzern in über 100 anderen Ländern weltweit. Mitmachen könne im Prinzip jeder, so Diemers, solange er sich reinhängt und etwas beizusteuern hat. Das Microsoft-Programm gibt es seit 2001, es ist damit ein Klassiker unter den Studentenbindungsprogrammen von Unternehmen.
Organisiertes Dranbleiben
Solche Nachwuchs-Bindungsprogramme sind im „War for Talents“ Waffen, die mit großer Präzision treffen. Chefs können damit vielversprechende Studenten und Praktikanten frühzeitig an sich binden, das spart ihnen Zeit und Kosten bei der Personalsuche. Den Teilnehmern wiederum bieten diese Programme einen geschmeidigen Berufseinstieg. Sie sind die beste Grundlage, um nach einem erfolgreichen Praktikum mit einem Arbeitgeber in engem Kontakt zu bleiben.
Alle anderen müssen selbst aktiv werden und dafür sorgen, dass sie im Gespräch mit einem interessanten Arbeitgeber bleiben. Denn üblicherweise enden die Schnuppereinsätze ja stets dann, wenn es eigentlich erst richtig losgeht: Nach drei oder sechs Monaten sitzt der Praktikant endlich fest im Sattel, hat Routine bekommen – und dann soll schon alles vorbei sein? Zu wertvoll sind all die frisch geknüpften Kontakte, um sie einfach abreißen zu lassen.
Und zu spannend sind all die mit angeschobenen Projekte, um sie danach nicht weiterzuverfolgen und sich nach ihrem Erfolg bei den Ex-Kollegen zu erkundigen. Ein sehr guter Anknüpfungspunkt, um mal wieder „hallo“ zu sagen. Wer sich im Praktikum richtig ins Zeug gelegt hat, kann also möglicherweise bei einem Bindungsprogramm einsteigen. Unternehmen aller Branchen haben diese aufgesetzt, um mit exzellenten Ex-Praktikanten in Kontakt zu bleiben.
Beim „Future Minds Students Program“ des Münchner Elektrokonzerns Siemens zum Beispiel, „Bonding the Best“ der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Deloitte oder „students@bosch“ des Stuttgarter Elektronikherstellers können Studenten in speziellen Seminaren ihre Qualifikationen erweitern und auf Netzwerkveranstaltungen Unternehmensmitarbeiter und andere Teilnehmer kennenlernen.
Hier reinzukommen ist allerdings nicht so einfach: Insgesamt sind nur 17 Prozent aller Praktikanten über Alumni-Netzwerke mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber verbunden.
Das hat die Münchner Beratungsagentur Clevis in ihrem Praktikantenspiegel 2018 ermittelt. Vermutlich ist diese Zahl noch viel zu hoch gegriffen, denn an der Clevis-Umfrage beteiligten sich vor allem mittlere und große Firmen, kleine dagegen nicht. Auf breiter Front durchgesetzt haben sich Bindungsprogramme also noch nicht. Aber immer mehr Unternehmen entdecken ihren Nutzen. Bei Adidas zum Beispiel hat man das auf den ersten Blick gar nicht nötig.
Immerhin landen Tausende Bewerbungen jedes Jahr bei der Personalabteilung in Herzogenaurach – nur für Praktika wohlgemerkt. 800 Bewerber freuen sich letztlich über eine Zusage.
Die Marke mit den drei Streifen gehört zu den populärsten Arbeitgebern des Landes, speziell die Jüngeren fahren auf den fränkischen Sneaker-Hersteller ab. Sie schätzen an Adidas besonders die internationale Ausrichtung. Auslandspraktika sind zum Beispiel in Amsterdam, Portland oder am Reebok-Hauptsitz in Canton bei Boston möglich.
Der Sportartikelmarkt ist global, die Adidas- Standorte sind es auch, ein attraktives Gesamtpaket für Schnupperstudenten. Und doch will Adidas den Kontakt zu herausragenden Ex-Praktikanten intensivieren, verriet eine Sprecherin gegenüber Handelsblatt Karriere. Man arbeite momentan daran, den Umgang mit Ex-Praktikanten zu vereinheitlichen und zu zentralisieren. Auch ein Bindungsprogramm soll Bestandteil der neuen Strategie werden.
Noch beliebter als Adidas ist die Berliner August Storck KG, die Karamellbonbons, Schokoschnitten und Schaumküsse herstellt. Im Rahmen des Praktikantenspiegels 2018 gaben die 5.183 Befragten Storck im Schnitt 6,65 von zehn Punkten. Damit landete der Süßwarenhersteller auf Rang 1 der beliebtesten Arbeitgeber von Praktikanten.
Adidas erzielte 5,06 Punkte. „Der wesentliche Grund für das gute Abschneiden ist, dass wir Praktikanten ernst nehmen, sie mit sinnvollen Aufgaben betrauen und wir das, was sie dann auch Sinnvolles leisten, angemessen vergüten“, sagt Sprecher Bernd Rößler.
Zudem organisiert der Süßwarenhersteller Praktikantenstammtische oder Werksbesichtigungen, um die Neuen an das Unternehmen heranzuführen. Ein Bindungsprogramm hat Storck zwar nicht, aber ein Sprungbrett kann das Praktikum sehr wohl sein. Ungefähr ein Viertel aller Praktikanten werde übernommen, wenn auch nicht immer unmittelbar nach Praktikumsende.
„Wenn man bekundet, an einer Festanstellung interessiert zu sein, wird sich irgendwann die Chance ergeben“, so Rößler. Praktikanten müssten Kontakt halten, sich fortwährend in Erinnerung rufen. „Da sollte man keine Hemmungen haben“, rät der Firmensprecher Nachwuchskräften.
Exklusive Jobofferten
Weit weg von einer attraktiven Metropole wie Berlin hat die Firma Phoenix Contact ihren Firmensitz. Der Hidden Champion aus Ostwestfalen hat keine Produkte, die in aller Munde sind. Dabei ist aus dem Familienbetrieb in der westfälischen Provinz längst ein internationaler Player geworden: über zwei Milliarden Euro Umsatz und 1600 Mitarbeiter, die Elektronikgehäuse, Schaltgeräte oder Steckverbinder herstellen. Doch die Bewerbungen von Nachwuchskräften sind rar.
Seit einigen Jahren umgarnt Phoenix Contact daher vermehrt Studierende, hat 2011 ein Bindungsprogramm aufgesetzt. Ex-Praktikanten und Werkstudenten werden nach einer Empfehlung durch den jeweiligen Fachbereich aufgenommen. Grob geschätzt, schafft das rund die Hälfte aller Studenten. „Unser Bindungsprogramm soll einen exklusiven Charakter haben. Studenten, die uns in besonderem Maße überzeugt haben, nehmen wir auf“, sagt Viktoria Vollmer.
Sie ist im Personal-Marketing für Onlinemarketing und Talent-Acquisition zuständig und hat ursprünglich selbst über ein Praktikum den Einstieg ins Unternehmen geschafft. In einer Xing-Gruppe halten die Ex-Praktikanten untereinander Kontakt und werden mit Neuigkeiten aus dem Unternehmen versorgt. Vollmer und ihr Team rufen regelmäßig an, verschicken persönliche Weihnachtsgrüße oder Glückwunschmails zum Geburtstag.
Manchmal landet gar ein kleines Präsent im Briefkasten. Oder es kommt eine Einladung zu einem informellen Treffen in einer Gaststätte oder zum Escape-Game im nahe gelegenen Paderborn. Dann können sich die Teilnehmer mit Mitarbeitern und anderen Studenten an der Theke austauschen oder mit ihnen zusammen versuchen, aus einem abgeschlossenen Raum zu entkommen.
Aber gerade überlegen die Personaler von Phoenix Contact, wie sie ihr Bindungsprogramm weiterentwickeln, denn: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Studierende diese lockeren Formate nicht mehr so gut finden“, erzählt Vollmer. „Sie wollen vor allem etwas über das Unternehmen erfahren.“
Wünsche, denen man sich als potenzieller Arbeitgeber anpasst. Mittlerweile lädt Vollmer ihre Talente vermehrt zur Werksbesichtigung oder auf die Hannover Messe ein, dem weltgrößten Branchentreffen der Industrie und Premierenbühne für wichtige Innovationen.
Unternehmen handeln aus Eigennutz
Zu groß ist die Gefahr für Mittelständler wie Phoenix Contact, die den Fachkräftemangel schon spüren, dass ihnen Talente sonst entgleiten. Und Einstellungskosten sparen die Ostwestfalen selbstverständlich auch. Schon vor dem ersten Arbeitstag gebe es durch Bindungsprogramme ein Einsparpotenzial für die Unternehmen von bis zu 70 Prozent, rechnet der Praktikantenspiegel vor.
Diesen Vorteil will auch Marcel Rütten nutzen, der zum „Personalmarketing Innovator 2017“ gewählt wurde. Rüttens Arbeitgeber ist die Kindernothilfe in Duisburg, ein christliches Hilfswerk. „84,6 Cent von jedem Spenden-Euro verwenden wir für die Projektausgaben“, heißt es im letzten Jahresbericht. Das macht Effizienz erforderlich, auch bei der Personalgewinnung.
Während viele Unternehmen nur ausgewählte Studenten in ihre Bindungsprogramme aufnehmen, nimmt Rütten alle ehemaligen Praktikanten in seinen E-Mail-Verteiler auf. „Wir sehen das Praktikum als Teil der Ausbildung. Wir erwarten von Praktikanten nicht, dass sie fertig ausgebildet zu uns kommen“, sagt Rütten. Mehr als 200 Ex-Praktikanten hat er derzeit in seinem Verteiler. Die bekommen regelmäßig E-Mails von ihm.
Feedback erhält Rütten vor allem dann, wenn er eines seiner exklusiven Stellenangebote verschickt. Jobangebote, die sich ausschließlich an Ehemalige richten. „Wir stellen fest, dass die Empfänger umso motivierter sind, sich zu bewerben, weil sie merken, dass die Chancen auf den Job ungleich größer sind.“
Bislang habe er so eine offene Stelle fast immer besetzen können. 20 Prozent der Mitarbeiter seien ehemalige Praktikanten. Diese Quote sei seit Jahren stabil. Rütten ist überzeugt, dass Bindungsprogramme auch kleineren Unternehmen anderer Branchen nützen könnten.
Vertrag in der Tasche
Einen Mail-Verteiler zu pflegen, ist die Minimallösung in Sachen Talentbindungsprogramm. In manchen Fällen gleicht die Kontaktpflege aber eher einem komplizierten Balztanz. So wie bei Moritz Palme. Der BWLer hat einen Lebenslauf, wie er im Buche steht.
Palme hat an der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität in München seinen Bachelor in Business Administration gemacht, dann an der privaten Business-School HHL in Leipzig den Master in Management draufgesattelt. Auslandsaufenthalte in Frankreich und den USA, Werkstudent, Berufserfahrung, gute Noten – das ganze Paket. Im ersten Master-Semester sei die Unternehmensberatung Roland Berger mit fünf bis zehn Beratern auf den Campus gekommen, erzählt Palme, und habe die Studenten zum Essen eingeladen.
Palme kam darüber an eines der begehrten Praktika. Zehn Wochen lang arbeitete er bei Roland Berger voll mit, täglich von 9 Uhr morgens bis 23 Uhr abends. „Es war mir wichtig, dass ich voll in den Berateralltag eintauche.“ Seine Belohnung: die Aufnahme in den edlen „Roland Berger Students Club“, verbunden mit einem verbindlichen Vertragsangebot. Das würden nur zehn bis 20 Prozent der Praktikanten schaffen, schätzt er. „Das ist der Jackpot, mit dem man aus dem Praktikum gehen kann“, so Palme. „Das hat man schon im Hinterkopf.“
Lernen und Prüfungen stressen dann weniger. Für seinen exklusiven Studentenclub veranstaltet Roland Berger jährlich mehrere Spaß-Events. Die hat sich auch Moritz Palme nicht entgehen lassen. Katamaran-Segeln vor Mallorca, Rafting in Südtirol – immer zusammen mit hochkarätigen Mitarbeitern der Unternehmensberatung.
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„Ich habe gemerkt, dass das Unternehmen in mich investiert, und das war ein gutes Gefühl “ Studentenbindung als Zeichen der Wertschätzung, aber auch als Präventionsprogramm für unsichere Kantonisten, die sich vielleicht umentscheiden und das Angebot der Konkurrenz vorziehen.
Für Moritz Palme war schnell klar, dass er einsteigt. Im Januar 2016 absolvierte er das Praktikum, Ende 2016 unterschrieb er den Vertrag, im Juli 2017 beendete er sein Studium und seit September 2017 ist er Consultant bei Roland Berger. Aus Sicht der Berater heißt es also: Mission erfüllt.
Und Berufseinsteiger Palme fühlt sich wohl. Auf der menschlichen Ebene müsse es passen, das werde manchmal unterschätzt. „Es kommt vor, dass man zwölf Stunden lang mit fünf anderen Beratern in einem recht kleinen Büro arbeitet“, erzählt er von seinem Job-Alltag. „Wenn es menschlich nicht passt, kann das nicht gut gehen.“ Auch in Sachen potenzielle Kollegen beschnuppern bietet ein Bindungsprogramm beste Gelegenheiten.