Kunstmarkt: Kunstmesse Fiac – Rendezvous der Pariser Sammler
Bei Gmurzynska dreht sich alles um das Feuer.
Paris. Marktkenner sind sich einig: Die „Fiac“ gehört nach wie vor zu den besten internationalen Messen. „Sie ist wichtiger als die Londoner Frieze“, meint Martin Guesnet, Europadirektor des französischen Auktionshauses Artcurial. Entsprechend euphorisch ist die Stimmung seit der Eröffnung der 45. Ausgabe, die vom 18. bis 21. Oktober 195 Aussteller aus 27 Ländern versammelt. Schauplatz ist das Grand Palais in Paris.
Aus der ganzen Welt reisten Sammler an: aus der Schweiz die Familie Ringier; weitere Großsammler kamen aus den USA, Großbritannien, Mexiko, Venezuela, Brasilien, dem Iran, Russland, Belgien und Frankreich – und zwar sehr zahlreich.
Dass sich die Galeristen über die ersten Verkäufe im Preisrahmen zwischen 50.000 Euro und sechs Millionen Dollar freuen konnten, verdanken sie einer Neuerung. Fiac-Direktorin Jennifer Flay lud in diesem Jahr wieder mehr Moderne-Galerien ein, was den Messebesuch abwechslungsreich und spannend macht.
Der spektakulärste Stand
Die großen Galerien, die zwischen fünf und zwölf Dependancen weltweit unterhalten, sind wie schon in den letzten Jahren präsent und garantieren Hochkarätiges oder Trendiges. Auch diejenigen unter ihnen, die einige Jahre lang abwesend waren, kamen in diesem sonnigen Herbst zurück nach Paris. Das verbessert weiter die Qualität der Messe.
Mit dem spektakulärsten Stand wartet die Züricher Galerie Gmurzynska auf. Gestaltet wurde die innen knallrot gehaltene Koje von dem als „Fellini der Mode“ bezeichneten Designer und Modeschau-Organisator Alexandre de Betak. Der 50-jährige Franzose setzt seit Jahren die Präsentationen von Karl Lagerfeld und anderen Modezaren in Szene. Für Gmurzynska setzte er als Motto „On Fire“ und wählte aus der enormen Galeriesammlung Arbeiten aus, die mithilfe von Feuer entstanden oder darauf verweisen.
Der Hauptakzent liegt auf Werken von Otto Piene und Yves Klein, die Ende der 1950er-Jahre mit Feuer zu arbeiten begannen. Es gibt nur zwei Diptychen von Klein, erklärt Galerie-Miteigentümer Mathias Rastorfer, weshalb er den Preis für das Feuer-Diptychon auch mit etwa vier Millionen Euro ansetzt.
Weitere Exponate stammen von Karl Lagerfeld, dem Fotografen Jean Pigozzi oder Roberto Matta. Nur Auserlesene sehen ein an Giorgio de Chirico erinnerndes Gemälde von Francesco Vezzoli, das sich in einem raumgroßen Metallzylinder befindet. Er ist für intime Kundengespräche gedacht. „Eine Art ‚chambre séparé“, witzelt Rastorfer, während de Betak auf den silbernen Asbest-Anzug deutet, den man bei Feuer überstülpen könnte.
Rosemarie Schwarzwälder von der Wiener Galerie Nächst St. Stephan beauftragte ihrerseits den Künstler Michal Budny mit kompliziert gestellten schwarzen Wänden, die jedem der 14 Künstler einen Eigenbereich garantieren. Unter ihnen findet sich auch die in Paris lebende US-Künstlerin Sheila Hicks, die im Vorjahr auf der Venedig-Biennale und im Centre Pompidou mit einer Einzelausstellung gewürdigt wurde.
Die Assemblage mit echten Rosen spielt mit Pop- und Kitschelementen.
Foto: Galerie Nächst St. StephanAuf der Fiac zeigt sie erstmals eines ihrer aus Baumwolle und Kunstfasern geschaffenen, dreieinhalb Meter hohen und farbintensiven Werke (181.000 Euro). Die junge Chinesin Miao Ying steuert eine poppig—kitschige Wandinstallation bei (17.000 Euro) und der trendige Daniel Knorr eine seiner Polyurethan-Platten mit dem Abdruck von Gegenständen, die auf der Straße lagen.
Weniger aufwendig ging die Galerie Hauser & Wirth (London, Zürich, New York) mit einem um den Begriff des „Begehrens“ konzipierten Stand ins kommerzielle Rennen. Die US-Künstler Philip ‧Guston und Louise Bourgeois punkteten sofort mit Verkäufen im Millionen-Dollar-Bereich: Guston mit dem Gemälde „Martyr“ von 1978 für sechs Millionen Dollar, Bourgeois mit „Les matins se lèvent“ (Der Morgen beginnt) von 2010 für 2,5 Millionen Dollar.
Zwei weitere, bereits verstorbene Künstler sind Stars dieser Fiac: der österreichische Künstler Franz West, dem das Centre Pompidou gerade eine monografische Schau ausrichtet, und Hans Bellmer, dessen Werke ebenfalls an mehreren Ständen auftauchen (zum Beispiel bei Ubu, New York).
Bei David Zwirner (New York) steht einer der etwa 150 Zentimeter hohen Steine, die West mit einem langen, breiten Pinsel nonchalant bemalte, wie ein Video im Centre Pompidou zeigt. Hier ist der „Stein“ aus Papiermaché, das West violett, weiß und schwarz einfärbte. Der Pinsel ist Teil des Werks.
Pornographie oder Kunst?
Ansonsten ist Zwirners Auswahl extrem eklektisch. Neben Franz West steht eine strenge gelb-schwarze Skulptur von Carol Bove, die 2017 auf der Venedig-Biennale die Schweiz vertrat. An der Außenwand hängt eine Fotografie von 1991, die Jeff Koons und die frühere Pornodarstellerin Cicciolina mit weißen Spitzenresten ihres Hochzeitsoutfits ebenso zeigt wie die Genitalöffnungen der Dame sowie den erschlafften Penis des zeitweilig teuersten lebenden Künstlers. „Manet, Soft“ lautet der Titel dieser anatomischen Idylle im Gras.
Eine hohe, aus mehreren rosa Knödeln zusammengesetzte Skulptur von Franz West hat die Fiac mit Genehmigung des Louvre im Park der Tuilerien aufgestellt. Zur Verfügung stellt sie die New Yorker Galerie Venus Over Manhattan, die erstmals an der Messe teilnimmt. Eigentümer des Werks ist der Sammler Adam Lindemann, der auch die ebenso bitter-humorigen wie sexy Arbeiten auf Karton von Maryan (1927–1977) nach Paris mitgebracht hat. Der in Polen als Pinchas Burstein geborene Künstler wurde in Paris nach seiner Haft in einem Konzentrationslager ausgebildet und emigrierte später nach New York.
Mit einer anderen Wiederentdeckung wartet die Pariser Galerie Zlotowski auf: mit den Papierarbeiten des 1986 mit 25 Jahren ermordeten Stéphane Mandelbaum, dessen „Empire des sens“ (Das Reich der Sinne) oder das Porträt des Schriftstellers „Mishima“ sofort verkauft waren. Das Centre Pompidou plant für kommendes Jahr eine Einzelausstellung.
Ziemlich ärgerlich ist die Tatsache, dass da, wo Entdeckungen angesagt sind, selten Künstlernamen angegeben werden. Man möge fragen, wer hier gezeigt wird, antworten die oft herablassenden Mitarbeiter an den Ständen. Man drucke aus ästhetischen und ökologischen Gründen keine Schildchen. Der Pariser Galerist Eric Hussenot schrieb dagegen die Namen seiner Künstler mit Bleistift neben den Werken an die Wand. Das ist diskret, effizient, kundenfreundlich und ökologisch vertretbar.
Besonderes Interesse gilt der Installation am Place Vendôme, seit der Bürgerschreck Paul McCarthy dort vor einigen Jahren für einen Skandal sorgte. Das hinterlistige Künstlerduo Elmgreen & Dragset, das gerne provokant Möbel oder Badinstallationen zu Skulpturen umformt, enttäuscht schlichtweg. Wo Juweliere, Luxusboutiquen und Finanzunternehmen den Duft von Reichtum verbreiten und vom anliegenden Justizministerium scharf überwacht werden, stolpert man über rotbraune Bronzeobjekte.
Einen Moment lang denkt man an Hundekot; die Bronzen entpuppen sich jedoch als biedere Seesterne, bekanntlich Geschöpfe ohne Gehirn. Die Schweizer Privatbank Mirabaud dient als Mäzen für die Herstellung dieser hirnlosen Schöpfung, ein Luxushotel hat sie bereits im Vorfeld angekauft. Der Galerist Emmanuel Perrotin zeigt gerade in Paris neue Arbeiten des Duos und reibt sich die Hände.