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Life ScienceWie Merck vom lukrativen Biotech-Boom profitiert

Als Zulieferer für die Biotechnologie glänzt die Life-Science-Sparte von Merck mit kräftigem Wachstum. Doch der Konsolidierungsdruck in der Branche steigt rasant.Siegfried Hofmann 20.12.2018 - 10:27 Uhr Artikel anhören

Biotechnologie gewinnt sowohl im Pharma- als auch im Diagnostikbereich stetig an Gewicht.

Foto: Bloomberg

Frankfurt. Benötigen Sie zufällig etwas 1,3Dihydroxynaphthalin für eine Arzneimittel-Synthese, oder Cas9-Proteine zum Editieren von Genen, dazu vielleicht noch ein paar Lentiviren für das nächste Gentherapie-Experiment? Eine der besten Adressen wäre in diesem Fall die zur Merck-Gruppe gehörende Webseite von Sigma-Aldrich. Mehr als 200.000 Einzelprodukte für die Biotechforschung und -produktion stehen dort online bereit, vom Filtergerät für ultrareines Wasser bis zur fluoreszierenden Zell-Linie.

Der Blick auf diese E-Commerce-Plattform lohnt nicht nur für Molekularbiologen rund um den Globus. Auch die Investoren sollten sie im Auge behalten. Denn der Webauftritt gehört zu einem Geschäftssegment, das sich für Merck und einige andere Akteure zu einem zunehmend attraktiven, wenn auch häufig unterschätzten Wachstumsmotor entwickelt.

Alles in allem gut sechs Milliarden Euro Umsatz, rund 38 Prozent seiner Gesamterlöse, dürfte der Darmstädter Konzern in diesem Jahr mit seiner Sparte Life Science erzielen, in der er sein Geschäft mit Laborreagenzien und Biotech-Vorprodukten gebündelt hat. Mehr als ein Viertel davon liefern die E-Commerce-Aktivitäten. 

Das Geschäft zeichnet sich durch Qualitäten aus, die derzeit besonders selten zu finden sind: Es wächst stetig, ist ertragsstark, risikoarm und ausgesprochen konjunkturresistent. 2018 steuert die Sparte währungsbereinigt auf etwa acht Prozent Umsatz- und Gewinnwachstum zu. Und Spartenchef Udit Batra ist überzeugt, dass es auch in den kommenden Jahren weiter aufwärts gehen wird.

„Wir bewegen uns in einem Markt, der längerfristig im mittleren einstelligen Prozentbereich wächst. In diesem Umfeld wollen wir organisch weiterhin etwas stärker zulegen als der Markt“, sagt Batra im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die fundamentalen Trends in unserem Geschäft sind  äußerst robust.“

Für diese Sicht der Dinge findet der Darmstädter Konzern auch zusehends Anhänger im Lager der Analysten. Daniel Wendorff etwa, Pharmaexperte der Commerzbank, bewertet die Sparte als ein „Juwel“ im Merck-Konzern. „Denn sie gehört in jedem ihrer Geschäftsfelder zu den drei führenden Anbietern und hat offenbar ein so innovatives Portfolio, dass sie in allen drei Teilsegmenten mindestens mit dem Markt oder stärker wachsen kann.“

Der Markt, in dem sich Merck bewegt, ist dabei ebenso kleinteilig wie schwer zu definieren.  „Wir helfen mit unseren Produkten, alle Arten von Problemen beim Entwickeln und der Produktion von Medikamenten zu lösen“, beschreibt Batra die Grundausrichtung des Life-Science-Geschäfts.

Zu den Kunden gehören weltweit rund 1,6 Millionen Forschungslabore sowie einige Hundert industrielle Abnehmer, die Materialien und Moleküle von Merck in der Produktion von Biotech-Medikamenten und Diagnostika einsetzen. 

Das relevante Marktvolumen schätzt der Konzern auf weltweit etwa 150 Milliarden Dollar. Sich selbst sieht er auf einer starken Position drei in der Branche, hinter den US-Konkurrenten Thermo Fisher Scientific und Danaher, die in den vergangenen Jahren akquisitionsbedingt ebenfalls stark expandierten.

Während sich Merck vor allem  auf Reagenzien und Biotech-Produktionsmaterialien konzentriert, sind die beiden US-Firmen auch stark im Geschäft mit Laborgeräten beziehungsweise Diagnostika engagiert. Ähnliches gilt für die kleineren deutschen Konkurrenten Sartorius und Qiagen.

Vor allem zwei Faktoren treiben  das Marktwachstum: Zum einen gewinnt die Biotechnologie sowohl im Pharma- als auch im Diagnostikbereich stetig an Gewicht. Der Umsatz mit Biopharmaceuticals, das heißt Wirkstoffen, die biotechnisch hergestellt werden, dürfte nach Schätzung der britischen Analysefirma Evaluate Pharma von 208 Milliarden Dollar im Jahr 2017 auf mehr als 380 Milliarden Dollar im Jahr 2024 zulegen. Ihr Anteil am gesamten Pharmamarkt würde damit von 25 auf rund 31 Prozent steigen.

Vor allem für Schwellenmärkte wie China prognostizieren Fachleute starkes Wachstum auf dem Gebiet. Mit diesem Boom wächst auch die Nachfrage nach Verbrauchsmaterialien in der Produktion. Zudem wird auch die Forschung weiter ausgebaut, was wiederum den Bedarf an Reagenzien antreibt.

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Starke Impulse erwartet Batra etwa aus Bereichen wie Gen-Editing, Gen- und Zelltherapien sowie in der Entwicklung von Antikörpern, die mit speziellen Wirkstoffen gekoppelt sind.

Der gebürtige Inder und gelernte Chemie-Ingenieur war unter anderem bei McKinsey und Novartis tätig, bevor er 2011 zu Merck wechselte und dort zunächst die Consumer-Health-Sparte leitete, also das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten und Gesundheitsprodukten. Drei Jahre später wurde er Chef der damals neu formierten Life-Science-Sparte, seit 2016 gehört er auch der Geschäftsleitung von Merck an.

Der Wechsel vom Consumer- zum Life-Science-Geschäft war aus Sicht des 47-Jährigen letztlich weniger gravierend als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn die Erfolgsfaktoren im Laborgeschäft, sagt Batra, seien teilweise ähnlich wie die im Einzelhandel. „Man braucht ein sehr großes Sortiment und muss die Komplexität für den Kunden minimieren.Dazu trägt unsere E-Commerce-Plattform maßgeblich bei.“  

Darüber hinaus ist aber auch technologische Kompetenz gefordert. Denn eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, das Produktsortiment immer wieder an die Innovationen in der Pharma- und Biotechforschung anzupassen. 

Der Drang in Richtung große Sortimente hat in den zurückliegenden Jahren bereits heftige M&A-Aktivität ausgelöst. Trotzdem ist die Branche noch immer relativ stark fragmentiert. Die vier führenden Anbieter bestreiten nur etwa 25 Prozent des Marktes. Der Rest entfällt auf zahlreiche kleinere und mittelgroße Spezialisten.

Branche steht vor weiteren Akquisitionen

Das Potenzial für eine weitere Konsolidierung gilt daher als erheblich. „Wir bewegen uns in einer aufregenden Industrie, in der immer wieder neue Technologien und Unternehmen entstehen. Solche Firmen in größere Vertriebs-Strukturen zu bringen, bietet nach wie vor großes Potenzial“, so Batra.

Die Strategie von Merck ist dabei exemplarisch für den Konsolidierungstrend in der Branche. Der Darmstädter Konzern brachte zwar fast 200 Jahre Tradition als Produzent von Reagenzien und einige Hundert Millionen Euro Umsatz in diesem Geschäft mit, bevor er Ende des vergangenen Jahrzehnts zum Aufstieg ansetzte.

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Wirklich groß geworden ist er in dem Geschäft aber erst durch zwei bedeutende US-Akquisitionen: Die Übernahme von Millipore 2010 und durch den Erwerb von Sigma-Aldrich vier Jahre später, für zusammen rund 18 Milliarden Euro.

Auch andere Akteure spielen kräftig mit im Konsolidierungswettlauf. Die Private-Equity-Gruppe New Mountain Capital etwa arbeitet daran, einen großen Laborzulieferer unter dem Dach ihrer Beteiligungsgesellschaft Avantor aufzubauen. Für 4,4 Milliarden Dollar übernahm Avantor dazu 2017 den Laborhändler VWR.

Branchenführer Thermo Fisher verstärkte sich 2013 maßgeblich durch die Übernahme des US-Konkurrenten Life Technologies. Vor wenigen Monaten kaufte der US-Konzern die Sparte Bioprocessing von Becton Dickinson. Danaher ist im Laufe der letzten Jahre durch den Kauf von Firmen wie Beckman Coulter, Pall  und Cepheid zu einem führenden Anbieter in dem Sektor aufgestiegen.

Zuletzt verstärkte sich der US-Konzern mit dem Erwerb von Integrated DNA Technologies, eines Spezialisten für Reagenzien zur Gen-Analyse. Und das dürfte kaum der letzte Deal gewesen sein. Auf einem Analysten-Meeting vor wenigen Tagen versicherte Danaher-Chef Thomas Joyce vielmehr: „Wir sind weiter gut positioniert für bedeutende Akquisitionen.“

Merck-Life-Science-Chef Batra geht unterdessen davon aus, dass es noch zu ein bis zwei weiteren größeren Transaktionen in der Branche kommen könnte. Für Merck selbst dagegen sind größere Deals in dem Geschäft kein Thema. „Priorität für uns ist es, Wert zu generieren durch organisches Wachstum. Dieses werden wir auch in Zukunft ergänzen durch kleinere Akquisitionen.“

Zuletzt erwarb Merck in diesem Zuge für jeweils einstellige Millionenbeträge Firmen wie Grzybowski Scientific Inventions, einen Spezialisten für die Berechnung von Chemiesynthesen und -Reaktionen, sowie Natrix Separations, einen Hersteller von Einwegmembranen.

Dabei hat der Darmstädter Konzern mit Millipore und Sigma-Aldrich gezeigt, dass er auch größere Brocken erfolgreich verdauen kann. Anders als etwa im Falle des Bayer-Konzerns, dem Zukäufe in den USA durchweg erhebliche Probleme bereiten, haben die beiden großen US-Akquisitionen von Merck in jeder Hinsicht  gehalten, was man sich von ihnen versprochen hat.

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Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen  (Ebitda) der Sparte dürfte 2018 auf knapp 1,9 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis auf rund eine Milliarde Euro zusteuern. Beide Größen legten damit in den vergangenen drei Jahren  überdurchschnittlich zu.

Die Ebitda-Marge hat sich seit 2015 von 25 auf mehr als 30 Prozent verbessert, die Ebit-Rendite von neun auf 16 Prozent. Das spricht dafür, dass die versprochenen 280 Millionen Euro an Synergien aus der Sigma-Aldrich-Integration tatsächlich komplett realisiert wurden. Auch in Relation zum hohen Kapitaleinsatz verdient die Sparte inzwischen solide.

„Wir hatten Glück: Die Kultur von Sigma-Aldrich war der von Merck sehr ähnlich. Beides sind sehr wissenschafts-orientierte Unternehmen“, erklärt Batra die vergleichsweise reibungslose Integration der beiden US-Firmen. „Aber entscheidend war auch, dass wir uns in dieser Phase auf unsere Kunden fokussierten und kein Momentum bei den Umsätzen verloren haben. Wir konnten das Wachstum sogar beschleunigen.“

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