Vermögensverwalter: Anlageprofis stellen sich für US-Wahljahr auf
Die Chancen des US-Präsidenten, wiedergewählt zu werden, stehen gut.
Foto: dpaFrankfurt. „Die Chancen für eine Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump stehen gut, ob man das mag oder nicht. Die Wirtschaft wächst, und die Arbeitslosenquote ist niedrig, der Aktienmarkt läuft ebenfalls rund. Das sind wesentliche Faktoren für Trump, um eine zweite Amtszeit zu bekommen“, sagt der Vorstandschef, der sich um das finanzielle Wohl der Flugzeugbauerdynastie Dornier sowie die Vermögen mittelständischer Unternehmer, konservativer Institutionen und Stiftungen sowie Privatpersonen kümmert.
Rüttgers geht im Gespräch mit dem Handelsblatt davon aus, dass die US-Notenbank (Fed) allein schon wegen der geopolitischen Spannungen die lockere Geldpolitik fortsetzen wird. „In diesem Jahr sind ein bis zwei Zinsschritte zu jeweils 25 Basispunkten (0,25 Prozentpunkt) denkbar, bis zur Nulllinie besteht theoretisch noch Spielraum für sechs Lockerungen der Kreditzügel“, rechnet der Stratege vor.
Zurzeit sind die Leitzinsen der USA als Spanne von 1,5 bis 1,75 Prozent definiert, nach Schritten von je 25 Basispunkten wären es dann 1,0 bis 1,25 Prozent. Aktuell legt Do Investment in einem Modellportfolio mit normalem Risikoprofil rund 50 Prozent in Aktien an, zehn Prozent in Gold und zehn Prozent in Rentenpapiere aus den Schwellenländern. Der Rest entfällt auf erstklassige Staatsanleihen mit Laufzeiten von ein bis zwei Jahren; das sei die Liquiditätsposition anstatt einer klassischen Barmittelhaltung, sagt Rüttgers.
Auch bei der Deutschen Oppenheim Family Office AG geht man mit ähnlicher Grundausrichtung in das entscheidende Wahljahr. „Wir starten mit einer Übergewichtung in Aktien sowie einer Übergewichtung in Gold ins neue Jahr“, sagt Vorstand Oliver Leipholz. Das Edelmetall sollte seiner Meinung nach davon profitieren, dass einige Zentralbanken Gold stark nachfragen; bekannt ist das zum Beispiel von denen in Russland, China und der Türkei.
Misstrauen bei Demokraten
In den USA sind kritische Töne seitens der Demokraten zu den Sektoren Tech und Pharma zu hören. Die Präsidentschaftskandidaten dieser Partei haben sich für eine Rücknahme von Trumps Steuerreform ausgesprochen und sind misstrauisch gegenüber der Marktmacht der großen Tech-Konzerne. Wahljahre seien aber historisch belegt meist ertragreich für Aktieninvestitionen, sagt Leipholz. „Gewinnen die linkslastigen Kandidaten Bernard Sanders oder Elizabeth Warren in den Prognosen Anteile hinzu, würde dies am Aktienmarkt keine Jubelstürme auslösen.
Eine Wiederwahl Trumps ist vielleicht nicht vollständig eingepreist, für die Aktienmärkte würde es aber mit Sicherheit zu weniger Ausschlägen führen als ein Richtungswechsel zu den Demokraten“, sagt Leipholz, der im Family Office sehr betuchte Kunden betreut. Ulrich Kater, der Chefvolkswirt der Dekabank, glaubt auch nicht an dramatische Umwälzungen. „Da voraussichtlich keine der Parteien den Kongress mit einer Zweidrittelmehrheit für sich gewinnt, wird die wirtschaftspolitische Grundausrichtung der US-Ökonomie bestehen bleiben“, sagt er. Allgemein gelte wohl auch diesmal, dass Marktreaktionen im Wahlkampf eher kurzlebig sein sollten.
Nicht einig sind sich die Experten bei der Frage, ob man europäische oder US-amerikanische Titel im Wahljahr übergewichten soll. Rüttgers verweist darauf, dass sich US-Aktien – gemessen am S&P-500-Index – in der Vergangenheit in der Regel besser entwickelt hätten als die europäischen Papiere. Das wird seiner Meinung nach auch in den kommenden fünf Jahren so bleiben. „Aktuell sind wir in den USA, Asien und den Schwellenländern übergewichtet“, sagt Rüttgers.
Bei Technologieaktien und hochkapitalisierten Konzernen hält er sich zurück, dagegen sollte man sich Nebenwerte sehr genau ansehen. Beispielsweise sei man mit Goldminenaktien im vergangenen Jahr sehr gut gefahren. Do Investment gibt keine Anlageempfehlungen, aber zu den Toppositionen in den Fonds zählen beispielsweise die Minenaktien von Barrick Gold und Newmont Gold, die Tech-Aktien Samsung, Microsoft und Schneider Electric sowie die Chemiewerte BASF und Henkel.
Im Deutschen Oppenheim Family Office weiß man zwar, dass es in den letzten zehn Jahren meist ein teures Manöver war, europäische Aktien gegen US-Titel überzugewichten. Die aktuell gegenläufigen Bewegungen der jeweiligen wirtschaftlichen Frühindikatoren sprächen aber jetzt trotzdem für eine Übergewichtung der europäischen Papiere, sagt Leipholz. Dabei verweist er speziell auf Deutschland mit seinen wieder etwas höheren Wachstumszahlen im Vergleich zum schwachen Jahr 2019.
Ähnlich sagt Johannes Gamroth, Geschäftsführer bei Liqid Asset Management: „US-Aktien sind im historischen Vergleich aktuell sehr hoch bewertet. Europäische Aktien und Schwellenländeraktien sind hingegen im historischen Vergleich unterdurchschnittlich bewertet.“ Etwas zurückhaltender sind die Vermögensmanager bei den Technologieaktien, die einen fulminanten Kursverlauf hinter sich haben.
„Sicherlich sprechen auch aus heutiger Sicht viele Punkte für Investitionen in diesem Bereich, dennoch sollte man sich auch mit der bevorstehenden US-Wahl beschäftigen und mit den Gefahren, die bei einem Richtungswechsel insbesondere für die Technologieaktien bestehen“, gibt Leipholz mit Blick auf die Steuerpläne und die Abneigung gegen Großkonzerne bei den Demokraten zu bedenken.
Außerdem: Mit dem Renditetief am Anleihemarkt im September habe die Divergenz zwischen Value und Growth ein beeindruckendes Ausmaß erreicht. Anders gesagt: Aktien, die wegen günstiger Bewertung gekauft werden, waren sehr billig gegenüber Wachstumstiteln, die besonders von niedrigen Zinsen profitieren, weil dadurch künftige Erträge stärker zur Geltung kommen.
Seitdem sehe man aber auch eine Rückkehr in Richtung Normalität bei den Zinsen. „Dies führt auch zu einer Outperformance von Value-Aktien. Beispielhaft konnten Finanztitel, vornweg die Banken, nach längerer Leidensphase profitieren. Dieser Prozess ist in vollem Gange und hat erst einen kleinen Teil der vorangegangenen Underperformance gutgemacht“, glaubt er.
Kühlen Kopf behalten
Dekabank-Chefvolkswirt Kater kann sich zwar neue Rekorde an den Aktienbörsen vorstellen, er warnt aber vor zu großem Optimismus. „Neue Höchststände in den USA haben wir bereits gesehen, für den Euro-Raum und für den Dax erwarten wir sie ebenfalls in nicht allzu langer Zeit. Beim Dax sollte die 14.000er-Marke im Jahresverlauf möglich sein.“ Trotzdem hält er das Aufwärtspotenzial für beschränkt. Das weltweite Wachstum und damit die Zunahme der Unternehmensgewinne gäben einfach nicht mehr her.
Und wenn sich die Konjunktur tatsächlich wie erwartet verbessern sollte, würde sofort wieder Sperrfeuer für die Aktienmärkte in Gestalt steigender Kapitalmarktrenditen und Diskussionen über eine straffere Geldpolitik einsetzen. „Von daher sind Aktien strategisch ein Kauf, aber die Euphorie bleibt aus“, resümiert Kater.
„Wir gehen von einem intakten Bullenmarkt aus, wobei es uns nicht überraschen würde, wenn die Renditen moderater ausfallen als im Börsenjahr 2019“, sagt Thomas Grüner von Grüner Fisher Investments. Gegebenenfalls werde 2020 nicht so dynamisch aus den Startlöchern kommen wie 2019, doch selbst ein durchschnittliches Bullenmarktjahr werde wachstumsorientierten Anlegern gute Dienste erweisen, meint der Stratege.
Wer sein Heil nicht in Aktien und Renten suchen will, dem bieten sich Alternativen. Dazu gehören laut Rüttgers von Do Investment Sachwerte wie Beteiligungen an Unternehmen, die immer beliebter würden. „Bei Immobilien lässt das Interesse dagegen langsam nach, weil Mietendeckel die Anleger verunsichern.
Große Vermögen werden den deutschen Immobilienmarkt zukünftig aufgrund dieser Unsicherheit eher meiden“, glaubt der Vermögensverwalter. Auch Gamroth von Liqid Asset Management sieht Chancen bei illiquiden Anlageklassen wie Private Equity, aber auch bei Immobilien. Diese böten die Chance auf Überrendite gegenüber dem breiten Aktienmarkt und zusätzliche Diversifikation im Portfolio.
Im US-Wahljahr 2020 werden zwar die Nervosität und die Schwankungsbreite der Kurse bis zum November zunehmen, es gibt aber nach Ansicht der meisten Experten gute Chancen, dass die Aufwärtsbewegung am Aktienmarkt weitergeht.