Unkrautvernichter: Glyphosat-Klagen gegen Bayer: Mediator ist zuversichtlich für raschen Vergleich
Die Zahl der gegen den Leverkusener Konzern eingereichten Klagen steigt.
Foto: dpaDüsseldorf, New York. Bayer und die Anwälte der Glyphosat-Kläger in den USA steuern auf einen umfassenden Vergleich zu. Eine Einigung innerhalb der kommenden vier Wochen sei möglich, sagte der Verhandlungsführer Kenneth Feinberg der Nachrichtenagentur Bloomberg.
Gegenüber dem Handelsblatt erklärte er am Freitag, er sei „verhalten optimistisch, dass wir einen umfassenden Vergleich eher früher als später haben werden“, auch wenn in den nächsten Tagen weitere Prozesse starteten. „Es ist ein großes Puzzle und die Teile des Puzzles kommen langsam zusammen“ sagte Feinberg. „Aber ich bin nicht sicher, ob, wann und mit welcher Summe“, fügte er hinzu.
Seit August 2019 haben sich Bayer und Klägeranwälte darauf verständigt, mehrere geplante Prozesse abzusagen. Dadurch sollen die Verhandlungen über einen Vergleich nicht belastet werden. Beide Seiten befinden sich in fortgeschrittenen Gesprächen über eine außergerichtliche Beilegung des Rechtsstreits. Bayer hatte zuvor alle bisherigen drei Prozesse in der ersten Instanz verloren.
Doch schon an diesem Freitag werden sich die Kontrahenten wieder vor Gericht sehen. In einem Gericht nordöstlich von San Francisco beginn ein Glyphosat-Prozess. Der Kläger wird von der Miller Law Firm vertreten. Ob es tatsächlich zu einem detaillierten Verfahren kommt, ist offen. Möglicherweise setzt das Gericht es mit Verweis auf die außergerichtlichen Gespräche aus.
Das gilt auch für zwei weitere terminierte Verfahren: Am kommenden Dienstag soll der erste Prozess in St. Louis im Bundesstaat Missouri starten. Dort geht es gleich um zehn Fälle von Glyphosat-Klägern, die ebenfalls von der Miller Law Firm vertreten werden. Am Freitag kommender Woche ist ein drittes neues Verfahren in Kalifornien angesetzt.
„Prozesse helfen, einen möglichen Vergleich zu beschleunigen“, erklärt Elizabeth Chamblee Burch, Jura-Professorin an der University of Georgia. Sie ist auf Massen-Schadensersatzklagen spezialisiert. „Ein Vergleich wird vielleicht ein paar Nachrichten in den Medien wert sein. Ein milliardenschweres Jury-Urteil dagegen schafft es auf die erste Seite und könnte damit noch mehr Menschen ermuntern, zu klagen“, erklärt sie.
„Die Miller-Kanzlei wird einem Vergleich zustimmen, wenn Bayer ein faires Vergleichsangebot macht“, stellte Michael Miller, Klägeranwalt im jüngsten Prozess in Kalifornien, gegenüber dem Handelsblatt klar. „Bis dahin werden wie weitere Multi-Millionen-Urteile gegen Monsanto bekommen“, prophezeite er.
„Erinnern Sie sich daran, dass Bayer vor dem Johnson-Prozess unserer Angebot, uns bei sechs Millionen zu einigen, abgelehnt hat, nur um mit 86 Millionen und einem erheblichen Verlust der Marktkapitalisierung zu verlieren. Ich verstehe nicht, warum Bayer kein faires Angebot macht“, sagte Miller.
Zahl der Klagen steigt
Die Zahl der gegen Bayer eingereichten Klagen ist derweil in den zurückliegenden Wochen weiter gestiegen. Nach Angaben des Unternehmens liegt sie aber „deutlich unter 50.000“. Im Oktober hatte Bayer die Zahl von 42.000 genannt. Der als Mediator in den Vergleichsgesprächen eingesetzte Kenneth Feinberg hatte eine deutlich höhere Zahl an potenziellen Klagen von 75.000 bis 85.000 in den Raum gestellt.
Gegenüber dem Handelsblatt stellte Feinberg dazu klar: „Bayers Präzisierung ist absolut akkurat. Sie wissen viel besser, wie viele der Klagen wirklich Chancen haben, die Kriterien eines Vergleichs zu erfüllen“.
Die Kläger machen den Unkrautvernichter Glyphosat für ihre Krebserkrankung verantwortlich. Der Wirkstoff ist in dem von Monsanto verkauften Mittel Roundup enthalten. Bayer vertreibt seit der Übernahme des US-Unternehmens das Mittel weiter und ist nun für die rechtlichen Folgen verantwortlich. Bisher haben die Gerichte in den ersten drei Prozessen Bayer zu einer Schadenersatzzahlung von insgesamt 190 Millionen Dollar verurteilt.
Die Verhandlungen über einen Vergleich sind schwierig. Es handelt sich um ein sogenanntes Mass-Tort-Verfahren, also um gebündelte Einzelklagen: Anders als bei Sammelklagen, wo alle Fälle mit der gleichen Summe beigelegt werden, wird hier stark differenziert. Es werden Einzelfälle betrachtet, die Kläger werden je nach Erkrankung oder Alter in Gruppen eingeteilt. Das macht den Prozess komplex und zeitintensiv.
Dazu kommt, dass Bayer auf positive Nachrichten aus der ersten Berufungsverhandlung hofft. Dort setzen sich Berufsrichter mit den Vorwürfen und Urteilen auseinander. Fällt die Berufung zugunsten von Bayer aus, hat der Konzern eine wesentlich bessere Position in den Vergleichsgesprächen. Das Urteil des Berufungsgerichts könnte noch im Januar kommen.
„Das Urteil des Berufungsgerichts ist enorm wichtig. Aber wir wissen nicht genau, wann das Urteil wirklich kommt“, stellte Feinberg klar. Es könne durchaus passieren, dass der Vergleich mit den Zigtausenden Klägern schon vorher kommen könnte.
Wie teuer am Ende ein Vergleich für Bayer wird, ist weiterhin offen. Die steigende Zahl der Klagen ist nicht unbedingt ein Indiz dafür, dass auch die Entschädigungssumme entsprechend rasant steigt. Denn beide Parteien müssen unter Leitung von Feinberg bewerten, inwiefern einzelne Fälle überhaupt entschädigungsfähig sind.
Analysten gehen aber fest davon aus, dass am Ende ein Vergleich stehen wird. Bayer würde darin keine Schuld eingestehen, aber es ist der einzige Weg für die Leverkusener, den Rechtsfall in absehbarer Zeit zu beenden – und damit auch die negative Publicity für Bayer sowie die Belastung des Aktienkurses.
An der Börse werden Vergleichssummen zwischen fünf und 20 Milliarden Dollar genannt, die Bayer zahlen müsste. Analysten schätzen, dass der Aktienkurs von Bayer nach einer Einigung auf 80 bis 90 Euro hochschnellen könnte. Am Freitagmorgen notierte die Aktie nahezu unverändert bei 75 Euro.
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