Chef-Wechsel: Neuer Chef: IBM beruft Krishna und hofft auf den Nadella-Effekt
Der IT-Konzern baut seine Führung um.
Foto: dpaDüsseldorf. Satya Nadella hat eine erstaunliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Als der Manager vor sechs Jahren Chef von Microsoft wurde, steckte der Softwarehersteller in einer tiefen Krise. Er richtete das Geschäftsmodell aufs Cloud-Computing aus, veränderte die Unternehmenskultur – und machte den Konzern so wieder relevant und cool.
IBM hofft nun auf eine ähnliche Story. Bei dem Konzern übernimmt Arvind Krishna im April den Chefposten von Ginni Rometty, die im Alter von 62 Jahren in den Ruhestand geht. Die Parallelen zu Nadella sind offenkundig: Beide Manager stammen aus Indien, beide haben große Technologieexpertise, und beide haben die Abteilungen fürs Cloud-Computing geleitet.
Krishna, 57, sei ein „brillanter Technologe“ und gleichzeitig ein herausragender Geschäftsmann, erklärte Rometty in einer Mitteilung von IBM. Er war an der Entwicklung wichtiger Technologien beteiligt und hat bei der Übernahme des Softwareherstellers Red Hat eine entscheidende Rolle gespielt. Als Präsident steht ihm künftig James Whitehurst, 53, zur Seite, der im Zuge der Akquisition zum Konzern kam – auch er ein Cloud-Spezialist.
Der Verwaltungsrat zeige damit, dass er die Cloud-Strategie von IBM für ultimativ wichtig halte, sagte Craig Lowery, Analyst beim Marktforscher Gartner, dem Handelsblatt. Mit der Ernennung der beiden Manager sei gewährleistet, dass dieses Geschäft mit Nachdruck weiterentwickelt werde. Wenn sich der Konzern aus New York wieder aufs Softwaregeschäft besinnt, steht die Zukunft anderer Bereiche indes in Frage – etwa der Beratungs- und Outsourcingsparten.
25 Prozent weniger Umsatz
Die Bilanz von Ginni Rometty fällt durchwachsen aus. Ihre Amtszeit ist geprägt durch einen dauerhaften Konzernumbau, in dessen Zuge sie Arbeitsplätze gestrichen und Geschäftsbereiche verkauft, aber auch in Cloud-Computing, Datenanalyse und künstliche Intelligenz investiert hat. Allerdings ohne nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg: Der Umsatz ist in den acht Jahren um rund 25 Prozent gesunken – allerdings auch durch Verkäufe –, der Aktienkurs um 20 Prozent.
Im abgelaufenen Jahr schrumpfte das Geschäft um 3,1 Prozent auf 77 Milliarden Dollar, der Nettogewinn stieg um acht Prozent auf 9,4 Milliarden Dollar Nettogewinn. Der Konzern verdient also ordentlich und ist profitabel, weshalb er zuverlässig Dividenden zahlen kann – aber die Zeiten, in denen er Märkte prägte und dafür den ehrfürchtigen Namen „Big Blue“ erhielt, sind vorbei.
Der Manager gilt als „brillanter Technologe“.
Foto: HandelsblattDer Konzern, der mit seinen Computern einst die digitale Revolution einläutete, ist heute ein Nachzügler. Das Cloud Computing, bei dem Kunden übers Internet auf Software und Infrastruktur zugreifen, geht zulasten klassischer Hardware und IT-Dienstleistungen – Rechenleistung, Speicher oder Spezialanwendungen wie Bilderkennung und Datenanalyse gibt es auf Knopfdruck und minutengenau abgerechnet. Auch andere große Namen wie Dell-EMC und Oracle leiden unter dieser Entwicklung.
Bei der Infrastruktur aus der Cloud, im Fachjargon Infrastructure as a Service (IaaS), ist Amazon mit einigem Abstand Marktführer, das Analysehaus Canalys taxiert den Marktanteil auf rund 33 Prozent. Allein im letzten Quartal 2019 erwirtschaftete die Tochterfirma Amazon Web Services (AWS) 9,9 Milliarden Dollar Umsatz. Microsoft hat das Geschäft unter dem neuen Chef Nadella massiv ausgebaut und kommt nun auf 16,9 Prozent, Google folgt mit 6,9 Prozent.
Diesen Abstand könne IBM kaum noch aufholen, sagt Gartner-Analyst Lowery. Deswegen positioniere sich der Konzern mit Software, die verschiedene IT-Ressourcen steuern könne – ob im eigenen Rechenzentrum oder beim Dienstleister, ob bei AWS oder Azure. „Hybrid Cloud“ und „Multi-Cloud“ nennen die ITler das. Für diesen Trend rüstete Rometty Big Blue mit der Übernahme von Red Hat.
„IBM ist aber nicht die einzige Firma, die auf diesem Markt aktiv ist“, betont Gartner Analyst-Lowery. Auch andere Vertreter der alten Garde wittern ihre Chance, etwa Dell-EMC und HPE. Der neue Chef müsse die Integration von Red Hat zügig durchziehen und die Vision verwirklichen, die der Konzern gezeichnet habe. Die Voraussetzungen seien mit dem Elektrotechniker und Informatiker gut: „Rometty ist eher eine Geschäftsfrau – die Berufung von Krishna verleiht IBM mehr Glaubwürdigkeit als Technologiefirma.“
Der Umbau könnte mit der Berufung von Krishna und Whitehurst aber gerade erst begonnen haben. Analysten spekulieren, dass Änderungen in der Dienstleistungssparte bevorstehen könnten, die seit Jahren unter Druck steht. Zudem ist die Konzernspitze vergleichsweise alt, eine Verjüngung ist an der Zeit.
In den sechs Jahren, in denen Satya Nadella Microsoft aufs Cloud Computing ausrichtete, stieg der Aktienkurs um fast 500 Prozent. Die IBM-Aktionäre hoffen auf eine ähnliche Entwicklung. Ein erstes positives Anzeichen: Nach der Berufung von Krishna und Whitehurst stieg der Aktienkurs um mehr als fünf Prozent.