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  4. Ölmarkt: Saudi-Arabien senkt nach Scheitern der Förderbremse Öl-Preise

Opec+Saudi-Arabien fordert Russland auf dem Ölmarkt zum Preiskampf heraus

Saudi-Arabien flutet nach dem Scheitern der Verhandlungen in der Opec+ die Ölmärkte und senkt die Preise. Der Aktienkurs von Saudi Aramco bricht ein.Jakob Blume und Mathias Brüggmann 08.03.2020 - 17:37 Uhr

Die Finanzmärkte am Golf fallen deutlich.

Foto: AP

Wien/Berlin. Saudi-Arabien, der weltgrößte Ölexporteur, leitet einen Preiskampf am Ölmarkt ein. Das Land hat die Preise für sein Rohöl so stark wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gesenkt. Der staatliche Energieriese Saudi Aramco bietet beispiellose Rabatte in Asien, Europa und den USA an, um Raffinerien zur Verwendung von saudischem Rohöl zu bewegen. Zugleich kündigte das Königreich an, seinen Ölausstoß von April an massiv auszuweiten, sogar die bisherige Rekordmarke von zwölf Millionen Barrel am Tag könnte übertroffen werden.

Warren Patterson, Chefanalyst für Rohstoffe bei der ING Bank, ist überzeugt: „Es steht ein Preiskrieg bevor.“ Die ING hat daher ihre Preisprognose für Brent-Öl von 56 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter) auf 33 Dollar herabgesenkt. Über die Folgen macht sich auch Bill Farren-Price, Analyst bei Petroleum Policy Intelligence, keine Illusionen: „Es wird ein Blutbad geben“, denn die Kombination aus höherer Ölproduktion und stark gefallener Ölnachfrage sei tödlich.

Die Aktien des weltgrößten Ölkonzerns, Saudi Aramco, fielen am Sonntag, dem ersten Handelstag am Golf, erstmals klar unter den Ausgabepreis für die Papiere im Dezember. Damals waren sie für 32 Dollar emittiert worden, am Sonntag brachen sie um 9,1 Prozent auf 30 Dollar ein. Alle Börsenindizes der Golfstaaten stürzten ab, Kuwait setzte sein wichtigstes Börsenbarometer vom Handel aus.

Am Freitag, nach dem Scheitern der Kompromisssuche zwischen dem Ölexportkartell Opec und Russland, war bereits der Ölpreis für die Sorte Brent um 9,4 Prozent gesunken – der Rückgang auf 45,27 Dollar je Barrel war der schärfste Tagesverlust seit der weltweiten Finanzkrise 2008.

Saudi-Arabien konnte Russland am Freitag beim „Opec+“ genannten Treffen in Wien nicht dazu bewegen, eine Kürzung der Ölproduktion von 1,5 Millionen Barrel pro Tag bis zum Jahresende mitzutragen. Damit verpassten es die beiden Länder, sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen, wie der Preisverfall an den Ölmärkten einzudämmen sei. Seit an den Finanzmärkten die Angst vor einer Ausbreitung des Coronavirus neu aufgeflammt ist, sind nicht nur die Aktienmärkte eingebrochen.

Auch die Ölpreise fielen so stark wie zuletzt in der Finanzkrise 2008. Und das Zerwürfnis zwischen Saudi-Arabien und Russland hat den Ausverkauf an den Ölmärkten noch einmal rasant beschleunigt. Wegen des von Riad angekündigten Preiskrieges erwarten Händler jetzt zum Börsenbeginn am Montag eine rasante Talfahrt des Ölpreises.

Europäische Käufer profitieren

Saudi Aramco hat am Samstag in einer Notiz an seine weltweiten Kunden drastische Preiskürzungen angekündigt. Vor allem für europäische Käufer werde der Preis pro Barrel ihrer Sorte Arabian Light um 10,25 Dollar unter dem Preis für ein Fass der Nordsee-Sorte Brent liegen. Für Kunden in Asien und den USA um vier bis sieben Dollar. Das ist der größte Rabatt seit drei Jahrzehnten.

Damit wird vor allem Russland massiv unter Druck gesetzt, einer der größten Öllieferanten Deutschlands und Europas. Russlands Energieminister Alexander Nowak hatte in Wien den Vorschlag des saudischen Ölministers Prinz Abdulaziz bin Salman nach weiteren Fördermengenabsenkungen abgelehnt. Riad hatte Moskau schon nach früheren Kürzungsrunden vorgeworfen, die vereinbarte Mengenbegrenzung nicht einzuhalten. In Russland gibt es neben den beiden mehrheitlich staatlich kontrollierten Ölkonzernen Rosneft und Gazprom Neft große private Produzenten wie Lukoil und Surgutneftegas, die eine höhere Produktion als Branchengrößen wie BP oder Exxon Mobil haben.

Russland wurde 1998 in die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Ende der Sowjetunion geschickt, nachdem Saudi-Arabien den ersten Ölpreiskrieg in 40 Jahren gestartet hatte. Der Ölpreis rutschte dabei auf seinen mit 9,55 Dollar niedrigsten Preis. Der Kreml musste einen Staatsbankrott erklären und die größte Umschuldung seiner Geschichte einleiten. „Nun wird es schmutzig“, sagte Doug King, Hedgefonds-Manager bei Merchant Commodity Fund, zum aufziehenden Preiskrieg.

Saudi Aramco hat eine Senkung des Öl-Preises angekündigt.

Foto: Reuters

Denn der Druck auf Moskau und den Ölpreis steigt durch eine weitere Ankündigung Aramcos: Der Konzern werde von April an seine Ölförderung wieder auf mindestens zehn Millionen Barrel am Tag hochfahren. Aramco schließe sogar ein Erreichen seiner Höchstmarke von gut zwölf Millionen Barrel pro Tag nicht aus, hieß es aus Riad.

Auch andere Opec-Staaten könnten nun ihre Produktion erhöhen. Denn mit dem Scheitern des Opec+-Deals laufen auch die Förderkürzungen von 2,1 Millionen Barrel pro Tag ersatzlos aus, auf die sich die Allianz im Dezember 2019 verständigt hatte.

Analysten erwarten nun ein Durchschlagen der fallenden Ölpreise auch auf die Preise für Erdgas und verflüssigtes Erdgas (LNG). Der Ölpreis selbst dürfte „im nächsten Quartal auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten fallen“, erwartet Analyst Farren-Price.

Er schließe ein Unterschreiten der Marke von 20 Dollar nicht mehr aus. Zwar braucht Saudi-Arabien einen Ölpreis von rund 80 Dollar pro Fass für einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Das Land geht damit ein großes Risiko gewaltiger Bugdetdefizite ein. Aber Aramcos Förderkosten sind deutlich niedriger als die russischer Rivalen, bereits bei über zehn Dollar macht Aramco Profit.

Russland hatte den Deal mit Saudi-Arabien platzen lassen, weil die russischen Ölkonzerne nicht länger bereit waren, Marktanteile an US-Schieferölfirmen abzugeben, sagt ING-Stratege Patterson. „Russland kommt besser mit niedrigen Ölpreisen zurecht als viele Opec-Länder.“ Für die Mitgliedstaaten des Ölkartells ist nun der schlimmste Fall eingetreten. Kein Wunder also, dass sie sich um Schadensbegrenzung bemühten. Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo sagte, er hoffe, Russland werde die Gespräche mit dem Ölkartell wieder aufnehmen.

Doch bis es dazu kommt, könnte noch viel Zeit vergehen, meint Giovanni Staunovo, Rohstoffexperte der UBS. „Es muss erst wehtun, bis die Beteiligten an den Verhandlungstisch zurückkehren.“ Ähnlich sieht das Helima Croft, Opec-Expertin bei RBC Capital Markets. „Es ist schwer vorstellbar, dass die Beziehungen zwischen der Opec und Russland schon bald stabilisiert werden können.“ Der Preiskrieg werde nahezu alle auf Ölexporte angewiesenen Staaten unter Druck setzen. Diese müssten mit einer drastischen Kürzung der Staatsausgaben auf eine steigende Verschuldung reagieren, erwartet Croft.

Marktpanik durch Coronavirus

Schmerzhaft wird der Kollaps der Opec+-Verhandlungen jedoch auch für den wichtigsten Rivalen des Ölkartells werden – die US-Schieferölindustrie. Die durch das Coronavirus ausgelöste Marktpanik hat auch die Risikoaufschläge für Anleihen von US-Energiefirmen emporschnellen lassen. Viele Schieferölförderer haben ihr jahrelanges aggressives Wachstum durch die Aufnahme hoher Schulden finanziert. Nun stehen sie doppelt unter Druck: Die Investoren ziehen Kapital ab, und die niedrigen Ölpreise lassen die Einnahmen einbrechen.

Ob jedoch die Strategie Russlands aufgeht, die Konkurrenten in den USA mit einer Preisschlacht in die Knie zu zwingen, ist unklar, sagt ING-Experte Patterson. „Mittelfristig kann das funktionieren.“ Doch er zweifelt daran, dass die US-Industrie auch langfristig geschwächt wird. Zuletzt hatten die Opec und Russland in den Jahren 2015 und 2016 versucht, mit Tiefstpreisen die US-Konkurrenz aus dem Markt zu drängen. Die Strategie schlug fehl, weil die US-Firmen unter Preisdruck immer effizienter wurden. Nachdem viele Schieferölfirmen den Preiskampf überlebt hatten, stiegen die USA zum weltgrößten Ölproduzenten auf.

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Damals waren die Investoren jedoch noch bereit, den Ölbohrern im Permischen Becken in Texas Risikokapital bereitzustellen. Doch wegen der Unsicherheit an den Märkten, die das Coronavirus ausgelöst hat, sind immer weniger Investoren dazu bereit.

Fest steht: Wenn allein der Markt den Ölpreis bestimmt, bricht für die gesamte Branche eine harte Zeit an.

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