Analyse: Riskanter Machtkampf: Ölpreis könnte auf bis zu 20 Dollar pro Fass sinken
Am Ölmarkt herrscht die Sorge vor einer Ölschwemme.
Foto: dpaFrankfurt, Moskau, Wien. Es war ein Handelstag für die Geschichtsbücher: Um bis zu 30 Prozent sind die Ölpreise am Montag zwischenzeitlich eingebrochen. Im Tagesverlauf hat sich der Preis für Brent-Öl bei über 36 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter) stabilisiert, ein Minus von knapp 20 Prozent im Vergleich zum Freitag. Nur einmal, beim Ausbruch des Golfkriegs im Jahr 1991, ist der wichtigste Referenzpreis des Ölmarktes so stark nach unten gegangen.
Nach dem schwarzen Montag an den Rohstoffbörsen ist nichts mehr, wie es war. Politische Partnerschaften, die eine Ewigkeit halten sollten, sind zerbrochen. Regierungen fürchten um ihre Zukunft, Anleger um ihr Kapital, Ölarbeiter um ihre Jobs.
Es ist „die Rache der neuen Ölordnung“, wie es Jeff Currie, Chefstratege für die Rohstoffmärkte bei Goldman Sachs, formuliert hat. Diese Rache bringt neue Tiefstpreise bei Rohöl mit sich – und ein erhebliches Maß an Unsicherheit, die nicht nur die Rohstoffmärkte hinabzieht, sondern auch die Aktienmärkte drückt und Anleger in sichere Häfen wie Staatsanleihen und Gold fliehen lässt.
Auslöser für die beispiellose Panik an den Märkten waren zwei Männer, die sich nicht auf einen Deal verständigen konnten: Prinz Abdulaziz bin Salman, Energieminister von Saudi-Arabien und hochrangiges Mitglied des Königshauses, sowie Alexander Nowak, Energieminister Russlands. Drei Jahre lang hatten sich die beiden Länder eng in ihrer Ölproduktion abgestimmt. Saudi-Arabien und Russland formten eine 24 Länder starke Allianz der Ölexporteure, genannt „Opec+“, die für rund die Hälfte der weltweiten Ölproduktion steht.
Preisschwächen am Ölmarkt glich die Opec+ aus, indem die Mitgliedsländer in einer konzertierten Aktion ihre Ölproduktion drosselten. Dadurch wurde das Ölangebot künstlich verknappt, die weltweiten Lagerbestände begannen zu sinken und der Ölpreis stieg. Doch den Preisanstieg musste sich die Opec+ immer teurer erkaufen. Die Exportländer gaben massenhaft Marktanteile an die Konkurrenz außerhalb des Opec+-Verbundes ab, allen voran an die US-Schieferölindustrie.
Beispielloser Preiskrieg
Diese Entwicklung erzürnte besonders die Bosse der russischen Ölkonzerne schon länger. Und so scheiterte Saudi-Arabien, das beim Opec+-Gipfel Ende vergangener Woche eine neue Runde von Förderkürzungen durchsetzen wollte, am Widerstand Russlands. Noch am Freitag stimmte dessen Energieminister Novak die Ölmärkte auf einen Crash ein. Es gebe ab April „keinerlei Verpflichtungen, die Produktion zu verringern“, sagte er. Sein saudischer Amtskollege rief Pressevertretern nur vielsagend zu: „Sie werden sich wundern!“
Am Wochenende ließ bin Salman seinen Worten dann Taten folgen. Saudi-Arabien trat einen Preiskrieg los. Der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco drückt seither sein Öl mit hohen Abschlägen in den Markt und kündigte zudem an, seine Ölproduktion massiv auszuweiten. Am Montag folgte schließlich die Replik der russischen Ölwirtschaft: Auch der Konzern Rosneft kündigte an, seine Produktion deutlich auszuweiten.
Am Markt geht nun die Angst vor einer Ölschwemme um. Gleichzeitig lastet jedoch die Ausbreitung des Coronavirus auf der Weltkonjunktur. Das hat die Ölnachfrage so stark wie zuletzt während der Finanzkrise einbrechen lassen. Banken und Analysehäuser passen reihenweise ihre Preisprognosen an. So schreiben die Analysten von Goldman Sachs um Chefstratege Currie: „Der Preiskrieg zwischen der Opec und Russland hat eindeutig begonnen.“
Aus Sicht der Goldman-Sachs-Analysten ist die Situation noch kritischer als im November 2014, dem Start des jüngsten von Saudi-Arabien losgetretenen Preiskriegs, „weil er zusammentrifft mit einem Kollaps der Ölnachfrage wegen des Coronavirus.“ Currie und sein Team erwarten daher, dass der Ölpreis im zweiten und dritten Quartal auf durchschnittlich 30 Dollar pro Barrel fällt. Allerdings seien Tiefs nahe der Marke von 20 Dollar pro Fass möglich.
Düstere Szenarien
Ähnlich sieht das Giovanni Staunovo, Chefanalyst für Rohstoffe bei der UBS. „Der Preis für Brent dürfte in den kommenden Tagen und Wochen auf 30 Dollar pro Fass fallen“, erwartet er. Hannes Loacker, Ölexperte der Raiffeisen Capital Management sieht ebenfalls noch kein Ende der Ausverkaufsstimmung: „Wenn die Saudis den Ölhahn komplett aufdrehen, dann sehen wir eine Bodenbildung erst bei 20 Dollar pro Fass Brent.“
Angesichts der düsteren Preisszenarien haben sich die Investoren am Montag auch im großen Stil von den Aktien der großen Ölkonzerne getrennt. Die europäischen Ölriesen Shell, BP und Total verloren ebenso zweistellig an Wert wie die US-Konkurrenz Exxon und Chevron. Stärker traf es nur die auf Schieferöl und -gas spezialisierten US-Firmen: Titel wie Marathon oder Chesepeake brachen am Montag um über 30 Prozent ein.
Wie schnell sich die Ölpreise vom schwarzen Montag erholen, hängt auch davon ab, welche Strategie Saudi-Arabien mit dem Preiskrieg verfolgt. So schreiben die Bofa-Analysten: „Es bleibt wichtig herauszufinden, ob sich die Preiskürzungen der Saudis gegen Russland oder die US-Schieferölindustrie richten.“ Sollte das Königreich lediglich versuchen, Russland an den Verhandlungstisch zu zwingen, rechnen sie mit einer schnelleren Erholung der Ölpreise. „Doch wenn der Krieg um Marktanteile gegen die US-Schieferölindustrie geführt wird, ist ein länger andauernder Ölpreisverfall wahrscheinlich.“
Saudi-Arabien fühlt sich jedenfalls bestens gewappnet. Das Königreich verfügt über Währungsreserven von gut 500 Milliarden Dollar. Sie waren zuletzt wieder gestiegen. Zugleich hat der weltgrößte Ölkonzern, Saudi Aramco, viel Luft bei sinkenden Ölpreisen: Kein anderer Ölförderer hat so niedrige Produktionskosten – 2,80 Dollar pro Barrel – wie der gerade erst im Dezember teilprivatisierte Ölgigant. ExxonMobil, der größte westliche private Ölproduzent, kommt auf 16 Dollar, Rosneft auf 20 Dollar Produktionskosten pro Fass.
Allerdings braucht Saudi-Arabien, das noch immer 85 Prozent seiner Staatseinnahmen aus Ölverkäufen generiert, einen Ölpreis von 83,60 Dollar, um ein ausgeglichenes Staatsbudget zu haben. Russland schafft dies bereits bei 42 Dollar je Barrel. Beide Länder haben auch eine deutlich unterdurchschnittliche Auslandsverschuldung. Rosneft indes hat wie auch viele westliche Wettbewerber hohe Schulden.
Russland gibt sich gut gerüstet
Bereits zweimal hat Saudi-Arabien den großen Rivalen im Osten mit einem Preiskampf in die Knie gezwungen: 1989 sanken die Ölpreise so stark, dass auch der Reformer Michail Gorbatschow im Kreml die Sowjetunion nicht mehr retten konnte. Millionen Bergleute begehrten auf, Massenstreiks gegen ungezahlte Löhne und die leeren Regale in den Läden ließen die UdSSR auseinanderbrechen. 1998 führte der von Saudi-Arabien eingeleitete Ölpreiskollaps zum zeitweisen Staatsbankrott Russlands.
Doch ein drittes Mal soll das nicht passieren: Auch Russland betonte am Montag, bestens gerüstet zu sein. Das Land verfügt über einen mit 150 Milliarden Dollar gefüllten Staatsfonds. Dieser sei „ausreichend, um Einnahmeausfälle bei einem Ölpreis von 25 bis 30 Dollar pro Barrel über sechs bis zehn Jahre auszugleichen“, teilte das russische Finanzministerium mit.
Der saudische Energieminster und sein russischer Amtskollegen konnten sich nicht auf einen neuen Opec+-Deal einigen.
Foto: ReutersSaudi-Arabien geht mit seinem Preiskrieg daher volles Risiko ein. „Russland und Präsident Putin sind in einer deutlich besseren Position als Saudi-Arabien und sein Kronprinz“, meint Chris Weafer, langjähriger Russlandanalyst, in Moskau. MbS, wie Saudi-Arabiens erst 34 Jahre alter Kronprinz Mohammed bin Salman genannt wird, hatte gerade am Wochenende vier ranghohe Prinzen verhaften lassen. Ihnen wurde vorgeworfen, einen Putsch zu planen. MbS ist wegen der Erkrankung seines Vaters, König Salman, der De-facto-Herrscher im absolutistischen Königreich.
Niedrige Ölpreise kann er keineswegs gebrauchen: Der Kronprinz verfolgt ein Umbauprogramm für sein Land weg von der einseitigen Ölabhängigkeit. Dazu will er dreistellige Milliardenbeträge in den Aufbau von Entertainment-Städten, Luxus-Urlaubsresorts am Roten Meer, in völlig neue und futuristische Industriestädte sowie in Aufkäufe westlicher Technologie-Aktien stecken. Wegbrechende Öleinnahmen stellen seine „Vision 2030“ infrage. Aber Riad wolle mit seinem Ölpreiskrieg, „Russland zurück an den Verhandlungstisch zwingen“, meint Steffen Hertog, Saudi-Arabien-Experte an der London School of Economics.
US-Firmen unter Druck
Viele Ölexperten sind der Meinung, Russland wiederum sei wissentlich das Risiko eines Preiskrieges eingegangen, um die US-Schieferölindustrie unter Druck zu setzen. Die befand sich bereits vor dem gescheiterten Opec+-Gipfel in einer prekären Lage. Sinkende Ölpreise und die Panik am Aktienmarkt hatte die Risikoprämien für Hochzinsanleihen amerikanischer Energiefirmen stark steigen lassen.
Viele Firmen, die im Permischen Becken produzieren, dem Zentrum der amerikanischen Ölindustrie, haben ihr Wachstum über hohe Schulden finanziert. Dafür haben sie massenhaft spekulative Schrottanleihen – sogenannte Junk Bonds – ausgegeben. An diesem Markt herrscht nun Krisenstimmung, schreiben die Experten der Deutschen Bank.
Die Risikoprämien für die Anleihen von mehr als 60 Prozent der US-Junk-Bonds aus den Bereichen Ölförderung und -produktion liegen mehr als elf Prozentpunkte über denen von US-Staatsanleihen. Ab diesem Niveau gelten Anleihen als notleidend und extrem ausfallgefährdet. „Zahlungsausfälle sind unvermeidlich“, warnt Craig Nicol, Stratege bei der Deutschen Bank.
Tarek Hamid von der US-Bank JP Morgan bestätigt: „US-Schieferöl funktioniert nicht bei einem WTI-Preis unter 45 Dollar.“ Wachstumserwartungen würden revidiert, und dem Öl-Service-Sektor stünden extrem harte Zeiten bevor, prognostiziert er. Zudem besteht die Gefahr, dass eine breitere Junk-Bond-Krise in den USA auch andere Sektoren in Mitleidenschaft zieht.
Opec-Staaten vor Problemen
Der Preiskrieg am Ölmarkt könnte zudem große Kollateralschäden bei weniger robusten Opec-Staaten verursachen. Im Durchschnitt brauchen die Opec-Staaten einen Ölpreis von 90 Dollar für einen ausgeglichenen Staatshaushalt, zeigt eine Analyse der Investmentbank RBC Capital Markets. Bei Krisenstaaten wie Libyen, Nigeria oder Venezuela sind es deutlich über 150 Dollar pro Barrel. Diese Länder könnten weiter destabilisiert werden. Doch auch der Iran, der unter US-Sanktionen leidet, sowie der Irak, der seit Monaten eine Regierungskrise durchläuft, könnten hart getroffen werden.
Allerdings helfen die niedrigen Ölpreise den Importländern, allen voran China und den europäischen Staaten, die derzeit unter den Auswirkungen des Coronavirus leiden. Die geringen Rohstoffpreise könnten eine Erholung der Konjunktur in diesen Ländern beschleunigen. Auch auf Ölimporte angewiesene Schwellenländer wie Indien, die Türkei oder Südafrika dürften zu den Gewinnern der Entwicklung gehören. Zudem könnte sie angeschlagenen Branchen wie der Luftfahrt eine Atempause gewähren.
Tiefstände von 30 Dollar pro Barrel oder weniger dürften ohnehin ein temporäres Phänomen sein, sagt JP-Morgan-Analyst Hamid, denn: „Das beste Mittel gegen niedrige Preise sind niedrige Preise.“ Teure Produzenten würden aus dem Markt gedrängt und das Angebot reduziert. Doch für die angeschlagenen Opec-Staaten und die pleitebedrohten Schieferölfirmen ist das ein schwacher Trost.