Virusepidemie: Löst Corona eine neue Finanzkrise aus?
Die Banken müssen sich auf wirtschaftliche Rückschläge durch die Corona-Epidemie vorbereiten.
Foto: dpaFrankfurt. Ein Vergleich wichtiger Kennziffern mit der Zeit der Lehman-Pleite zeigt, dass die Banken heute deutlich robuster dastehen. Schließlich haben sie die vergangenen zwölf Jahre auf Druck der Regulatoren damit verbracht, sich gegen neue Verwerfungen zu wappnen. Aber der Vergleich zeigt auch, wie schnell sich die Lage von Banken in einer akuten Krise verschlechtern kann und wo die Institute heute verwundbar sind.
Klar ist: Die Corona-Krise wird die Banken treffen. Dabei geht es vor allem um drei Wirkungsketten: Die Epidemie wird die Einnahmen belasten, weil sich die Kunden zurückhalten werden, egal ob es um das Geschäft mit Unternehmen, Privatkunden oder um das Asset- und Wealthmanagement geht.
Darüber hinaus droht, wenn Unternehmen in wirtschaftliche Probleme geraten, eine höhere Risikovorsorge für ausfallgefährdete Kredite. Dazu kommt, dass die Zinsen wahrscheinlich noch länger noch niedriger bleiben werden. Die Margen der Banken werden also stärker als bislang unter Druck geraten.
Die Banken mögen seit der Finanzkrise ihre Widerstandskraft deutlich gestärkt haben. Aber die massiven Verluste an der Börse zeigen, dass das Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems noch immer fragil ist.
Bilanzsumme:
Nach der Finanzkrise haben viele Banken ihre Bilanzsummen deutlich nach unten gefahren. Bei der Deutschen Bank hat sich die Bilanz im Vergleich zu 2008 beinahe halbiert. Grundsätzlich gilt, kleinere Banken sind weniger gefährlichere Banken, weil sie sich im Fall einer Schieflage leichter abwickeln lassen.
Heute müssen alle großen Banken in der Währungsunion sogenannte Testamente schreiben, in denen sie im Detail darlegen, wie sie sich im Notfall aufspalten lassen. Mit dem Single Resolution Board gönnt sich die Euro-Zone eine eigene Behörde für die Bankenabwicklung, deren Fonds gerade aufgebaut wird und bis 2023 mit 60 bis 70 Milliarden Euro gefüllt sein soll.
Darüber hinaus haben Politiker und Aufseher ein akribisches Regelwerk mit sogenannten Haftungskaskaden entwickelt, das genau festlegt, wie Aktionäre, Gläubiger und Kunden im Fall einer Bankenschieflage haften. All das soll verhindern, dass Europas Banken noch einmal vom Steuerzahler gerettet werden müssen.
Und doch zweifeln viele Experten, dass sich im Notfall eine Großbank abwickeln lässt, ohne dass das Vertrauen in den Rest des Finanzsystems erschüttert wird.
Kapitalquoten:
Als wichtigsten Sicherheitspuffer haben die meisten Geldhäuser seit der Finanzkrise 2008 ihre Eigenkapitalquoten massiv erhöht. Auch wenn sich die Zahlen von damals mit denen von heute nicht eins zu eins vergleichen lassen, zeigt sich, dass die großen europäischen Banken mit einer harten Eigenkapitalquote von um die 13 Prozent heute deutlich robuster dastehen als vor zwölf Jahren.
Die Daten für die beiden Schweizer Geldhäuser UBS und Credit Suisse zeigen aber auch, wie schnell sich im Krisenfall die Lage verschlechtern kann. 2006, als die Bankenwelt noch in bester Ordnung schien, lag die Eigenkapitalquote der UBS bei mehr als zehn Prozent, die von Credit Suisse sogar bei rund 13 Prozent. Zwei Jahre später, nach Ausbruch der Krise, waren diese Werte auf 7,4 beziehungsweise 8,6 Prozent geschrumpft.
Nettoergebnis:
Während sich die Kapitalpuffer der Banken seit der Finanzkrise eindeutig in die richtige Richtung entwickelt haben, sieht die Entwicklung bei den Gewinnen deutlich weniger beruhigend aus. Vor allem Deutsche Bank und Commerzbank ist es in den zwölf Jahren seit 2008 nicht gelungen, ihre Ergebnisse zu stabilisieren und auskömmliche Renditen zu erzielen.
Während die europäische Konkurrenz längst wieder Milliarden verdient, stecken die beiden deutschen Großbanken noch immer mitten in der Sanierung. Das macht sie für externe Schocks wie den Coronavirus besonders anfällig. Ein Vergleich des Boomjahrs 2006 mit dem Ausbruch der Finanzkrise zeigt, wie schnell aus Milliardengewinnen hohe Verluste werden können, wenn das Vertrauen in das Finanzsystem schwindet.
Die Deutsche Bank verdiente 2006 noch mehr als sechs Milliarden Euro, zwei Jahre später stand ein Verlust von beinahe vier Milliarden Euro zu Buche. Bei der Credit Suisse und der UBS sah die Entwicklung noch dramatischer aus.
Risikovorsorge:
Über Jahre hinweg profitierten Commerzbank und Deutsche Bank von der robusten Konjunktur auf dem Heimatmarkt. Beide Geldhäuser mussten in den vergangenen Jahren kaum Kapital für ausfallgefährdete Kredite zurücklegen. Das könnte sich jetzt ändern.
Wenn Europa in eine Rezession rutscht und Unternehmen wegen unterbrochener Lieferketten oder wegbrechender Nachfrage in Not geraten, müssen die Banken ihre Risikovorsorge wahrscheinlich deutlich aufstocken, das würde direkt auf Kapitalpuffer und Gewinne durchschlagen.
Gerade was die Profitabilität angeht, sehen Deutsche Bank und Commerzbank verwundbar aus. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat für dieses Jahr nach einem Milliardenverlust eigentlich eine schwarze Null versprochen. Noch ist die Bank von dieser Prognose nicht abgerückt.
Einen zentralen Unterschied zwischen 2008 und 2020 gibt es auf jeden Fall: Damals waren die Banken der Auslöser der Krise, heute wären sie ihr Opfer. Das dürfte die Bereitschaft der Staaten, dem Sektor zu helfen, deutlich erhöhen, sollte das im Extremfall tatsächlich nötig werden.