Kampf gegen Pandemie: Internetwirtschaft will mit Kampagne für Corona-Warn-App werben
Die Technik zur Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten wird aktuell in Berlin von Soldaten in der Julius-Leber-Kaserne Soldaten getestet.
Foto: AFPBerlin. Der Internet-Verband eco mit seinen mehr als 1.000 Mitgliedsunternehmen will mit einer Kampagne für die Nutzung von Handydaten im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie werben. „Ich unterstütze den Gedanken, mithilfe einer Kampagne auf eine Anti-Corona-App aufmerksam zu machen und dadurch mehr Nutzer zu gewinnen“, sagte eco-Vorstandschef Oliver Süme dem Handelsblatt. „Die Internetwirtschaft kann hier mit ihrer enormen Reichweite einen wichtigen Beitrag leisten.“
Zuvor hatte der Beauftragte für digitale Wirtschaft und Start-ups im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Jarzombek (CDU), eine Pro-Corona-App-Kampagne ins Spiel gebracht. „Zumeist ist es schwierig, die Nutzer zu bewegen, eine solche App aktiv zu installieren“, sagte Jarzombek dem Handelsblatt. „Daher wäre eine Kampagne gut, mit der die Internetwirtschaft diese App intensiv bewirbt.“
Bislang scheinen viele Deutsche nicht von der Einführung einer Anti-Corona-App überzeugt zu sein. Speziell bei einer App, die auch Standortdaten dokumentiert, wären nur etwa 47 Prozent aller Wahlberechtigten wären bereit, eine solche auf ihrem Smartphone zu installieren und zu nutzen, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Erhebung von Infratest Dimap für den ARD-„Deutschlandtrend“ hervorgeht. Rund 45 Prozent der Befragten würden eine solche App jedoch nicht nutzen.
Als Hauptgründe für eine Ablehnung der neuen Technologie nannten 41 Prozent der Befragten Datenschutz, Angst vor Überwachung oder Eingriffe in Persönlichkeitsrechte. Andere halten eine solche Maßnahme für unnütz oder technisch zu schwierig. Dabei rückt nun eine technische Lösung näher, die insgesamt sparsamer mit Daten umgeht - und auf Bluetooth setzt statt Standortdaten zu dokumentieren.
Europäische Wissenschaftler stellten am Mittwoch eine solche Technik für Corona-Tracing-Apps vor, die nun erprobt werden soll. Ziel sei, die Technologie für alle Länder verfügbar zu machen. Es geht dabei um eine App, die Bürger freiwillig installieren könnten und die sie ohne Preisgabe von Namen oder Standortdaten anonymisiert warnt, wenn sie Kontakt mit einem bestätigten Infizierten hatten. Die Bundesregierung will um den 16. April herum eine App präsentieren. Dies gilt als eine der Voraussetzungen für eine Lockerung der Regeln für das öffentliche Leben nach dem 20. April.
Merkel würde Tracking-App nutzen
Kanzleramtschef Helga Braun begrüßte die Initiative der rund 130 Wissenschaftler aus acht europäischen Ländern. Das Gesundheitsministerium betonte dagegen, dass dies nur eine von verschiedenen denkbaren Varianten sei. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich für den Einsatz von Tracking-Apps aus, wenn diese in Tests erfolgversprechende Ergebnisse liefern. Merkel würde eine solche App nach eigenen Angaben auch selbst nutzen.
Eco-Vorstandschef Süme hält es für sehr sinnvoll, digitale Techniken zu nutzen, um die weltweiten Corona-Folgen einzugrenzen und zu überstehen. „Voraussetzung für eine Anti-Corona-App sollte sein, dass sie den Schutz von Nutzerdaten garantiert und auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beziehungsweise dem ausdrücklichen Einverständnis der Bevölkerung beruht“, sagte Süme.
Der Präsident des IT-Verbands Bitkom, Achim Berg, plädierte für Anreize wie einen erleichterten Zugang zu Tests, damit Bürger die App auf ihre Smartphones laden. „Je mehr Menschen diese App nutzen, desto größer ihr Effekt – nicht nur bundesweit, sondern überall auf der Welt“, sagte Berg dem Handelsblatt. Die Digitalbranche unterstütze diese Lösung, die die Wahrung von individuellen Freiheitsrechen und allgemeinem Gesundheitsschutz bestmöglich vereinbare. „Wir brauchen diese App jetzt und müssen damit so schnell wie möglich an den Start gehen.“
Berg sieht in einer mobilen App, die Nutzer im Fall eines Kontaktes zu Infizierten warnt, einen wichtigen Baustein im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. „Und sie wird dringend gebraucht, um zum gegebenen Zeitpunkt den Restart unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens erfolgreich und sicher zu bewältigen“, sagte der Bitkom-Präsident.
BDI will „schnellstmöglich“ digitale Lösung
Berg betonte die Vorteile einer technischen Lösung für die Bevölkerung. Der flächendeckende Einsatz dieser App sei „die smarte Antwort auf Ausgangssperren und Kontaktverbote“. Anstatt die Allgemeinheit in Zwangsquarantäne zu versetzen, ermögliche die digitale Kontaktnachverfolgung in Verbindung mit konsequenten Tests die gezielte Isolation von Infizierten und besonders Gefährdeten. „Das von dem internationalen Konsortium aus Forschungsinstituten und Unternehmen vorgestellte Framework kann einfach in bestehende Apps oder aber auch Betriebssysteme integriert werden, die Funktion könnte etwa mit Zustimmung der Nutzer per Update aufgespielt werden“, erläuterte Berg.
Auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) warb für die Technologie des Expertenteams. „Diese App zeigt vor allem, dass vor allem digitale Ansätze entscheidender Teil der Lösung der aktuellen gesamtgesellschaftlichen Herausforderung sind“, sagte BVDW-Geschäftsführer Marco Junk dem Handelsblatt. Kaum etwas sei für die Menschen einschneidender als die derzeitige Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit. „Wenn sich Möglichkeiten ergeben, dem irgendwie entgegenzuwirken, sollten wir diese nutzen“, betonte Junk.
Kernvoraussetzung für die Akzeptanz sei natürlich eine datenschutzkonforme Umsetzung der Anwendung und damit eine eindeutige Zweckbindung. „Klar ist aber auch, dass diese Anwendung nur funktionieren kann, wenn ein Großteil der Bevölkerung sie auch verwendet. Das sollten wir alle nach Kräften unterstützen.“
Darauf setzt auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Die „zeitlich begrenzte verstärkte Verarbeitung von Handydaten“ im Kampf gegen das Coronavirus biete die Chance, Leben zu retten, sagte BDI-Präsident Dieter Kempf. „Sie muss helfen, dass Quarantänemaßnahmen Erfolg haben.“ In Deutschland müsse es daher „schnellstmöglich“ digitale Lösungen geben, um die Bevölkerung vor Ansteckung zu schützen und die Krise zu überwinden.
Aus Sicht des BDI-Präsidenten erlaube es die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ausdrücklich, Daten zu verarbeiten, um lebenswichtige Interessen zu schützen. „Eine totale Überwachung mit einer Veröffentlichung detaillierter Bewegungsprofile wird und darf es in Deutschland unter keinen Umständen geben“, fügte Kempf hinzu.
Wann eine einsatzfähige App zur Verfügung steht und angeboten werden kann, ist noch offen. Klar ist allerdings jetzt schon: Die Technik zur Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten wird aktuell in Berlin von Soldaten in der Julius-Leber-Kaserne Soldaten getestet.