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Europäische Tech-Initiative Neue Technologie für die Corona-App: Eine Chance auf Normalität

Europäische Wissenschaftler und Technologieexperten haben eine europaweite Plattform für Corona-Tracking-Apps gebaut. Sie soll helfen, Maßnahmen wie Kontaktverbote zurückzufahren.
01.04.2020 Update: 01.04.2020 - 16:27 Uhr Kommentieren
Daten sollen nicht auf Servern von Google und Apple liegen dürfen. Quelle: dpa
Corona-App

Daten sollen nicht auf Servern von Google und Apple liegen dürfen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Berlin Es ist ein hehres Ziel, aber ein machbares, da sind sich die 130 Wissenschaftler und Technologie-Experten aus ganz Europa sicher: Wenn die Menschen die Möglichkeit haben, mit Apps nachzuvollziehen, welche Kontakte sie hatten, damit sie im Fall einer Corona-Infektion die Infektionskette schnell und akkurat nachvollziehen können, dann können Maßnahmen wie Ausgangssperren oder Kontaktverbote wieder gelockert werden.

Voraussetzung ist, dass diese Apps den strengen europäischen Datenschutzstandards entsprechen, also niemand die Bürger überwacht und das ganze System freiwillig ist.

Und genau das haben die 130 Experten geschafft: Sie haben eine Plattform entwickelt, mit der Corona-Apps in Europa datenschutzkonform arbeiten können. Auch die deutsche App wird wahrscheinlich darüber laufen. Die Plattform nennt sich Pepp-pt. Das steht für Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing. Sie wurde seit Anfang März entwickelt.

Das Team stellte seine Technologie am Mittwochmorgen per Videokonferenz vor. Beteiligt an dem Projekt sind in Deutschland unter anderem das Robert Koch-Institut (RKI), das Fraunhofer-Heinrich-Hertz-Institut Berlin, verschiedene Universitäten und der Mobilfunkbetreiber Vodafone. Über Pepp-pt werden Technologien und Serviceleistungen für Corona-Tracking-Apps angeboten, damit sie konform mit dem strengen europäischen Datenschutzrecht arbeiten können.

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    Die Arbeitsgruppe will sicherstellen, dass solche Apps freiwillig sind, keine persönlichen Daten freigeben, das System sicher ist und es eine Einheitlichkeit in der EU gibt, damit die Menschen sich bald wieder frei bewegen können.

    Die Technologie dahinter: Die App merkt sich, wem der Nutzer in den vergangenen zwei Wochen länger und enger begegnet ist. Die App kreiert eine individuelle Identifikationsnummer (ID). Diese sendet sie in regelmäßigen Abständen per Bluetooth Low Energy in die Welt und sucht gleichzeitig nach Signalen von anderen IDs. Findet sie diese, werden sie verschlüsselt auf dem Handy des Nutzers gespeichert.

    Weder hat der Nutzer darauf Zugriff, noch sind die IDs auf andere Personen rückführbar. Die Nutzer müssen keine persönlichen Daten angeben, es werden keine Orte oder Bewegungsmuster gespeichert.

    Die Apps sollen von den Herstellern der Betriebssysteme, also etwa Google oder Apple, per Update auf die Smartphones gespielt werden. Der Nutzer entscheidet sich, ob er das möchte oder nicht. Auch die wissen nicht, wer sich hinter der ID befindet.

    Stellt ein Nutzer fest, dass er krank ist, kann er seinen Status in der App ändern. Die Gesundheitsbehörden müssen das dann noch bestätigen, damit niemand das System ausnutzt, um seine Nachbarn oder Eltern in Quarantäne zu schicken.

    Vodafone Labs und andere deutsche Institute arbeiten noch daran, die Bluetooth-Signale richtig zu messen, damit die Distanz richtig eingeschätzt werden kann. Diese variiert bei unterschiedlichen Smartphone-Modellen. Dafür kooperieren sie mit der Bundeswehr, die mit ihren Soldaten Messungen vornimmt.

    60 Prozent der Bevölkerung sollten laut den Forschern mindestens eine solche App nutzen, damit die Maßnahmen gelockert werden können.

    Das System ist sicher, davon sind die europäischen Entwickler überzeugt. Die Plattform und die Technologie wurden von IT-Sicherheitsexperten überprüft. Die Entwickler laden zudem auch andere ein, die Sicherheit zu testen.

    Der Quellcode ist noch nicht öffentlich als Open Source verfügbar, aber das soll noch kommen. Weil die App nur Daten speichert, die andere Telefone aktiv versenden, werde damit kein Tor für Angreifer geöffnet, so die Entwickler. Sogar wenn jemand die Daten stehlen sollte, könnten diese nicht einer einzelnen Person zugeordnet werden.

    Bisher gibt es in den meisten europäischen Ländern keine Apps, wie sie beispielsweise in Asien genutzt werden. Da die europäischen Datenschutzvorgaben sehr hoch sind, soll die Plattform die Entwicklung für alle einfacher und einheitlicher machen.

    Bisher sind in der Pepp-pt-Initiative Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und die Schweiz vertreten. In Deutschland arbeitet ein Team rund um das Robert Koch-Institut noch an einer App, die wahrscheinlich genauso aussehen soll. Laut Informationen von Reuters ist sie derzeit für den 16. April geplant.

    Bis dahin wird die Technologie von Pepp-pt noch getestet – aber es gibt bereits viel Zustimmung. Der Bundesdatenschutzbeauftragte, Ulrich Kelber, sagte, er und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hätten Hinweise gegeben und Fragen der Projektinitiatoren beantwortet, sie seien aber nicht Teil der Initiative: „Wir können kein Siegel geben, weil wir uns natürlich nicht alles ansehen konnten. Wir waren also mehr Lotsen, um im Bild zu bleiben.“ Die Pepp-Pt-Initiative verfolge aber gute Ansätze wie die lokale Speicherung und Pseudonymisierung der Daten.

    Parteien loben Initiative

    So sieht das auch die Politik: „Ich finde die Initiative gut und begrüße besonders den europaweit interoperablen Ansatz“, sagte der Beauftragte für digitale Wirtschaft und Start-ups im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Jarzombek (CDU), dem Handelsblatt. Außerdem seien die Parameter richtig gewählt.

    Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) knüpft den Einsatz einer App an Bedingungen. „Das heute von einer Forscherinitiative vorgestellte Projekt ist eine interessante Grundlage für die Entwicklung einer Corona-Warn-App“, sagte Lambrecht dem Handelsblatt. „Wenn hierauf basierend eine solche App entwickelt wird, werden wir sie uns im Hinblick auf Grundrechte und Datenschutz genau anschauen.“ 

    Für sie sei zentral, dass dabei die Privatsphäre und die Bürgerrechte der Bürgerinnen und Bürger gewahrt bleiben, betonte Lambrecht. Deshalb sei es wichtig, dass die App nur auf freiwilliger Basis verwendet werde und alle Beteiligten eingewilligt hätten. „Daten sollten nur anonymisiert und zeitlich befristet gespeichert werden und die Bildung von Bewegungsprofilen ausgeschlossen sein“, sagte die SPD-Politikerin.

    Der CDU-Bundestagsabgeordnete Tino Sorge bemängelte, dass „Pepp-PT für die Coronawelle leider zu spät kommen könnte“. Es werde Monate dauern, bis die App tatsächlich nutzbar, bekannt genug und von genügend Nutzern heruntergeladen worden sei. Das System könne aber bei künftigen Epidemien wertvolle Dienste leisten.

    „Dass der Standard nur auf Freiwilligkeit und Anonymisierung beruht, zeigt leider, dass es sich um einen Kompromiss mit den Datenschützern handelt – obwohl der lebensrettende Nutzen außer Frage steht. Weil die App von freiwilligen Downloads abhängig ist, wird sie stets nur lückenhafte Daten liefern“, kritisierte Sorge.

    Die FDP fordert eine rasche Umsetzung der Initiative einer Gruppe europäischer Wissenschaftler für Corona-Tracking-Apps. Es komme darauf an, dass die App möglichst bald von möglichst vielen Menschen installiert und genutzt werde, sagte Fraktionsvize Frank Sitta dem Handelsblatt. „Um die Anwendung in die Fläche zu bringen, könnten Mobilfunkanbieter zunächst die App automatisch auf dem Handy installieren, den Bürgern würde aber die aktive Entscheidung über die Nutzung und Deinstallationsrechte gewährt bleiben.“

    Daneben seien flächendeckende Testmöglichkeiten für die Bürger notwendig. „Nur so kann gewährleistet werden, dass die App auch mit den Daten gespeist wird, die benötigt werden, um uns im Kampf gegen Corona wirklich voranzubringen.“

    Sitta sieht nun das Gesundheitsministerium und das Robert Koch-Institut am Zug, die europäische Initiative schnellstmöglich in Deutschland umzusetzen. Zeiträume, die man etwa für die Beantragung eines Personalausweises benötige, „können wir uns dabei nicht leisten“, sagte der FDP-Politiker. „Bis Mitte April ist es schlichtweg zu lange hin.“

    Großer Zuspruch zu der Corona-Warn-Technologie kommt auch aus der IT-Branche: „Es freut mich sehr, dass das Projekt einer Corona-Tracking-App von einem internationalen Team von Wissenschaftlern und Entwicklern umgesetzt wurde und jetzt an den Start gehen kann“, sagte der Präsident des Digitalverbands Bitkom, Achim Berg. Je mehr mitmachten, umso größer sei der Effekt: „Das Virus können wir nur gemeinsam stoppen.“

    Wie werden Personen ohne Smartphone benachrichtigt?

    Derweil wich das Bundesministerium für Gesundheit auf Anfrage aus, ob Pepp-Pt die Grundlage für eine staatliche Tracking-App auf Bluetooth-Basis werden könne: „Die Bundesregierung begleitet die Entwicklung verschiedener Techniken, mit deren Hilfe epidemiologische Daten generiert werden.“

    Dabei gehe es auch um konkrete Fragen nach Kontaktpersonen von Infizierten. Klar ist, das Ministerium will Infektionsketten möglichst schnell und lückenlos nachverfolgen und unterbrechen können: „Dafür sucht die Bundesregierung einen technisch machbaren und politisch umsetzbaren Weg.“

    Aber es gibt auch kritische Stimmen: Der digitalpolitische Sprecher der CSU im Bundestag, Hansjörg Durz, spricht sich dafür aus, notfalls den Datenschutz aufzuweichen, sollte der freiwillige Ansatz sich nicht flächendeckend durchsetzen: „Wenn Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit im absoluten Notfall eingeschränkt werden können, darf auch die Einschränkung von Datenschutzrechten kein Tabu sein – insbesondere wenn dadurch andere Grundrechte zurückgewonnen werden können.“

    Matthias Bäcker, Professor für Datenschutzrecht an der Universität in Mainz, hatte bereits Angang der Woche eine Lösung wie die vorgestellte begrüßt. „Aus datenschutzrechtlicher Perspektive wäre das ein Musterbeispiel für Privacy by Design“, sagte er dem Handelsblatt.

    „Ich sehe Herausforderungen eher auf den vor- und nachgelagerten Ebenen“, so Bäcker weiter. Etwa, wie werden Personen benachrichtigt, die kein Smartphone haben? Das trifft vor allem auf ältere Menschen zu. Oder welche Pflichten entstehen bei der Nutzung? Müssen Corona-Infizierte die Daten in jedem Fall mit dem RKI teilen? Diese Fragen gilt es noch zu beantworten, ganz ohne Tech.

    Mehr: Wie die Corona-App aussehen könnte

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