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  5. Wirecard: Ende der Sonderprüfung verschiebt sich erneut

ZahlungsdienstleisterBisher keine Belege für Bilanzfälschung bei Wirecard – doch Sonderprüfung dauert länger

Wirecard steht im Zentrum der Kritik. Die Vorlage des Prüfberichts verschiebt sich erneut. Dafür gibt der Konzern vorerst Entwarnung beim Vorwurf des Bilanzbetrugs. Felix Holtermann, Christian Schnell 22.04.2020 - 23:12 Uhr aktualisiert

Die Aufmerksamkeit von Anlegern, Analysten und Regulierern ist dem KPMG-Bericht sicher.

Foto: imago/Sven Simon

München/Frankfurt. Der Abschluss der Bilanzsonderprüfung bei Wirecard verschiebt sich erneut. „Die Wirecard AG wurde aktuell von der Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft KPMG darüber informiert, dass KPMG die Ergebnisse der laufenden Sonderuntersuchung am Montag, den 27. April 2020, vorlegen wird“, teilte der Konzern am Mittwochabend mit.

„In den verbleibenden Tagen sollen noch eingegangene Datenbestände verarbeitet und berücksichtigt werden“, so die offizielle Begründung für die Verschiebung. Aus Anlegersicht besonders wichtig: „Belege für die öffentlich erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation wurden nicht gefunden“, erklärte der Konzern weiter.

Konkret hätten sich bislang in den vom Prüfauftrag umfassten vier Geschäftsbereichen Drittpartnergeschäft, Forderungsvorfinanzierung sowie den Aktivitäten in Indien und Singapur „keine substanziellen Feststellungen ergeben, die für die Jahresabschlüsse im Untersuchungszeitraum 2016, 2017 und 2018 zu Korrekturbedarf geführt hätten.“

KPMG prüft seit Oktober 2019 die Bilanzen des Zahlungsdienstleisters aus Aschheim bei München. Vorausgegangenen war eine über ein Jahr währende Debatte über die Geschäftspraktiken Wirecards. Für den nun für Montag angekündigten Abschlussbericht verspricht Wirecard erneut, diesen auf der Homepage zur Verfügung zu stellen.

Schwerwiegende Vorwürfe

Anlass für die Sonderprüfung waren zahlreiche gravierende Vorwürfe. Seit Januar 2019 hatte die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT) eine ganze Serie von Artikeln über undurchsichtige Verträge und zweifelhafte Partner des Konzerns veröffentlicht. Vor allem die Ungereimtheiten im wichtigen Asiengeschäft nährten einen bösen Verdacht: Hat Wirecard seine Bilanz manipuliert?

Nachdem der Druck über Monate hinweg gestiegen war, versuchte Wirecard im Oktober den Befreiungsschlag – und beauftragte die Wirtschaftsprüfer von KPMG mit einer Sonderprüfung der Bilanzen der Jahre 2016 bis 2018. Die heutige Verschiebung stellt die zweite Verlängerung des Prüfzeitraums dar.

Die Sonderprüfung erfolgte mit großem Aufwand. Zwischenzeitlich wühlten sich rund 40 Prüfer durch die Bilanzen. Diese waren bereits vom langjährigen Konzernprüfer EY abgesegnet worden, dessen Sorgfalt jedoch in Zweifel stand. Für KPMG ist der Audit heikel: Die Gesellschaft weiß genau, dass nun auch ihre Reputation auf dem Spiel steht.

Für den heutigen Mittwoch war nun der „Tag X“ geplant, der Moment der Wahrheit. Das Management hoffte, mit der Veröffentlichung des Prüfberichts endlich einen Schlussstrich unter die Vorwürfe der Vergangenheit ziehen zu können. Dass sich die Veröffentlichung nach einem halben Jahr der Prüfung nun ein zweites Mal kurz vor Ende verschiebt, zeigt, wie hoch die Einsätze sind – und wie weit der Dax-Neuling Wirecard noch vom Standard anderer Großkonzerne entfernt ist.

Warum die erneute Verschiebung? Laut Insidern prüfte KPMG auch noch zu Beginn dieser Woche einlaufende Zahlen von Drittpartnern. Damit begründet Wirecard nun auch offiziell die Verlängerung. Konzernkreisen zufolge enthielten die Daten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein größeres Risiko für die Bilanz – dennoch seien sie nicht irrelevant und müssten von KPMG geprüft werden.

Offenbar bereiten jedoch nicht nur spät eintrudelnde Datensätze Probleme. Laut Insidern ringt Wirecard mit KPMG auch um die Schärfe von Formulierungen im Prüfbericht. Zwar gebe es bei den wichtigsten – bilanzwirksamen – Punkten Entlastung, etwa dem Vorwurf des sogenannten Roundtripping, der Erfindung von Umsätzen. Dennoch hätten die Prüfer zahlreiche negative Feststellungen etwa zur Compliance und den internen Prozessen getroffen.

Nun gehe es um die Frage, wie gravierend die entsprechenden Rügen im Prüfbericht ausfielen. Die KPMG-Prüfer formulierten deutlich negativer als gedacht, heißt es aus Konzernkreisen. Die entsprechenden Gespräche hielten an.

Aufklärung in Raten

Bereits am 12. März hatte der Konzern zu später Stunde einen Teilbericht der Untersuchungsergebnisse präsentiert. Damals erreichten die Prüfer jedoch nur eine teilweise Aufklärung über die Bilanzierungsmethoden bei Wirecard.

Licht brachten sie lediglich in drei der vier untersuchten Teilbereiche. So trafen die Prüfer erste entlastende Aussagen zu zwei Unternehmenskäufen in Indien aus dem Jahr 2015, zu finanziellen Unregelmäßigkeiten in der Asien-Zentrale in Singapur sowie zum Bereich Forderungsvorfinanzierung, auch „Merchant Cash Advance“ (MCA) genannt. Unter MCA versteht der Konzern Kredite an kleine Händler, die die Wirecard-Plattform für ihren Zahlungsverkehr nutzen.

„Diese Teile der Sonderuntersuchung haben in diesen Untersuchungsgebieten aus heutiger Sicht keine substanziellen Feststellungen ergeben, die für die Jahresabschlüsse im Untersuchungszeitraum 2016, 2017 und 2018 zu Korrekturbedarf führen würden“, hatte Wirecard im März mitgeteilt.

Zum besonders wichtigen vierten Punkt erlaubten sich die Prüfer damals noch keine Aussagen: dem umstrittenen Drittpartnergeschäft – also der Frage, welche Teile der Wirecard-Umsätze mithilfe externer Firmen erwirtschaftet wurden.

Problematische Drittpartner

Hier hatte die FT in einem insgesamt zehnseitigen Artikel im Oktober deutliche Zweifel an Zahlungsströmen über Partner in Dubai und Irland angemeldet. Angereichert wurde der Report durch interne und externe Dokumente. Im Mittelpunkt stand Wirecards Partner Al Alam aus Dubai. Dieser ist ein sogenannter „Third Party Acquirer“, der in Ländern, in denen Wirecard über keine eigenen Lizenzen verfügt, die Abwicklung des Zahlungsverkehrs übernimmt.

Der Kern der Vorwürfe: Laut FT sollen über Al Alam im Jahr 2016 rund die Hälfte des Konzerngewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen erzielt worden sein. Demnach war das Unternehmen aus Dubai für einen Umsatz von 265 Millionen Euro und einen „Ebitda-Effekt“ von 173 Millionen Euro verantwortlich, zitierte die Zeitung aus internen Unterlagen.

Laut der FT wurden 2016 über Al Alam die Geschäfte von 34 wichtigen Wirecard-Kunden abgewickelt. Sie stammten aus den USA, Europa, dem Mittleren Osten, Russland und Japan.

In der Folge hatte die Zeitung nach eigener Darstellung versucht, alle diese Geschäftspartner zu kontaktieren. 15 von ihnen hatten demnach niemals den Namen Al Alam gehört, sechs antworteten nicht, fünf konnten nicht identifiziert werden und acht von ihnen hatten ihr Geschäft bereits eingestellt.

Wirecard-Chef Markus Braun hatte all diese Vorwürfe stets bestritten. Nun dürfte er sich durch die von KPMG abgesegnete Aussage, auch im Drittpartnergeschäft seien keine „Belege für Bilanzmanipulation“ gefunden worden, bestätigt fühlen. Die Stimmung im Konzern sei gut, berichtet ein Wirecard-Manager. Aber KPMG wolle sehr genau sein.

Wechsel im Aufsichtsrat

Die Prüfung beaufsichtigt der neue Aufsichtsratschef von Wirecard, Thomas Eichelmann. In seinem Gremium steht laut zwei mit dem Sachverhalt vertrauten Personen ein Wechsel an. Die bisherige Aufsichtsrätin Susana Quintana-Plaza steigt zum operativen Vorstand des portugiesischen Öl- und Gaskonzerns Galp Energia auf und verlässt im Zuge dessen auch auf Bitten der Galp-Eignerfamilie das Wirecard-Gremium.

Der Nachfolger steht offenbar schon fest: Eine „sehr renommierte Persönlichkeit“ soll demnach an die Stelle Quintana-Plazas treten und die Kompetenz im Kontrollgremium verstärken. Zuerst hatte die „Wirtschaftswoche“ über den möglichen Abgang berichtet. Mit der Sonderprüfung soll dieser nicht in Verbindung stehen.

Mit dem kommenden Montag steht nun ein neues Enddatum für den KPMG-Audit im Raum. Eine dritte Verlängerung des Prüfzeitraums ist jedoch kaum mehr möglich: Am 30. April will Wirecard seine Jahresbilanz 2019 veröffentlichen. Und diese möchte der Konzernprüfer EY ohne die finale KPMG-Einschätzung zur Sonderprüfung offenbar nicht testieren.

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