Pandemie: RKI empfiehlt regional differenzierte Lockerung der Corona-Maßnahmen
Berlin. An diesem Mittwoch treffen sich die Länderchefs mit der Bundeskanzlerin, um über weitere Lockerungen zu entscheiden. Der zentrale Satz des obersten deutschen Seuchenbekämpfers dazu lautet: „Die Entscheidungen über Lockerungen müssen von den Playern vor Ort lokal getroffen werden.“
Damit stützt der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, all die Politiker, die sich nicht mehr an eine zentrale nationale Linie halten wollen.
Wieler untermauert dies mit dem Hinweis auf die nach wie vor enormen Unterschiede im Infektionsgeschehen: So gibt es deutschlandweit aktuell knapp 200 Infizierte pro 100.000 Einwohner. In Bayern sind es jedoch 333 – in Mecklenburg-Vorpommern nur 44.
Für die Entscheidung in den Regionen empfiehlt Wieler aber ein ganzes Bündel von Parametern: Neben der Gesamtzahl der Fälle sei vor allem die Dynamik und die regionale Ansteckungsrate entscheidend, also der sogenannte R-Faktor. Daneben müsse einbezogen werden, wie schwer die Menschen im Schnitt erkrankten. Entscheidend sei darüber hinaus die Kapazität der regionalen Intensivabteilungen der Krankenhäuser, der Tests und vor allem die Auslastung der Gesundheitsämter, die die Infektionsketten nachvollziehen müssen.
Es könne einen großen Unterschied machen, ob die gleiche Zahl an Neuinfizierten in einem Kreis vor allem in einem einzelnen Alten- oder Pflegeheim auftrete, oder sich aus vielen Quellen zusammensetze, die zudem schwer zu identifizieren sind, erläuterte Wieler. Im ersten Fall sei das gut zu bekämpfen, im zweiten weitaus schwieriger. Deshalb seien auch klare Grenzwerte nicht sinnvoll, sie würden die Entscheider womöglich „in falscher Sicherheit wiegen“. Diese müssten bei den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen alle Faktoren im Blick haben.
„Zweite Welle“ gilt als wahrscheinlich
Wieler betonte erneut, dass Deutschland die Pandemie bisher sehr gut in den Griff bekommen habe. Dem RKI wurden in den vergangenen Tagen nur rund 700 bis 1600 neue Coronavirus-Fälle pro Tag gemeldet, „die Zahl sinkt weiter, das ist eine sehr gute Nachricht“. Die Ansteckungsrate werde derzeit auf 0,71 geschätzt. Die Zahl lag bereits in den vergangenen Tagen zwischen 0,7 und 0,8.
Allerdings sei die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle weiterhin hoch, sie liege zwischen 40 und 200. Und der Anteil der Verstorbenen unter den bestätigten Fällen sei in den vergangenen Wochen kontinuierlich gestiegen und liege nun bei 4,2 Prozent.
Zudem halte die Mehrheit der Virologen „eine zweite Welle für sehr wahrscheinlich“. Einige erwarteten sogar eine dritte Welle. Deshalb komme auch die geplante App zur Verfolgung der Kontakte von Infizierten, die schon Anfang Mai vorliegen sollte, keinesfalls zu spät. Auch in einer zweiten Welle könne diese von größtem Nutzen sein, so Wieler.
Keine Entscheidungshilfe liefert das RKI für die Frage, ob und in welchem Umfang Schulen und Kitas wieder geöffnet werden können. Die bisher vorliegenden Studien, etwa aus Schweden, deuteten zwar an, dass Kinder eine geringere Rolle bei der Verbreitung spielten. Alle Studien seien aber „sehr schnell gemacht“ worden, hätten „Designschwächen“ und gäben daher noch „keine eindeutige Antwort“ auf die Frage, welche Rolle Kinder in der Pandemie spielen. Klar sei nur, dass Ältere besser in der Lage seien, sich disziplinierter zu verhalten.