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VolkskongressChinas langer Weg zurück zur Normalität

Die chinesische Wirtschaft erholt sich langsamer von der Coronakrise als erhofft. Ökonomen fürchten eine zweite Infektionswelle. Das Land wartet auf die Signale des Volkskongresses.Dana Heide 21.05.2020 - 15:05 Uhr

Die Erholung vom Corona-Schock dauert länger, als die amtlichen Zahlen vermuten lassen.

Foto: dpa

Peking. Ab Freitag begeht China als erstes Land mitten in der Coronakrise ein politisches Großevent: den Nationalen Volkskongress. Rund 3000 Delegierte des Quasi-Parlaments Chinas und Vertreter der Zentralregierung kommen aus allen Teilen der Volksrepublik in der Hauptstadt Peking zusammen.

Bei dem Treffen in der Großen Halle des Volkes wird nicht nur die politische Richtung für die verbleibenden Monate in 2020 ausgegeben, es hat in diesem Jahr auch immense symbolische Kraft: Seht her, will die chinesische Regierung zeigen, wir haben das Coronavirus so weit unter Kontrolle, dass wir sogar ein riesiges politisches Event abhalten können.

Die Welt blickt auf China und darauf, wie sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt seit ihrem in der neueren Geschichte beispiellosen Lockdown erholt. Die Bedeutung von Chinas Wirtschaft für die Welt ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Im vergangenen Jahr hatte die Volksrepublik einen Anteil von 46,3 Prozent am weltweiten Wirtschaftswachstum. Wie es China geht, hat großen Einfluss darauf, wie die Weltwirtschaft insgesamt dasteht.

Doch die Erholung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt stockt. Der Virusausbruch sei für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes „ein gewaltiger Schock“, sagte Chinas Handelsminister Zhong Shan auf einer Pressekonferenz in Peking Mitte Mai. Es wird erwartet, Chinas Premierminister Li Keqiang beim Volkskongress ein großes Anreizpaket verkündet, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Mit Spannung schauen Beobachter auch darauf, welches Wachstumsziel die chinesische Regierung in diesem Jahr verkünden wird – oder ob sie darauf angesichts der Krise sogar ganz verzichtet.

Eine Zahl machte zuletzt jedoch Hoffnung: Die Industrieproduktion stieg im April um 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und übertraf damit die Erwartungen der Analysten. Doch Ökonomen bremsen die Euphorie. Der Anstieg könnte zu einem Großteil Auftragsrückständen aus dem letzten Quartal geschuldet sein, sagt Dan Wang, China-Analystin bei der Economist Intelligence Unit in Peking im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Wang vermutet zudem, dass die Fabriken für das Lager produzieren. „Später im Jahr könnten wir Überkapazitäten sehen“, sagt sie. Auch Max Zenglein, Leiter des Programms Wirtschaftsforschung bei dem Berliner China-Think-Tank Merics ist skeptisch: „Ich glaube nicht an die allgemeine V-förmige Erholung der chinesischen Wirtschaft“ sagt er, „ich denke, sie wird ziemlich unausgewogen sein.“

Denn im Gegensatz zur Produktion schneidet die chinesische Wirtschaft bei der Nachfrage weiterhin schlecht ab. „Das Angebot hochzufahren ist der leichte Teil“, erklärt Mercis-Experte Zenglein. Die chinesische Regierung übe großen Druck aus, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. „Aber es erweist sich als viel schwieriger, die Nachfrage anzukurbeln”, so Zenglein. Oder anders ausgedrückt: In einer gelenkten Staatswirtschaft wie der Chinas kann die Regierung Stahlwerke und Fabriken anweisen, ihren Betrieb wieder aufzunehmen, aber die Konsumenten müssen schon selbst zum Geldbeutel greifen.

Die Lokalregierungen versuchten es mit Konsumgutscheinen, die sie vor allem für den Onlinehandel verteilten. Doch genützt hat es nicht viel. Tatsächlich fielen im Einzelhandel die Verkäufe auch im April um 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Analysten hatten mit einem besseren Wert gerechnet. „Die Unsicherheit in Bezug auf die Beschäftigung ist nach wie vor groß, auch das Einkommen leidet darunter“, so Zenglein.

Die Aussichten auf die Zukunft dürften vielen die Kauflaune dauerhaft verderben. Experten gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit weiter steigen wird. Laut offiziellen Zahlen lag sie im April bei sechs Prozent – für China ein sehr hoher Wert.

Zumal die tatsächliche Zahl weit höher liegen dürfte. Denn die rund 300 Millionen Wanderarbeiter, die einen großen Teil der erwerbsfähigen Bevölkerung ausmachen, tauchen in der offiziellen Statistik nicht auf. Viele Analysten glauben, dass die Arbeitslosigkeit dieses Jahr zehn Prozent erreichen wird.

Experten fürchten zweite Infektionswelle

Weil die Krise auch das Ausland fest im Griff hat, fällt der Export als Wachstumstreiber bis auf Weiteres aus. Zwar stiegen die Ausfuhren im April sogar erstmals in diesem Jahr wieder leicht an im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Beobachter glauben jedoch, dass daraus kein dauerhafter Trend werden wird. „Medizinische Lieferungen haben die chinesischen Exporte im April angekurbelt, dies wird sich in den kommenden Monaten nicht wiederholen“, glaubt Iris Pang, Chefökonomin bei der ING Bank. Sie erwartet, dass die Exporte wieder schrumpfen werden.

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Experten rechnen zudem mit einer zweiten Welle an Erkrankungen in China. „Wir glauben, dass sich die chinesische Ökonomie in W-Form erholen wird”, sagt Ökonomin Dan Wang. Derzeit befinde sich die chinesische Wirtschaft auf der Oberseite des V, der Abwärtstrend werde im vierten Quartal einsetzen, wenn eine zweite Welle des Krankheitserregers einschlagen werde.

In den letzten Wochen zeigte sich bereits, wie fragil die Situation ist. Jüngst wurden Teile der chinesischen Millionenstadt Jilin abgeriegelt, weil mehrere neue Fälle von Corona-Infektionen aufgetreten waren.

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