Interview: Mohamed El-Erian: „Die Rally kann noch eine Weile so weitergehen“
Der ehemalige Pimco-Chef fordert von der Politik, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen im großen Rahmen zu fördern.
Foto: ReutersDenver. Wirtschaftsexperte Mohamed El-Erian fordert trotz der überraschend guten Arbeitsmarktdaten für den Mai neue Hilfspakete für die USA. „Das größte Risiko ist, dass die US-Regierung ihre Hilfsmaßnahmen zu früh aussetzt“, sagte der ökonomische Chefberater der Allianz im Interview mit dem Handelsblatt.
Die größte Volkswirtschaft der Welt bräuchte nun gezielte Maßnahmen, „die dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden“. Auch müsse die Politik groß angelegte Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen fördern, um die Arbeitskräfte auf die neuen Wirtschaftsstrukturen vorzubereiten. „Wir wissen ja schon ziemlich genau, wie sich die Welt verändern wird. Sie wird weniger globalisiert sein. Unternehmen müssen ihre Lieferketten umbauen und mehr in ihren Heimatmärkten produzieren“, so El-Erian.
Die gute Stimmung an den Aktienmärkten könnte dagegen noch eine Weile anhalten, glaubt der frühere Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco. Die Rally sei jedoch nicht durch Fundamentaldaten getrieben, sondern durch den Eindruck, dass die US-Notenbank die Anleger im Ernstfall schon retten werde.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Herr El-Erian, die Arbeitslosenquote in den USA ist für den Mai überraschend gesunken. Ist das Schlimmste überstanden?
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist immer noch deutlich schlechter als zur Finanzkrise. Die Alarmsignale blinken daher immer noch rot, auch wenn man sich andere Indikatoren anschaut, wie zum Beispiel die langen Schlangen bei den Essenstafeln. Die lassen darauf schließen, dass es immer noch viel Schmerz und Leid gibt. Und das trotz der großen Hilfspakete der Regierung und der Notenbank.
Die Aktienmärkte scheinen die Warnsignale nicht zu stören. Trotz der Proteste und der Ausschreitungen, die es in den vergangenen Tagen überall in den USA gab, legten die Kurse weiter zu.
Die Investoren wetten auf zwei Dinge. Erstens: dass wir schnell zu einer starken Wirtschaft zurückkehren. Die Arbeitslosenzahlen vom Freitag haben diese Ansicht bestätigt. Auch verlief die Öffnung der Bundesstaaten bislang ohne einen großen Anstieg der Corona-Fälle. Und zweitens: dass die US-Notenbank wieder eingreifen wird, falls erneut etwas schiefgeht.
Sie sprechen vom sogenannten Moral-Hazard-Problem: Akteure gehen zu hohe Risiken ein, weil sie glauben, dass sie im Ernstfall gerettet werden.
Die Fed hat es durch ihre Rettungsprogramme ermöglicht, dass sich Zombie-Unternehmen noch weiter verschulden. Wir sehen gerade, dass Unternehmen so schnell wie noch nie neue Anleihen ausgeben, und das, obwohl die Zahl der Insolvenzen deutlich steigen wird.
Die Fed hat für ihr schnelles und deutliches Eingreifen viel Lob bekommen, weil es ihr gelungen ist, die Märkte schnell zu beruhigen. Ist sie zu weit gegangen?
Dass die Fed Anleihen von Unternehmen kauft, die gerade auf Junk-Status herabgestuft wurden, das halte ich noch für gerechtfertigt. Dass sie börsennotierte Indexfonds für Hochrisikoanleihen kauft, nicht. Das schafft Zombie-Märkte, in denen die Kapitalallokation nicht mehr effizient funktioniert und falsche Preissignale gesendet werden. Kreditfonds, die in Unternehmensanleihen investieren, verzeichnen gerade Rekordzuflüsse. Die Anleger glauben, dass wir einen sogenannten „Fed Put“ haben …
… eine Art implizite Absicherung, weil die Fed im Ernstfall weiter eingreifen wird …
Und dieser Put ist nicht mehr nur auf Unternehmensanleihen mit guter Bonität beschränkt. Wenn man das einmal angefangen hat, ist es sehr schwer, sich davon wieder zu verabschieden, ohne Störungen zu verursachen. Die Märkte sind sehr gut darin, etwas zu verlangen, und sehr schlecht darin, es wieder zurückzugeben.
Die Fed hat den Märkten also zu viel Gutes getan?
Meiner Ansicht nach schon. Daher sollte sie auch nicht noch mehr tun. Wenn sich die Investoren immer auf die Fed verlassen, dann wird es für sie in den kommenden Krisen immer schwieriger werden, effizient einzugreifen.
Fed-Chef Jay Powell argumentiert, dass er mit seinen drastischen Maßnahmen vor allem Arbeitsplätze sichern wollte.
Man kann nicht jeden retten. Sonst ziehen die schwachen Unternehmen die gesunden mit runter. Das ist die große Lektion aus Japan. Es ist der Eindruck entstanden, als würden die Fed und die Regierung vor allem die Wall Street retten, aber nicht die Menschen. Das „Main Street Lending Program“ der Notenbank, das stärker bei den Unternehmen und Bürgern ankommen soll, ist immer noch nicht gestartet. Das Absurde ist, dass die Fed die Anleiheemission von Unternehmen unterstützt, daran aber keine Bedingungen geknüpft sind, wie das Geld verwendet werden soll. Es gibt natürlich die Hoffnung, dass es dem Erhalt von Arbeitsplätzen dient. Aber die Realität ist, dass es wahrscheinlich für andere Dinge verwendet wird.
Die Anleger freut’s. Die Kurse sind in den vergangenen Wochen trotz Rekordarbeitslosigkeit immer weiter gestiegen. Was kann diese Rally stoppen?
Man muss das Momentum respektieren. Das erhöht auch die Angst der Anleger, etwas zu verpassen, was den Kursen zusätzlich Auftrieb gibt. Das kann noch eine Weile so weitergehen, aber zwei Dinge könnten die Rally aufhalten. Wir können eine Welle von Insolvenzen sehen. Oder die Fed könnte einen Fehler begehen und die Märkte verschrecken. Letzteres halte ich jedoch für unwahrscheinlich. Die Fed wird im Zweifel eher zu viel tun als zu wenig.
Es ist also noch Zeit einzusteigen?
Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich bin sehr froh, dass ich gerade nicht die Ersparnisse anderer Leute verwalte. Der Händler in mir sagt: Bleib investiert. Der Blick auf die fundamentale Seite dagegen zeigt, dass der Markt zu weit in die Zukunft blickt.
Und wie handeln Sie als privater Anleger?
Das ist eine einfachere Entscheidung. Ich bin niemand, der auf Moral Hazard setzt. Ich fühle mich einfach nicht wohl dabei, etwas zu kaufen und darauf zu hoffen, dass mich jemand im Ernstfall schon retten wird. Das finde ich moralisch falsch. Ich bin ein eher vorsichtiger Investor und habe einen Teil meiner Aktien verkauft. Zu früh? Ja. Aber man muss sich immer fragen, welche Art von Fehler man lieber machen will.
Wie geht es jetzt weiter für die US-Wirtschaft?
Das größte Risiko ist, dass die US-Regierung ihre Hilfsmaßnahmen zu früh aussetzt. Die Wirtschaft braucht zwei Dinge. Zum einen Hilfen, die dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Konsumschecks, die an alle Amerikaner gehen, auch die, die noch im Job sind, sind dagegen nicht mehr gefragt. Und zum Zweiten muss die Politik den Fokus darauf legen, die wirtschaftlichen Schäden zu reparieren.
Wie könnte das aussehen?
Es muss jetzt darum gehen, die Produktivität in der Wirtschaft zu erhöhen. Wir wissen ja schon ziemlich genau, wie sich die Welt verändern wird. Sie wird weniger globalisiert sein. Unternehmen müssen ihre Lieferketten umbauen und mehr in ihren Heimatmärkten produzieren. Arbeitnehmer müssen also anders ausgebildet werden und lernen, sich im digitalen Zeitalter zurechtzufinden. Auch Investitionen in die Infrastruktur sind nötig.
Wie groß ist Ihre Sorge vor einer zweiten Infektionswelle?
Die kommenden zwei Wochen werden sehr interessant werden. Wir werden eine Reihe von neuen Daten bekommen. Vielleicht werden die Fallzahlen erneut drastisch ansteigen nach den vielen Protesten, die die Menschen viel schneller zusammengebracht haben, als eigentlich geplant war. Oder wir stellen fest, dass wir die Wirtschaft schneller wieder öffnen können als gedacht. Davon hängt ab, ob die Verbraucher bereit sind, wieder stärker am wirtschaftlichen Leben teilzunehmen und ob die Unternehmen bereit sind, wieder zu öffnen. Sollte es zu einer zweiten Infektionswelle kommen, wäre das sicherlich eine Bremse für die Wirtschaft.
Rechnen Sie damit, dass die Wirtschaft dann noch einmal komplett lahmgelegt werden könnte?
Nein. Ich glaube nicht, dass wir noch einmal so einen Lockdown sehen werden. Wenn, dann wird es lokale Einschränkungen geben, und verschiedene Bundesstaaten werden auf verschiedenen Wegen damit umgehen.
Die Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung haben in den vergangenen Tagen das Land bewegt. Wie viel, glauben Sie, wird sich dadurch tatsächlich ändern?
Ich hoffe, dass dies der Sputnik-Moment sein wird, in dem die Gesellschaft zusammenkommt. Aber das muss sich erst noch zeigen.
Herr El-Erian, vielen Dank für das Interview.