Zahlungsdienstleister: Prüfer sehen bei Wirecard Hinweise auf „Täuschungszwecke“ – Konzern kündigt Klage an
Düsseldorf, Frankfurt. Der Zahlungsdienstleister Wirecard hat seinen lange erwarteten Jahresabschluss zum vierten Mal verschoben. Es gibt milliardenschwere Unklarheiten in der Bilanz, wie der Dax-Konzern am Donnerstag in Aschheim bei München mitteilte.
Die Aktie brach daraufhin um bis zu 71 Prozent ein auf zeitweise nur noch 30 Euro. Sie sank damit auf ein Niveau, das der Kurs zuletzt im Jahr 2016 erreicht hatte. Zuletzt lag das Minus bei rund 50 Prozent.
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die seit über einem Jahrzehnt die Bilanzen von Wirecard prüft, sieht Hinweise, dass ihr von einem Treuhänder oder von Banken, die die Treuhandkonten führen, „unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken“ vorgelegt wurden. Dahinter vermuten die Prüfer die Absicht, sie sollten so eine unrichtige Vorstellung über vorhandene Bankguthaben oder Bankkonten erhalten, die zugunsten von Wirecard geführt werden.
In der Summe geht es um Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro, was rund einem Viertel der Konzernbilanzsumme entspricht. Die Prüfer von EY monieren, dass über diese Konten keine ausreichenden Prüfungsnachweise zu erlangen waren.
Nach Informationen des Handelsblatts handelt es sich dabei um jeweils zwei Konten bei zwei asiatischen Banken. Bei der einen Bank sollen auf zwei Konten zum 31.12.2019 insgesamt 1,123 Milliarden Euro hinterlegt gewesen sein. Bei der anderen Bank sollen es zu diesem Zeitpunkt auf zwei Konten insgesamt rund 800 Millionen Euro gewesen sein. Die in Frage stehende Gesamtsumme von 1,9 Milliarden Euro setzt sich so zusammen.
Zudem sollen bei der einen Bank 20 Millionen Euro, bei der anderen 30 Millionen Euro auf anderen Konten als Reserve für mögliche Übernahmen in Asien deponiert worden sein. Laut Wirecard besitzen die beiden asiatischen Banken ein Investmentgrade-Rating und nehmen in Asien zahlreichen andere Mandate als Treuhänder wahr.
Probleme mit Darlehen drohen
Aus Vorstandskreisen heißt es, man sei mit der betroffenen asiatischen Bank im Gespräch über die „unrichtigen Saldenbestätigungen“. Man hoffe, die Informationen der Ad-hoc-Meldung revidieren zu können.
Einen neuen Termin für die Vorlage des Jahresabschlusses 2019 gab das Unternehmen noch nicht bekannt. Dadurch könnte Wirecard nun Probleme mit Darlehen bekommen: Solange ein testierter Jahres- und Konzernabschluss nicht bis zum 19. Juni vorgelegt werde, könnten Wirecard Kredite in Höhe von circa zwei Milliarden Euro gekündigt werden, erklärte der Konzern.
Das Unternehmen hat am 18. Juni 2018 eine revolvierende Kreditlinie über 1,75 Milliarden Euro mit einem Bankenkonsortium vereinbart. Als sogenannte Lead Aranger fungieren die Commerzbank, die Landesbank Baden-Württemberg und die beiden niederländischen Geldhäuser ING und ABN Amro, das geht aus einem Anleiheprospekt von Wirecard hervor. Keine der Banken wollte die Turbulenzen rund um den Konzern kommentieren. In Finanzkreisen hieß es, dass an dem Konsortium insgesamt eine zweistellige Zahl an Instituten beteiligt sei, so dass sich das Kreditrisiko für die einzelnen Geldhäuser in Grenzen halte.
Bei Vorfällen wie bei Wirecard sei es eher unüblich Kreditlinien über Nacht zu kündigen, hieß es in den Kreisen. Erst einmal müssten sich die Banken jetzt sortieren und Verhandlungen mit dem Schuldner aufnehmen.
Die erneute Verschiebung und die verschwundenen Milliarden drohen Wirecard auch neuen Ärger mit den Behörden einzubringen: Eine Sprecherin der Finanzaufsicht Bafin erklärte gegenüber dem Handelsblatt mit Blick auf die heutigen Vorgänge: „Wir beziehen das in unsere laufende Prüfungen ein.“ Derzeit prüft die Aufsicht unter anderem den Vorwurf der Marktmanipulation bei Wirecard.
Innerhalb des Konzerns wird das Ergebnis geschockt aufgenommen. „Das ist der blanke Horror“, heißt es von einem Manager. Am Konzernsitz in Aschheim wird nun nach Informationen des Handelsblatts auch über personelle Konsequenzen diskutiert. Verantwortlich gemacht werden könnte laut Konzernkreisen etwa Organisationsvorstand Jan Marsalek, der für den Aufbau und die Pflege des umstrittenen Drittpartnergeschäfts und des Geschäftsbereichs Asien verantwortlich war. Auch die Zukunft von Vorstandschef Braun ist demnach offen.
Umstrittene Treuhandkonten
Entscheidend für die erneute Verschiebung des Konzernabschlusses waren vor allem die fehlenden Belege für die Gelder auf den Treuhandkonten. Der Konzern begründete die hohe Gesamtsumme von 1,9 Milliarden Euro stets damit, dass sie als Sicherheit für Vorleistungen an Kunden dient. Händlern vor allem im asiatischen Raum bekommen von Wirecard nach einem bargeldlosen Verkauf sofort die Kaufsumme gutgeschrieben. Wirecard dagegen muss oft Wochen warten, bis der Konzern das Geld wieder von Kreditkartenfirmen überweisen bekommt.
Mit stark zunehmendem Geschäft in Asien soll sich auch die Gesamtsumme auf den Treuhandkonten in den vergangenen Jahren deutlich erhöht haben. Aus rund einer Milliarde Euro noch vor wenigen Jahren seien so inzwischen fast zwei Milliarden Euro geworden.
Wirecard-Chef Markus Braun bestätigte am Donnerstag, dass man in Austausch mit den asiatischen Treuhändern stehe. „Alle Beteiligten sind um schnelle Aufklärung bemüht“, ließ er sich zitieren. Allerdings hätten die Wirtschaftsprüfer früher erteilte Bestätigungen der Banken nicht mehr anerkannt. Nach Informationen des Handelsblatts handelt es sich dabei um Bestätigungen vom 16. und 17. März dieses Jahres zu Salden vom 31. Dezember 2019. „Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil von Wirecard vorliegen, ist derzeit unklar“, so Braun. „Die Wirecard AG wird Anzeige gegen Unbekannt erstatten.“
Der Wirecard-Gründer und -CEO steht unter Druck.
Foto: BloombergBereits die Sonderprüfer von KPMG, die als Reaktion auf kritische Berichte der britischen Zeitung „Financial Times“ seit Oktober die Bilanzen der Jahre 2016 bis 2018 noch einmal durchforstet haben, seien die Konten in Asien aufgefallen, heißt es aus dem Umfeld des Konzerns. Außerdem stellten die KMPMG-Prüfer Mängel in der internen Organisation fest. Hinzu kam aber auch die mangelnde Bereitschaft von Drittpartnern, umfassend mitzuarbeiten. Transaktionsdaten für den Untersuchungszeitraum 2016 bis 2018 fehlten deshalb ebenso wie Verträge zwischen den Drittpartnern und Händler sowie Kontoauszüge und Bankbestätigungen und Treuhandkonten.
Kritische Investoren
Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagt: „Das ist ein weitere Schlag ins Kontor für die Wirecard-Aktionäre“. Mit Blick auf die ausstehenden Kredite im Umfang von zwei Milliarden Euro, die unter Umständen kurzfristig fällig gestellt werden können, sagt Tüngler: „Jetzt bekommt Wirecard auch Druck von einer anderen Seite“. Das angeschlagene Unternehmen müsse nun mit den Banken verhandeln. Mit Blick auf die Zukunft des Top-Managements sagte Tüngler: „Wirecard steht vor der Frage, ob es personell so weiter gehen kann“. Man könne nicht mit den Leuten, die aus einem System kommen, dieses System ändern.
Personelle Konsequenzen fordert auch Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment: „Wir sind fassungslos. Auch hier hat sich wieder gezeigt, dass den Ankündigungen von Wirecard keine Taten folgen. Ein personeller Neuanfang ist dringender denn je. Wir hoffen, dass der erneute Vertrauensentzug am Kapitalmarkt nicht doch noch Auswirkungen auf das operative Geschäft hat.“ Speich hatte bereits zuvor den Rücktritt von Wirecard-Chef Markus Braun gefordert.
Drei Mal verschoben
Im Februar hatte das Unternehmen noch bei der Vorstellung der vorläufigen Bilanzzahlen angekündigt, dass der Jahresumsatz im Jahr um 38 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro gestiegen sei, während das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen um 40 Prozent auf 785 Millionen Euro gestiegen sei. Abschließend hatte Wirecard seinen Jahresabschluss aber drei Mal verschoben.
Im vergangenen Monat hatte Wirecard gesagt, dass die jüngste Verzögerung bei der Veröffentlichung der Ergebnisse darauf zurückzuführen sei, dass EY mehr Zeit benötigte, um die Überprüfung abzuschließen. Die Prüfer hätten im Rahmen ihrer Arbeit aber nichts Wesentliches gefunden.
Bereits bei einer Sonderprüfung von KPMG waren für die Prüfer zuletzt viele Fragen offen geblieben. Sie konnten und wollten Wirecard nach monatelanger Prüfung an entscheidenden Stellen weder in Summe Unbedenklichkeit bescheinigen, noch attestierten sie rundweg Fehlverhalten. Aktivistische Investoren wie der der britischen Fondsmanager Chris Hohn fordern seitdem den Rücktritt von Vorstandschef Braun.
Wirecard sieht sich seit Jahren in Medienberichten Vorwürfen der Bilanzfälschung ausgesetzt, hatte diese jedoch bislang immer bestritten. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt darüber hinaus gegen Firmenchef Markus Braun und die drei anderen Vorstände wegen des Verdachts auf Marktmanipulation.