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Zahlungsdienstleister Wirecard-Investoren erwarten klares Ergebnis der Sonderprüfung

Erneut hat Wirecard starke Zahlen vorgelegt. Das Wachstum soll auch 2020 weitergehen. Dabei muss der Konzern vor allem die Großinvestoren bei der Stange halten.
16.02.2020 - 17:18 Uhr Kommentieren
Wirecard wickelt für Einzelhändler, Flug- und Bahnkonzerne sowie Telekommunikationsfirmen auf der ganzen Welt Zahlungen ab und kassiert dafür Gebühren. Quelle: Reuters
Wirecard-Zentrale

Wirecard wickelt für Einzelhändler, Flug- und Bahnkonzerne sowie Telekommunikationsfirmen auf der ganzen Welt Zahlungen ab und kassiert dafür Gebühren.

(Foto: Reuters)

Frankfurt/München Markus Braun gab sich wie üblich kämpferisch: „Unsere strukturellen Wachstumstreiber offenbaren ein erhebliches Potenzial“, erklärte der Vorstandschef zur Vorstellung der vorläufigen Bilanzzahlen 2019 am Freitag.

Und tatsächlich: Der Zahlungsdienstleister ist deutlich gewachsen und erfüllt damit die Erwartungen. Der Vorsteuergewinn (Ebitda) lag mit 785 Millionen Euro 40 Prozent über dem des Vorjahres.

Der Umsatz wuchs um 38 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro. Und für 2020 peilt der Konzern weiterhin einen Gewinn von bis zu 1,12 Milliarden Euro an.

Die Berichte der Zeitung „Financial Times“ (FT) zu dubiosen Buchungen und verdächtigen Kundenlisten, der böse Verdacht der Bilanzfälschung und die Zahlungsabwicklung für halbseidene Partner: all das hat das Geschäft nicht nachhaltig belastet. Im Gegenteil: Wirecard ist trotz des massiven Vertrauensverlusts am Markt auf Wachstumskurs. Zweimal hatte der Vorstand 2019 die Gewinnprognose angehoben. Von einem „beeindruckend starken Jahresende“ sprechen die Analysten der Baaderbank.

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    Doch trotz der guten Zahlen steht Wirecard vor entscheidenden Wochen. „Die Märkte schauen aktuell bei der Bewertung der Aktie vorrangig auf die KPMG-Prüfung“, erklärt Marius Fuhrberg, Analyst bei Warburg Research. Die Bilanzsonderprüfung hatte der Konzern im Oktober angesetzt, um die Vorwürfe zu entkräften. „Vor dem Hintergrund der derzeitigen Situation erscheint die Veröffentlichung ihres Ergebnisses der wichtigste Fixpunkt zu sein, wichtiger als die jetzt veröffentlichten vorläufigen Zahlen“, so Fuhrberg. Während viele Kleinanleger fast religiös an Wirecards Erfolg glauben, blicken große Investoren deutlich nüchterner auf den Konzern.

    Szenario 1: Die Entlastung

    Der Deutschlandchef eines großen US-Instituts, das im Kundenauftrag in Wirecard investiert, sagt: „Ich sehe derzeit keinen Grund, mit Wirecard keine Geschäfte zu machen.“ Aber: „Wir legen Wert auf eine saubere Due Diligence“, also auf eine genaue Prüfung möglicher Geschäftspartner. „Unsere Erwartung ist, dass Wirecard einen unabhängigen, sauberen und klaren Audit vorlegt und diesen auch veröffentlicht“, so seine Mahnung.

    Was passiert, wenn KPMG nur kleinere Probleme findet? „Wenn KPMG Wirecard entlastet, ist ein Short Squeeze denkbar“, erklärt Fuhrberg. Die Aktie würde aufgrund der Erleichterung steigen. Die Shortseller, die auf einen Kursverfall gesetzt haben, müssten Aktien nachkaufen, um ihre Verluste zu begrenzen, und die dadurch erhöhte Nachfrage würde so den Kurs noch weiter antreiben.

    Auf dieses Szenario scheinen viele Investoren zu setzen. Am Dienstag meldete Blackrock, man halte nun Anteile über 5,53 Prozent. Davor hatten Société Générale, Bank of America, Morgan Stanley und Goldman Sachs ihre Stimmrechte teils deutlich aufgestockt, vor allem über Derivate. Gehandelt wird im Kundenauftrag.

    Entlastet KPMG Wirecard, ist offen, wie der Streit mit der „FT“ weitergeht. Wirecard verdächtigt „FT“-Journalisten, mit Shortsellern gemeinsame Sache zu machen. Den Prozesstermin zur angestrengten Zivilklage gegen die „FT“ am 27. Januar hat der Konzern aber abgesagt, wie die Zeitung „Welt am Sonntag“ berichtete. Laut Insidern will man zunächst den KPMG-Audit abwarten, da man sich dann größere Chancen vor Gericht ausrechnet.

    Der Topmanager eines der größten deutschen Vermögensverwalter kann sich im Fall einer Entlastung durch KPMG sogar eine Verdopplung des Aktienkurses vorstellen. „Zu erwarten ist ein binäres Ergebnis“, sagt er. „Entweder KPMG entlastet Wirecard vollumfänglich. Oder wir stehen vor einem riesigen Betrugsfall.“

    Szenario 2: Der große Absturz

    Ausgeschlossen ist der Worst Case nicht: „Wenn KPMG doch etwas findet, dann stellt sich die Frage, wie groß die Probleme sind“, kommentiert Fuhrberg. Sind sie gravierend, ist ein Kursabsturz wahrscheinlich.

    Nahrung erhielten kritische Stimmen von einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ am Donnerstag. Das Magazin zitierte aus einer internen Kundenliste mit 100 000 Einträgen von 2017. Demnach kamen gut 40 der nach Umsatz 100 größten Digitalkunden aus der Porno- und Glücksspielbranche. Zum Teil soll Wirecard trotz betrügerischer Transaktionen die Geschäfte nicht gestoppt haben.
    Wirecard erklärt hierzu: „Wir bezweifeln die Authentizität der angeblichen Kundenliste.“ Derzeit stamme „ein einstelliger Prozentbereich [der] Kunden aus den Bereichen Erwachsenenunterhaltung und Glücksspiel“. Jeder Händler durchlaufe eine Überprüfung der Gesellschafterstrukturen und Finanzverhältnisse. Auch Verbraucherbeschwerden flössen ein. „Des Weiteren prüft Wirecard bereits angeschlossene Händler kontinuierlich auf Inaktivität, Insolvenz oder Aufgabe der Geschäftstätigkeit.“ Nötige Lizenzen würden ständig auf Aktualität und Gültigkeit überwacht.

    Über ein harsches Urteil von KPMG würden sich vor allem die Shortseller freuen, die schon seit Längerem auf fallende Kurse spekulieren. Laut der Analysefirma S3 waren im Januar rund 20 Prozent der Aktien leerverkauft. Doch auch wenn der große Absturz nicht ausgeschlossen ist, ist er eher unwahrscheinlich: Zuletzt hatte der neue Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann angedeutet, die Prüfer hätten bislang keine ad-hoc-pflichtigen Probleme gefunden.

    Szenario 3: Fragen bleiben

    Also alles im Lot in Aschheim? Beobachter sind skeptisch. „Am wahrscheinlichsten ist Stand jetzt, dass die Bilanzsonderprüfung ohne einen großen Knall endet, aber viele Fragen offen bleiben“, sagt Volker Brühl, Ex-Investmentbanker und Geschäftsführer des Frankfurter Center for Financial Studies. Für Langfristinvestoren bedeutete das neue Unsicherheit.

    Vorstandschef Braun verspricht seit Langem mehr Transparenz. Doch bis heute fehlt der neue Kommunikationschef. Immerhin hat der Konzern am Freitag auf der Homepage einen neuen Button „Transparenz“ eingefügt, unter dem Informationen zum Geschäft versammelt werden. Zielgruppe sind Kleinanleger, Politiker und die interessierte Öffentlichkeit.

    Wie skeptisch manche Großinvestoren das Management sehen, zeigen neue Angaben zu Abstimmungen auf der Hauptversammlung. Allianz Global Investors (Allianz GI) enthielt sich bei der Entlastung des Vorstands aufgrund von „Bedenken hinsichtlich Mängeln in der Unternehmensführung und den internen Kontrollen“. Auch bei der Aufsichtsratsentlastung gab es eine Enthaltung.
    Darüber hinaus votierte man gegen den Vorschlag, den langjährigen Konzernprüfer EY erneut zu verpflichten: „Angesichts der Vorwürfe (...) erwartete Allianz GI einen Wechsel des Abschlussprüfers.“ Antje Stobbe, Analystin für gute Unternehmensführung bei Allianz GI, erklärt: „Funktionierende Kontrollsysteme und die Unabhängigkeit von Mitgliedern im Aufsichtsrat und seiner Ausschüsse sind entscheidend für unser Vertrauen in Unternehmen.“ Dieses bringe man mit dem Abstimmungsverhalten zum Ausdruck. „Im Zweifel investieren wir Anlegergelder aber in die Unternehmen, die unsere Auffassungen teilen und aktiv weiterverfolgen.“

    Sollten 2020 neue Vorwürfe auftauchen oder sollte die KPMG-Prüfung in die Kritik geraten, dürfte Wirecard anfällig bleiben für Rückschläge am Aktienmarkt. „Beim Thema Governance sind bei mir immer noch alle Warnlampen an“, sagt der Topmanager eines großen Vermögensverwalters. „Ich glaube, dass den Konzern frühere Geschäftspraktiken noch einmal einholen.“ In diesem Fall würde der Befreiungsschlag ausbleiben.

    „Sollte der Kurs nicht deutlich ansteigen und Wirecard damit zu teuer werden, könnte der Konzern mittelfristig zum Übernahmeziel werden. Damit wäre vermutlich auch ein Managementwechsel verbunden“, glaubt Finanzprofessor Brühl.

    Mehr: Bei Tesla und Wirecard laufen die Kurse den Fundamentaldaten davon: Die Aktien des Autobauers und des Zahlungsdienstleisters sind mittlerweile reine Spekulationsobjekte.

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