Sven Dörrenbächer, Hischam Telib: Mercedes-Werber beteiligen sich an Start-up ID League
Die Mercedes-Werber beteiligen sich an dem Berliner Start-up und wollen damit ihre Digitalkompetenz stärken.
Foto: Mentzel@antoniDüsseldorf. Wie lassen sich die Qualitäten eines Fußballspielers objektiv erfassen und vergleichen? Diese Frage beschäftigte 2014 den Fußballtrainer Hischam Telib, als er eine Jugendmannschaft in Berlin anleitete. Er musste eine Spielerposition neu besetzen, und fand sich in langen Diskussionen mit Kollegen wieder. Das musste doch auch anders gehen, dachte er sich. Er wollte Objektivität statt Bauchgefühl.
Die Daten von Fußballspielern ermitteln bisher vor allem Anbieter im Profibereich. Dabei geht es um Werte wie Laufleistung, Zweikampfführung, Passgenauigkeit. Doch reicht das? Was sagt schon eine Passquote aus, wenn es sich um einen Verteidiger handelt, der seine Bälle zuverlässig vom Torwart zugespielt bekommt? Telib wollte viel mehr Werte über seine Nachwuchsspieler erfassen. Und sie vor allem mit den konkreten Aufgaben der Spieler verknüpfen.
Der 49-Jährige suchte sich ein Team von Tech-Experten zusammen, darunter sein Neffe Aladin Halil, und ließ ein objektives Vergleichssystem entwickeln, wie er erzählt. Das war 2016, das Geburtsjahr des Berliner Start-ups ID League. Das Unternehmen, das heute 45 Mitarbeiter beschäftigt, versteht sich mit seinen Produkten als digitaler Co-Trainer für Teams und Sportler.
Die von der ID League entwickelte Datenanalyse macht die Performance der Sportler gegenüberstellbar. In bislang zwei Sparten werden Leistungsdaten erfasst und vergleichbar gemacht: Fußball (Kick ID) und American Football (TD ID). „Im Sport ist es enorm wichtig, mannigfaltige Kompetenzen zusammenzuführen, um erfolgreich zu sein. Mit unserem Expertenteam, zu dem auch Dietmar Beiersdorfer gehört, bieten wir unseren Kunden optimale Services, um ihre Performance zu verbessern“, sagt Telib.
Nun hat er auch noch prominente Unterstützung aus der Werbeszene bekommen: Antoni, die Agentur, die 2015 für den Autobauer Mercedes-Benz gegründet wurde und heute rund 140 Beschäftigte zählt, beteiligt sich an dem Start-up.
Kleine GoPro-Kamera reicht
Sven Dörrenbächer, Managing Director bei Antoni, hat den Deal eingefädelt. Wie so oft basiert die Verbindung auf einer eher zufälligen ersten Begegnung: Eine Bekannte stellte die beiden Manager einander vor, nach dem Motto: Ihr kommt beide aus Bayern und lebt in Berlin – ihr solltet euch kennen lernen.
Aus dem Kennenlernen ist eine zukunftsweisende Geschäftsverbindung geworden. Antoni erwirbt eine Beteiligung zwischen fünf und zehn Prozent. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. „ID League ist mit seiner Technik und Datenkompetenz sowie den Wachstumsperspektiven ein sehr vielversprechendes Investment für uns“, sagt Dörrenbächer. Der 46-jährige Antoni-Werber verspricht sich einen deutlichen Digitalschub für seine Agentur. ID League ist für den Digitalexperten Dörrenbächer ein „Start-up-Punk“.
Darüber hinaus gibt es aber auch neue Aufgaben für die Agentur Antoni bei ID League: Die Mercedes-Werber werden künftig das Marketing des Start-ups verantworten. Das Modell von ID League ähnelt dem eines Schulfotografen: Freie Mitarbeiter des Unternehmens fahren zu Fußballvereinen und vermessen die Spieler mittels einer Videokamera. In den ersten Jahren war dazu umfangreiches Equipment nötig, heute reicht eine kleine GoPro-Kamera. Für 19,95 Euro können Trainer oder Eltern die Datensätze der einzelnen Spieler kaufen.
Rund 100.000 Fußballer und Fußballerinnen haben für sich bei Kick ID ihr individuelles Spielerprofil mittels Video-Tracking und Softwareanalyse ermitteln lassen. Das Unternehmen ist derzeit in zwölf Ländern vertreten. Zehn weitere Märkte sind geplant. Nicht nur Spieler, sondern auch Trainer melden sich an, denn es gibt auch Weiterbildungsangebote wie die Coach-the-Coach-Plattformen „TaktikR“ und „Street Pro“, an denen unter anderem Fußballtrainer Jürgen Klopp und Nationalspieler Mats Hummels beteiligt sind.
Kleine Einheiten für jeden einzelnen Kunden
„Die Zusammenarbeit eröffnet neue Perspektiven vor allem mit Blick auf Data-Know-how, digitale Produkte und die Besonderheiten von Digital ,as a service‘“, sagt Juliane Krause-Akelbein, Creative Director bei Antoni. Das Vermessen mithilfe von Videotechnologie kann nicht nur bei Sportlern verwendet werden, sondern auch im Handel und in deren Lagern. Die Anwendungsfälle sind laut den Werbern mannigfach.
Vor fünf Jahren gründeten die beiden Werber Tonio Kröger und André Kemper die Agentur Antoni in Berlin-Mitte. Eine Agentur neuer Art, die von der Branche mit Argusaugen beobachtet wurde. In den ersten Jahren arbeiteten die Werber exklusiv für Mercedes-Benz, später kamen weitere Kunden hinzu. Das Modell nennt sich Customized Agency: Für jeden einzelnen Kunden baut Antoni eigene kleine Einheiten auf, die wie kleine Firmen agieren und ausschließlich für einen Werbetreibenden arbeiten.
Inzwischen haben sich der Süßwarenhersteller Katjes, der Mobilfunkanbieter Vodafone und der Reinigungsspezialist Kärcher für maßgeschneiderte Agenturmodelle von Antoni entschieden. Der jüngste Neuzugang in der Kundenliste kommt ebenfalls aus dem Start-up-Bereich: Für Bett1 ziehen sie eine weitere Agentureinheit auf. Rund 30 neue Mitarbeiter will Antoni für die vergrößerte Auftragslage einstellen.