Anleihen: Für die Rally der Schwellenländer gibt es große Risiken
Das Coronavirus grassiert in Brasilien und belastet die Wirtschaft.
Foto: dpaFrankfurt. Es ist ein trauriger zweiter Rang, den Brasilien einnimmt: Das lateinamerikanische Land hat nach den USA weltweit die meisten Corona-Fälle und die meisten Toten. Präsident Jair Bolsonaro redet das Virus noch immer klein. Doch die Investoren kehren langsam zurück: Der brasilianische Real hat seinen Absturz gestoppt, die Börse in São Paolo sich vom Tief Ende März erholt und die Rendite der zehnjährigen Real-Anleihe liegt inzwischen nur noch knapp über dem Niveau von Mitte Februar.
Chris Watson, Schwellenlandexperte beim Vermögensverwalter Finisterre sagt: „Kurzfristig könnte globale Risikofreude Brasilien weiter unterstützen.“ Doch mit Blick auf das Jahresende bleibt er skeptisch: Dann könnte die wachsende Staatsverschuldung des Landes wieder in den Fokus der Investoren rücken.
Eine ähnliche Entwicklung wie Brasilien machen auch Mexiko, die Türkei und Südafrika durch: Nirgendwo zeigte das laufende Jahr so heftige Schwankungen wie in den Schwellenländern. Im Februar und März verzeichneten sie höhere Kapitalabflüsse als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Währungen wie der brasilianische Real oder der südafrikanische Rand stürzten in den ersten drei Monaten des Jahres ab – und verloren rund ein Viertel ihres Wertes im Vergleich zum US-Dollar. Viele Ökonomen sagten bereits Staatspleiten in den Schwellenländern voraus.
Doch dann folgte die Gegenbewegung, wie etwa Robin Brooks, Chefvolkswirt des Institute of International Finance (IIF), beobachtet: „In den vergangenen sechs Wochen gab es eine enorme Rally in den Schwellenländern, nachdem sich die Stimmung normalisiert hat.“
Der JP Morgan Emerging Markets Bond Index, das wichtigste Marktbarometer für Schwellenlandanleihen, hat einen Großteil der Verluste von Februar und März bereits wieder eingeholt. Die Kurse für Schwellenlandanleihen in lokaler Währung sind bereits wieder über das Vorkrisenniveau gestiegen. Lediglich Emerging-Markets-Aktien und -Währungen schwächeln noch.
„Renditehungrige Anleger“
Die Schwellenländer profitieren vor allem von den Interventionen der Notenbanken in den USA und in Europa, die in historisch einmaligem Umfang Liquidität in die Märkte pumpen. Deswegen sind Investoren wieder risikofreudiger. So schreiben etwa die Anleiheexperten von JP Morgan Asset Management in einer aktuellen Studie: „Die Zentralbankkäufe haben zu einer breiten Nachfrage nach Anleihen aus Industrieländern geführt“, angesichts weiterhin sinkender Renditen für diese Zinspapiere sei es danach möglich, dass „renditehungrige Anleger ihre Aufmerksamkeit auf die Schwellenländer richten“.
Nach Berechnungen des IIF verzeichneten die Schwellenländer in den Monaten April und Mai Nettokapitalzuflüsse von 22,7 Milliarden Dollar. Viele nutzten die Gunst der Stunde, um sich stärker am Kapitalmarkt zu finanzieren, sagt Chefökonom Brooks. Doch er warnt: Die fundamentalen Risiken für die Schwellenländer, die zur vorherigen Kapitalflucht geführt hatten, sind nicht über Nacht verschwunden. Die Rally sei „jetzt vorbei“, so Brooks, und die meisten Investoren seien nun wieder skeptischer geworden.
Ähnlich sieht das auch Thu Lan Nguyen, Devisenexpertin der Commerzbank. „Wir glauben, dass es bei den Schwellenländer-Währungen jetzt erst mal seitwärts geht. Sie werden wahrscheinlich nicht mehr auf die Tiefpunkte im März zurückfallen, aber auch nicht schnell wieder ihre Vorkrisenniveaus erreichen.“
Der Schwellenländer-Experte Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) ist noch skeptischer: „Durch die Krise entwickeln sich neue Sollbruchstellen.“ Viele Schwellenländer haben ähnlich wie die Industrieländer mit massiven Staatsaugaben auf die Coronakrise reagiert. Doch schon vorher hatten einige von ihnen wie Brasilien, Argentinien und Südafrika Probleme mit einer hohen Staatsverschuldung. Sollten sich die wirtschaftlichen Aussichten weltweit nochmals verschlechtern, etwa wegen einer zweiten Corona-Welle, und Investoren Risiken dann wieder meiden, würde das vor allem diese Länder in Bedrängnis bringen.
Das prominenteste Negativbeispiel ist Brasilien. Fondsmanager Watson schätzt, dass die Wirtschaftsleistung des Landes wegen des unkontrollierten Corona-Ausbruchs um bis zu zehn Prozent einbricht. Die Staatsverschuldung könnte um 20 Prozentpunkte auf 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anschwellen.
Lockere Geldpolitik
Watson erwartet eine „hitzige Diskussion“ über die Staatsausgaben in dem Land. Daher bleiben ausländische Investoren skeptisch: Anders als bei der Anleihe in Lokalwährung liegt die Rendite der brasilianischen Dollar-Anleihe mit fast fünf Prozent nur wenig unterhalb des Niveaus auf dem Höhepunkt der Coronakrise.
Noch sei das Marktumfeld für Brasilien und Co. günstig, sagt IfW-Ökonom Gern. Die aktuelle Erholung an den Börsen bietet aus seiner Sicht für die Schwellenländer „eine günstige Gelegenheit, geldpolitisch stärker auf das Gaspedal zu drücken“. Aktuell wird sogar darüber diskutiert, ob die Schwellenländer ähnlich wie die Industrieländer auf das Mittel der Quantitativen Lockerung (QE) zurückgreifen könnten: also massiv Staatsanleihen kaufen.
Das würde die Marktzinsen auch über längere Laufzeiten senken und die Finanzierung des Staates erleichtern. Polen beispielsweise hat ein großes Kaufprogramm aufgelegt. Bis Ende des Jahres könnte die Notenbank dort Staatsanleihen im Umfang von etwa zehn Prozent der Wirtschaftsleistung kaufen. Zwar ist Polen unter anderem wegen seiner EU-Mitgliedschaft nur bedingt mit anderen Schwellenländern vergleichbar, aber auch in Indonesien und auf den Philippinen kaufen die Notenbanken Staatsanleihen. In einigen weiteren Ländern wird diese Option zumindest ins Spiel gebracht.
„Vor einigen Jahren hätte man gesagt, dass QE in Schwellenländern nicht funktioniert. Inzwischen ist es mehr und mehr zum Standardinstrument geworden“, sagt Thu Lan Nguyen. Dass nun auch Notenbanken in den Schwellenländern diese Option wählen, hat aus ihrer Sicht strategische Gründe: „Bislang geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die Zinsen noch länger niedrig bleiben. Dieses Signal hilft bereits die Marktzinsen in den betroffenen Ländern zu drücken, ohne dass die Notenbanken tatsächlich Anleihen kaufen müssen.“
Sorge vor neuer Kapitalflucht
Schwellenländer-Experte Gern hält dies für riskant. „Massive Anleihekäufe durch die Notenbanken wie in den Industrieländern können zwar kurzfristig die Belastung der Kapitalmärkte durch den Finanzierungsbedarf des Staates mindern.“ Doch es bestehe das Risiko, dass das Vertrauen in die Stabilität der Währung verloren gehe, sodass die Risikoaufschläge an den internationalen Kapitalmärkten wieder steigen. Das sei besonders in Ländern mit hoher Verschuldung problematisch.
Schon jetzt sieht Gern große Risiken für die Schwellenländer, sollte sich in den USA oder Europa der geldpolitische Kurs wieder ändern. Was dann droht, zeigt ein historisches Beispiel, das sogenannte Taper Tantrum im Mai 2013. Ben Bernanke, der damalige Chef der US-Notenbank (Fed ), gab bekannt, die Anleihekäufe in den USA etwas früher auslaufen zu lassen. Daraufhin kam es in den Schwellenländern zu dramatischen Kursverwerfungen. Die Anleihekurse brachen ein, weil ausländische Investoren im großen Stil Kapital abzogen.
Je stärker Schwellenländer in ihrer Finanzierung von ausländischem Kapital abhängen, desto anfälliger sind sie für Kursänderungen der US-Geldpolitik. Ob es in Amerika zu abrupten Änderungen in der Geldpolitik kommt, hängt stark von der weiteren Inflationsentwicklung ab. Einerseits wirkt die in der Krise stark gestiegene Arbeitslosigkeit preisdämpfend, genauso wie die niedrigeren Rohstoffpreise. Andererseits könnten Produktionsengpässe in der Krise und die massive Liquidität an den Märkten zu einer höheren Inflation führen. Thu Lan Nguyen erwartet für die nächsten drei Jahre zwar keinen stärkeren Anstieg der Preise, warnt aber trotzdem:. „Wenn es dazu kommt, werden die Notenbanken gegensteuern. Vor allem wenn die Fed ihre Geldpolitik verändert, hat das gravierende Folgen für die Schwellenländer.“
Aus Sicht von Fondsmanager Chris Watson ist es noch zu früh, solch pessimistische Szenarien in Anlageentscheidungen umzusetzen. „Es ist noch nicht die Zeit, sich der Erholung entgegenzustellen.“ Er setzt daher auf Anlageklassen aus Schwellenländern, die sich bislang nur wenig erholt haben. Dazu zählen Schwellenlandwährungen sowie riskantere Staatsanleihen, etwa aus der Dominikanischen Republik oder der Ukraine. Doch selbst Optimist Watson glaubt, dass sich Brasilien und einige andere Länder über kurz oder lang ihren strukturellen Problemen stellen müssen.