Kapitalmarkt: Das sind die neuen Megatrends der Versicherungen
Versicherungsprofis konzentrieren sich verstärkt auf Nachhaltigkeit.
Foto: dpaFrankfurt. Versicherer orientieren sich in der Corona-Pandemie auf der Suche nach Rendite um: Dabei kristallisieren sich zwei Megatrends heraus, zeigt eine Umfrage von Goldman Sachs Asset Management (GSAM), dem Vermögensverwalter der gleichnamigen Bank.
Zum einem trauen Versicherer den illiquiden, privaten Märkten höhere Renditen zu. Dazu zählt die Beteiligungsbranche (Private Equity) und Kreditvergabe durch Private Debt. Darunter versteht man Fremdfinanzierungsinstrumente, die von institutionellen Investoren außerhalb des Bankensektors zur Verfügung gestellt werden. Zum anderen nimmt das Thema Nachhaltigkeit bei der Anlagepolitik der Assekuranzunternehmen einen größeren Stellenwert ein. Damit versuchen die Versicherer, Risiken zu vermeiden.
Befragt wurden von GSAM Assekuranzmanager, die mit einer Bilanz von 13 Billionen Dollar rund die Hälfte des Versicherungsbereichs weltweit repräsentieren.
Allerdings sind die Versicherer angesichts der Corona-Pandemie bei der Anlage in die privaten Märkte vorsichtiger geworden. Volker Anger, verantwortlich für die deutschsprachige Region beim Insurance Asset Management von GSAM, erklärt: „Sie versuchen, die Risiken noch besser zu verstehen, die mit ihren Engagements etwa in der Vergabe von Krediten durch Private Debt oder der Beteiligung an Unternehmen über Private Equity verbunden sind.“
In Deutschland gilt das für den Experten besonders bei mittelständischen Firmen, die nur in bestimmten Regionen aktiv sind und über ein kleineres Angebot an Produkten verfügen. Dabei könnten schneller Probleme auftauchen als bei globalen, breit diversifizierten Konzernen.
Mit Neuengagements bei mittelständischen Firmen halten sich die Versicherungen derzeit zurück, hat Anger beobachtet. Sie wollen erst sehen, welche Belastungen in den Quartalsberichten zum Vorschein kommen. Diese Vorsicht werde in den nächsten Monaten vorherrschend bleiben.
Attraktive Firmenkredite
Dabei sind die Vorteile gravierend: Unternehmenskredite im Hochzinsbereich können im Vergleich zu Anleihen aus diesem Segment durchaus einen Zinsvorteil von mehr als einem Prozentpunkt bieten. Deshalb können für Anger illiquide Strategien wie Private Debt und Private Equity durchaus zehn Prozent der Anlagen ausmachen in Europa. In den USA sei das deutlich mehr.
Auch in Deutschland wird der Anteil deutlich steigen, da „mit der Überflutung der Märkte klar ist, dass die Zinsen für lange Zeit niedrig bleiben oder sogar im negativen Bereich verharren“, sagt der Goldman-Banker.
Beim zweiten Megatrend, der Nachhaltigkeit, gleicht die Umorientierung einem Erdrutsch. Vor drei Jahren interessierte zwei Drittel der Versicherungsmanager weltweit das Thema Nachhaltigkeit noch nicht. Das hat sich massiv verändert. Heute lässt gerade einmal ein gutes Fünftel der Branche die Themen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung, kurz ESG, links liegen.
Mit ihrer stärkeren Konzentration auf die Nachhaltigkeit wollen die Versicherungsprofis allerdings nicht in erster Linie höhere Renditen erzielen oder mehr Einfluss auf Vorstand und Aufsichtsrat ausüben. Die weitaus größte Motivation ist es mit 27 Prozent laut Umfrage, die Risiken zu verringern.
Simon Klein, Vertriebschef für börsennotierte Indexfonds (ETF) bei der Fondsgesellschaft DWS, stellt fest: „Die Coronakrise hat den Trend zu nachhaltigen Investment-Anlageprodukten verstärkt.“
Neben dem Vermeiden von Risken hat sich gezeigt: Über die Krise hinweg ist die Ertragsentwicklung hier deutlich besser ausgefallen als bei herkömmlichen Anlagen. In Europa schnitten ESG-Aktieninvestments im Vergleich zum Aktienmarkt insgesamt von Dezember bis Juni um 4,4 Prozent besser ab, hat Klein ausgerechnet: „Das zeigt deutlich, die Nachhaltigkeit ist gekommen, um zu bleiben – schon allein aus Ertragsgesichtspunkten.“
Auf Wachstum gebucht
In einer DWS-Umfrage unter Pensionsfonds erwarten 57 Prozent weltweit in den nächsten drei Jahren bei nachhaltigen Investments ein Wachstum von über fünf Prozent pro Jahr. Der Anteil der passiven Investments wie ETFs am investierten Vermögen der befragten Pensionsfonds beträgt heute schon 31 Prozent.
Allerdings ist der Anteil der börsennotierten ESG-ETFs nach Berechnungen des Analysehauses ETFGI mit insgesamt 82 Milliarden Dollar noch klein. Dem stehen insgesamt 5890 Milliarden Dollar an passiven Investments gegenüber. Dennoch: Die Studie der DWS ergibt, dass klimabezogene, passive Anlagen einen immer wichtigeren Platz in einem wachsenden Anlageuniversum einnehmen, das sich auf handelbare, börsennotierte Investments konzentriert.
Druck für mehr Nachhaltigkeit kommt auch vonseiten der Regulierung. Es gebe Bestrebungen, diese zu verschärfen, sagt Goldman-Banker Anger. ESG wäre noch stärker in der Anlage verankert, wenn es eindeutige Kriterien gäbe: „Fast 70 Prozent der Befragten weltweit sind nicht umfassend mit der Verlässlichkeit und der Standardisierung der Daten zufrieden, die nötig sind, um ESG-Faktoren zu berücksichtigen.“
In der Anlagestrategie suchten Versicherungen jedoch Finanzprodukte, die gut mit den eigenen Investmentzielen übereinstimmten. Der Experte fordert einheitlich Asset-Management-Standards in diesem Bereich. Nur so lasse sich ein brauchbares Reporting sicherstellen.