Streamingdienst: Ted Sarandos – Netflix‘ rechte Gehirnhälfte wird Co-CEO
Der bisherige Creative Officer, Ted Sarandos, wird Co-CEO bei Netflix.
Foto: APSan Francisco. Reed Hastings ließ den größten Wandel an der Spitze von Netflix seit mehr als 20 Jahren klingen, als sei er gar keiner: „Ted ist seit Jahrzehnten mein Partner. Diese Veränderung macht offiziell, was inoffiziell schon so war“, sagte der Chef des weltgrößten Streamingdienstes in der Analystenkonferenz zu den aktuellen Quartalszahlen.
Hastings, Mitgründer und seit 1999 Chef von Netflix, bekommt erstmals einen Co-CEO und möglichen Nachfolger: Seinen bisherigen Chief Creative Officer Ted Sarandos.
Dass es Sarandos ist, der auf die neue Position rückt, ist allerdings keine Überraschung. Der Manager mit griechischen Wurzeln ist seit jeher die rechte Gehirnhälfte zu Hastings‘ linker. Der joviale Studioboss, der das Silicon-Valley-Unternehmen des Informatikers Hastings in Hollywood verankert und zu einer dominanten Größe gemacht hat.
Ein Drehbuchschreiber hätte sich nicht besser ausdenken können, dass Sarandos Co-Chef wird – wenige Wochen nachdem Netflix zum ersten Mal Disney als wertvollsten Unterhaltungskonzern der Welt abgelöst hat.
Während das alte Hollywood wegen Corona-bedingt geschlossener Kinos und Freizeitparks darbt und seine Blockbuster für bessere Zeiten zurückhält, versorgt Netflix die Menschen zuhause mit immer neuen Hitshows.
Rund 17 Milliarden Dollar soll Sarandos in diesem Jahr für Inhalte ausgeben können. Alleine der CIA-Thriller „The Gray Man“ mit „Avengers“-Schauspieler Chris Evans und Ryan Gosling soll 200 Millionen Dollar kosten.
Hastings vertraut Sarandos blind
Sarandos darf solche Projekte freigeben, ohne Hastings zu fragen – dazu brauchte er bislang schon keinen CEO-Titel. Die beiden Topmanager vertrauen einander seit vielen Jahren blind. Als Netflix 2011 die Politthriller-Serie „House of Cards“ kaufte, sagte Sarandos Hastings erst Bescheid, nachdem er zwei Staffeln für 100 Millionen Dollar geordert hatte.
Für Netflix war das ein gewaltiges Risiko: Hastings und sein Mitgründer Marc Randolph hatten Netflix 1997 als Online-Videothek gegründet, Erfahrung mit der Produktion von Serien hatte Netflix keine.
Der Streamingdienst musste Etablierte wie TV-Sender HBO und AMC überbieten, um die Serie des „The Social Network“-Regisseurs David Fincher mit Hauptdarsteller Kevin Spacey zu ersteigern. Doch Sarandos wusste aus den Netflix-Nutzerdaten, dass Fincher- und Spacey-Produktionen gut funktionierten – und schlug zu bei der Serie, die den Ruf des Unternehmens als Hit-Fabrik begründete.
Die Beziehung zwischen Hastings und Sarandos reicht in die frühen Tage von Netflix zurück. Sarandos war Manager einer regionalen Videotheken-Kette in Arizona, als er 1999 Hastings kennenlernte und im folgenden Jahr zu Netflix wechselte. Sarandos begleitete den Übergang von VHS-Kassetten zu DVDs, erlebte mit, wie die US-Videothekenkette Blockbuster Netflix fast in den Ruin trieb und schließlich selber pleite ging.
In dieser Zeit war es Netflix‘ Spezialität, die von Studios lizenzierten Inhalte mit den richtigen Algorithmen den richtigen Kunden zu empfehlen. Seitdem Netflix eigene Serien und Filme produziert, hat sich das Unternehmen von einem Tech- in ein Tech- und Medienunternehmen verwandelt – was Sarandos‘ Rolle aufgewertet hat.
Sarandos, der Sohn eines Elektrikers und Studienabbrecher, lebt nicht im Silicon Valley, sondern in Los Angeles. Er hält den Kontakt zu Star-Produzenten wie Shonda Rhimes („Grey‘s Anatomy, „Scandal“), Greg Daniels („Die Simpsons“, „Space Force“) oder den Obamas, deren Dokumentationen wie „American Factory“ er zu Netflix geholt hat.
Auch wenn sich durch seine Beförderung kaum etwas am Tagesgeschäft ändern dürfte, ist Sarandos nun der Kronprinz des vier Jahre älteren Hastings. Es gibt bereits Spekulationen, der Netflix-Gründer wolle sich – vergleichbar mit Bill Gates – mehr seinem Engagement für Schulreformen widmen. Das wäre dann ein Wandel, den nicht mal mehr Hastings kleinreden könnte.