Insiderbarometer: Topmanager machen bei Aktien der eigenen Unternehmen Kasse
Die Aktienmärkte haben sich deutlich von ihrem Kurseinbruch erholt, doch es gibt noch viele Risiken.
Foto: EyeEm/Getty ImagesFrankfurt. Mit der Angst vor der zweiten Corona-Welle nimmt auch die Nervosität an den Börsen wieder zu. Im Juli notierte der Dax unter dem Strich zwar unverändert, schwankte dabei aber ordentlich. Mitte Juli lag er mit gut 13.300 Punkten nur noch 3,5 Prozent unter seinem im Februar markierten Allzeithoch. Bis Ende des Monats stürzte er rund 1.000 Punkte ab. Am ersten Handelstag im August machte der Dax zwar wieder Boden gut, doch die Skepsis bleibt.
„Die Aktienkurse haben sich von der Realwirtschaft entkoppelt“, sagt Stephen Dover, Aktienchef beim Vermögensverwalter Franklin Templeton und verweist dabei auf Wirtschaftsdaten, die auf weitreichenden wirtschaftlichen Schaden hindeuteten.
Mark Dowding, Chefanlagestratege bei Blue Bay Asset Management, sieht das ähnlich und warnt vor Rückschlägen: „Bei schlechten Nachrichten gilt Vorsicht, weil eine weitere Eintrübung der Nachrichtenlage die Märkte rasant nach unten schicken dürfte.“
Auch bei Vorständen und Aufsichtsräten in Deutschland überwiegt offensichtlich die Skepsis. Darauf weist zumindest ihr Handeln an der Börse hin: 55 börsennotierte Unternehmen haben im Juli Aktienverkäufe ihrer Führungskräfte an die Finanzaufsicht Bafin gemeldet. So viele Verkaufsmeldungen gab es seit Juli vergangenen Jahres nicht mehr. Zu dieser Zeit kochten die Sorgen um den Handelsstreit zwischen den USA und China hoch, und US-Präsident Donald Trump drohte auch Europa mit neuen Strafzöllen. Der Dax verlor damals.
Die Verkäufe und Käufe der sogenannten Insider sind ein Hinweis darauf, wie sich die Aktienmärkte entwickeln werden. Für das Handelsblatt wertet deshalb Olaf Stotz, Professor an der Privathochschule Frankfurt School of Finance & Management, die Transaktionen der Führungskräfte in Deutschland regelmäßig aus und fasst sie in einem „Insiderbarometer“ zusammen. Da zuletzt die Käufe der Topmanager stagnierten, sank das Insiderbarometer im Juli um neun Punkte und fiel mit 109 Punkten auf den niedrigsten Stand seit Mitte März 2018.
Das Insiderbarometer geht bereits seit April zurück. Jetzt hat es wieder den neutralen Bereich erreicht. Dieser signalisiert laut Stotz, dass sich Aktien in den kommenden drei Monaten ähnlich wie andere Anlageklassen entwickeln sollten. Die Outperformance der Aktienmärkte gegenüber Anleihen und vielen Rohstoffen wäre demnach erst einmal vorbei.
Der Rückgang des Barometers in den vergangenen Monaten sollte Anleger nach Ansicht von Stotz „etwas vorsichtiger werden lassen“. Steigende Notierungen im Dax könnten sich für taktisch orientierte Anleger „als gute Möglichkeit für Gewinnmitnahmen erweisen“. Mit größeren Käufen sollten Anleger dagegen auf niedrigere Kurse warten, meint Stotz.
Megaverkauf beim Außenwerber Ströer
Den mit Abstand größten Verkauf im vergangenen Monat gab es beim Werbekonzern Ströer. Dirk Ströer, Sohn des Firmengründers Heinz W. Ströer, trennte sich über die Delphi Beteiligungsgesellschaft von Aktien im Wert von 59,5 Millionen Euro. Dirk Ströer ist geschäftsführender Gesellschafter und Aufsichtsrat des Werbekonzerns. Er hat zwar sehr viele Aktien verkauft, dennoch handelt es sich nur um einen kleinen Teil seiner Unternehmensanteile. Ströer hält immer noch gut 19,5 Prozent der Unternehmensanteile und ist damit nach dem Co-Vorstandsvorsitzenden Udo Müller der zweitgrößte Einzelaktionär.
Von der Corona-Pandemie ist Ströer stark getroffen. Der Konzern kam zwar noch gut durch das erste Quartal – für das zweite warnte das Unternehmen aber bereits im Mai vor deutlich sinkenden Umsätzen. Besonders stark sei die Sparte Außenwerbung betroffen.
Die Ströer-Aktie hat seit ihrem Tief im Februar indes bereits wieder rund 45 Prozent gewonnen und stieg im Juni vom SDax der kleinen in den MDax der mittelgroßen an der Deutschen Börse notierten deutschen Unternehmen auf. Nach Einschätzung der US-Bank Goldman Sachs hat sich die Aktie aber etwas zu schnell vom Corona-Crash erholt. Analystin Katherine Tait senkte Ende Juni ihre Empfehlung von „kaufen“ auf „neutral“. Von den 15 Analysten, die die Ströer-Aktie laut Informationsdienst beobachten, rät aber immer noch mehr als die Hälfte zum Kauf.
Auf eine Kaufempfehlungsquote von sogar 75 Prozent kommt die Aktie von SAP. Der Softwarekonzern glänzte mit seinen Zahlen für das zweite Quartal und ist mit einer Marktkapitalisierung von knapp 170 Milliarden Euro das wertvollste deutsche Unternehmen. Von daher sollten Anleger es wohl nicht überbewerten, dass auch SAP auf der Liste der größten Insiderverkäufe im Juli auftaucht – zumal Aufsichtsrat Ralf Zeiger Aktien im Wert von nur gut 28.000 Euro verkaufte.
Insiderverkäufe unter 100.000 Euro schaffen es üblicherweise nur selten auf die Liste, in der das Handelsblatt nur die größten Transaktionen der Unternehmen zeigt, die in einem der Auswahlindizes der Dax-Familie notieren.
Millionenverkäufe auch bei zwei kleinen Unternehmen
In die Berechnung des Insiderbarometers fließen jedoch auch die Transaktionen der Unternehmen der kleinen Unternehmen ein, die sich in keinem Index finden. Auch dort gab es zwei sehr große Verkäufe.
So trennte sich beim Onlineshop Windeln.de der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Jakopitsch von Aktien im Wert von mehr als 2,1 Millionen Euro. Die Investorengruppe des österreichischen Unternehmensberaters ist Großaktionär bei Windeln.de.
Von der Coronakrise hat der Onlinehändler für Baby- und Kinderprodukte deutlich profitiert. Im April stieg der Umsatz auf 15,3 Millionen Euro. Damit erlöste Windeln.de in einem Monat so viel wie im gesamten ersten Quartal.
Das spiegelt sich auch im Kursverlauf wider. Von Mitte Februar bis Mitte April schnellte die Aktie um 285 Prozent auf bis zu sechs Euro hoch. Seither ist sie jedoch wieder auf 2,30 Euro gefallen.
Nachhaltiger sind die Kursgewinne des Isolierstoffspezialisten va-Q-tec. Auch das Würzburger Unternehmen ist einer der großen Corona-Profiteure: Thermo-Transportbehälter mit Vakuum-Technologie von va-Q-tec sorgen dafür, dass Testkits und Medikamente gegen Covid-19 unbeschadet und energiesparend durchgängig gekühlt bei minus 20 Grad ihre Adressaten erreichen.
Trotz Verkauf Chancen bei va-Q-tec?
Seit Mitte März ist die va-Q-Tec-Aktie von gut sieben auf bis zu 17,80 Euro gestiegen und liegt aktuell mit über 16 Euro immer noch kräftig im Plus. Zum Kurs von 15,80 Euro trennte sich In Sook Yo, Leiter Business Development, von Aktien im Wert von 1,7 Millionen Euro. Gleichzeitig kaufte Aufsichtsrat Eberhard Kroth Aktien für gut 29.000 Euro.
Analysten raten Anlegern, es Kroth gleichzutun. Die vier Häuser, die die Aktie laut Informationsdienst Bloomberg beobachten, raten allesamt zum Kauf. Am optimistischsten ist das Bankhaus Metzler, das auf Sicht von zwölf Monaten ein Kursziel von 25,50 Euro ausruft und va-Q-tec als mit energieeffizienten Isoliermaterialien als „Hidden Champion für Nachhaltigkeit“ sieht.
Insiderkäufe bei Immobilienkonzernen ...
Die meisten Insiderkäufe gab es bei den Aktien von Immobilienkonzernen. Ganz vorn auf der Kaufliste im Juli findet sich Dic Asset Management. Aufsichtsrat Gerhard Schmidt kaufte über die TTL Real Estate GmbH Aktien für mehr als 3,3 Millionen Euro. Seit dem vergangenen Jahr greift Schmidt immer wieder in großem Stil bei Aktien des im SDax notierten Gewerbeimmobilienkonzerns zu.
Dic Asset leidet unter dem Konjunktureinbruch, aber immerhin hat der Konzern Ende Juli seine im April gesenkte Jahresprognose bestätigt. Die Aktie hat sich vom Corona-Einbruch nur teilweise erholt und liegt immer noch gut ein Drittel unter ihrem Stand vom Februar.
Besser sieht es bei den Aktien der Wohnimmobilienkonzerne Vonovia und LEG Immobilien aus, bei denen im Juli Vorstände Aktien für mehr als 258.000 beziehungsweise gut 116.000 Euro kauften. Die Aktien beider Unternehmen liegen schon wieder auf Rekordkurs. Dennoch halten die meisten Analysten Vonovia und LEG für nicht zu teuer, die meisten Banken raten zum Kauf.
... und bei Fielmann und Zooplus
Die Unternehmen selbst sind deutlich optimistischer, was sich nicht nur an den Insiderkäufen zeigt. Zooplus hat seine Prognose für das laufende Jahr deutlich nach oben korrigiert und rechnet für das kommende Jahr mit einem operativen Ergebnis von mindestens 40 Millionen Euro. Das entspräche gegenüber dem vergangenen Jahr einer Steigerung von mehr als 230 Prozent.
Bei Fielmann sieht es schlechter aus, aber immerhin wagte die Optikerkette zuletzt eine Prognose für das Gesamtjahr. Demnach wird der Gewinn vor Steuern im laufenden Jahr von knapp 245 Millionen auf nur noch 100 Millionen Euro einbrechen. Das liegt indes vor allem daran, dass der Konzern umfangreiche Investitionen mit Blick auf die Digitalisierung plant. Das Umsatzziel gibt Fielmann für das laufende Jahr mit 1,3 Milliarden nach 1,52 Milliarden Euro im Vorjahr an.
Selbst Analysen wie Thomas Maul von der DZ Bank oder Jürgen Graf von der Landesbank Baden-Württemberg, die lediglich zum Halten der Aktie raten, meinen aber, dass Fielmann mit der Gewinnprognose zu tief stapelt. Von daher könnte es sich auch für Privatanleger lohnen, die Aktie zu kaufen – auch wenn sie schon als recht hoch bewertet gilt.