Anbau von Nahrungsmittel: Bayer und Singapurs Staatsfonds gründen Start-up für vertikale Landwirtschaft
Bayer und Temasek wollen in dem Markt eine aus ihrer Sicht noch weitgehend unbesetzte Nische erschließen.
Foto: Bayer AGBangkok. Für großflächige Landwirtschaft fehlt im dicht besiedelten Singapur der Platz. Um von Nahrungsmittelimporten aus dem Ausland unabhängiger zu werden, setzt die Metropole deshalb hohe Erwartungen in „Vertical Farming“ – mehrstöckige Gewächshäuser, in denen sich Gemüse im großen Stil auch ohne große Flächen mitten in Millionenstädten anbauen lässt.
Den Agrartrend will der südostasiatische Stadtstaat nun gemeinem mit dem Leverkusener Konzern Bayer auf eine neue Stufe heben. Singapurs Staatsfonds Temasek und Bayer riefen dafür am Mittwoch ein neues Start-up ins Leben, mit dem sie den Wachstumsmarkt aufmischen wollen.
Unfold heißt die Neugründung, die gezielt neue Gemüsesorten für den vertikalen Anbau entwickeln soll. 30 Millionen Dollar stellen Bayer und Temasek für den Start zur Verfügung. Mit der Investition schaffe man ein Unternehmen, das sich ganz auf den jungen Markt fokussieren könne, sagte Bayer-Manager Jürgen Eckhardt bei der Vorstellung von Unfold. Er leitet bei Bayer den Investitionsarm Leaps, der sich an Technologieunternehmen im Bereich Gesundheit und Landwirtschaft beteiligt. „Vertical Farming ist noch ein kleiner Markt, steht aber vor einem rasanten Wachstum“, prognostiziert Eckhardt.
Pläne von Städten wie Singapur sind einer der Hauptgründe für den Optimismus in der Branche: Die Behörden der Metropole haben im vergangenen Jahr eine Strategie vorgestellt, nach der sie die Eigenproduktion von Lebensmitteln von derzeit lediglich zehn auf 30 Prozent im Jahr 2030 steigern wollen. Damit will die Regierung das Risiko von Lieferengpässen bei Importen verringern. Vertikale Farmen stehen dabei ganz oben auf der Prioritätenliste.
Bereits in den vergangenen Jahren hat der Stadtstaat damit Erfahrungen gesammelt: Der Anbieter Sky Greens im Nordwesten der Stadt startete bereits vor acht Jahren als eine der ersten kommerziellen vertikalen Farmen der Welt. Inzwischen produziert der urbane Landwirtschaftsbetrieb in einem Gewächshaus auf mehreren Ebenen rund 500 Kilogramm Gemüse pro Tag.
Auch in anderen Großstädten wie New York und Hongkong stößt das Modell auf Interesse. Der Markt für vertikale Farmen wird laut einer Anfang des Jahres veröffentlichten Analyse des Marktforschers Fortune Business Insights von rund zwei Milliarden Dollar im Jahr 2018 auf zwölf Milliarden Dollar bis 2026 wachsen. Gute Geschäfte erhoffen sich davon unter anderem auch Lichtkonzerne wie Osram, die LEDs für die künstliche Beleuchtung der Gewächshäuser liefern.
Bayer und Temasek wollen in dem Markt eine aus ihrer Sicht noch weitgehend unbesetzte Nische erschließen. Während sich die meisten Start-ups in dem Bereich darum kümmerten, die Infrastruktur für vertikale Farmen zu verbessern, werde sich Unfold ganz auf Innovationen bei neuen Saatgutsorten fokussieren, teilte Bayer mit. Dafür erhalte Unfold auch Rechte am Bayer-Portfolio für Gemüsesaatgut. Die Vertical-Farming-Samen sollen dann zusammen mit spezifischen Anbauempfehlungen für die Bedingungen in mehrstöckigen Gewächshäusern vermarktet werden. Genmanipuliertes Saatgut solle nicht zum Einsatz kommen.
Niederlassung in Singapur geplant
Das neue Start-up setzen Bayer und Temasek nicht als Joint Venture, sondern als eigenständiges Unternehmen auf. Es soll dadurch leichter die Möglichkeit bekommen, künftig auch bei anderen Investoren Kapital einzutreiben. Geführt wird Unfold, das seinen Sitz in der kalifornischen Stadt Davis haben wird, von dem bisherigen Bayer-Manager John Purcell. Er war zuvor Forschungsleiter von Bayer im Bereich Gemüse.
Eine Niederlassung will Purcell sowohl für die Forschung sowie für den kommerziellen Betrieb auch in Singapur eröffnen. Es sei aber noch zu früh, um Details zu nennen: Sein Team sei nun gerade damit beschäftigt, das Unternehmen zum Laufen zu bringen, sagte Purcell. Auch die Rekrutierung des Personals sei noch nicht abgeschlossen.
Dass Bayer bei dem Projekt mit Temasek kooperiert, ist durchaus naheliegend. Die staatliche Investitionsgesellschaft ist seit zwei Jahren einer der größten Einzelaktionäre bei dem Leverkusener Konzern. Damals steigerte Temasek seinen Anteil an Bayer vor der Monsanto-Übernahme auf rund vier Prozent. Seitdem gab es kräftige Kursverluste bei Bayer. Das brachte Temasek in der Heimat Kritik ein.
Von der neuen Kooperation mit Bayer verspricht sich Temasek offenbar mehr öffentliche Zustimmung: John Vaske, der bei dem Staatsfonds für Agrarinvestitionen zuständig ist, sieht die Versorgungssicherheit neben der Chance auf geringere Umweltbelastungen als Hauptgrund für das Engagement: „Wir müssen für sichere Lieferketten vom Erzeuger zum Verbraucher in den Städten sorgen.“ Wenige Monate nachdem die Menschen in Singapur aufgrund von Panikkäufen in der Coronakrise vielfach vor leeren Supermarktregalen standen, ist das ein Argument, das überzeugen könnte.