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Morning BriefingApples Zwei-Billionen-Blase

Hans-Jürgen Jakobs 20.08.2020 - 06:00 Uhr

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

bei all den Dramen um staatliche Rettungspakete, Insolvenzen, Sanierungen und Arbeitslose sticht eine Meldung heraus, die einfach mal so aus dem Markt kommt. Sie besagt, dass mit Apple erstmals in der Geschichte der Wall Street ein Unternehmen mehr als zwei Billionen Dollar wert sei. Mögen andere am Corona-Blues leiden, der Techkonzern aus Cupertino schreibt Businesshits.

Quarantäne ist gut für Datenwirtschaft. Und Apple erfüllt nebenbei ein Versprechen des legendären Gründers Steve Jobs: „Wir sind hier, um eine Kerbe in diesem Universum zu hinterlassen. Was sollten wir sonst hier?“ Für die erste Börsen-Billion brauchte Apple 38 Jahre, für die zweite lediglich zwei – soviel zum Modell „Montgolfière“ an den Aktienmärkten, bedingt durch betonierte Nullzinsen und Anlagenotstand. Da ist reichlich Luft drin.

Foto: Cultura/Getty Images

Biotech ist die neue Bonanza der Weltwirtschaft – und hier aktuell vor allem der Markt für Covid-19-Impfstoffe. Experten taxieren 20 Milliarden Dollar Umsatz allein für die erste Impfwelle, in den nächsten Jahren dürfte dann insgesamt ein Volumen von 100 Milliarden anfallen. Größter Einkäufer sind die USA, die sich 800 Millionen Impfstoffeinheiten gesichert haben, gefolgt von Japan mit 500 Millionen und die EU mit 400 Millionen Dosen, referiert unsere Titelstory.

Noch sind keine durchgetesteten Vakzine auf dem Markt, doch der Börsenwert der deutschen Shooting-Star-Firmen Biontech und Curevac steigt rasant. Interessierte halten sich an Superinvestor Warren Buffett: „Zeit ist der Freund von wunderbaren Unternehmen und der Feind von mittelmäßigen Unternehmen.“

Erst zwei Jahre alt sind markante Sprüche der österreichischen Immobilien-Größe René Benko zu seinem Handelsbesitztum Galeria Karstadt Kaufhof. Es werde „nicht zu Massenschließungen kommen“, man kämpfe um jede Filiale. Genau zu diesen Abwicklungen kommt es aber jetzt bei knapp 50 von 171 Warenhäusern – sowie zu einem weitreichenden Insolvenzplan, den mein Kollege Florian Kolf akribisch ausgewertet hat.

Daraus ergibt sich, dass die Gläubiger auf mehr als zwei Milliarden Euro verzichten sollen, also beispielsweise Versicherer, Arbeitnehmer und Lieferanten. Bei einer Schließung würden sie weit mehr Geld verlieren, rechnet Sanierungsexperte Arndt Geiwitz vor. Und geht von 188 Millionen Euro operativem Gewinn für 2022/23 als Lockmittel aus. Meine Conclusio: Diese Insolvenz in Eigenverwaltung lohnt sich augenscheinlich in erster Linie für René Benko.

Foto: dpa

Im Fernsehen haben sich sogenannte Sommerinterviews eingebürgert. Sie zeichnen sich oft dadurch aus, dass Politiker unter freiem Himmel das Wort selten abgeben müssen – und wenn, dann nur für Fragen, die garantiert keine Stimmungstöter sind. Da fällt es jetzt auf, dass der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) dem Genre demonstrativ abschwört: „Es zwingt uns niemand, ein solches Konzept zu verfolgen – nicht nur ich halte das gesamte Format für veraltet“, erklärt Chefredakteur Christoph Singelnstein in der „Zeit“.

Die Erkenntnis kam ihm offenbar beim Anschauen eines sommerlauen RBB-Interviews mit dem Ex-AfD-Rabauken Andreas Kalbitz in der Reihe „Politik am See“, die nun beerdigt wird. Wir denken für einen Moment an good old Schiller und seinen „Wilhelm Tell“: „Da rast der See und will sein Opfer haben.“

Wer in einem Dom redet, kommt ohne eine kräftige Rede nicht aus. Der Virologe Hendrik Streeck wetterte gestern Abend im St.-Paulus-Dom zu Münster folglich gegen die „Politisierung des Virus“, wie er den aktuellen Debattenstand rund um Corona nennt: „Das Virus ist nicht politisch, aber aus irgendeinem Grund politisch geworden. Und das macht es nicht einfacher.“ So erzählte Streeck von einem Neunjährigen, der ihn gefragt habe, warum Markus Söder in Bayern ein anderes Virus hätte als der Oberbürgermeister von Düsseldorf (der Sarah Connor und andere vor 13.000 Menschen singen lassen will).

Die bisherige Pandemiepolitik der Bundesregierung lobte der angereiste Professor, hielt aber eine neue Strategie ohne übermäßige Angst, dafür mit kalkulierten Risiken für richtig: „Der größte Fehler, den wir jetzt als Gesellschaft machen können, ist der, kein Risiko einzugehen. Wir müssen denen wieder Hoffnung und Ausblicke geben, die am stärksten durch die Krise gebeutelt wurden.“ Und so gehörte zu seinen „Domgedanken“, bei Vorliegen eines Hygienekonzepts schon bald Fußball, Konzerte und Feiern im Freien zu erlauben.

Foto: dpa

Und dann ist da noch Hans-Dieter („Hansi“) Flick, der als Fußballtrainer im Herbst zunächst eine Art Notnagel war, nun aber die Heldenfigur beim FC Bayern München ist. Der 55-Jährige schaffte mit seinem Team tatsächlich den Einzug ins Finale der Champions League, auch wenn das 3:0 gegen Olympique Lyonnais glorreicher wirkt, als es wirklich war. Nun wartet der Spitzenklub Paris Saint-Germain auf die Bayern – und mit Thomas Tuchel ein deutscher Coach, der pikanterweise im Frühjahr vor zwei Jahren fast beim FCB gelandet wäre.

Am Sonntag kommt es im Übrigen nicht nur zum Duell der aktuell zwei besten deutschen Trainer, sondern auch zur Konfrontation zweier unterschiedlicher Geschäftsmodelle. Während in Paris das große Geld Katars zirkuliert wie bei der Deutschen Bank, setzen die Münchener auf Vereinswirtschaft, gestärkt durch die Minderheitsaktionäre Adidas, Allianz und Audi.

Ich wünsche Ihnen einen siegreichen Tag.

Es grüßt Sie herzlich

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Ihr

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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