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Pandemie-BekämpfungSo wollen die Bundesländer Millionen von Bürgern gegen Corona impfen

Hunderte Corona-Impfzentren sollen in ganz Deutschland entstehen. Was die Länder und Kommunen genau planen – und was derzeit die größten Probleme vor Ort sind.Gregor Waschinski 06.12.2020 - 08:57 Uhr Artikel anhören

Die meisten Bundesländer gehen nach dem Prinzip vor, in jedem Landkreis oder jeder kreisfreien Stadt mindestens ein Impfzentrum zu schaffen.

Foto: dpa

Berlin. In der Merkur Spiel-Arena trägt der Fußball-Zweitligist Fortuna Düsseldorf normalerweise seine Heimspiele aus. Nun bekommt die Arena eine andere Funktion: Sie wird Impfzentrum, eines von Hunderten in Deutschland. Auf 8000 Quadratmetern entsteht eine provisorische Impfpraxis. Bis zu 2400 Menschen sollen sich dort täglich gegen Sars-CoV-2 immunisieren lassen.

Die größte Gesundheitsoperation in der Geschichte der Bundesrepublik ist angelaufen. Ab dem 15. Dezember sollen die Impfzentren in den Bundesländern einsatzbereit sein. „Diese Impfkampagne ist ein Mammutprojekt“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), als er das Düsseldorfer Impfzentrum kürzlich besuchte. „Wir bereiten uns darauf vor, mehrere zehn Millionen Menschen innerhalb kürzester Zeit mit einem Impfstoff zu versorgen.“

Das Gesundheitsministerium will in den nächsten Tagen die Details für den Impfstart festzurren. „Ein Anspruch auf eine Schutzimpfung gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 besteht insbesondere zunächst für Personen, die aufgrund ihres Alters oder Gesundheitszustandes ein signifikant erhöhtes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf haben, sowie für Personen, die solche Personen behandeln, betreuen oder pflegen“, heißt es in einem Verordnungsentwurf von Spahn, der dem Handelsblatt vorliegt und am 15. Dezember in Kraft treten soll.

„Nachfolgend prioritär“ zu behandeln seien Menschen, „die in zentralen Bereichen der Daseinsvorsorge und für die Aufrechterhaltung zentraler staatlicher Funktionen eine Schlüsselstellung besitzen“.

Die Bundesregierung ist für die Beschaffung der Impfstoffe zuständig, in einem ersten Schritt werden laut Gesundheitsministerium fünf bis acht Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Die ersten Deutschen werden wohl mit den neuartigen Gen-Vakzinen von Biontech und Moderna gegen Corona geimpft, beide Unternehmen haben für ihre Präparate die Zulassung in der Europäischen Union beantragt.

Die logistische Aufgabe, die Impfungen vor Ort zu organisieren, müssen die Länder und Kommunen meistern. Wie gehen sie diese Herausforderung an? Steht genügend ärztliches Personal zur Verfügung? Und wie kommen die Bürger an einen Termin für die Impfung?

Aufbau von Impfzentren vor Ort

Die meisten Bundesländer gehen nach dem Prinzip vor, in jedem Landkreis oder jeder kreisfreien Stadt mindestens ein Impfzentrum zu schaffen. „Wir arbeiten sehr intensiv an der Einrichtung der Impfzentren“, sagte der Präsident des Deutschen Landkreistags, Reinhard Sager, dem Handelsblatt. „Die Landkreise haben in den meisten Fällen bereits geeignete Standorte gefunden und sind in der Vorbereitung der operativen Umsetzung und Planung.“

Referentenentwurf

Originaldokument: Das steht in Jens Spahns Entwurf der Impfstrategie

Beispiel Baden-Württemberg: Im Südwesten sollen neun zentrale Impfzentren zum 15. Dezember startbereit sein. Ab Mitte Januar sollen darüber hinaus in jedem Stadt- und Landkreis ein bis zwei Kreisimpfzentren aufgebaut sein. Pro zentralem Impfzentrum plant die Landesregierung in Stuttgart mit täglich mindestens 1500 Impfungen. Für die Kreisimpfzentren sind täglich circa 750 Impfungen veranschlagt. Mobile Impfteams sollen parallel im Schichtbetrieb arbeiten.

In Berlin verwandelt sich das Terminal C des kürzlich stillgelegten Flughafens Tegel in eines von sechs Impfzentren, insgesamt werden 20.000 Impfungen pro Tag anvisiert. Daneben sind rund 30 mobile Teams geplant, die zunächst vor allem in die Pflegeheime gehen.

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sagte, dass in allen 96 Landkreisen und kreisfreien Städten im Freistaat Impfzentren geplant seien.

Schleswig-Holstein plant zunächst mit 15 Zentren. Die Zahl soll auf 29 anwachsen, „sukzessive und abhängig von der Menge der gelieferten Impfdosen“, heißt es bei der Landesregierung in Kiel. Reinhard Sager, Landrat im Kreis Ostholstein, geht davon aus, „dass die Impfungen noch in diesem Jahr starten“.

Bundeswehr und Technisches Hilfswerk unterstützen

Unterstützung erhalten Länder und Kommunen von der Bundeswehr und vom Technischen Hilfswerk. Die Zivilschutzorganisation kann nach eigenen Angaben auf ein Logistiknetz in 668 Ortsverbänden zurückgreifen. Außerdem stünden ehrenamtliche Mitglieder bereit, um beim Aufbau der Zentren und dem Transport von Impfstoffen zu helfen.

Auch andere Hilfsorganisationen sind im Einsatz. So hat Sachsens Sozialministerium das Deutsche Rote Kreuz beauftragt, den Aufbau und den Betrieb der Corona-Impfzentren zu koordinieren. Zudem werde auf Kräfte des Arbeiter-Samariter-Bundes, der Johanniter Unfallhilfe und der Malteser zurückgegriffen, heißt es in Dresden.

Spezielle Tiefkühlschränke und Millionen von Spritzen

Der Impfstoff von Biontech stellt die Behörden vor besondere Herausforderungen, er muss auf rund minus 70 Grad Celsius gekühlt werden. Baden-Württemberg hat ein Konzept für eine „lückenlose Kühlung von der Lieferung des Herstellers bis zur Verimpfung“ entwickelt. Der Impfstoff werde in mit Trockeneis gekühlten Boxen geliefert, die für mindestens fünf Tage die erforderliche Temperatur gewährleisten. Darüber hinaus seien „Ultra-Tiefst-Kühlschränke“ angeschafft worden.


Auch für ausreichend Impfzubehör sind die Länder zuständig. Sachsen hat nach eigenen Angaben den Ankauf von 1,2 Millionen Spritzen und Kanülen ausgeschrieben, erste Lieferungen seien bereits eingetroffen.

Bayerns Gesundheitsministerin Huml sagte, der Freistaat habe „Dutzende Tiefkühlschränke sowie 34 Millionen Spritzen und 58 Millionen Kanülen bestellt“. Aus Bremen heißt es, die Situation auf dem Markt sei „angespannt“. Trotz allem gebe es Lieferzusagen für das restliche benötigte Impfzubehör ab Mitte Dezember.

Suche nach Fachpersonal

Die niedergelassenen Ärzte in Berlin bekamen Ende November einen dringenden Aufruf zugestellt. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in der Hauptstadt bat die Mediziner, sich mit ihrem Praxispersonal für Dienste in den Impfzentren zu melden.

„Der Impfstoff gibt die Hoffnung auf die langsame Rückkehr in ein halbwegs normales Leben“, heißt es in dem Schreiben. „Vor diesem Hintergrund bitten wir um Ihre Bereitschaft, sich an der Impfung der Bevölkerung zu beteiligen und mit dafür zu sorgen, dass die Corona-Pandemie schon bald eingedämmt ist.“

Ohne Sonderschichten der Ärzte wird die Mission Corona-Impfung nicht funktionieren. Die Personalfrage sei „eine besondere Herausforderung“, sagt auch Landrat Sager. „Hier kommt es besonders auf eine gute Zusammenarbeit mit den Kassenärztlichen Vereinigungen an, um eine Impfaktion dieses Ausmaßes in vertretbarer Zeit stemmen zu können.“

Die Planungen in Rheinland-Pfalz sehen vor, dass zum Start pro Impfstraße und Schicht zwei Ärzte und ein Apotheker oder eine pharmazeutische Fachkraft gebraucht werden. „Vor allem die Aufklärung vor einer Impfung ist eine ärztliche Angelegenheit – auch wenn die eigentliche Impfung unter Aufsicht auf medizinisches Personal delegiert werden kann“, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Mainz. „Es ist daher eine enorme logistische, personelle und ressourcenmäßige Herausforderung.“

In Schleswig-Holstein wandte sich die Standesvertretung auch an pensionierte Ärzte, Mediziner in Elternzeit und in anderen Berufszweigen wie der Pharmaindustrie tätige Kollegen. Bereits über 1000 Ärzte sowie über 600 medizinische Fachangestellte hätten sich gemeldet, heißt es.

Die KV Nordrhein, in deren Gebiet das Impfzentrum in der Düsseldorfer Arena fällt, hat nach eigenen Angaben eine Unterstützungszusage aus knapp 2000 Praxen im Rheinland. Die Ärztevertreter machen aber deutlich: Parallel zum Impfbetrieb müsse auch die ambulante Regelversorgung aufrechterhalten werden. Außerdem müsse es „für etwaige Praxisausfälle entsprechende Kompensationen geben“.

Baden-Württemberg kalkuliert pro zentralem Impfzentrum mit 122 Mitarbeitern für einen Zwei-Schicht-Betrieb. Neben Ärzten und anderen medizinischen Fachkräften würden auch Dolmetscher sowie Reinigungspersonal benötigt – und Security-Leute.

Der Sicherheitsaspekt treibt auch Bayern um. Aus dem Gesundheitsministerium in München heißt es, die Polizei stehe mit den Kommunen in engem Austausch mit Blick auf „den Schutz und die Sicherheit der Impfzentren sowie auch die Transport- und Lagerlogistik“. Empfohlen würden „technische Sicherungsmaßnahmen wie eine Videoüberwachung oder auch personelle Empfehlungen wie den Einsatz eines Sicherheitsdienstes“.


Diskutiert wird auch der Beitrag der knapp 20.000 Apotheken – zunächst im Rahmen einer Aufklärungskampagne, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sieht ihre Rolle dann vor allem bei der breiten Verfügbarkeit von Impfstoffen gekommen.

Ein Sprecher sagt: „Spätestens wenn Corona-Impfungen auch in Arztpraxen durchgeführt werden, kann die eingespielte Logistik zwischen Herstellern, Großhandel, Apotheken und Praxen genutzt werden, über die auch die Versorgung mit anderen Impfstoffen seit Jahren läuft.“

Organisation der Impfungen: Wer ist zuerst dran?

Bis es so weit ist, sollen die ersten Impfdosen aber nach klaren Kriterien vergeben werden. Ganz oben auf der Liste stehen Senioren und medizinisches Personal – das zeigt auch Spahns Verordnungsentwurf. Wer einer Risikogruppen angehört, soll Anspruch auf ein ärztliches Zeugnis bekommen, das er dann im Impfzentrum vorlegen muss.

Als Nachweis für Senioren soll auch der Reisepass oder der Personalausweis gelten, heißt es in Spahns Verordnungsentwurf. Außerdem soll es schriftliche Impfberechtigungen für Menschen geben, „die in zentralen Bereichen der Daseinsvorsorge und für die Aufrechterhaltung zentraler staatlicher Funktionen eine Schlüsselstellung besitzen“.

An detaillierteren Richtlinien für die Priorisierung arbeitet gerade die Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert Koch-Institut. Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte dem Handelsblatt, das Gremium habe „den Großteil der Arbeit“ an den Empfehlungen für die Corona-Impfung abgeschlossen. „Wir haben eine sehr umfangreiche Auswertung der wissenschaftlichen Literatur vorgenommen und auf diesen Grundlagen das Erkrankungsrisiko nach Virusinfektion bewertet“, so Mertens. „Außerdem haben wir über Modellierungen untersucht, welche Effekte durch welche Impfmaßnahmen zu erwarten sind.“


Was noch fehle, seien Studiendaten von Impfstoffherstellern. „Wir kennen die Ergebnisse bisher auch nur aus den Pressemitteilungen“, sagte Mertens. „Es ist wichtig, dass die Zulassungsbehörden uns schnell die Daten zur Verfügung stellen, damit wir unsere Arbeit abschließen können.“ Das Ziel sei, bis spätestens zum Jahresende die Empfehlungen vorzulegen. „Besser wäre noch früher, vor Weihnachten.“

Terminvergabe per Hotline und Internet

Auf Grundlage dieser Empfehlungen planen die Länder ein System zur Terminvergabe in den Impfzentren. Das soll über eine Telefonhotline, aber auch über das Internet geschehen. Viele Bürger, die einen Termin anfragen, dürften anfangs aber leer ausgehen.

Beispiel Thüringen: Das Land kann nach dem bundesweiten Verteilungsschlüssel im ersten Schwung mit 125.000 Impfdosen von Biontech rechnen. Da für eine Immunisierung zwei Dosen dieses Vakzins nötig sind, könnten nach Planung der Regierung in Erfurt etwa 60.000 Menschen bis Mitte Januar geimpft werden.

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Das würde gerade einmal für die rund 30.000 Bewohner und die etwa 21.000 Beschäftigten in den Pflegeheimen und stationären Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen reichen.

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