Kommentar: Die grüne Wende wird für Big Oil zur heiklen Gratwanderung
Die Branche gibt sich geläutert, aber die Wende wird schwer.
Foto: dpaDüsseldorf. Es sind zwei Welten, die da gerade aufeinanderprallen. Auf der einen Seite stehen die Urgesteine der erfolgsverwöhnten Öl- und Gasindustrie, auf der anderen die neuen grünen Überflieger der alternativen Energien. Die eine Welt geht langsam, aber sicher ihrem Ende entgegen, die andere hebt gerade erst richtig ab.
Für Milliardenkonzerne wie Shell, BP, Total und Eni ist genau das spätestens mit Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie im Januar zur schmerzhaften Gewissheit geworden. Über Nacht brach die Ölnachfrage ein, die Preise für den einst gut dotierten Rohstoff fielen in den Keller. Big Oil machte Milliardenverluste und stürzte innerhalb kurzer Zeit in die zweite schwere Krise.
Nach Jahren der größtenteils gut gepflegten Ignoranz konnten jetzt auch die Ölkonzerne vor den neuen Realitäten nicht mehr ihre Augen verschließen. Zwar haben Shell und Total schon im vergangenen Jahr erste halbgare Ankündigungen verlautbaren lassen. Nun zauberten die fossilen Dinos aber einer nach dem anderen auch Klimaziele, Investitionsversprechungen und grüne Strategien aus der Schublade.
Auch Shell arbeitet aktuell an der eigenen Neuausrichtung. Weniger fossil, mehr Wind, Solar und Wasserstoff möchte der Konzern. Die ersten Mitarbeiter haben jetzt aber offenbar bereits das Handtuch geworfen – zu wenig radikal sei der sogenannte Neustart. Und das hat einen Grund.
Die Ölkonzerne stecken in einem Dilemma: Investieren sie jetzt zu wenig in die neuen Energien, verlieren sie den Anschluss. Ziehen sie ihr Kapital zu früh aus den fossilen Energieträgern ab, fehlen ihnen vor allem in der aktuellen Wirtschaftslage die Einnahmen. Das ist allerdings ein hausgemachter Konflikt.
Es gilt, den Zeitpunkt für den Absprung zu finden
Schließlich wäre die Lage nicht so heikel, wenn Shell, BP und Co. den Prozess nicht jetzt erst anstoßen würden. Dass der Klimawandel weiter voranschreitet und irgendwann Maßnahmen zur Eindämmung getroffen werden, ist schon seit Jahren klar.
Aber anstatt sich mit dieser Gewissheit auseinanderzusetzen und dementsprechend strategisch zu planen, hat die Ölindustrie gehofft, so lange wie möglich weitermachen zu können wie eh und je. Schließlich war das Geschäft mit Öl und Gas trotz Schwankungen stets eine verlässliche Einnahmequelle.
Nun steht die Branche an einem Wendepunkt. Ein Weiter-so kann und darf es nicht geben, aber eine radikale Kehrtwende trauen sich die meisten auch nicht zu. Den richtigen Zeitpunkt für den Absprung zu schaffen ist jetzt die Kunst. Wem diese Gratwanderung gelingt, der kann sich glücklich schätzen. Eine Garantie fürs Überleben gibt es für die einst mächtigste Branche der Welt aber schon lange nicht mehr.