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GebrauchtwagenhändlerFulminanter Börsengang in Frankfurt: Auto1 startet mit Kurssprung von 45 Prozent

Die Erstnotiz liegt mit 55 Euro deutlich über dem Ausgabepreis. Der Börsengang ist ein positiver Auftakt in ein Jahr mit lukrativen und großen Börsenkandidaten.Peter Köhler, Carsten Herz, Larissa Holzki 04.02.2021 - 10:28 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Finanzchef Markus Boser und die Firmengründer Christian Bertermann und Hakan Koc (v. l.): Erfolgreiches Debüt an der Börse.

Foto: Pressefoto

Frankfurt. Der Berliner Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 ist am Donnerstag mit einem deutlichen Kurssprung an der Frankfurter Börse gestartet. Der erste Kurs lautete auf 55 Euro – ein Plus von etwa 45 Prozent zum Ausgabepreis. Dieser war zuvor mit 38 Euro am oberen Ende der Spanne von 32 bis 38 Euro fixiert worden. Im Handelsverlauf hielt sich das Papier dann zwischen 50 und 55,47 Euro.

Damit wird der Betreiber von „wirkaufendeinauto.de“ mit 11,7 Milliarden Euro bewertet. Auto1 ist das erste Unternehmen, das in diesem Jahr auf das Frankfurter Börsenparkett geht. Der Firma selbst fließt dabei unabhängig vom Zuteilungspreis eine Milliarde Euro zu.

Der Börsengang war aus Sicht der Banken und Investoren ein voller Erfolg. Die Emission ist nach Angaben aus Finanzkreisen knapp 15-fach überzeichnet gewesen. 74 Prozent der Anteile wurden diesen Angaben zufolge Fondsgesellschaften, Pensionskassen und anderen langfristig orientierten Investoren zugeteilt, 18 Prozent Hedgefonds und acht Prozent gingen an Privatbanken und Kleinanleger. 35 Prozent der Aktien gehen in die USA, 31 Prozent an Investoren in Großbritannien und 17 Prozent nach Deutschland.

„Auto1 zeigt, Technologie-Emissionen laufen auch in Deutschland“, sagte ein Beteiligter an der Transaktion. Allerdings gab es auch warnende Stimmen: „Die nächsten Börsenkandidaten haben es leichter, internationales Interesse auf sich zu ziehen. Aber man darf bei den Ausgabepreisen nicht übertreiben“, sagte ein Bankmanager.

Trotzdem überwogen am Donnerstag die optimistischen Einschätzungen. „Deutschland wird als Investitionsstandort attraktiver. Man muss als Technologieunternehmen nicht in die USA gehen, um gute Bewertungen zu erreichen“, sagt Malte Hopp, der das Aktienemissionsgeschäft bei der US-Investmentbank Citi in Deutschland leitet. Viele Kandidaten für Initial Public Offerings - abgekürzt IPOs - werden jetzt nach Ansicht von Experten versuchen, ihren Börsengang bis zum Ende des Sommers vorzuziehen.

„Heute ist ein fantastischer Tag für Auto1, und wir sind sehr stolz darauf, nun Teil der Börsenfamilie zu sein“, erklärte Christian Bertermann, CEO und Mitgründer des Unternehmens. „Wir sind in den letzten Jahren sehr erfolgreich gewachsen, und der heutige Börsengang ist der Startschuss für die nächste Phase dieser Wachstumsgeschichte.“

Auto1 ist der größte Börsengang seit fast eineinhalb Jahren in Deutschland. Damals hatte der schwäbische Softwarehersteller Teamviewer 2,2 Milliarden Euro eingesammelt. Aufgrund der Corona-Beschränkungen läuteten Bertermann und sein Co-Gründer Hakan Koc sowie Finanzchef Markus Boser die Eröffnungsglocke virtuell aus der Zentrale in Berlin.

Die begleitenden Banken hatten große Investoren schon vorab gewarnt, dass ihre Orders wegen der hohen Nachfrage nur zu einem Bruchteil erfüllt werden könnten. Das Interesse der Investoren sei „überwältigend“ gewesen, erklärte der Vorstandschef. Insgesamt 23,2 Prozent der Aktien sind zukünftig in Streubesitz.

Die Ankerinvestoren Sequoia Capital und Lone Pine zeichneten Aktien für jeweils 150 Millionen Euro. „Das ist ein wirklich toller Auftakt in das IPO-Jahr 2021 in Frankfurt“, sagt Christoph Heuer, der das Aktienemissionsgeschäft der US-Investmentbank Goldman Sachs in Deutschland leitet. „Das Investoreninteresse am Auto1- IPO war extrem stark – sowohl von internationalen Investoren als auch aus Deutschland war die Nachfrage sehr groß“, ergänzt der Experte.

Auch Atotech geht an die Börse

Steve Schlenker vertrat 2013 als Managing Partner von DN Capital den ersten institutionellen Investor von Auto1 und begleitete das Unternehmen als Aufsichtsratsmitglied. Er erinnert sich an die allgemeinen Zweifel an dem Geschäftsmodell, bei dem das Start-up sich durch den Aufkauf von Gebrauchtwagen in das Risiko begibt, auf den Fahrzeugen sitzen zu bleiben, wenn sich der Markt anders entwickelt als gedacht.

Die konventionelle Denkweise in der Welt der Wagniskapitalgeber sei gewesen, nicht in Unternehmen mit hohem Inventar zu investieren, sagt er. „DN Capital sah das Potenzial im datengesteuerten Echtzeit-Preismodell von Auto1 und den damit verbundenen Vorteilen beim Verkaufsprozess“, erinnert sich Schlenker. Zur Veröffentlichung des Börsenprospekts hielt DN Capital 3,55 Prozent der Anteile.

Die Auto1-Gründer Bertermann und Koc hätten erkannt, „dass Technologie die Zeitspanne, in der Risikokapital in der Bilanz gebunden ist, deutlich reduzieren kann“. Beweis für ihre „brillante Exekution und Weitsicht“ sei nun die Expansion in über 30 Märkte und die Positionierung als führende Plattform für den Kauf und Verkauf von Gebrauchtwagen.

Die Aktie wird unter dem Handelssymbol AG1 im regulierten Markt (Prime Standard) gehandelt.

Foto: Reuters

Im Windschatten von Auto1 hat auch der Berliner Spezialchemiekonzern Atotech fast zeitgleich den Börsengang gewagt. Der Gang auf das Parkett bringt in einem ersten Schritt rund 500 Millionen Dollar ein – weniger, als ursprünglich geplant worden war, geht aus einer Mitteilung vom Donnerstag hervor.

Atotech gilt als Spezialist für Oberflächenbeschichtungen von Kunststoffen und Metallen und arbeitet dabei vor allem für die IT- und Autobranche. Beim Börsengang wurde der Ausgabepreis mit 17 Dollar festgezurrt und damit unter der zuvor genannten Preisspanne von 19 bis 22 Dollar je Aktie. In Finanzkreisen hieß es, man habe die langfristig orientierten Investoren bevorzugt – dafür wurden offenbar deutliche Zugeständnisse beim Preis gemacht.

Mit dem IPO in New York sollen Schulden abgebaut und das Wachstum unterstützt werden. „Viele unserer Kunden und Wettbewerber befinden sich in den USA. Da war es für uns ein logischer Schritt, an die New Yorker Börse zu gehen“, sagt Finanzchef Peter Frauenknecht dem Handelsblatt. Mit dem Emissionserlös wolle man „den finanziellen Spielraum für die Zukunft“ erhöhen.

Nach dem Börsengang liegt der Streubesitz bei knapp 20 Prozent, der Finanzinvestor Carlyle bleibt Mehrheitseigentümer. Die Produkte von Atotech findet man in vielen Technologieprodukten, etwa in Smartphones, Solaranlagen und in Verbindung mit E-Mobilität. Atotech konnte damit nicht so sehr vom Tech-Boom profitieren wie Auto1. „Das Geschäftsmodell von Atotech ist solide, Auto1 muss dagegen erst noch zeigen, dass man auch nach Corona stark wachsen kann“, sagte ein Emissionsberater.

Zahlreiche Börsengänge werden folgen

Der Börsengang von Auto1 ist ein positiver Auftakt in ein Jahr mit zahlreichen lukrativen und großen Börsenkandidaten. „Das laufende Jahr wird von einem lebhaften Neuemissionsgeschäft geprägt sein. Einige für das Jahr 2022 geplante IPOs werden vorgezogen, um das günstige Umfeld aus hohen Aktienkursen und reichlicher Liquidität zu nutzen“, sagt Thorsten Pauli, Leiter des Bereichs Equity Capital Markets im deutschsprachigen Raum bei der Bank of America. „Im deutschsprachigen Raum kann ich mir im Jahr 2021 bis zu 15 Börsengänge vorstellen. Die Pipeline ist gut gefüllt, auch attraktive Techunternehmen sind darunter.“ Solange es keine steigenden Leitzinsen gebe, dürfte es kaum Probleme geben, neue Aktien zu platzieren.

Der Daimler-Konzern will seine Nutzfahrzeugtochter Truck AG noch Ende dieses Jahres an die Börse bringen. Eine deutliche Mehrheit solle börsennotiert werden und im Rahmen eines „Spin-offs“ an die Aktionäre des Dax-Konzerns übergehen, teilte Daimler am Mittwoch mit. In Zukunft besteht der Konzern künftig aus zwei unabhängigen Unternehmen für Pkw und Vans sowie Nutzfahrzeuge und Busse. Im vergangenen Jahr hatte bereits der Siemens-Konzern eine solche Transaktion mit der Energiesparte vorexerziert.

Ein Schwergewicht wird der britische Mobilfunker Vodafone platzieren, der seine Funkmasten-Tochter Vantage Towers noch in diesem Quartal an die Börse bringen will. Dafür befinde man sich auf dem richtigen Weg, teilte das Unternehmen in dieser Woche mit. Insidern zufolge dürfte es im März auf das Frankfurter Parkett gehen.

Demnach könnte Vodafone mit der Neuemission 2,5 bis drei Milliarden Euro erlösen. Weitere Details dürfte es am 15. Februar geben, wenn Einzelheiten zum abgelaufenen Quartal kommen. Die Kursfantasie rührt bei Vantage vor allem aus dem Ausbau der 5G-Infrastruktur.

Ebenfalls milliardenschwer wird das Börsendebüt des Softwarehauses Suse aus dem Portfolio des schwedischen Finanzinvestors EQT. Bei diesem Techunternehmen steht die Open-Source-Architektur im Fokus, also für jeden einsehbare und nutzbare Software.

Auch der Labordienstleister Synlab kommt von einem Private-Equity-Haus und gilt als Börsenaspirant. „Wir werden auch erste Spacs in Deutschland sehen. Diese zunächst leeren Börsenmäntel könnten auch Portfoliounternehmen von Private-Equity-Fonds übernehmen“, erläutert Pauli.

Deutscher IPO-Markt hat Trendwende geschafft

Rückenwind von Auto1 erhofft sich auch der Online-Autohändler Mobility Holding („meinauto.de“), der vom ehemaligen Sixt-Leasing-Manager Rudolf Rizzolli geführt wird. Allerdings konzentriert sich das Unternehmen auf Neuwagen, nicht auf Gebrauchtwagen.

Eine mittelgroße, aber spannende Emission könnte von der Industrieholding MBB kommen. Sie hält die Mehrheit an dem Unternehmen Friedrich Vorwerk, einem führenden Anbieter im Bereich des Pipeline- und Anlagenbaus für Gas-, Strom- und Wasserstoffanwendungen. Das Unternehmen profitiert vom steigenden Investitionsbedarf in die deutsche Energieinfrastruktur. In Finanzkreisen heißt es, auch dieser IPO könne im ersten Vierteljahr erfolgen. Das Emissionsvolumen wird auf 350 Millionen Euro geschätzt.

Im vergangenen Jahr zeigte sich der deutsche IPO-Markt noch schwach. Nur neun Unternehmen gingen in Frankfurt an die Börse und erlösten dabei insgesamt 1,1 Milliarden Euro. Für das Segment Scale entschieden sich dabei fashionette und Exasol. Neuzugänge im Prime Standard waren Nagarro und Siemens Energy, die aber als Spin-offs kamen und damit keine „echten“ IPOs waren.

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Neu an der Börse waren noch Compleo Charging Solutions, Hensoldt, Knaus Tabbert, Brockhaus Capital Management und PharmaSGP, die auf den klassischen Weg in den Prime Standard setzten. Drei deutsche Unternehmen entschieden sich für einen Börsengang in New York: Curevac und VIA Optronics erlösten dabei knapp 290 Millionen Euro, Immatics wählte einen Spac-Merger an der Nasdaq.

Der Boom bei den Börsengängen ist zu Beginn des Jahres ein weltweites Phänomen. In London sorgte das Unternehmen Moonpig Group für Furore, die Online-Grußkartenfirma sammelte 491 Millionen Pfund bei ihrem IPO ein. Am ersten Handelstag konnten die Anteilseigner einen Kursgewinn von 17 Prozent einstreichen. Zuvor hatte schon Doc Martens 1,3 Milliarden Pfund erlöst, die Aktie kletterte am ersten Handelstag um 22 Prozent.

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