1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Nachhaltigkeit
  4. Impact-Fonds für nachhaltige Investments: Bei Start-ups ist Nachhaltigkeit schwer messbar

Impact-FondsSo entlarven Investoren leere Versprechen von Weltverbesserer-Start-ups

Immer neue Fonds versprechen den Geldgebern, in besonders nachhaltige Firmen zu investieren. Nun gibt es Ansätze, diese Effekte messbar zu machen.Christoph Kapalschinski 29.03.2021 - 14:08 Uhr Artikel anhören

Der Boom der Impact-Fonds könnte den Trend zu einer generell nachhaltiger orientierten Start-up-Landschaft beschleunigen.

Foto: Cultura/Getty Images

Hamburg. Benjamin Otto geht unter die Start-up-Investoren. Revent heißt der 50 Millionen Euro schwere Fonds, den der Hamburger Versandhaus-Erbe zusammen mit prominenten Köpfen aus der Gründerszene füllt. Der 45-Jährige ruft nicht weniger als „eine neue Investmentära“ aus. Denn Revent soll in solche Geschäftsmodelle investieren, die die Welt verbessern – und zugleich Geld verdienen.

Erste Start-ups arbeiten bereits mit Kapital von Revent: Die Hamburger Smartphone-Bank Tomorrow etwa verspricht, Kundenguthaben nachhaltig etwa in grüne Energien und die Agrarwende anzulegen. Sylvera aus London nutzt dagegen Satellitendaten, um den Erfolg von Aufforstungsprojekten zum Klimaschutz zu beurteilen.

Immer mehr kommerzielle Start-up-Finanzierer werben wie Revent um Geldgeber mit der Positionierung als sogenannte Impact-Fonds. Das Versprechen an institutionelle Anleger, Family Offices und vermögende Privatleute lautet: Rendite mit gutem Gewissen. Doch anders als am Aktienmarkt gibt es für Start-ups noch keinen anerkannten Standard, welche Investitionen tatsächlich als nachhaltig gelten. Die Anleger müssen bislang auf das Wort der Fondsmanager vertrauen.

Das ist ein Problem in der Gründerszene, in der die Behauptung, mit einem Unternehmen vor allem die Welt verbessern zu wollen, zum guten Ton gehört – fast unabhängig vom tatsächlichen Geschäftsmodell. Dennoch könnte der Boom der Impact-Fonds den Trend zu einer generell nachhaltiger orientierten Start-up-Landschaft beschleunigen.

Fonds, die sozialen Impact fördern, haben laut der Beratung GP Bullhound in Europa und Nordamerika bis 2020 gut 43 Milliarden Euro eingesammelt – drei Jahre zuvor waren es nur knapp 14 Milliarden Dollar. Klimafonds sind im selben Zeitraum von 4,1 Milliarden auf 12,4 Milliarden Dollar gewachsen. Wohl nicht zufällig: In Zeiten der Kapitalschwemme werben immer mehr Fondsgründer um Geldgeber. Die Konkurrenz steigt.

Dabei kommt es zu einem Generationswechsel. Alteingesessene Fondsgesellschaften wie Target Partners in München und Neuhaus Partners in Hamburg haben nach Sondierungen angekündigt, keine weiteren Fonds mehr einzusammeln.

Dafür entstehen neue wie der Hamburger Fonds Planet A, der derzeit 100 Millionen Euro für nachhaltige Start-ups einsammelt, oder eben Revent. Die stärkere Fokussierung auf Nachhaltigkeit kann beim Werben ums Kapital ein Vorteil sein – wie es sich bei engagierten, jüngeren Geldgebern wie Benjamin Otto zeigt.

Sie treffen auf eine ähnlich gesinnte Gründergeneration. „Es gibt immer mehr sehr gut ausgebildete Digitalunternehmer, die mit innovativen und gesellschaftlich relevanten Produkten wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen aufbauen werden“, sagt Otto Birnbaum. Der Berliner Investmentmanager hat Benjamin Otto überzeugt, den neuen Fonds aufzubauen.

Für Otto, mit knapp einem Drittel Anteil größter Geldgeber, ist das eine Abrundung seiner Stiftungsprojekte, mit denen er etwa in seiner Heimatstadt Hamburg einen Bildungscampus aufbaut. Die Liste der Geldgeber zeigt: Hinter Revent stehen Unternehmen, keine Philanthropen.

Mit dabei sind als Geldgeber etwa Multigründerin Verena Pausder, Max Tayenthal von N26, Benjamin Roth von Urban Sports Club und Florian Heinemann, Kopf hinter dem Frühphaseninvestor Project A. „Diese Unternehmer wollen damit auch klar Geld verdienen, sonst wäre es sehr schwer, Talente oder Investoren anzuziehen“, sagt Birnbaum.

Eigene Maßstäbe bei nachhaltigen Fonds

Das unterscheide die neue Generation der Impact-Fonds von früheren Fonds, die soziale und Umweltprojekte oft ohne Renditeerwartung finanzierten, bestätigt Frank Niederländer. Er ist Chef der BMW Foundation und Vorstand in der Bundesinitiative Impact Investing. „Wenn unser Kontinent sich in der Start-up-Welt irgendwo profilieren kann, dann mit einem Vorsprung durch Nachhaltigkeit“, meint er.

Themen wie CO2-Einsparung, Energieeffizienz oder gute Arbeitsbedingungen würden dabei zu Treibern für Wachstum und Rendite. Eines von vielen Beispielen aus der IT-Welt: Der Dax-Konzern SAP hat laut der Beratung GP Bullhound in den vergangenen drei Jahren allein durch CO2-Reduktion 273 Millionen Dollar eingespart.

Auch Start-ups hilft der Fokus. Nach Zahlen der Berater liegt die Firmenbewertung von Impact-Softwareanbietern sieben Prozent über derjenigen der Vergleichsgruppe, im nachhaltigen E-Commerce sind es sogar 29 Prozent.

Doch Niederländer gibt bei solchen Rechnungen zu bedenken: Allgemein anerkannte Standards gibt es für Impact-Investments in Start-ups anders als bei Aktien noch nicht. Seine BMW-Stiftung muss diesen Anspruch bei den Start-ups, die sie aufnimmt, auf seinen Gehalt abklopfen. Bislang prüft das Team die Ideen der Gründer in Einzelgesprächen. „Es wird sich aber sicherlich ein Branchenstandard herausbilden. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob das ein weltweiter oder unterschiedliche regionale Standards sein werden“, sagt Niederländer.

Für Gründer bedeutet das, dass sie bislang unterschiedliche Maßstäbe erfüllen müssen. Robert Gerlach etwa hat mit über 30 Investoren gesprochen, bevor er bei mehreren Impact-Investoren eine erste Finanzierungsrunde über einen siebenstelligen Betrag abgeschlossen hat. Er will mit seinem Start-up Klim eine App entwickeln, die Landwirten zeigt, wie sie so anbauen können, dass dabei möglichst viel CO2 gebunden wird.

Ein eigenes Label soll dann bei der Vermarktung helfen. „Es gibt große Unterschiede zwischen den Investoren. Einige bewerten den Impact eher aus dem Bauch heraus, andere versuchen, alles ganz systematisch in Skalen zu erfassen“, berichtet Gerlach.

Der neue Fonds von Benjamin Otto hat unter anderem in das Start-up Sylvera investiert. Es nutzt Satellitendaten, um den Erfolg von Aufforstungsprojekten zum Klimaschutz zu beurteilen.

Foto: Reuters

Einige Impact-Fonds arbeiten gezielt an eigenen Methoden. Jacob Bro etwa baut derzeit den Fonds 2150.vc auf. Er soll Innovationen rund um Städtebau vorantreiben. Hauptziel ist, mit den Start-ups CO2-Emissionen im Gigatonnenbereich einzusparen. Doch auch Bro steht vor dem Problem, dass ein echter Standard für das Reporting fehlt.

Seine erhoffte Lösung: Eines der ersten Start-ups im Portfolio soll eines sein, das Methoden zur CO2-Erfassung im Bereich Bau entwickelt – und diese Dienstleistung wiederum 2150.vc anbieten. Wichtig ist das auch für die finanzielle Leistung des Fonds: Schließlich ist eingesparte Energie bares Geld wert.

Auch der neue Hamburger Fonds Planet A verspricht, ausschließlich in nachweisbar nachhaltige Geschäftsmodelle zu investieren – und will dafür ein eigenes wissenschaftliches Team beauftragen, den ökologischen Fußabdruck der finanzierten Unternehmen über den gesamten Lebenszyklus zu ermitteln.

Nachhaltigkeit: Anleger müssen wachsam sein

Einen Ratingansatz für die gesamte Szene entwickelt Rebeca Minguela mit ihrem 2017 gegründeten Unternehmen Clarity.AI. Sie setzt Künstliche Intelligenz ein, um eine Datenbank mit Nachhaltigkeitsbewertungen von 40.000 Unternehmen und über 200.000 Fonds aufzubauen. Zudem nehmen gut 100 Mitarbeiter Kontakt zu den Unternehmen auf, um weitere Daten zu ermitteln.

Die Spanierin Minguela konnte von New York aus damit bereits wichtige Akteure überzeugen: Zu den Investoren gehört die Deutsche Börse, zu den Kunden der Fondsanbieter Blackrock. Minguela will ihnen einen einheitlichen Datenstandard und eine Art Rating bieten. „Die Plattform ist fähig, Nachhaltigkeitskennzahlen zu standardisieren“, lobt Felix Bratell von GP Bullhound.

Solche Entwicklungen lassen erwarten, dass der Ausweis von Nachhaltigkeitskriterien schon bald üblich sein wird – und spezielle Impact-Fonds damit ihr Alleinstellungsmerkmal verlieren. Sie wären dann nur ein Übergangsphänomen, das die Neuorientierung der Szene beschleunigt.

„Nach Corona wird Nachhaltigkeit das große Megathema“, ist etwa Redstone-Mitgründer Brehm überzeugt. Der Berliner Investor verankert Nachhaltigkeitsziele seit einem Jahr fest in den Investitionsvereinbarungen mit den Gründern – obwohl er sich nicht ausdrücklich als Impact-Fonds positioniert. Brehm orientiert sich dabei an den klassischen ESG-Kriterien: Umwelt, Soziales und Governance.

Der Hamburger Unternehmenserbe hat einen neuen Impact-Fonds aufgelegt.

Foto: Johannes Arlt für Handelsblatt

Allerdings räumt auch er ein: „Wir sind noch nicht annähernd so weit, dass es einen Branchenstandard geben würde. Aber es ist schon mal gut, dass sich alle intensiv mit der Messung der Effekte auseinandersetzen, um eine Grundlage zu schaffen.“

Verwandte Themen
Hamburg
SAP

Die Macher des neuen Fonds von Benjamin Otto wollen ihr Impact-Versprechen dadurch belegen, dass sich ihre Fondsgebühr nicht nur am finanziellen Erfolg, sondern auch an Impact-Kennziffern bemisst – jeweils festgelegt für die einzelnen Investments.

Dazu soll der Impact extern von der gemeinnützigen Beratung Phineo auditiert werden. Solch eine Überprüfbarkeit sei wichtig, sagt Fondsmanager Otto Birnbaum: „Wenn sich fast jedes Geschäftsmodell das Label ‚Impact‘ aufkleben könnte, würde der Begriff seine Bedeutung verlieren.“

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt