Drohende Verluste: Schieflage von US-Hedgefonds: Credit Suisse und Nomura warnen vor Milliardenschäden
Bereits das vierte Quartal 2020 hatte die Credit Suisse mit einem deutlichen Verlust beendet.
Foto: ReutersZürich, Frankfurt, Tokio. Die Notlage eines Hedgefonds des prominenten Investors Bill Hwang bringt gleich mehrere internationale Großbanken in die Bredouille. Das Schweizer Geldhaus Credit Suisse und die japanische Investmentbank Nomura haben am Montag ihre Aktionäre vor milliardenschweren Verlusten gewarnt.
Hwangs Fonds Archegos Capital hat sich offenbar mit gehebelten Aktienwetten verspekuliert und konnte vergangene Woche Nachschuss-Aufforderungen seiner Banken nicht nachkommen. Die Banken des Family Office von Hwang versuchen nun, ihre Belastungen einzugrenzen. An der Börse hat die Zwangsliquidierung von Positionen im Volumen von mehr als 20 Milliarden Dollar bereits am vergangenen Freitag Aktien vom chinesischen Technologiewert Baidu bis zum US-Medienkonzern ViacomCBS massiv unter Druck gebracht.
Nomura warnte, dass bei Geschäften der US-Tochtergesellschaft Schäden von zwei Milliarden Dollar entstanden sein könnten. Der Aktienkurs stürzte daraufhin so stark ab wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Bis zum Börsenschluss sackte die Aktie um 16,3 Prozent auf 603 Yen.
Die Credit Suisse erklärte, es sei noch verfrüht, die Höhe des Verlustes zu beziffern. Er könne aber „sehr bedeutend und wesentlich für unsere Ergebnisse des ersten Quartals sein“. Der Aktienkurs brach am Montagvormittag um 14 Prozent ein, ebenfalls der höchste Tagesverlust seit der Finanzkrise. Die Anleiheanalysten von der britischen Bank NatWest erwarten, dass sich die Schäden bei der Credit Suisse auf 500 Millionen bis 1,5 Milliarden Dollar summieren könnten.
Auch die Deutsche Bank ist in den Fall Archegos verwickelt. Zunächst war berichtet worden, dass auch das Frankfurter Institut von der Notlage des Hedgefonds betroffen sein könnte. Am späten Montagnachmittag teilte die Bank dann jedoch mit, keine Auswirkungen zu erwarten.
Eigentlich hat die Deutsche Bank ihr Hedgefonds-Geschäft, das so genannte Prime Brokerage, 2019 an die französische Großbank BNP Paribas verkauft. Allerdings ist der Deal noch nicht vollständig abgewickelt, sodass der Bank aus dem Archegos-Debakel zumindest theoretisch noch Belastungen entstehen könnten. Die Aktien gaben im Montagshandel bis zu 6,4 Prozent nach und sanken auf den niedrigsten Wert seit über einem Monat.
Nach Handelsblatt-Informationen war Goldman Sachs am Freitag ebenfalls maßgeblich an der Zwangsliquidierung von Archegos-Positionen beteiligt. Eine Goldman-Sachs-Sprecherin wollte den Vorgang auf Anfrage nicht kommentieren.
In einem Schreiben an mehrere Großinvestoren ließ die Bank wissen, dass eventuelle Schäden nicht materiell seien. Goldman habe das Risiko eines Ausfalls durch umfangreiche Absicherungsgeschäfte begrenzt und erwarte insofern nur unerhebliche finanzielle Auswirkungen. Unter Investmentbankern wurde am Montag spekuliert, dass Credit Suisse und Nomura genau solche Absicherungen unterlassen haben könnten.
Zu den Hausbanken von Archegos gehört nach Handelsblatt-Informationen auch Morgan Stanley. Ob der US-Bank Verluste drohen, ist unklar. Die Bank lehnte eine Stellungnahme ab.
Ein alter Bekannter
Weder Nomura noch Credit Suisse gaben den Namen des betroffenen Hedgefonds bekannt. Nach übereinstimmenden Medienberichten dürfte es sich jedoch um Archegos Capital handeln. Hwang wurde als Gründer des Hedgefonds Tiger Asia Management bekannt. 2012 gab er das verwaltete Kapital allerdings an die Investoren zurück, weil sich der Investor in einem Betrugsfall im Zusammenhang mit dem Insiderhandel von chinesischen Bank-Aktien schuldig bekennen musste. Damals bezahlte Tiger Asia eine Strafe von 44 Millionen Euro, um die Vorwürfe aus der Welt zu schaffen.
Medienberichten zufolge verwaltete das neue Family Office von Hwang rund zehn Milliarden Dollar. Nach Informationen des Wall Street Journal hielt Archegos große Positionen in einzelnen Aktien, teilweise über Derivate, die es Hwang erlaubten Meldeschwellen zu umgehen, die normalerweise bei Beteiligungen von zehn Prozent und mehr greifen. Offenbar geriet Archegos in Probleme, als chinesische Technologieaktien wie Baidu und Farfetch im März zu fallen begannen.
Am vergangenen Freitag begannen die Hausbanken des Hedgefonds, große Positionen zu liquidieren, um Kapital für zusätzliche Sicherheitsleistungen von Archegos frei zu machen. Morgan Stanley vermittelte nach Informationen von Bloomberg rund 13 Milliarden Dollar an Papieren wie Farfetch, Discovery , Baidu und GSX Techedu. Über Goldman wurden Aktien von Baidu, Tencent Music Entertainment und Vipshop im Wert von 6,6 Milliarden Dollar verkauft. Dem folgte der Verkauf von Aktien von ViacomCBS und IQiyi in Höhe von 3,9 Milliarden Dollar.
Einige der Aktien legten am Ende der Wall-Street-Sitzung am Freitag wieder zu. Für ViacomCBS und Discovery blieben die höchsten Tagesverluste aller Zeiten. Jetzt warten die Händler gespannt auf die US-Börseneröffnung am Montag, weil sie weitere Paketverkäufe befürchten.
Weiterer Tiefschlag für Credit Suisse
Für die Credit Suisse sind die drohenden Verluste ein weiterer Tiefschlag, auch für ihren seit gut einem Jahr amtierenden CEO, Thomas Gottstein. Denn die Bank steckt zusätzlich tief im Greensill-Skandal.
Die Schweizer hatten sogenannte Lieferketten-Finanzierungsfonds aufgelegt, die mit der Pleite des Fintechs Greensill und den Zahlungsschwierigkeiten des britisch-indischen Stahlunternehmers Sanjeev Gupta in Schieflage geraten waren. Auch hier droht der Verlust in die Milliarden zu gehen – er entsteht aber vor allem bei Credit-Suisse-Kunden. Trotzdem könnten beide Ereignisse den NatWest-Analysten zufolge die Bank eine bis drei Milliarden Dollar kosten und damit einen kompletten Jahresgewinn aufzehren.
Der Kollaps des Hedgefonds dürfte das Handelsergebnis der Investmentbank in Mitleidenschaft ziehen, warnte die Bank. Erst vor zwei Wochen hatte Gottstein auf einer Analystenkonferenz ein starkes Handelsergebnis im ersten Quartal 2021 in Aussicht gestellt. Das ist nun wohl Makulatur. Zudem droht eine Herabstufung des Rating-Ausblicks, wie die NatWest-Analysten in einer aktuellen Studie weiter schreiben.
Bei den Anteilseignern der Credit Suisse wächst der Frust angesichts der Skandal-Serie. So sagte David Herro, Vize-Chairman bei Harris Associates gegenüber Bloomberg: „Die Credit Suisse muss ihre Risikokontrollen auf allen Ebenen verbessern.“ Harris Associates ist mit über fünf Prozent drittgrößter Anteilseigner der CS.
Schweizer Finanzaufsicht schaltet sich ein
Herro gilt als Freund des geschassten CEOs Tidjane Thiam – und als scharfer Kritiker von Verwaltungsratspräsident Urs Rohner. Am Montag legte Herro nach: Rohner solle keine weiteren Vergütungen von der Credit Suisse erhalten, forderte er. Rohner hatte angekündigt, auf der Hauptversammlung der Credit Suisse Ende April nicht erneut zu kandidieren.
Die Schweizer Finanzaufsicht Finma prüft bereits, ob die Credit Suisse wegen der Verwicklung in den Greensill-Skandal zusätzliches Kapital bereithalten muss. Auch in den Fall Archegos hat sich die Finanzaufsicht eingeschaltet. Mit der Serie an schlechten Nachrichten wird immer unsicherer, ob die Bank ihr für 2021 vorgesehenes Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von 1,5 Milliarden Franken wie geplant durchführen kann. Bereits das vierte Quartal 2020 hatte die Credit Suisse mit einem deutlichen Verlust beendet. Damals hatten Abschreibungen auf eine Beteiligung bei einem US-Hedgefonds sowie zusätzliche Rückstellungen für einen Rechtsstreit um Hypothekenkredite das Ergebnis belastet. Seinerzeit fiel es Gottstein noch leicht, dies als Lasten aus der Vergangenheit abzutun.
Die japanische Investmentbank Nomura erleidet just in dem Moment einen Rückschlag, in dem sich Jahre der Reformen auszuzahlen schienen. Angetrieben vom Boom an den Aktienmärkten verbuchte die Holding in den ersten neun Monaten des bis Ende März laufenden Bilanzjahres 2020 den höchsten Gewinn, seit Nomura seine Bilanz nach dem amerikanischen Buchhaltungsstandard US-GAAP erstellt.
Nach dem Archegos-Debakel versucht Nomura nun, die Angst vor ernsten Folgen der Verluste für die gesamte Bank zu zerstreuen. Ende Dezember 2020 habe Nomura eine Kernkapitalquote von 17 Prozent gehabt, die damit deutlich über den regulatorischen Mindestanforderungen lag. „Dementsprechend gibt es keine Probleme mit dem Betrieb oder der finanziellen Solidität der Nomura Holdings oder ihrer US-Tochtergesellschaft“, heißt es in einer Mitteilung.