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Junge Digitale WirtschaftInvestor Christoph Gerlinger übernimmt Verantwortung für umstrittenes Papier

Ein Beirat aus Digitalexperten hatte in einem Papier öffentlich eine „Disziplinierung der Presse“ gefordert. Nach harscher Kritik scheidet einer der Verfasser aus dem Beirat aus.Larissa Holzki, Michael Verfürden 13.07.2021 - 18:17 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Er entschuldigt sich in einem Statement bei den Journalisten.

Foto: German Startups Group

Düsseldorf. Start-up-Investor Christoph Gerlinger hat Konsequenzen aus dem Skandal um ein pressefeindliches Positionspapier gezogen. Mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) einigte er sich am Dienstag auf seinen Rücktritt aus dessen Beirat Junge Digitale Wirtschaft (BJDW). Gerlinger übernimmt damit die Verantwortung für ein Papier zum Thema „Börsengänge deutscher Start-ups“, in dem der Beirat Journalisten eine Mitschuld an einer angeblichen IPO-Flaute gab und von der Regierung die „Disziplinierung der Presse“ forderte.

Nach einer Berichterstattung über das Papier im Handelsblatt hatte Altmaier am Montagabend persönlich Stellung bezogen und getwittert: „Pressefreiheit ist ein herausragendes Grundrecht, dessen Schutz wir verpflichtet sind.“ Er kündigte an, die Verantwortlichkeiten zu klären und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen. Am Dienstag bekräftigte er gegenüber Journalisten, er „missbillige die Passage“ ausdrücklich.

In seiner Stellungnahme zum Rücktrittsangebot am Dienstag entschuldigte sich Gerlinger bei Journalisten. Er „übernehme die Verantwortung dafür, dass eine unpassende und missverständliche Formulierung“ seinerseits aus einem früheren Konzept in der finalen, veröffentlichten Fassung gelandet sei.

Der Gründer der German Startups Group sagte: „Diese Formulierung entspricht weder der Position des Beirats noch der der Mit-Autoren noch der von mir.“ Allerdings hatte er selbst eben diese Version zuvor dem Handelsblatt zugeschickt und um Berichterstattung gebeten.

Widersprüchliche Aussagen zur Entstehungsgeschichte

Als das Handelsblatt daraufhin wissen wollte, wer nach Meinung der Verfasser über gute und schlechte Berichterstattung entscheiden sollte, bekräftigte Gerlinger die Forderungen. „Es müsste u. E. etwas strengere Anforderungen an die sachliche Richtigkeit und Vollständigkeit geben“, schrieb er per E-Mail.

Für das Handelsblatt seien die Verpflichtungen zwar nicht nötig, betonte Gerlinger dabei, grundsätzlich würden Tech-IPOs in Deutschland aber „auch 20 Jahre nach dem Platzen der Bubble regelmäßig als überteuerte Nachwehen des Neues Markts verunglimpft“.

Als Reaktion auf die Berichterstattung kamen Empörung und Kritik von allen Seiten: Der Deutsche Journalisten-Verband sprach von „völlig absurden Forderungen“. Der langjährige Siemens-Chef Joe Kaeser schrieb auf Twitter: „Im Silicon Valley sagt man dazu: ,We need to separate the Pepper from the fly-shit‘“– man müsse den Pfeffer vom Fliegenschiss trennen. Diejenigen, die Angst hätten, dass „ihre Equity-Story durch die Pressefreiheit verwässert wird“, gehörten nicht zur „Kategorie ,Pepper‘“. Das wisse auch Peter Altmaier.

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Die BJDW-Vorsitzenden Christian Vollmann und Miriam Wohlfarth erklärten am Dienstag: „Der Beirat Junge Digitale Wirtschaft ist der Pressefreiheit verpflichtet, sie ist ein fundamentales Grundrecht. Das gilt selbstverständlich auch für die Berichterstattung über Börsengänge.“ Und weiter: „Wir bitten um Entschuldigung, dass durch unser Positionspapier ein anderer Eindruck entstanden ist.“ Die formulierten Absätze würden „in keiner Weise der Position des Beirats entsprechen. Wir distanzieren uns davon deutlich.“

Weitere Gründer distanzieren sich

Intern steht nun Aufarbeitungsarbeit an. „Unser Fehler als Beirat ist, dass unsere internen Kontrollmechanismen versagt haben“, schrieben die Vorsitzenden. „Wir werden unsere internen Abläufe nun überprüfen und dazu auch in eine enge Abstimmung mit dem Bundeswirtschaftsministerium gehen.“Auch beim Wirtschaftsministerium dürfte das Papier ungelesen oder zumindest unüberlegt hochgeladen worden sein.

Neben Gerlinger waren auch Alex von Frankenberg, der Geschäftsführer des halbstaatlichen Hightech-Gründerfonds, und Amorelie-Gründerin Lea-Sophie Cramer namentlich als Autoren des Positionspapiers aufgetreten.

Dokumentation – PDF zum Download

Das ist das zurückgezogene Positionspapier des Beirates Junge Digitale Wirtschaft

Cramer meldete sich am Dienstag beim Handelsblatt und sagte, die veröffentlichte Version sei mit ihr nicht abgestimmt gewesen. Es vertrete inakzeptable „Einzelpositionen und Formulierungen“. Sie selbst habe an der entscheidenden Sitzung des Beirats nicht teilgenommen und sich „in die Entwicklung der veröffentlichten Version des Papiers nicht weiter eingebracht“. Das aber sei ein Versäumnis, das bei derartig wichtigen Themen und Positionen, unter denen am Ende ihr Name stehe, nicht vorkommen dürfe: „Das tut mir aufrichtig leid.“

Zudem sei der Austausch mit Journalisten für sie bisher ein Ansporn gewesen: „Konstruktive Kritik macht stärker, nie schwächer und ist deshalb essenziell, um weiterzukommen.“ Der zweite Mitautor, Alex von Frankenberg, ging auf ein Gesprächsangebot des Handelsblatts nicht ein.

Dafür meldeten sich andere prominente Vertreter der deutschen Digital- und Start-up-Szene zu Wort und bezogen in der Sache deutlich Stellung. Sie betonten eine positive Funktion der Presse für die Gesellschaft und speziell ihre Branche. Der Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups bekannte: „Als Startup-Verband stehen wir uneingeschränkt zur Pressefreiheit, sie ist konstituierend für unsere pluralistische Demokratie“, sagte Christian Miele.

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Johannes Reck, Gründer der Reiseplattform GetyourGuide und ebenfalls BJDW-Mitglied sagte: „Ich distanziere mich ausdrücklich von einer Einschränkung der Pressefreiheit“. Es sei naiv und blödsinnig, so etwas zu fordern. „Kritische Berichterstattung ist ausdrücklich erwünscht“, sagte der Gründer, der nach eigenen Angaben bei den entscheidenden Sitzungen vor Veröffentlichung des Papiers ebenfalls nicht anwesend war.

Aktuell gehören dem BJDW 29 Mitglieder an. Zur Auswahl hieß es auf Handelsblatt-Nachfrage beim Ministerium, die Behörde entscheide über neue Mitglieder unter anderem auf Vorschlag des Beirats.

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