1. Startseite
  2. Meinung
  3. Gastbeiträge
  4. Siemens-Energy-CEO zum Klimaschutz: Wir können das Ruder noch herumreißen

GastkommentarKlimawandel: Wir können das Ruder noch herumreißen

Kohleausstieg, Gas als Brückenenergie, Länderfinanzausgleich auf globaler Ebene. Wie man den Ausstoß von Treibhausgasen sofort deutlich reduzieren kann, skizziert Christian Bruch. 08.11.2021 - 08:46 Uhr Artikel anhören

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Siemens Energy AG.

Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt

Die Welt scheint vom Kurs abgekommen zu sein: Die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels sind enorm und bringen bereits heute zahlreiche Regionen an den Rand einer Katastrophe. Extreme Wetterereignisse, wie wir sie im Sommer rund um den Globus erlebt haben, drohen zur Normalität zu werden und verheißen nichts Gutes für die Zukunft.

Der Weltklimarat (IPCC) hat bereits Alarm geschlagen, dass die globale Durchschnittstemperatur bereits vor dem Jahr 2030 um mehr als 1,5 Grad steigen könnte. Das Pariser Klimaziel, 2015 von rund 200 Nationen vereinbart, wäre damit in weniger als acht Jahren Geschichte. Das Versprechen der rund 200 Staaten, die Welt vor dem Kollaps zu retten, wäre damit hinfällig.

Die positive Nachricht: Wir können, immer noch, das Ruder herumreißen und sehr viel ändern. Aber wir müssen jetzt handeln. Absichtserklärungen und die inflationäre Überbietung von Zielen ohne entsprechende Maßnahmen reichen nicht mehr aus. Wer Klimaneutralität für 2050 verspricht, muss heute sagen, was er in einem, fünf und zehn Jahren bereits erreicht haben will.

Ob Glasgow wirklich den Aufbruch in das Jahrzehnt der Umsetzung markiert, kann man abschließend erst in vier Tagen beurteilen, wenn der Weltklimagipfel zu Ende geht. Es scheint jedoch so, dass sich die in das Gipfeltreffen COP26 gesetzten Hoffnungen nicht mehr erfüllen werden. Trotzdem sollten wir aus Glasgow die Verpflichtung mitnehmen, mehr zu erreichen, als allein durch Abschlusserklärungen beschrieben werden kann.

Der Bericht des IPCC war eindeutig, wir müssen handeln, und zwar jetzt. Es geht nicht nur darum, neue Technologien einzuführen. Es geht auch nicht nur darum, ein bisschen Energie zu sparen. Es geht um die grundlegende Änderung unseres Ansatzes, mit Energie umweltgerecht und klimaverträglich umzugehen. Das betrifft jeden, ob Politik, Unternehmen oder Bürger. Jeder wird hier an Deck gebraucht.

Der Kohleausstieg ist unausweichlich

Ganz oben auf der To-do-Liste steht der Ausstieg aus der Kohle. Gut 70 Prozent der globalen CO2-Emissionen bei der Stromerzeugung werden durch Kohlekraftwerke verursacht. Laut dem Londoner Thinktank E3G ist die Zahl der weltweit geplanten neuen Kohlekraftwerke seit dem UN-Klimagipfel in Paris 2015 zwar um zwei Drittel gesunken, aber immer noch setzen zahlreiche einflussreiche Staaten der Welt auf Kohle.

Keine Frage: Der Ausstieg wird Geld kosten und eine internationale Anstrengung sein. Die reicheren Länder werden den ärmeren Ländern entsprechend der Paris-Vereinbarung hierbei helfen müssen. Eine sinnvolle Investition in die Zukunft ist das aber auf jeden Fall.

In Deutschland etwa sollte 2038 das letzte Kohlekraftwerk planmäßig vom Netz gehen. Dass sich die neue Koalition aber auf einen schnelleren Ausstieg einigt, scheint derzeit relativ wahrscheinlich. Wünschenswert wäre es.

Keine technologischen Tabus

Dass der schnellere Ausstieg aus der Kohle möglich ist, zeigt das Vereinigte Königreich. Pünktlich zum Weltklimagipfel in Glasgow ist der Anteil von Kohle auf ein Allzeittief gefallen, knapp zwei Prozent macht der fossile Brennstoff noch am Strommix aus – vor zehn Jahren lag er noch bei circa 40 Prozent. Bereits in drei Jahren will Boris Johnson mit seinem Staatenbund komplett aus der Kohleverstromung ausgestiegen sein.

Solche Maßnahmen zeigen Wirkung; in den letzten 30 Jahren sind die Emissionen der Stromproduktion in Großbritannien um fast zwei Drittel gesunken. Erreicht hat das Königreich das nicht nur durch den vermehrten Einsatz erneuerbarer Energien (und Atomkraft), sondern auch durch die Nutzung von Erdgas. Umweltverbände kritisieren zwar den Einsatz des Brennstoffs, Fakt ist aber, dass Erdgas helfen kann, den CO2-Ausstoß sofort entscheidend zu senken.

Natürlich sind erneuerbare Energien vorzugswürdig. Aber die verfügbaren Mengen reichen derzeit bei Weitem noch nicht aus, um den weltweiten Strombedarf zu decken. Wenn Gas uns hilft, eine Brücke zu bauen, indem es die CO2-Emissionen im Vergleich zu Kohle um gut zwei Drittel reduziert und gleichzeitig die Versorgungssicherheit garantiert, dann sollten wir die Brücke nutzen.

Wird Gas auch in 25 Jahren noch der richtige Ansatz sein? Wahrscheinlich nicht. Aber wir sollten endlich aufhören, immer nur über langfristige Ziele zu reden, sondern sofort handeln.

Länderfinanzausgleich auf globaler Ebene

Wichtig für den Erfolg von Glasgow wird auch sein, ob die Industriestaaten ihr Versprechen einlösen, die Energietransformation in den ärmeren Ländern mit jährlich 100 Milliarden Dollar zu unterstützen. So war es bereits 2009 auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen erstmals entschieden worden, seit 2020 sollte das Geld fließen. Passiert ist jedoch nicht genug, Expertenschätzungen gehen davon aus, dass erst in zwei Jahren das Ziel von 100 Milliarden Dollar jährlich erreicht wird.

Dabei sind die ärmeren Staaten auf die Unterstützung dringend angewiesen, nicht nur beim Kohleausstieg. Die Auswirkungen des Klimawandels sind ungleichmäßig verteilt, vor allem die Entwicklungsländer und die südliche Welthalbkugel trifft es am härtesten. Dem muss Rechnung getragen werden.

So wurde es nicht nur im Pariser Abkommen bekräftigt, sondern das ist auch die moralische Verpflichtung der Industriestaaten, die ihren Wohlstand über Jahrzehnte zulasten der Umwelt und damit auf Kosten der ärmeren Staaten aufgebaut haben.

Ein Jahrzehnt des Handelns ist nötig

Und schließlich kommen wir an der konsequenten Einführung einer CO2-Bepreisung nicht vorbei, wenn wir es ernst meinen. Ohne entsprechende Anreize wird sich das Verhalten nicht ändern, weder das einzelner Staaten noch der Industrie. Wie hoch der Preis pro Tonne sein muss, damit er seine Wirkung entfaltet, kann je nach Sektor unterschiedlich ausfallen.

Studien und Expertenmeinungen dazu gibt es bereits genug. Wichtig ist jedoch, dass es in möglichst vielen Regionen ein gemeinsames, faires Preissystem gibt, das dem internationalen Wettbewerb Rechnung trägt und soziale Lasten – und damit die Spaltung der Gesellschaft – durch Ausgleichsmechanismen verhindert.

Verwandte Themen
Weltklimakonferenz
Klimawandel
Umweltschutz

Wir sollten ein Zurückbleiben hinter dem ursprünglichen Anspruch nicht akzeptieren. Ganz gleich, was die Delegierten in Glasgow entscheiden, am Ende liegt es auch an jedem von uns selbst, ob wir wieder auf Kurs kommen und die Wende schaffen. Jeder Politiker, jedes Unternehmen und am Ende jeder Verbraucher ist in der Pflicht.

Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens, dass Veränderung notwendig und positiv ist und dass Nachhaltigkeit einen Wert besitzt. Wir befinden uns bereits mitten im Sturm. Und da muss es heißen: alle Mann und alle Frau an Deck.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt