Protokoll des Versagens: Das ist der Geheimbericht zur Arbeit der EY-Wirtschaftsprüfer
Bei der Aufarbeitung des Wirecard-Skandals geschah das meiste hinter verschlossenen Türen.
Foto: Mona Eing & Michael MeissnerDüsseldorf. Gläubiger warten auf 3,3 Milliarden Euro, Aktionäre verloren 24 Milliarden Euro: Für das Handelsblatt wurde Wirecard zu einem der aufwendigsten und intensivsten Rechercheprojekte seiner Geschichte. Unsere Reporterinnen und Reporter werteten Hunderttausende interne E-Mails und Chats aus, interviewten Dutzende von Insidern und folgten der Spur des Geldes rund um den Globus. Am 8. Dezember startet der Jahrhundert-Prozess zu Wirecard. Zur Vorbereitung lesen Sie ab sofort täglich die spektakulärsten Handelsblatt-Artikel zum Skandal-Konzern.
- Vier Wochen lang arbeiteten Martin Wambach und sein Team von Sonderprüfern an einem Bericht über die Arbeit von EY für Wirecard. Er wurde als geheim eingestuft, aber von Steuergeldern bezahlt. Im vergangenen November machte das Handelsblatt das Dokument der Öffentlichkeit zugänglich. Der 168-seitige Bericht ist samt seinen beiden Anhängen auch unter www.handelsblatt.com/wambach abrufbar.
- Die Analyse der Sonderermittler legt nahe: Hätte EY konsequent nach den Normen des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) geprüft, wären das Geschäftsgebaren bei Wirecard und der Betrug möglicherweise viel früher aufgedeckt worden. EY bestreitet ein Fehlverhalten.
- Auf die Veröffentlichung des Wambach-Berichts reagierte EY mit einer Strafanzeige – und erntete heftige Kritik.
Fünf versiegelte Laptops standen auf einem Schreibtisch, als die Sonderprüfer von Rödl & Partner am 15. März 2021 den Konferenzraum Charité in der Berliner Niederlassung von EY betraten. Die Gäste durften keine Daten herunterladen oder Screenshots machen. Zugang zum Raum wurde ihnen nur zwischen 8:00 Uhr und 18:00 Uhr gewährt. Ihre Smartphones mussten die fünf Mitarbeiter von Rödl & Partner in dieser Zeit am Empfang von EY hinterlegen.
Sie waren als Spezialtrupp in Sachen Wirecard gekommen. Seit 2009 hatte die Wirtschaftsprüfgesellschaft EY die Bilanzen des Münchener Zahlungsabwicklers freigestempelt, im Juni 2020 brach Wirecard zusammen und hinterließ einen Milliardenschaden. Ein Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages wollte wissen, wie das passieren konnte.