IW-Studie: Der Niedriglohnsektor ist Fluch und Segen zugleich
Im Einzelhandel, in der Gastronomie oder der Logistikbranche gibt es viele Beschäftigte mit niedrigen Löhnen.
Foto: dpaBerlin. Sie arbeiten in der Kneipe, fahren Pakete aus oder räumen im Supermarkt die Regale ein: Beschäftigte, deren Bruttostundenlohn weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns beträgt und die nach dieser Definition im Niedriglohnsektor arbeiten. Aus Sicht der Gewerkschaften stecken sie in einer Armutsfalle.
SPD und Grüne wollen deshalb den Mindestlohn auf zwölf Euro erhöhen und hatten sich im Wahlkampf auch für eine weitgehende Abschaffung von Minijobs starkgemacht. Arbeitgeberverbände sehen im Niedriglohnsektor dagegen eine Chance auf Beschäftigung auch für Geringqualifizierte oder Arbeitslose.
Und beide Seiten haben durchaus gute Argumente, zeigt nun eine neue Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dem Handelsblatt vorliegt.
Denn auf der einen Seite sind Niedriglohnbeschäftigte häufiger mit sozialen Problemen konfrontiert als Normalverdiener – auch wenn sie in der Regel immer noch besser dastehen als Arbeitslose. Auf der anderen Seite steigen durch die Annahme eines niedrig entlohnten Jobs aber die Arbeitsmarkt- und Einkommensperspektiven für vormals Arbeitslose oder Nichterwerbstätige.
Rund ein Fünftel der abhängig Beschäftigten arbeitet im Niedriglohnsektor
Von 1997 bis 2007 ist der Anteil des Niedriglohnsektors an der gesamten abhängigen Beschäftigung von 16 auf knapp 23 Prozent gestiegen und folgte danach keinem klaren Trend. 2013 wurde mit knapp 24 Prozent ein Zwischenhoch erreicht, danach ist der Anteil wieder weitgehend kontinuierlich auf zuletzt knapp 21 Prozent gesunken.
IW-Ökonom Holger Schäfer hat mithilfe des „Sozio-oekonomischen Panels“ (SOEP) die Erwerbsbiografien von Niedriglohnbeschäftigten über den Zeitraum 2011 bis 2019 analysiert. Diese jährlich durchgeführte Befragung von rund 30.000 Personen liefert nicht nur detaillierte Angaben zum Lohn, sondern auch zu persönlichen Merkmalen und zum Haushalt, in dem die Befragten leben.
Die Daten zeigen, dass die Armutsgefährdungsquote bei Niedriglohnbeschäftigten mit 22 Prozent zwar höher ist als bei Normalverdienern, aber erheblich geringer als die von Nichterwerbstätigen (28 Prozent) oder Arbeitslosen (69 Prozent).
„Eine Strategie gegen geringe Einkommen müsste mithin in erster Linie die Gruppe der Inaktiven in den Blick nehmen und Instrumente entwickeln, mit denen diese besser in den Arbeitsmarkt integriert werden können“, folgert Schäfer. Nach seiner Studie kann der Niedriglohnsektor dazu durchaus einen Beitrag leisten.
Der IW-Ökonom hat sich angeschaut, welche Personen im Untersuchungszeitraum neu in den Niedriglohnsektor eingetreten sind und welchen Erwerbsstatus sie vorher hatten. Dabei zeigt sich, dass mit 44 Prozent die größte Gruppe der neuen Niedriglohnbeschäftigten vorher Normalverdiener waren. Dies deute durchaus „auf eine beträchtliche Abwärtsmobilität“ hin, wie es in der Studie heißt. Zuvor beruflich inaktiv waren 39 Prozent der neuen Niedriglohnbeschäftigten, darunter 14 Prozent arbeitslos.
Niedriglohnsektor als Chance für Geringqualifizierte
Von den Personen, die aus der Nichterwerbstätigkeit heraus in den Niedriglohnsektor eintraten, hatten mit 37 Prozent überdurchschnittlich viele keine abgeschlossene Berufsausbildung. Von den vormals Arbeitslosen trifft dies auf 24 Prozent zu, von den vorherigen Normalverdienern nur auf 16 Prozent. Der Niedriglohnsektor spiele also durchaus eine Rolle für die Arbeitsmarktintegration von Geringqualifizierten, schreibt Schäfer.
Und für das Gros der neuen Niedriglohnbeschäftigten verbessert sich durch den Job ihre soziale Lage. Im Schnitt steigt das mit der Haushaltsgröße gewichtete mittlere Nettoeinkommen um 15 Prozent. Ein gutes Drittel muss allerdings auch Einkommensverluste hinnehmen.
Kritik am Niedriglohnsektor ist dann weniger gerechtfertigt, wenn die dort Beschäftigten nicht in der „Falle“ sitzen, sondern auch die Chance auf sozialen Aufstieg haben. Hier zeigt die Studie, dass 24 Prozent der Geringverdiener im Folgejahr den Sprung in die Gruppe der Normalverdiener schaffen. Nach fünf Jahren gelingt dies immerhin 36 Prozent.
Allerdings kommt es auch zu wiederkehrenden Wechseln vom Gering- zum Normalverdiener und zurück. Dabei gilt aber im Zeitverlauf, dass jedes Jahr als Normalverdiener die Aussicht verbessert, auch künftig als Normalverdiener beschäftigt zu werden, während jedes Jahr als Geringverdiener die Chance auf sozialen Aufstieg schmälert.
„Die Aufnahme einer Beschäftigung im Niedriglohnsektor ist mit der Chance auf höher entlohnte Beschäftigung und sozialen Aufstieg verbunden – auch wenn man geteilter Ansicht darüber sein kann, ob diese Chance ausreichend und nachhaltig genug ausfällt“, heißt es in der Studie. So schaffen es 28 Prozent der Geringverdiener auch in drei aufeinanderfolgenden Jahren nicht, wenigstens in einem Jahr in den Status eines Normalverdieners zu wechseln.
Einen Job im Niedriglohnsektor anzunehmen zahlt sich für Arbeitslose aus
Offen ist dabei aber die Frage, ob es für die weitere Erwerbsbiografie lohnender ist, eine Niedriglohnbeschäftigung anzunehmen oder lieber auf ein besser entlohntes Jobangebot zu warten. Hier zeigt Schäfer, dass Arbeitslose und Nichterwerbstätige, die einen Niedriglohnjob aufgenommen haben, nach fünf Jahren rund fünf Monate weniger in Arbeitslosigkeit verbracht haben als Personen, die zunächst auf ein besser bezahltes Angebot gewartet hatten.
Auch sind ihre Verdienstaussichten besser. Fünf Jahre nach Eintritt in den Niedriglohnsektor hatten sie über die Jahre insgesamt durchschnittlich 12.000 Euro mehr verdient als jene, die in der Hoffnung auf einen besseren Job zunächst erwerbslos blieben. Das Erwerbseinkommen im fünften Jahr war bei beiden Gruppen allerdings etwa gleich. Der Eintritt in den Niedriglohnsektor bedeute also keine dauerhaft verbesserten Einkommensaussichten, schreibt Schäfer.
Statt den Niedriglohnsektor zu beschränken und damit Arbeitslose um eine Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe zu bringen, sollte der Gesetzgeber lieber die Aufwärtsmobilität beispielsweise durch Qualifizierung fördern, rät der IW-Ökonom.