SAP-Rivale: 28-Milliarden-Dollar-Deal: Was Oracle mit der Rekordübernahme von Cerner bezweckt
Der Oracle-Gründer will mit dem Kauf „die Gesundheitsbranche transformieren“.
Foto: BloombergSan Francisco. Düsseldorf. Für die Aktionäre des IT-Dienstleisters Cerner war die Nachricht ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk. Bevor in der vergangenen Woche erste Gerüchte über das Kaufinteresse des Softwarekonzerns Oracle öffentlich wurden, notierte der Kurs der Cerner-Aktie bei 79,49 US-Dollar. Am Montag ist aus den Gerüchten eine Gewissheit geworden – und das Kaufangebot mit einem Aufschlag von 20 Prozent liegt auf dem Tisch.
Der Abschluss der Transaktion wird im Laufe des kommenden Jahres erwartet. Mit einem Kaufpreis von 28,3 Milliarden Dollar ist die Akquisition nicht nur die wichtigste in der Firmengeschichte von Oracle, sondern zählt auch zu den größten in der Geschichte der Softwarebranche überhaupt. Teurer war bislang nur die 2018 angekündigte Übernahme des Cloud-Spezialisten Red Hat durch IBM für 34 Milliarden Dollar.
Firmengründer und Technologiechef Larry Ellison will mit dem Kauf „die Gesundheitsbranche transformieren“, erklärte er in einer Mitteilung. Die Börse scheint das allerdings weniger zu überzeugen: Während die Cerner-Papiere im Wert stiegen, gaben Oracle-Aktien innerhalb eines Tages um mehr als fünf Prozent nach und notierten zuletzt bei 91,64 Dollar. Vor einigen Wochen stand der Kurs noch auf einem Allzeithoch von gut 106 Dollar.
Dabei ergibt der Schritt strategisch durchaus Sinn. Durch den Kauf steigt der Softwarekonzern in einem Schritt zum führenden Ausrüster von IT-Systemen im Gesundheitssektor auf. Der steht gerade von einer großen Digitalisierungswelle.
Das lässt Oracle darauf hoffen, seinen Rückstand gegenüber Konkurrenten wie Microsoft und Amazon im Cloud-Geschäft aufzuholen – und das in einem wachsenden Markt, der nicht erst seit der Pandemie weltweit an Bedeutung gewinnt. Cerner nutzt bislang die Dienste von Amazon – das dürfte sich nun vermutlich ändern.
Großer Markt, wenige Anbieter
„Wenn ich ein Krankenhaussystem betreibe und darüber nachdenke, meine Infrastruktur zu verbessern, ist Oracle plötzlich eine interessante Option geworden“, erklärt Bloomberg-Analyst Anurag Rana das Kalkül. „Es gibt hier einen großen, noch weitgehend nicht angezapften Markt – und wenn es Oracle gelingt, ein gutes Produkt auf dieser Basis zu entwickeln, wird das für viele Krankenhäuser attraktiv sein.“
Der Name Cerner ist vielen in der Branche längst ein Begriff. Mit einem Jahresumsatz von rund 5,5 Milliarden Dollar zählt der Konzern aus dem Bundesstaat Missouri zu den wichtigsten Entwicklern von Krankenhaussoftware und digitalen Patientenakten. Die Herausforderung für Oracle wird nun darin liegen, die bisherigen Cerner-Kunden von einem Umstieg auf die Cloud zu überzeugen.
Das Potenzial ist groß: So schätzt das Marktforschungsunternehmen IDC, dass der Gesundheitssektor bis 2023 rund 15,8 Milliarden Dollar in Cloudtechnologien investieren wird, um seine IT-Systeme zu modernisieren.
Neben Oracle hofft auch Microsoft, hier Marktanteile zu gewinnen: Im April gab der Konzern die geplante Übernahme des Sprachassistenten-Entwicklers Nuance bekannt, um etwa die Dokumentation in Krankenhäusern zu erleichtern. Mit einem Volumen von rund 16 Milliarden Dollar ebenfalls ein Megadeal.
Mit der Übernahme kann Oracle zudem das Geschäft mit Cloud-Infrastruktur ausbauen, im Fachjargon Infrastructure as a Service (IaaS) genannt. Der Softwarehersteller, der für seine Datenbanken bekannt ist, hat im Vergleich zu Amazon Web Services, Microsoft und Google vergleichsweise spät das Potenzial erkannt, investiert jetzt aber massiv in seine Plattform Oracle Cloud Infrastructure (OCI). Bis Ende 2022 will er in weltweit 44 Regionen präsent sein.
Die Übernahme verschaffe Oracle aktuell und in Zukunft eine höhere Auslastung, betont Holger Müller, Analyst bei Constellation Research. Diese ist im Cloud-Geschäft angesichts der hohen Investitionen entscheidend. Daher hatte der Konzern im vergangenen Jahr versucht, sich als „Technologiepartner“ an der Video-App Tiktok zu beteiligen.
Daten werden immer wichtiger
Einen großen Vorsprung für Oracle dürfte dabei der Datenschatz bedeuten, den Cerner in die Übernahme mitbringt. Denn gerade für KI-gestützte Diagnosesysteme ist der Zugang zu Patienten- und Krankheitsdaten essenziell. Als Marktführer hat Cerner in den USA eine entsprechend große Verbreitung, was es Oracle erleichtern könnte, die eigenen KI-Modelle schneller und besser zu trainieren als die Konkurrenz.
„Daten sind das, worum es in der Gesundheitsbranche derzeit geht“, sagte Rebecca Wettemann, Chefin der Beratungsfirma Valoir, gegenüber Bloomberg. „Es geht nicht nur darum, neue Kunden und einen größeren Fußabdruck in der Branche zu haben, sondern auch darum, die Möglichkeiten von Oracles Datenbanken aufzuzeigen, das ist eine große Sache.“
Auch viele Analysten sehen diesen Schritt trotz des Kursrücksetzers grundsätzlich positiv. So schrieb etwa Brent Thill von Jefferies in einer am Montag vor Bekanntgabe des Deals veröffentlichten Studie, im aktuellen Bewertungsumfeld sei eine Übernahme für rund 30 Milliarden Dollar attraktiv. IDC-Analyst Bob Parker betonte, die Zukunft von Unternehmenssoftware liege darin, Lösungen für einzelne Segmente zu liefern. Die Übernahme von Cerner ermögliche Oracle Zugriff auf einen Schlüsselbereich des Gesundheitswesens.