1. Startseite
  2. Meinung
  3. Morning Briefing
  4. Handelsblatt Morning Briefing von Hans-Jürgen Jakobs

Morning BriefingNicht für uns: Die Elite und die Corona-Regeln

Hans-Jürgen Jakobs 11.01.2022 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

alle Menschen sind gleich – das wissen nicht nur jene, die mit dem Grundgesetzbuch unter dem Arm herumlaufen. Im Lockdown war sogar zu hören, dieses Virus mache alle gleich, die Reichen und die Armen, die „happy few“ und die anderen. Das hat schon in der Anfangsphase der Corona-Pandemie nicht gestimmt.

In Großbritannien enthüllte eine durchgestochene E-Mail rund um Premier Boris Johnson, dass seine Truppe am 20. Mai 2020 munter eine Party im Garten des Amtssitzes in der 10 Downing Street feierte – mitten im ersten Lockdown. Ein Top-Offizieller lud mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Regierungszentrale ein, mit dem Hinweis: „Bring your own booze“ – bringt Euren eigenen Alkohol mit. Johnson soll, zusammen mit Ehefrau Carrie (damals seine Verlobte) bei den „socially distanced drinks“ mitgemacht haben.

Bei der Schweizer Großbank Credit Suisse ignorierte der als Chefsanierer geholte António Horta-Osório die Corona-Regeln. Als der Verwaltungsratspräsident Ende November von einem Trip aus London nach Zürich zurückkam, hätte er für zehn Tage in Quarantäne gemusst.

Nachdem der Banker vergeblich bei der Regierung in Bern eine Ausnahmegenehmigung beantragt hatte, hob er dennoch zur nächsten Reise ab. Jüngste Enthüllungen von „Blick“ kontrastieren sehr mit vorherigen Beteuerungen Horta-Osórios, er habe „unbeabsichtigt“ gegen die Bestimmungen verstoßen und „bedauere diesen Fehler aufrichtig.“

Der serbische Tennisstar Novak Djokovic besuchte öffentliche Veranstaltungen ohne Maske, obwohl er zuvor – zum zweiten Mal – positiv auf Corona getestet worden war. Am 16. Dezember hatte ein PCR-Test die Infektion bestätigt, doch schon am Folgetag empfing der Impfskeptiker maskenlos etliche Kinder in seinem Tennis-Center, man posierte für Selfies. Und am nächsten Tag wohnte der Weltranglistenerste anlässlich der Preisverleihung „Champion der Champions 2021“ einem Fotoshooting bei. Wegen seines unklaren 2G-Status will die australische Regierung ihn nicht zu den „Australian Open“ einreisen lassen, ein Bannspruch, den ein Gericht in Melbourne zunächst aufhob.

Fazit: Die Elite hat offenbar ganz eigene Spielregeln für das mühsame Leben mit der Corona-Plage gefunden. Viele sind gleich, einige gleicher.

Foto: dpa

Omikron bringt auch China und seine strikte „Null-Covid“-Strategie in die Bredouille. Weil die Gesundheitskommission allein gestern 157 Infektionen im Land meldete, spricht Peking inzwischen nur noch von einer „dynamischen Null“. Tatsächlich ist Omikron nach der Metropole Xi’an nun auch in der Hafenstadt Tianjin ausgebrochen. Von dort pendeln viele Einwohner in gut einer halben Stunde in die Hauptstadt. Für zwei Stadtteile in Tianjin ist schon Quarantäne angeordnet.

Mit dem jüngsten Ausbruch wachsen die Sorgen der Organisatoren der Olympischen Winterspiele in Peking, die in weniger als vier Wochen beginnen. Das Virus soll partout vom Olympia-Gelände ferngehalten und jeder Kontakt mit der Bevölkerung verhindert werden. Die Verkehrspolizei ermahnt bereits die Pekinger Bürger, bloß im Auto zu bleiben, falls sie einen Verkehrsunfall mit einem der Busse haben, in denen die Olympioniken chauffiert werden.

So ein Preisnachlass ist eine feine Sache – das dachten sich auch Industriekunden bei Geschäften mit ihren Gaslieferanten. Die Klausel, dass eventuell tatsächlich das Gas ausbleiben würde, schien wenig realistisch. Nun aber tritt das Unerwartete ein: Die deutschen Gasspeicher sind nur zu 53 Prozent gefüllt, der Gaspreis schwebt in obersten Regionen.

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass in diesem Winter Verträge mit unterbrechbaren Lieferungen gezogen werden“, erklärt Timm Kehler, Chef des Branchenverbands „Zukunft Gas“, in unserer Titelstory. Er versichert aber auch, genau wie das Bundeswirtschaftsministerium, das System sei stabil. Wohnungen müssen keine Gas-Lieferstopps befürchten, die Privatkunden sind besonders geschützt. Und der Staat wird im Sommer Wohngeldbeziehern wegen der hohen Heizkosten sogar einmalig mindestens 135 Euro Zuschuss zahlen.

Unter den Messenger-Diensten dieser Welt ist Signal vielerorts eine Hoffnung. Wer den Brunnenvergiftern auf Telegram und den Facebook-Datenabgreifern bei Whatsapp entkommen will, hat hier eine Heimat. Etwas ungewöhnlich ist, wie sich dort Moxie Marlinspike als Chef verabschiedet. Er habe die Android- und Server-Codes geschrieben, das Service-Telefon allein bedient und das Produkt entwickelt, schreibt er.

Nun aber sei es nach fast zehn Jahren genug. Er gehe mit seinem Abschiedsschreiben auch an die Öffentlichkeit, um den besten CEO für das auf 30 Mitarbeiter angewachsene Team zu finden. Wenn Sie also Interesse haben…

Foto: dapd

Und dann ist da noch jener US-Finanzinvestor, der sich wohl in Überschätzung eigener Möglichkeiten nach dem mehrköpfigen Höllenhund „Cerberus“ nennt, der in der griechischen Sage das Entree zur Unterwelt bewacht. Im deutschen Bankenwesen bewacht dieser „Dämon der Grube“ bald gar nichts mehr: Über Nacht warfen die Amerikaner dicke, erst 2017 erworbene Aktienpakete auf den Markt und reduzierten so den Anteil an der Deutschen Bank von drei auf zwei Prozent, und an der Commerzbank von fünf auf drei Prozent.

Vorbei die Wolfgang-Petry-Fantasie, man könne – „Wahnsinn (Hölle, Hölle, Hölle)“ – mal eben so eine Fusion der beiden Geldhäuser schmieden, weshalb Cerberus sogar den 15-Prozent-Anteil des Bundes an der Commerzbank kaufen wollte. Im Streit war man dort schon CEO und Aufsichtsratschef losgeworden.

Nun jedoch heißt es: weg mit Schaden, auch die Rest-Anteile stehen zur Disposition. Den Cerberus-Leuten kann man als Goodbye ein Napoleon-Zitat widmen: „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt.“

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag, meiden Sie das Erhabene.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

P.S.: Die Coronazahlen steigen wieder – und wie. Zur Eindämmung haben Bund und Länder in der vergangenen Woche neue Corona-Einschränkungen beschlossen. Gehen diese weit genug – oder viel zu weit? Ist die 2G-plus-Regel in der Gastronomie möglicherweise gar der unternehmerische Todesstoß für viele Gastwirte oder ist sie das richtige Mittel, um die vierte Welle zu brechen? Kann eine kürzere Quarantäne einen Personalmangel vor allem in kritischen Einrichtungen wirklich verhindern? Welche Maßnahmen würden Sie bevorzugen, damit Rekordinzidenzen vermieden werden? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und Online.


Verwandte Themen
Commerzbank
Android

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt