Morning Briefing: Sollte Deutschlands größter Arbeitgeber wirklich noch mehr Stellen schaffen?
Arbeitsplätze: Der Staat hat kräftig eingestellt
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist so hoch wie seit zehn Jahren nicht. Ohne den massiven Stellenaufbau des größten Arbeitgebers des Landes wäre sie sogar noch höher. Der größte Arbeitgeber, das ist der Staat, der den öffentlichen Sektor kräftig aufstockt.
Während die Industrie im Juni etwa 146.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte weniger zählte als vor einem Jahr, hat die öffentliche Verwaltung laut Bundesagentur für Arbeit im selben Zeitraum 45.000 zusätzliche Jobs geschaffen.
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die mein Berliner Kollege Frank Specht exklusiv einsehen konnte, hat sich die Entwicklung genauer angeschaut. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Zahl der kommunalen Beschäftigten in zehn Jahren um 24 Prozent und die der Landesbeschäftigten um fast zwölf Prozent gestiegen ist.
Ob ein Mehr an Stellen auch ein Mehr an Service bedeutet, daran zweifeln die meisten Deutschen einer Umfrage zufolge allerdings. Besonders sparsam beim Aufbau der Staatsdiener zwischen 2013 und 2023 war wohl Sachsen-Anhalt. Wären alle anderen Bundesländer ähnlich sparsam gewesen, wären bundesweit 60.000 Vollzeitjobs eingespart worden.
Keine Steuererhöhungen mit der Union
Klar ist, dass sich durch weniger Personal auch öffentliches Geld einsparen ließe. Eine verführerische Idee angesichts der klammen Kassen. Steuererhöhungen hingegen lehnt der Bundeskanzler strikt ab, wie er gestern im ZDF-Sommerinterview betonte. Die Idee hatte der Koalitionspartner SPD eingebracht, wohl wissend, damit die christdemokratischen Gemüter zu erhitzen.
„Wir haben einen Koalitionsvertrag, und wir haben uns in diesem Koalitionsvertrag darauf verständigt, dass die Steuern nicht erhöht werden“, betonte Kanzler Friedrich Merz (CDU) gestern. Beistand bekam er von CSU-Chef Markus Söder, der im Handelsblatt-Interview klarstellte:
Die unklare Spur deutscher Rüstungsexporte
Die deutsche Rüstungsindustrie betont gerne, sie produziere vor allem zur Landes- und Bündnisverteidigung, doch viele der Waffen landen schlussendlich im Ausland. Bei einigen Exporten verliert sich die Spur – obwohl Politik und Unternehmen immer wieder eine enge Kontrolle versprechen. Meine Kollegin Isabelle Wermke hat diese Spur nachverfolgt.
Gefunden hat sie unter anderem ein Video von 2023, mit dem die israelische Armee den Einsatz deutscher Schiffe im Gazakrieg präsentiert. Zwar hat die Bundesregierung zuletzt beschlossen, keine Lieferung von Rüstungsgütern mehr zu genehmigen, die unmittelbar in Gaza eingesetzt werden könnten – doch es gibt noch immer Ausnahmen dieser Regel wie U-Boote beispielsweise. In einer großen Analyse vollzieht meine Kollegin nach, wieso es so wenig Kontrolle gibt, was mit deutschen Waffen passiert, wenn sie einmal ihren Zielort erreicht haben.
China zeigt seine größte Stärke
Bisher ist der Gipfel vor allem von einer Annäherung zwischen China und Indien gekennzeichnet, mit der Indiens Premier Narendra Modi auch ein Signal an die USA sendet: Indien nutzt seine Optionen flexibel und wählt seine Partnerschaften selbst aus.
Handelsblatt-China-Korrespondent Martin Benninghoff ist vor Ort und sieht den Gipfel vor allem als Zeichen für Chinas größte Stärke: Geduld. „Während Demokratien von Wahlzyklen und innenpolitischem Druck getrieben werden, versteht es die autokratische Führung, strategische Projekte über Jahrzehnte hinweg voranzutreiben“, schreibt er. Auch das Projekt SOZ sieht er als Beispiel für die Langfristigkeit in Chinas Politik.
Was kann Buffetts Unternehmen ohne Buffett?
Das Wort „Legende“ wird heutzutage inflationär gebraucht, doch bei Warren Buffett ist dieser Begriff angebracht. Am Wochenende ist der weltberühmte Investor 95 Jahre alt geworden. Ein Alter, in dem er so langsam an die Rente denkt – zum Ende des Jahres wird er den Chefposten bei seinem Konzern Berkshire Hathaway abgeben. Doch was bleibt von dem Werk einer Legende, wenn die Legende abtritt? Was kann Buffetts Unternehmen ohne Buffett?
Anlegerinnen und Anleger sind skeptisch. An der Börse läuft es für Berkshire aktuell eher suboptimal. Seitdem Buffett im Mai seinen Rückzug angekündigt hat, verlor die Aktie acht Prozent an Wert. Eine enttäuschende Performance, wenn man bedenkt, dass der Kurs in Buffetts 60-jähriger Ära mehr als fünf Millionen Prozent zugelegt hat.
Bill Smead, der einen eigenen Fonds führt und jahrzehntelang selbst in Berkshire investiert war, erklärt den Mythos Buffett so: Wer die Berkshire-Aktie kaufte, habe damit „Zugang zum besten Stockpicker der Welt“. Doch wenn die Legende abtritt, verschwindet wohl auch dieser Nimbus.
Die größte Verzerrung am Finanzmarkt
Es scheint schon länger so, als hätten sich die Finanzmärkte von alten Gewissheiten abgekoppelt und sich stattdessen auf ein unerschütterliches High begeben. In politisch und konjunkturell unbestreitbar unsicheren Zeiten gehen viele Anlegerinnen und Anleger ins Risiko, statt sich wie sonst üblich sichere Häfen zu suchen. Das zeigt sich auch an der Beliebtheit von Unternehmensanleihen.
Die sogenannten Risikoprämien, also der Renditeaufschlag für Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen, ist so gering wie seit vielen Jahren nicht. Dieser historisch niedrige sogenannte „Spread“ spricht für eine ausgeprägte Rendite- aber auch Risikofreude der Anlegerinnen und Anleger. Anlagestrategen der Deutschen Bank deuten dies als eine der größten derzeitigen „Verzerrungen“ am Markt.
Wer flapsig wird, fliegt nicht
Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf einen Passagier, der am Flughafen BER mit einem flapsigen Kommentar das Sicherheitspersonal auf den Plan gerufen hat. Der Berliner Flughafen sei so schlecht, „dass man sich manchmal wünsche, er würde besser in die Luft gesprengt und neu gebaut werden“, lautete die Aussage.
Die Geschichte wäre kaum im Handelsblatt erschienen, wenn es sich bei dem Passagier nicht um ein prominentes Gesicht der deutschen Wirtschaft gehandelt hätte. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Dienstleisters Bilfinger, Eckhard Cordes, durfte nach seinem Kommentar laut Bericht der „Bild“ nicht mehr mitfliegen und wurde von einem Polizisten zum nächsten Mietwagenschalter begleitet.
Ein Flughafen ist wirklich der schlechteste Ort für dahergesagte Drohungen und schlechte Witze. Ein Bekannter musste bei der Einreise in die USA mal einige Stunden in Polizeigewahrsam verbringen. Er war gefragt worden, ob er Psychologe sei. Seine Antwort: „Ja, brauchen Sie Hilfe?“, fanden die Beamten dort nicht besonders witzig.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie niemand missversteht.
Es grüßt Sie herzlich Ihre
Teresa Stiens