Grüne Investments: Ringen um Deutsche Lichtmiete: Insolvenzverwalter beginnen den Verkaufsprozess
Mit Beleuchtungslösungen für große Fabrikhallen wollte die Deutsche Lichtmiete AG den Markt dominieren. Nach der Insolvenz soll die Unternehmensgruppe verkauft werden.
Foto: LAIFDüsseldorf, Berlin. Die insolvente Deutsche Lichtmiete AG soll ganz oder in Teilen verkauft werden. Die beiden vorläufigen Insolvenzverwalter Rüdiger Weiß aus Hamburg und Malte Köster aus Bremen haben mit dem Gläubigerausschuss einen Mergers-&-Acquisitions-Prozess (M&A) angestoßen, wie sie dem Handelsblatt am Dienstag bestätigten.
Die Aufgabe, einen Käufer für das operative Geschäft zu finden, wurde der Investmentbank Rothschild übertragen. Mit dem Deal soll es schnell gehen, um den Imageschaden möglichst gering zu halten, argumentieren die Insolvenzverwalter. Der Käufer soll bis zum Zahlungsende des Insolvenzgelds Anfang März gefunden werden, erfuhr das Handelsblatt. Juristen aus der Kanzlei Görg sollen die M&A-Verträge prüfen.
Insolvenzverwalter Weiß sagte dem Handelsblatt: „Dass Rothschild den Auftrag übernommen hat, ist ein riesiges Sanierungssignal an den Markt. Ich rechne mit einem Bieterwettstreit.“ Sein Kollege Köster erklärte: „Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, die uns zur Verfügung stehen, um eine möglichst hohe Quote für die Anleger zu erreichen.“ Namen von bereits bekannten Interessenten nannten die Insolvenzverwalter nicht.
Ein potenzieller Käufer ist bereits bekannt. So lag den Insolvenzanträgen ein Schreiben der HTB Renewable Energy Holding aus Bremen bei. Die Gesellschaft bekundete Interesse, den Geschäftsbetrieb der Deutschen Lichtmiete „alleine oder gemeinsam mit Partnern“ zu übernehmen.
Die Unternehmensgruppe Deutsche Lichtmiete bietet Beleuchtungslösungen zur Vermietung an. Das Geschäftskonzept lautet „Light as a Service“. Ende 2021 beschäftigte das Unternehmen 120 Mitarbeiter. Rund 200 Millionen Euro an Fremdkapital hat die Lichtmiete schätzungsweise von 5000 Investoren eingesammelt – über Direktinvestitionen und börslich gehandelte Anleihen.
Rothschild kennt die Gruppe gut. Vor einem Jahr organisierte die Bank den Prozess für eine geplante Kapitalerhöhung, bei der ein Investor für 130 Millionen Euro die Hälfte der Anteile hätte erwerben können. Das 119-seitige Informationsbuch zu dem damals geplanten Deal liegt dem Handelsblatt vor.
Darin wird Lichtmiete die Marktführerschaft beim Geschäftsmodell „Light as a Service“ attestiert und ein Marktpotenzial von mehr als zwei Milliarden Euro beschrieben. Allerdings fand sich kein Investor, der zu den gewünschten Konditionen bei der hochverschuldeten Firma mit kaum Eigenkapital einsteigen wollte.
Razzia und eingefrorene Konten lösten schwere Krise aus
Im Dezember geriet Lichtmiete in eine schwere Krise. Oldenburger Strafverfolger rückten zur Razzia an und froren Vermögenswerte von 135 Millionen Euro ein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Vorstandschef und Firmengründer Alexander Hahn sowie drei Führungskräfte wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen Betrugs.
Binnen Wochen geriet das Unternehmen in eine aussichtslose Situation. Hahn wandte sich einen Tag vor Silvester an die Belegschaft, er werde wegen der gesperrten Konten Insolvenz anmelden. Die Staatsanwaltschaft kritisierte er heftig. Deren Gutachten seien „so fehlerhaft und handwerklich schlecht gemacht, dass ich es nicht nachvollziehen kann, dass man auf dieser Basis die Firma faktisch eliminiert“.
Nun spitzt sich der Wirtschaftskrimi zu. Die Insolvenzverwalter wollen den M&A-Prozess möglicherweise schon vor einer Gläubigerversammlung abschließen. Die Verteidiger von Hahn fürchten, dass damit unumstößliche Fakten geschaffen werden.
„Es gibt weder belastbare Anhaltspunkte für eine fehlende Tragfähigkeit des Geschäftsmodells der Deutschen Lichtmiete noch für irreführende, betrugsrelevante Fehlinformationen von Investoren“, sagt Björn Gercke, Strafverteidiger des Ex-Vorstands Hahn. Aus Sicht des Kölner Juristen hat die Staatsanwaltschaft ein gesundes Unternehmen sturmreif geschossen. Hahn werde um sein Lebenswerk gebracht.
Besonders umstritten ist nun das Lichtmiete-Prinzip: Bei den Direktinvestments kauften Anleger Leuchtsysteme, die das Unternehmen zurückmietete, um sie an gewerbliche Kunden weiterzuvermieten. Nach Ablauf der Mietzeit erwarb Lichtmiete die Produkte von den Anlegern zurück, denen eine jährliche Rendite von mehr als fünf Prozent angeboten wurde.
Ein ähnliches Geschäftsmodell verfolgte in jüngerer Vergangenheit der Containervertrieb P&R aus Grünwald, der 2018 eine spektakuläre Milliardenpleite hinlegte, die den grauen Kapitalmarkt erschütterte. Die Oldenburger Staatsanwaltschaft glaubt, dass auch bei Lichtmiete das Investorenmodell „nicht tragfähig und ungeeignet“ gewesen sei, um die Anlegerforderungen bezahlen zu können.
Der Insolvenzverwalter glaubt an einen Bieterwettstreit.
Foto: Wallner WeißAm 8. Dezember 2021 kam es zum großen Knall: An dem Tag rückten die Ermittler an, durchsuchten Geschäftsräume der Deutschen Lichtmiete sowie Privathäuser der Beschuldigten. Ihr Vorwurf: Spätestens ab Ende November 2016 sollen Hahn und drei weitere Führungskräfte ein sogenanntes Ponzi-System, eine Art Schneeballsystem betrieben haben, bei dem Renditen und Rückzahlungen an Anleger nicht aus neu erwirtschaftetem Geld geleistet werden, sondern aus frischem Kapital von Neuinvestoren.
Bei einem Ponzi-System muss die Zahl der Teilnehmer immer wachsen, sonst kollabiert es. Der Name geht zurück auf Charles Ponzi, der die Betrugsmasche in den 1920er-Jahren in den USA erfunden habe soll.
Verteidiger verweisen auf Expertise von Beratern
Strafverteidiger Gercke weist dies scharf zurück: „Die Ermittlungshypothese eines sogenanntes Ponzi-Schemas ist geradezu grotesk.“ Zahlreiche externe Fachleute und Berater hätten das Unternehmen engmaschig überprüft und seien ebenso wie Investoren, Kooperationspartner und sogar Konkurrenten vom Geschäftsmodell begeistert gewesen.
Gercke beruft sich unter anderem auf vier Gutachten, die die Deutsche Lichtmiete in jüngerer Vergangenheit eingeholt hat. Die Finanzberatung Duff & Phelps etwa hatte erst wenige Wochen vor der Durchsuchung für die Deutsche Lichtmiete nach Abzug der Nettoverschuldung von 142 Millionen Euro einen Eigenkapitalwert von von 184 bis 230 Millionen Euro zum Ende des Jahres 2020 festgestellt.
Zuvor hatte Rothschild der Deutschen Lichtmiete im Rahmen einer Unternehmensbewertung einen vollständig abgeschlossenen Aufbau des Geschäftsmodells, Wachstum durch hohe Skalierbarkeit sowie ein attraktives Finanzprofil attestiert, das von hohen Wachstumspotenzialen in stabile Mietcashflows geprägt sei.
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Im März 2021 wiederum bescheinigte die Managementberatung Porsche Consulting nicht nur einen stark ansteigenden Markt, sondern auch die Belastbarkeit der Lichtmiete-Businessplanung. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG schließlich gingen im Juli 2021 von einem verfünffachten Umsatz zwischen 2021 und 2025 aus. Auf 15 Jahre gesehen sei gar das 14-Fache der Erlöse zu erwarten.
Anwalt Gercke glaubt, die Hypothese der Staatsanwälte damit zu erschüttern. Sie hätten möglicherweise das Geschäftsmodell nicht durchdrungen. Zudem geht er davon aus, dass die Gutachten und ihre Inhalte den Ermittlungsbehörden bislang nicht bekannt waren.
„Um die drohende und grundlose Zerstörung eines für die Region bedeutenden Unternehmens, des Lebenswerks der Beteiligten und einer großen Zahl von Arbeitsplätzen zu verhindern, ist eine umgehende Neubewertung und Aufhebung der Arreste geboten“, fordert Gercke. Trotz der heiklen Umstände und des ausdrücklichen Gesprächsangebots sei sein Mandant bislang nicht einmal vernommen worden.
Die Staatsanwaltschaft äußerte sich auf Handelsblatt-Nachfrage nicht zu den Argumenten der Verteidigung. Die Fronten scheinen verhärtet. Die Meinungen zur Zukunftsprognose gehen weit auseinander.
Der Branchenkenner Stefan Loipfinger aus Rosenheim versucht seit Wochen, die Geschäftszahlen von Lichtmiete zu durchdringen. Er verweist auf einen Businessplan der Vermietungsgesellschaft, der dem Insolvenzantrag beilag. Darin werden für das Jahr 2022 lediglich fünf Millionen Euro an Miete prognostiziert. „Ich habe Zweifel, ob sich daraus 200 Millionen Euro Anlegerkapital bedienen lassen“, sagt Loipfinger.
Das Bankhaus Rothschild, das nun einen Käufer finden muss, war vergangenes Jahr hingegen deutlich optimistischer. Seinem Gutachten liegt auf Seite 104 ein langfristiges Szenario bei. Demnach sollte der prognostizierte bereinigte Betriebsgewinn (Ebitda) der Lichtmiete AG von minus 7,4 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 34,6 Millionen Euro im Jahr 2027 steigen. Razzien oder eingefrorene Vermögenswerte waren in diesen Zahlen nicht jedoch eingepreist.