1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Banken + Versicherungen
  4. Cum-Ex-Geschäfte und die Folgen
  5. Cum-Ex-Skandal: Star-Verteidiger belastet ehemaligen Mandanten schwer

Cum-Ex-SkandalStar-Verteidiger belastet ehemaligen Mandanten schwer

Der wegen schwerer Steuerhinterziehung angeklagte Kai-Uwe Steck wirft seinem ehemaligen Anwalt Alfred Dierlamm arglistige Täuschung vor. Der keilt nun im Zeugenstand zurück.René Bender, Sönke Iwersen, Volker Votsmeier und Luis Beyerbach 07.04.2025 - 18:59 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Alfred Dierlamm: Der ehemalige Verteidiger von Kai-Uwe Steck wehrt sich gegen die Vorwürfe seines langjährigen Mandanten. Foto: Jann Höfer für Handelsblatt

Bonn. Es ist 9:34 Uhr, als Alfred Dierlamm den Saal S.015 im Landgericht Bonn betritt. Der 60-jährige Staranwalt trägt einen grauen Anzug, ein weißes Hemd und weiße Sneaker und hat seine Haare streng zurückgekämmt. Zügig geht er Richtung Zeugenstuhl. Kurz schweift sein Blick rechts hinüber zu Kai-Uwe Steck. Der Angeklagte mustert Dierlamm eingehend.

Steck war einst Dierlamms Mandant, seit wenigen Monaten sitzt er auf der Anklagebank. Beide sind Protagonisten in Deutschlands größtem Steuerskandal. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm schwere Steuerhinterziehung mittels Cum-Ex-Aktientransaktionen vor. Unter dem Vorsitz von Richter Sebastian Hausen wird derzeit verhandelt.

Das Interesse an Dierlamm ist groß, der Saal voll. Dass Dierlamm an diesem Montag als Zeuge aussagt, ist nicht selbstverständlich. Normalerweise sind Anwälte verpflichtet, über ihr Mandatsverhältnis auch dann zu schweigen, wenn es beendet ist. In diesem Fall ist es anders.

Dierlamm sieht sich Vorwürfen Stecks ausgesetzt, die er unbedingt aus der Welt räumen will. Er habe das Recht, ein „berechtigtes Interesse“ wahrzunehmen. Um sich abzusichern, holte Dierlamm dafür eigens die Expertise von Berufsrechtlern ein.

Gleich zu Beginn seiner Aussage betont er: „Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass es mir nicht um einen Gegenschlag oder eine Retourkutsche geht. Ich möchte lediglich Falschdarstellungen und Verleumdungen durch den Angeklagten sachlich richtigstellen.“

So wird hier, in Saal S.015 im Landgericht Bonn, ein bisschen Rechtsgeschichte geschrieben. Und Dierlamm hat einiges zu sagen.

Bild eines skrupellosen Steuerhinterziehers

Er zeichnet das Bild eines millionenschweren Steuerhinterziehers ohne Skrupel – eines Mannes ohne Freunde. Der Anwalt gibt zu Protokoll, dass Steck Staatsanwälte, Richter und sogar seine eigenen Anwälte immer wieder getäuscht habe.

Steck gibt sich von all dem meist unbeeindruckt. Manchmal grinst der Angeklagte bei den Ausführungen seines ehemaligen Verteidigers, mal verdreht er die Augen. Ab und zu schaut Steck an die Decke.

Im Cum-Ex-Skandal ließen Banken, Unternehmen und besonders wohlhabende Einzelpersonen sich mit den sogenannten Cum-Ex-Geschäften Steuern erstatten, die sie gar nicht gezahlt hatten.

Steck war als Anwalt ein wichtiger Wegbereiter des Betrugs. An der Seite des Steuer-Gurus Hanno Berger beriet er zahlreiche Kunden in der Kunst, den Fiskus zu schröpfen. 2010 gründeten Berger und Steck eine gemeinsame Kanzlei.

Als die 2012 durchsucht wurde, floh Berger in die Schweiz. Viele Jahre versteckte er sich vor dem Rechtsstaat, bevor er 2022 verhaftet und später wegen schwerer Steuerhinterziehung zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurde. Steck trug dazu maßgeblich bei, weil er als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung half.

Einer der Männer, der Steck von diesem Rollenwechsel überzeugte, war Alfred Dierlamm. Er hat schon viele prominente Wirtschaftsgrößen verteidigt. Ab 2016 beriet er Steck – ein Umstand, den er nun bereut.

Es ist das erste Mal in seiner langen Karriere, dass Dierlamm als Zeuge gegen einen früheren Klienten aussagt. Er könne nicht anders, sagt er. Der Staranwalt sieht seine Berufsehre in Gefahr.

Steck wirft Dierlamm und dessen Anwaltskollegen Tido Park vor, sich mit der Staatsanwaltschaft Köln gegen ihn verschworen zu haben. Dierlamm und Park hätten ausgehandelt, Steck eine Anklage zu ersparen, wenn er über Cum-Ex auspackte. Dafür hätten seine Verteidiger sogar ein Erfolgshonorar bekommen.

Steck wurde Kronzeuge, 2024 aber auch selbst angeklagt. Man habe ihn „vor den Bus geschubst“, sagt dazu Stecks neuer Verteidiger, Gerhard Strate. Dierlamm und Park hätten ihn getäuscht und sich diese Täuschung auch noch bezahlen lassen.

Kai-Uwe Steck: Der Angeklagte hat mit seinem langjährigen Verteidiger Alfred Dierlamm gebrochen und wirft im schwere Fehler vor. Foto: Thomas Banneyer/dpa

Dierlamm weist diese Vorwürfe nun vor Gericht scharf zurück. „Eine solche Zusage hat es nie gegeben und wir haben auch nie versprochen, dass er nicht angeklagt wird“, sagt Dierlamm. Er bestätigt damit eine frühere Aussage der Kölner Chefermittlerin Anne Brorhilker.

Die Staatsanwältin habe lediglich zugesagt, eine Prüfbitte bei Gericht zu stellen, ob Steck eine Anklage erspart werden könne. Zu der Prüfung sei es aber nie gekommen. Das Gericht habe sich dazu nie geäußert. Ab diesem Tag sei Steck klar gewesen, dass es zu einer Anklage kommen werde.

Dierlamm erklärt auch, weshalb von Stecks Geständnis im Jahr 2017 noch viele Jahre bis zur Anklage vergingen. Dies sei in Stecks ureigenem Interesse gewesen. Denn es sei immer klar gewesen, dass seine Aussichten auf eine milde Strafe umso besser seien, je größer sein Aufklärungsbeitrag wurde und umso mehr andere Beteiligte Stecks Aussagen bestätigen.

Und klar sei auch gewesen: Nur wenn Steck Millionensummen aus der Beute zurückzahle, habe er eine Aussicht auf eine milde Strafe.

Dierlamm wirft Steck Lügen vor

„Vieles von dem, was Herr Steck hier gesagt hat, ist glatt gelogen“ sagt Dierlamm. Steck bediene sich dabei eines wiederkehrenden Lügenmusters: Er drehe bei Fakten an einer kleinen Stellschraube und schon sehe die Sache ganz anders aus.

Dierlamm nimmt direkten Bezug auf Sonderzahlungen, die im Mandatsverlauf an ihn und seine Mitverteidiger Tido Park und Björn Gercke flossen. Steck wolle dem Gericht weismachen, dass das Sonderhonorar für die angebliche Zusage floss, dass ihm eine Anklage erspart bleibe.

Tatsächlich sei es ganz anders gewesen. Nicht die Anwälte hätten das Geld eingefordert. Vielmehr habe Steck eine Sonderzahlung angeboten, nachdem die Staatsanwälte bei den Ermittlungen auf Vermögenswerte von Steck in Höhe von mehr als 50 Millionen Euro gestoßen seien.

Mir ist das heute noch peinlich.
Alfred Dierlamm
Strafverteidiger

Er habe damit einem möglichen Ende der Mandatsbeziehung vorbeugen wollen. Denn seinen Anwälten habe er vorher die Geschichte vom „armen Mann“ erzählt, mit der Folge, dass er einen Stundensatz von 350 Euro für ihre Beratung gezahlt habe. Üblich seien 200 Euro je Stunde mehr. Steck habe ihn sowie Gercke und Park vom ersten Tag des Mandats an „beschissen“.

Dann spricht Dierlamm an, wie Steck das Landgericht Bonn hintergangen habe. Das Gericht wollte Steck schon 2022 in den Prozess gegen Hanno Berger einbeziehen. Steck sollte darin 13,7 Millionen Euro zurückzahlen. Nur weil die Verteidiger um Dierlamm den Richtern die Zusage gegeben hätten, dass Steck das Geld zahle, sei er von dem Prozess zusammen mit Berger verschont worden. Steck zahlte in zwei Raten elf Millionen Euro, 2,7 Millionen Euro stehen noch aus. Dierlamm: „Mir ist das heute noch peinlich.“

Um noch mehr Geld geht es wenig später in Dierlamms Schilderungen. Steck hatte einst angegeben, 50 Millionen Euro, die er mit Cum-Ex-Deals verdient hatte, an den Staat zurückgeben zu wollen. Das Geld habe er einem Treuhänder übergeben. Später teilte Steck mit, nicht Geld, sondern Treugutaktien übergeben zu haben, in die er investiert habe. Nun seien die Firmen insolvent und das Geld weg.

Verwandte Themen
Steuern

Er habe nun Informationen erhalten, dass Steck zum Zeitpunkt der Gründung des Treuhandverhältnisses gar nicht Aktionär gewesen sei, erklärte Dierlamm. „Die ganze 50 Millionen Treuhand-Konstruktion ist ein Fake“.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt